25.10.2014


Gottlieb F. Höpli

Mühsame Demokratie von unten

Demokratie ist, im Gegensatz zu den oft gehörten Lobreden, eine mühselige Veranstaltung. Und vor allem eine langwierige. Sie funktioniert eigentlich nur dann reibungslos, wenn das Volk den Politikern nicht dreinredet. Das ist nicht der Sarkasmus eines Demokratiemüden. Sondern die Beobachtung eines Realisten, der unser politisches System seit langem beobachtet.

Beispiel bitte? Da bietet sich zurzeit vor allem der Lehrplan 21 an, gegen den sich ein Wind erhoben hat, der noch zum Sturm werden könnte. Gerade als das Projekt auf die Zielgerade einzubiegen schien. Jetzt erst beginnen sich die Gegenkräfte zu regen, werden in den Kantonen Initiativen und Vorstösse lanciert oder sogar schon angenommen, um Fragen wie den einheitlichen Früh-Fremdsprachenunterricht oder die programmierte Kompetenzschwemme nochmals zur Disposition zu stellen.

Jetzt erst erheben sich reihenweise prominente Stimmen wie jene des berühmtesten Kinderarztes der Schweiz, Remo Largo, oder des Ökonomen Matthias Binswanger. Beide stellen dem Projekt der Erziehungsdirektorenkonferenz (EDK) beziehungsweise der tonangebenden Pädagogik-Bürokratie, die dahintersteht, ein schlechtes Zeugnis aus: Die zur Ideologie geronnene Idee, Primarschüler möglichst früh mit zwei Fremdsprachen zu traktieren, sei ebenso unrealistisch und wissenschaftlich unhaltbar (Largo) wie die 4753 Kompetenzen auf 557 Seiten, nach denen sich die Lehrerschaft künftig in der Schulstube zu richten habe (Binswanger).

Je stärker der Gegenwind, desto autoritärer wird der Tonfall des EDK-Vorsitzenden: «Ich werde die zwei Frühfremdsprachen durchsetzen», tönt Christoph Eymann, seines Zeichens Basler Erziehungsdirektor. Es geht schliesslich um Politik. Da hat man Stärke zu zeigen. Weil gescheiter zu werden leicht als Schwäche ausgelegt wird. Und es geht schliesslich um Politik. Nicht um die Kinder.

Der Fall Lehrplan 21 erinnert fatal an eine Bauchlandung der deutschen, besser: deutschsprachigen Bildungspolitik. Jene der Orthographiereform. Da wollten ab 1996 die deutschen Kultusminister das Projekt einer vereinfachten «Ortografie» durchsetzen, das von progressiven Sprachpädagogen ersonnen worden war. Erklärtes, nicht völlig falsches Ziel: Die schwächeren Schüler sollten durch eine vereinfachte Schreibung leichter Zugang zur geschriebenen Sprache erhalten. Es sollte vermehrt klein geschrieben, es sollten Fremdwörter eingedeutscht und weniger Kommata gesetzt werden. Aber das Projekt Kleinschreibung führte paradoxerweise zu mehr Grossschreibung, das fehlende Komma verwirrt den Leser, und «Spagetti» rufen bei jedem Italienischkenner ein beschämendes Lächeln hervor.

Was war der fundamentale Fehler der Reform? Sie legte aus ideologischen Gründen zu viel Gewicht auf die schwächeren Schreibenden (ohne ihnen das Leben wirklich zu erleichtern) und zu wenig auf die abwesenden Leser. Dabei ist Schrift doch gerade die Kommunikation mit den Abwesenden! Wenn aber der Lesende nicht mehr klar versteht, was der Schreibende gemeint hat, ist die geschriebene Sprache in Gefahr. Ganz abgesehen davon, dass den bedauernswerten Objekten der Reform der Zugang zum Schatz der «vorreformatorischen» Literatur erschwert wird.

Die immer lauteren Proteste nach 1996 führten dazu, dass der Rat für Rechtschreibung zurückruderte und fast jährlich neue, neu-alte und Varianten-Regelungen erliess. Verwirrung total! Wer es ihm dankte, waren einzig die Wörterbuch-Verlage, die das Geschäft des Jahrhunderts machten. Am besten bedient war noch, wer sich an die Regeln der Schweizerischen Orthographischen Konferenz (SOK) hielt, die in der Öffentlichkeit und im Ausland immer mehr an Boden gewinnen (siehe auch www.sok.ch).

Wer am längsten an der verunglückten Reform festhielt, waren die deutschen Kultusminister. Eine Reform, einmal beschlossen, muss schliesslich umgesetzt werden. Dass sie ein Fehler war, habe man schon länger eingesehen, erklärten hinterher die beiden prominenten Kultusminister Zehetmayer und Wanka. Aber aus Gründen der «Staatsräson» habe man eben dabei bleiben müssen ... Kommt uns das nicht bekannt vor?

(Quelle: Luzerner Zeitung)



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