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Theodor Icklers Sprachtagebuch

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09.01.2016
 

Sprachverführtheit
Logisch-semantische Abwege

Bei Eisenberg zum Beispiel werden getauft und entdeckt zu den "absoluten Adjektiven" gerechnet. Dazu einige kritische Gedanken:

Bei getauft richtet sich die Analyse nach religiösen Vorgaben. Die Taufe „prägt“ nach christlicher Auffassung den Täufling, bringt ihm also eine Eigenschaft bei (character indelebilis) wie einer Münze. Aus der Sicht der Ungläubigen besteht das Getauftsein hingegen in der Einfügung in einen sozialen Zusammenhang: im Wissen anderer Personen, daß jemand dem Taufritual unterzogen worden ist. Dieses Wissen teilt der Getaufte meistens, aber nicht notwendigerweise und nicht im Säuglingsalter; es kann auch in schriftlichen Quellen niedergelegt sein.

Entdeckt zu werden kann für ein Land und dessen Bewohner Folgen haben, aber entdeckt zu sein ist keine Eigenschaft. Wenn eine Tierart entdeckt wird, dann wissen einige Menschen fortan, daß es diese Art gibt; sie verändern sich also durch die Entdeckung, auch wenn der Ausdruck suggeriert, daß die Tierart eine Eigenschaft hinzugewonnen habe. Ebenso verhält es sich mit „Bekanntheit“.

Die Adjektive entdeckt und bekannt werden zwar auch ohne nähere Bestimmung benutzt, aber es ist immer aus der Situation oder dem Kontext mitverstanden, durch wen etwas entdeckt oder wem es bekannt ist.

Diese Kritik läßt sich auf sehr viele Wörter anwenden, die unter dem Eindruck ihrer Grammatik logisch-semantisch gedeutet werden.



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Kommentare zu »Sprachverführtheit«
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Kommentar von R. M., verfaßt am 16.02.2018 um 16.34 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1651#37846

Na ja, wenn es Pastafarier gibt, wird es wohl irgendwo auch Solipsisten geben. Daß man nicht viel von ihnen hört, liegt ja in der Natur der Sache.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 16.02.2018 um 08.44 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1651#37845

Warum das ein Problem ist – i. a. ist es natürlich keins, nur um die Frage "Gibt es überhaupt Solipsisten?" zu beantworten. Es muß keine geben, damit es Solipsismus gibt.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 16.02.2018 um 08.01 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1651#37844

Eine empirische und durchaus wichtige Frage lautet,ob jemand etwas nur geträumt oder wirklich erlebt hat. Halluzinationen müssen und können von wirklichen Wahrnehmungen unterschieden werden.

Sinnlos wird es, wenn man fragt, ob wir alles immer nur träumen usw. – Das verträgt sich nicht mit dem Sprachspiel, in dem allein solche Ausdrücke ihren guten Sinn haben. Träumen gibt es nur, wo es auch Nicht-Träumen gibt, das ist eine logisch-begriffliche Angelegenheit.

Wie analytische Philosophen sagen: Es muß einen Grund zum Zweifeln geben.
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 15.02.2018 um 21.58 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1651#37835

Warum soll das ein Problem sein?
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 15.02.2018 um 21.27 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1651#37834

Das Problem nicht nur bei eventuellen Solipsisten, sondern bei allen Philosophen ist, sagen sie, was sie wirklich glauben, oder erklären sie uns nur mögliche Anschauungen?

So werden solipsistische Theorien vielleicht sehr oft nicht aus voller Überzeugung, sondern eher nur der Vollständigkeit halber genannt.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 15.02.2018 um 18.27 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1651#37833

Dem kann ich nur zustimmen.
 
 

Kommentar von Klaus Achenbach, verfaßt am 15.02.2018 um 18.23 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1651#37832

Gibt es überhaupt Solipsisten? Mir ist noch keiner über den Weg gelaufen.

Aber die Frage "Woher weiß ich, ob ich in diesem Augenblick wache oder träume?" und die Einsicht, daß es nicht möglich scheint, das eine oder andere – in welchem Sinne auch immer – zu "beweisen", ist doch ein Einstieg in philosophisches Denken, etwa über die Fragen, was ein Beweis oder was Erkenntnis eigentlich ist.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 15.02.2018 um 18.10 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1651#37830

Auch Selbstgespräche sind Gespräche – in einer Sprache, einer gemeinschaftlichen nämlich.

Ich muß aber gestehen, daß ich den Solipsismus nur aus Bücnern kenne und noch nie mit einem Solipsisten gesprochen habe. Das stelle ich mir auch ziemlich schwer vor.

Der eigentliche Problem hatte ich ja anderswo aufgegabelt. Es geht um die Behauptung, daß der Mensch primär nur von sich selbst eine unmittelbare Kenntnis hat und die Innenwelt der anderen erst erschließen muß. Das Kind soll die Entdeckung des anderen Selbst mit acht bis zehn Monaten machen. Ich bestreite das rundweg, aber begriffskritisch, nicht empirisch. Die introspektive Redeweise, also die "Transgression" im oft besprochenen Sinne, ist ein gemeinschaftliches Unternehmen wie die Sprache selbst, zu deren "Grammatik" es gehört. "Ich stelle mir vor" ist nicht ursprünglicher als "Du stellst dir vor". Vgl. auch http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1240#37765
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 15.02.2018 um 13.03 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1651#37828

Der Solipsist führt aus seiner Sicht Selbstgespräche. Er fühlt sich dabei in eine bestimmte geistige Form gezwungen, der er nicht entweichen kann. Auch die geistigen Regungen unterliegen seiner Ansicht nach bestimmten Gesetzen. Sieht er sich selbst etwas tun, ist das nur eine andere Art geistiger Regung. Für ihn ist es kein Widerspruch, mit einer anderen Person zu streiten.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 15.02.2018 um 12.47 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1651#37826

Dazu kann ich nicht viel sagen. Ich will auch auf philosophische Wortemacherei, wozu ich den Solipsismus rechne, nicht zu viel Zeit und Mühe verwenden. Man nennt es ja wohl einen pragmatischen Widerspruch, wenn jemand sagt: "Ich kann nicht sprechen" oder "Ich bin gerade nicht bei Bewußtsein" usw. Der Solipsist, falls es einen gibt (und nicht nur Schwätzer in einer gefälligen Pose), will mir sagen, daß es möglicherweise nur ihn gibt – setzt aber eben damit praktisch voraus, daß es sowohl mich als auch die Sprachgemeinschaft gibt, von der er die Worte gelernt hat.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 15.02.2018 um 12.40 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1651#37825

Alle idealistischen Weltanschauungen, z. B. die Vorstellung, daß da draußen ein Gott mit seiner geistigen Kraft die Welt erschaffen hat und nach seinem Gutdünken in das hiesige materielle und geistige Geschehen eingreift, erscheinen mir kein bißchen sinnvoller als der Glaube, ich selbst sei dieser Gott und die ganze Welt um mich herum einschl. meines eigenen Körpers nur Produkt meiner nach bestimmten Regeln, die ich nicht kenne und nicht willentlich beeinflussen kann, ablaufenden Phantasien.

Das alles ist für mich der gleiche Unsinn. Komischerweise halten aber andere Menschen das eine für mehr, das andere für weniger Unsinn. Wer bestimmt nun, was einen Beweis nötig hat und was sich ohne solchen erledigt? Eigentlich sind day alles Glaubensfragen.

Meiner Ansicht nach meinen Solipsisten, wenn sie sagen, der Solipsismus sei nicht widerlegbar, auch nur die rein logische Widerlegung.

Wenn ich von einem materialistischen Standpunkt ausgehend auf Fragen der Ewigkeit und Unendlichkeit treffe, kommen mir ebenso Zweifel an der Schlüssigkeit des ganzen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 15.02.2018 um 05.01 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1651#37820

Lieber Herr Riemer, vielleicht verstehe ich Sie nicht richtig. Ich habe keine Widerlegung versucht, die meiner Ansicht nach mit logischen Mitteln nicht möglich ist, aber auch nicht nötig, denn Unsinn kann und muß man nicht widerlegen. Sollte jemand mir gegenüber an seiner oder meiner Existenz zweifeln, so wüßte ich nicht, was seine Rede bedeutet.

Anders und ganz kindlich gesagt: Wenn ich mich mit jemandem unterhalte, kann ich nicht gleichzeitig bezweifeln, daß es ihn gibt. Er hätte vollkommen recht, wenn er sich mit einem "Spinn weiter!" abwendete. Und, ja, auch Spott: Noch nie hat ein Solipsist an der Realität seines Bankkontos gezweifelt; das sollte auch zu denken geben.

Etwas ernsthafter: "existieren", "es gibt" usw. bedeutet: mit mir und dir zum selben Bestandssystem gehören (der Welt nämlich).
 
 

Kommentar von Pt, verfaßt am 14.02.2018 um 19.22 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1651#37819

Hier mal ein anderer Aspekt von Solipsism:

Mark Passio On The Mental Illness Of Solipsism
https://www.youtube.com/watch?v=fTFV4Q1OAdQ

Mark Passio Solipsism Is A Mental Illness
https://www.youtube.com/watch?v=f8wj7HyxkkE
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 14.02.2018 um 18.39 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1651#37818

Lieber Prof. Ickler,
auf die These, der Solipsismus sei nicht zu widerlegen, antworten Sie, "Wer so etwas ernst nimmt, dem ist nicht zu helfen." Aber, Entschuldigung, das ist doch keine Widerlegung.
Ich bin kein Anhänger des Solipsismus, orientiere mich lieber an praktischen Anschauungen, aber deswegen ist er für mich noch lange nicht erledigt. Erledigt wäre er, wenn ich ihn widerlegen könnte. Haben Sie denn eine Idee, wie das gehen könnte?
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 14.02.2018 um 09.44 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1651#37814

zu http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1651#37414

Vom Staat recht großzügig besoldete Philosophieprofessoren tragen uns (wem bitte?) vor, der Solipsismus sei nicht zu widerlegen. Vielleicht gibt es mich gar nicht? "I cried all the way to my bank." Wer so etwas ernst nimmt, dem ist nicht zu helfen.

Gilt auch für die Phänomenologen. Man sollte sie einfach auslachen. (http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1587#37415)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 07.01.2018 um 07.44 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1651#37513

Aus einer praxisfernen Fehldeutung von Verben wie wollen hat man früher Handlungstypen herausgesponnen, hier also eine "Wollung" oder ganz gelehrt einen "actus volendi".

Aristoteles lag mit seiner "Prohaireis" richtiger, weil das "Vorziehen" einer Option von vornherein auf eine Wahl gegründet ist, vgl. meine "Naturalisierung der Intentionalität".

(„Prohairesis“ ist übrigens sowohl in der englischen als auch in der deutschen Wikipedia sehr dürftig erklärt, außerdem ganz verschieden: engl. vor allem Epiktet, dt. Hannah Arendt – was soll das?).
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 07.01.2018 um 07.40 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1651#37512

Es gibt Sätze, die auf den ersten Blick sinnvoll aussehen, auf den zweiten nicht mehr. Ich vergleiche das gern mit Bildern von Escher. Wenn man den Konstruktionsfehler durchschaut hat, ist der Fall "erledigt".

Es gibt Sätze, für die sich keine Anwendung denken läßt. Man kann also nicht sagen, was der Fall sein müßte, wenn sie wahr oder falsch wären.

Das ist banal. Interessant ist die Frage, wie es dazu kommt. Wie kommt es, daß jemand Aussagesätze konstruiert (oder eben "unmögliche" Gegenstände zeichnet), die sich als sinnlos erweisen. Ryle, Hacker u. a. haben sich damit beschäftigt, es ist "Sprachkritik". Ich selbst arbeite an der Rekonstruktion der Redeweise von einem "Inneren", also den transgressiven Übertragungen (wie Wittgenstein und Skinner jeder auf seine Weise getan haben). Das folkpsychologische Vokabular und seine enorme Verführungskraft.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 31.12.2017 um 01.44 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1651#37419

Kann man berechtigterweise etwas als erledigt betrachten, das weder widerlegt noch bewiesen ist?

(Es mag natürlich noch Unentscheidbares geben, aber auch die Unentscheidbarkeit müßte erst bewiesen werden.)
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 29.12.2017 um 20.59 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1651#37416

Das Ich ist das einzig Existierende.
Das Gespräch zwischem dem Ich und dem Gegenüber, aus dessen Sicht zwischen ihm selbst ("Wem"?) und dem Du, findet auf einer anderen Ebene statt, und zwar in der vom Ich geschaffenen Welt.

Wie könnte dieses fiktive Gespräch also eine Widerlegung oder eine Erledigung des Solipsismus sein? Was ist überhaupt gemeint mit der Unterscheidung zwischen Widerlegung und Erledigung?

M. E. kann man den Solipsismus genauso wenig beweisen oder widerlegen (erledigen?), wie man Gott beweisen oder widerlegen kann.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 29.12.2017 um 17.36 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1651#37414

Es gibt nur mich.
Wem sagst du das?!


Damit ist der Solipsismus nicht widerlegt, sondern erledigt.

Die Sache hat aber ein weiterreichende Bedeutung: Die Phänomenologen fangen ja auch in eingebildeter Ursprünglichkeit und gespielter Naivität so an: "Ich bin mir bewußt..." usw. und erklären es dann für ein Problem, wie man zur Existenz anderer kommt ("Fremdseelisches"). Aber ihre Worte sind von Anfang an die der uns allen gemeinsamen Sprache. Also setzte sie praktisch die Gemeinschaft voraus und wollen ja auch von ihr gelesen (und ernährt) werden. Das kann man alles vergessen, es ist zu langweilig.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 08.10.2016 um 04.55 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1651#33484

Wenn jemand ein Schlagwort erfindet, bildet sich bald eine Gemeinde, die von der Existenz des zugehörigen Gegenstandes überzeugt ist, und dann kann man ein paar Jahre lange Texte darüber verfassen, bis die Mode sich etwas anderem zuwendet. Ein Beispiel sind die vielen "Generationen ..." Stoße gerade auf die Generation Y, die "Millenials". Treffende Kritik wird mitreferiert:
https://de.wikipedia.org/wiki/Generation_Y

Im Marketing wird all das für bare Münze genommen.
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 19.01.2016 um 23.51 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1651#31388

Wenn man wirklich wissen will, was Definitionen und Klassifizierungen leisten und welche Probleme sie aufwerfen, muß man sich ja nur in der Biologie oder Medizin umsehen. Aber wie mühsam wäre das! Also doch lieber über die Tischhaftigkeit des Tisches philosophieren.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 19.01.2016 um 17.29 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1651#31384

Hierher könnte man auch die sogenannte Phänomenologie stellen, die sprachabhängig ist wie kaum eine andere philosophische Richtung (von Wittgenstein klar erkannt). Alfred Schütz erläutert die eidetische Reduktion, die das Wesen (eidos) eines Gegenstandes herausschälen soll, so:

"Angenommen, ich hätte auf diesem Schreibtisch, von einer Lampe beleuchtet, einen roten hölzernen Würfel von einem Zoll Kantenlänge vor mir. ( ... ) Ich kann ... ungehindert diesen wahrgenommenen Gegenstand in meiner phantasierenden Vorstellung verändern, indem ich nacheinander seine Merkmale variiere – seine Farbe, seine Grösse, das Material, aus dem er gefertigt ist, seine Beleuchtung, seine Umgebung und seinen Hintergrund, die Perspektive, in der er erscheint, und so fort. So kann ich mir eine unendliche Zahl verschiedener Würfel vorstellen. – Aber diese Variationen lassen eine Gruppe von Merkmalen unberührt, die allen vorstellbaren Würfeln gemeinsam ist, z.B. ihre Rechtwinkligkeit, ihre Begrenzung in sechs Quadraten, ihre Körperlichkeit. Dies in allen vorstellbaren Transformationen des konkreten wahrgenommenen Dinges unveränderliche Gruppe von Merkmalen – sozusagen der Kern aller vorstellbaren Würfel – wird man als die wesentliche Charakteristik des Würfels bezeichnen, bzw. mit dem griechischen Begriff, als sein eidos. Es ist kein Würfel denkbar, der nicht diese wesentlichen Merkmale hätte. Alle anderen Qualitäten und Merkmale des beobachteten konkreten Gegenstandes sind nicht wesentlich."

Natürlich könnte ich auch die Rechtwinkligkeit und alles andere in meiner Vorstellung verändern, bis zum Beispiel alle Punkte der Oberfläche gleich weit von einem Mittelpunkt entfernt wären. Dann würde man es eben Kugel nennen und nicht mehr Würfel. Der ganze Zauber beruht darauf, daß man die bekannten definierenden Merkmale eines Würfels vorab hineinsteckt und dann wieder heraus-"reduziert". Es ist kaum mehr als ein Kalauer, wird aber viel bestaunt. Soviel zur "Wesensschau". Was die Phänomenologen seit Husserl alles erschaut zu haben behaupten, füllt ganze Bibliotheken, aber irgendeinen Wert kann ich darin nicht erkennen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 13.01.2016 um 15.20 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1651#31296

Zu diesem Thema gehören auch verstreute Beobachtungen, von denen ich nur diese angeben will:

http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=261#28887
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 12.01.2016 um 15.16 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1651#31276

Zu "systematisch irreführenden Ausdrücken" vgl. Ryle (unter diesem Titel). Natürlich hat auch Skinner den Irrtum durchschaut:

„Viele Ausdrücke, die scheinbar die Eigenschaften von Dingen beschreiben, müssen so verstanden werden, daß sie zumindest teilweise durch private Reize gesteuert werden. Bekannt ist ein gutes Beispiel. Ein bekannter Platz ist nicht durch irgendwelche physischen Eigenschaften ausgezeichnet. Er ist nur demjenigen bekannt, der ihn oder etwas Ähnliches schon zuvor einmal gesehen hat. Jeder Platz, den man öfters sieht, wird einem bekannt. Die Reaktion Sein Gesicht ist bekannt läßt sich nicht auf dieselbe Weise interpretieren wie Sein Gesicht ist rot. Die Bedingung, die für bekannt verantwortlich ist, liegt nicht im Reiz, sondern in der Geschichte des Sprechers. Nachdem der Sprecher die Reaktion im Hinblick auf diese Eigenschaft erworben hat, kann er sie in Gegenwart anderer oft wahrgenommener Gegenstände hervorbringen. Hat er sie in bezug auf zuvor gesehene visuelle Reize erworben, kann er sie in bezug auf früher gehörte Töne, einen früher wahrgenommenen Geschmack usw. hervorbringen. Man kann solche Reaktionen nur dann in vollem Umfang verstehen, wenn man annimmt, daß das Individuum auf gewisse Züge seines eigenen Verhaltens reagiert, die mit dem Ergebnis wiederholter Reizung zusammenhängen.“ (VB 136)
 
 

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