07.06.2010 Theodor Ickler SpannendDie Welt als Roman genießenSeit einigen Jahren liest man auch in (geistes-)wissenschaftlichen Abhandlungen sehr oft, dieser oder jener Gegenstand, zum Beispiel die Präteritopräsentien, sei "spannend". Das Gegenteil wäre wohl "langweilig".Beides sind ästhetische Kategorien, die in der Wissenschaft nichts zu suchen haben. Auf mich wirken sie so, als wenn jemand genießerisch dies und jenes herauspickt, mal eben daran schleckt und sich dann anderen Lustbarkeiten zuwendet. In ihrer Geburtstagsrede für Joachim Gauck nannte Angela Merkel den Jubilar eine "spannende Persönlichkeit", und vor ein paar Tagen ließ sich Sigmar Gabriel die Gelegenheit nicht entgehen, just dieses Lob zu zitieren. "spannend" ist anscheinend der Nachfolger von "interessant", und vielleicht wirkt bei der Ersetzung die Mahnung unserer Deutschlehrer nach, dieses nichtssagende und überflüssige Wort zu vermeiden. Übrigens mit Recht. Alles, was ich sage, ist interessant, sonst würde ich es ja nicht sagen. Das sollte eine der stilistischen Maximen sein, unter denen man gute Texte hervorbringt. Burrhus F. Skinner hat in seinen "Notebooks" und anderswo sehr gute Hinweise gegeben, wie er es mit der Sprache hält. Übrigens ohne daraus einen großsprecherischen Titel zu machen ("Warum ich so gute Bücher schreibe" oder so). Immer wenn ich vom Geschwätz genug habe, lese ich ein paar Seiten aus "Verbal Behavior" und bin wieder in bester Stimmung. (Man kann ja seit einiger Zeit den ganzen Text herunterladen.)
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