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Theodor Icklers Sprachtagebuch

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09.01.2016
 

Sprachverführtheit
Logisch-semantische Abwege

Bei Eisenberg zum Beispiel werden getauft und entdeckt zu den "absoluten Adjektiven" gerechnet. Dazu einige kritische Gedanken:

Bei getauft richtet sich die Analyse nach religiösen Vorgaben. Die Taufe „prägt“ nach christlicher Auffassung den Täufling, bringt ihm also eine Eigenschaft bei (character indelebilis) wie einer Münze. Aus der Sicht der Ungläubigen besteht das Getauftsein hingegen in der Einfügung in einen sozialen Zusammenhang: im Wissen anderer Personen, daß jemand dem Taufritual unterzogen worden ist. Dieses Wissen teilt der Getaufte meistens, aber nicht notwendigerweise und nicht im Säuglingsalter; es kann auch in schriftlichen Quellen niedergelegt sein.

Entdeckt zu werden kann für ein Land und dessen Bewohner Folgen haben, aber entdeckt zu sein ist keine Eigenschaft. Wenn eine Tierart entdeckt wird, dann wissen einige Menschen fortan, daß es diese Art gibt; sie verändern sich also durch die Entdeckung, auch wenn der Ausdruck suggeriert, daß die Tierart eine Eigenschaft hinzugewonnen habe. Ebenso verhält es sich mit „Bekanntheit“.

Die Adjektive entdeckt und bekannt werden zwar auch ohne nähere Bestimmung benutzt, aber es ist immer aus der Situation oder dem Kontext mitverstanden, durch wen etwas entdeckt oder wem es bekannt ist.

Diese Kritik läßt sich auf sehr viele Wörter anwenden, die unter dem Eindruck ihrer Grammatik logisch-semantisch gedeutet werden.



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Kommentare zu »Sprachverführtheit«
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Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 08.10.2016 um 04.55 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1651#33484

Wenn jemand ein Schlagwort erfindet, bildet sich bald eine Gemeinde, die von der Existenz des zugehörigen Gegenstandes überzeugt ist, und dann kann man ein paar Jahre lange Texte darüber verfassen, bis die Mode sich etwas anderem zuwendet. Ein Beispiel sind die vielen "Generationen ..." Stoße gerade auf die Generation Y, die "Millenials". Treffende Kritik wird mitreferiert:
https://de.wikipedia.org/wiki/Generation_Y

Im Marketing wird all das für bare Münze genommen.
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 19.01.2016 um 23.51 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1651#31388

Wenn man wirklich wissen will, was Definitionen und Klassifizierungen leisten und welche Probleme sie aufwerfen, muß man sich ja nur in der Biologie oder Medizin umsehen. Aber wie mühsam wäre das! Also doch lieber über die Tischhaftigkeit des Tisches philosophieren.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 19.01.2016 um 17.29 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1651#31384

Hierher könnte man auch die sogenannte Phänomenologie stellen, die sprachabhängig ist wie kaum eine andere philosophische Richtung (von Wittgenstein klar erkannt). Alfred Schütz erläutert die eidetische Reduktion, die das Wesen (eidos) eines Gegenstandes herausschälen soll, so:

"Angenommen, ich hätte auf diesem Schreibtisch, von einer Lampe beleuchtet, einen roten hölzernen Würfel von einem Zoll Kantenlänge vor mir. ( ... ) Ich kann ... ungehindert diesen wahrgenommenen Gegenstand in meiner phantasierenden Vorstellung verändern, indem ich nacheinander seine Merkmale variiere – seine Farbe, seine Grösse, das Material, aus dem er gefertigt ist, seine Beleuchtung, seine Umgebung und seinen Hintergrund, die Perspektive, in der er erscheint, und so fort. So kann ich mir eine unendliche Zahl verschiedener Würfel vorstellen. – Aber diese Variationen lassen eine Gruppe von Merkmalen unberührt, die allen vorstellbaren Würfeln gemeinsam ist, z.B. ihre Rechtwinkligkeit, ihre Begrenzung in sechs Quadraten, ihre Körperlichkeit. Dies in allen vorstellbaren Transformationen des konkreten wahrgenommenen Dinges unveränderliche Gruppe von Merkmalen – sozusagen der Kern aller vorstellbaren Würfel – wird man als die wesentliche Charakteristik des Würfels bezeichnen, bzw. mit dem griechischen Begriff, als sein eidos. Es ist kein Würfel denkbar, der nicht diese wesentlichen Merkmale hätte. Alle anderen Qualitäten und Merkmale des beobachteten konkreten Gegenstandes sind nicht wesentlich."

Natürlich könnte ich auch die Rechtwinkligkeit und alles andere in meiner Vorstellung verändern, bis zum Beispiel alle Punkte der Oberfläche gleich weit von einem Mittelpunkt entfernt wären. Dann würde man es eben Kugel nennen und nicht mehr Würfel. Der ganze Zauber beruht darauf, daß man die bekannten definierenden Merkmale eines Würfels vorab hineinsteckt und dann wieder heraus-"reduziert". Es ist kaum mehr als ein Kalauer, wird aber viel bestaunt. Soviel zur "Wesensschau". Was die Phänomenologen seit Husserl alles erschaut zu haben behaupten, füllt ganze Bibliotheken, aber irgendeinen Wert kann ich darin nicht erkennen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 13.01.2016 um 15.20 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1651#31296

Zu diesem Thema gehören auch verstreute Beobachtungen, von denen ich nur diese angeben will:

http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=261#28887
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 12.01.2016 um 15.16 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1651#31276

Zu "systematisch irreführenden Ausdrücken" vgl. Ryle (unter diesem Titel). Natürlich hat auch Skinner den Irrtum durchschaut:

„Viele Ausdrücke, die scheinbar die Eigenschaften von Dingen beschreiben, müssen so verstanden werden, daß sie zumindest teilweise durch private Reize gesteuert werden. Bekannt ist ein gutes Beispiel. Ein bekannter Platz ist nicht durch irgendwelche physischen Eigenschaften ausgezeichnet. Er ist nur demjenigen bekannt, der ihn oder etwas Ähnliches schon zuvor einmal gesehen hat. Jeder Platz, den man öfters sieht, wird einem bekannt. Die Reaktion Sein Gesicht ist bekannt läßt sich nicht auf dieselbe Weise interpretieren wie Sein Gesicht ist rot. Die Bedingung, die für bekannt verantwortlich ist, liegt nicht im Reiz, sondern in der Geschichte des Sprechers. Nachdem der Sprecher die Reaktion im Hinblick auf diese Eigenschaft erworben hat, kann er sie in Gegenwart anderer oft wahrgenommener Gegenstände hervorbringen. Hat er sie in bezug auf zuvor gesehene visuelle Reize erworben, kann er sie in bezug auf früher gehörte Töne, einen früher wahrgenommenen Geschmack usw. hervorbringen. Man kann solche Reaktionen nur dann in vollem Umfang verstehen, wenn man annimmt, daß das Individuum auf gewisse Züge seines eigenen Verhaltens reagiert, die mit dem Ergebnis wiederholter Reizung zusammenhängen.“ (VB 136)
 
 

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