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Theodor Icklers Sprachtagebuch

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Theodor Ickler zu »Das „bilaterale Zeichen“«
Dieser Kommentar wurde am 27.07.2026 um 16.46 Uhr verfaßt.

Wallace Chafe war ein bedeutender Erforscher der Indianersprachen, auch ein Chomsky-Kritiker, mit dem ich schon früh bekannt wurde. Leider auch ein "Kognitivist", wie Wikipedia vermerkt. Dann kommt es zu so etwas:

„Begriffe (…) befinden sich tief innerhalb des menschlichen Nervensystems.“ (Wallace Chafe: Bedeutung und Sprachstruktur. München 1976, engl. 1970:78)
„Die Laute bewegen sich zu der Person oder den Personen, die sich gerade in Hörweite aufhalten, und werden normalerweise in ihrem Nervensystem in ein Faksimile des ursprünglichen Begriffs zurückverwandelt.“ (ebd. 23)

Anderswo schon zitiert, aus demselben Werk:

„Ideas, I assume, have some kind of electrochemical existence in the nervous systems of individuals.“ (Wallace Chafe: Meaning and the structure of language. Chicago 1970:16)


Theodor Ickler zu »Niedriger hängen!«
Dieser Kommentar wurde am 27.07.2026 um 09.02 Uhr verfaßt.

Orcas greifen manchmal Boote an. „Verhaltensforscher interpretieren das als Spiel, bei dem die Meeressäuger ihre Selbstwirksamkeit erproben.“ (SZ 27.7.26)

Anscheinend ist die „Selbstwirksamkeit“ jetzt aus der Kindergartenpädagogik in die Verhaltensforschung herübergeschwappt.


Theodor Ickler zu »Rhetorik«
Dieser Kommentar wurde am 27.07.2026 um 06.28 Uhr verfaßt.

"Terroranschlag auf den CSD: Bürger sterben, weil der Staat es nicht anders will" (Berliner Zeitung 27.7.26)



Theodor Ickler zu »Jede und jeder«
Dieser Kommentar wurde am 27.07.2026 um 03.49 Uhr verfaßt.

Penelope, Athene, Kalypso: Die „Odyssee“ und das unausgeschöpfte Potenzial der Frauenfiguren

Man ahnt schon, was kommt. Immerhin weiß die Journalistin (rnd 22.7.26), es liegt „auch an der jahrhundertealten und dementsprechend nicht besonders feministischen Vorlage Homers. Nichtsdestotrotz lässt sich doch mehr über die Frauen erzählen, die eine Rolle in Homers Epos spielen“. Dann bringt sie einiges aus Homer, was Nolans Kürzung zum Opfer fiel, aber von einem „unausgeschöpften Potenzial“ kann eigentlich nicht die Rede sein. Oder hat nicht nur Nolan Homer nicht ausgeschöpft, sondern auch Homer seinen eigenen Stoff? Christa Wolf hat ja auch aus Kassandra herausgeholt, was die Dichter leider vergessen haben zu sagen. Und Margret Atwood hat die ganze Geschichte aus der Sicht der Penelope erzählt, aber auch das war eben ein eigener Roman, wieder mal angehängt an bekannte Namen (s. Kehlmann). Lauter Variationen auf das Thema „Den Autor besser verstehen, als er sich selbst verstanden hat.“ Dadurch steht der Interpret gleichrangig neben dem Autor, sogar ein wenig höher, vor allem wenn er sein Schaffen als „Wirkungsgeschichte“ adelt, die dem Werk sozusagen die Krone aufsetzt.


Theodor Ickler zu »Synonymie«
Dieser Kommentar wurde am 26.07.2026 um 19.36 Uhr verfaßt.

Nachdem manche Linguisten unter dem Eindruck der Logik der volkstümlichen Deutung von „synonym“ als „gleichbedeutend“ nachgegeben haben, ist es nötig, für die eigentlichen Synonyme, also bedeutungsähnliche Wörter eine neue Bezeichnung zu finden. Daher kam der Neologismus „Plesionym“ auf, der allerdings kaum Anerkennung gefunden hat. Besser ist es, die logische Banalisierung zu vergessen und unter Synonymen wieder – wie in der Antike und bei allen bedeutenden Synonymikern – bedeutungsähnliche Wörter zu verstehen, die man unterscheiden oder nicht unterscheiden kann, je nach Kontext.


Theodor Ickler zu »Synonymie«
Dieser Kommentar wurde am 26.07.2026 um 19.30 Uhr verfaßt.

Zu http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1058#58260 usw.

Auch Franz Dornseiff spricht von der „sprachlichen Bedingtheit alles seelenkundlichen Wissens“ (1934, in Sprache und Sprechender. Leipzig 1964:200)

Das ist die Welt der transgressiven Konstrukte, nützlicher Fiktionen, die wir zur Kooordination unseres Verhaltens nutzen. Man hat notdürftig von Metaphern gesprochen, aber sie sind doch etwas anderes.


Theodor Ickler zu »Niedriger hängen!«
Dieser Kommentar wurde am 26.07.2026 um 06.28 Uhr verfaßt.

Zum vorigen:

Der Interviewer wendet ein: „Die Kinder könnten antworten, daß der weise griechische Philosoph Sokrates kein einziges Buch gelesen hat.“ Und der ebenso unwissende Psycholinguist antwortet: „Sokrates hatte kluge Menschen um sich, die ihm das Wissen der Schriftkultur vermittelten. Er profitierte von dieser Welt, ohne selbst zu lesen.“
Wahrscheinlich haben beide davon gehört, daß Sokrates kein Buch geschrieben hat. Aber er war ein gebildeter Athener, der selbstverständlich auch Bücher las und sich sogar über Bestseller seiner Zeit äußerte. Tja, Lesen bildet.


Theodor Ickler zu »Synonymie«
Dieser Kommentar wurde am 26.07.2026 um 05.58 Uhr verfaßt.

Wir sagen "Fleisch", die Engländer unterscheiden "flesh" und "meat", aber niemand glaubt, daß die beiden Sprachgemeinschaften sich in ihrem Verhalten zur Sache unterscheiden, also in ihrer "Weltansicht". Und so in unzähligen Fällen. „Die Synonyma eines Sachbereichs gliedern diesen nicht auf. Das ist eine Überschätzung der Sprache.“ (Franz Dornseiff)

Die Wörter decken die Wirklichkeit nicht ab, sondern umstellen sie, fangen sie ein.


Wolfram Metz zu »Unsichere Flexion«
Dieser Kommentar wurde am 25.07.2026 um 17.15 Uhr verfaßt.

Vielleicht spielt auch Strauß/Sträuße noch mit hinein.


Wolfram Metz zu »Unsichere Flexion«
Dieser Kommentar wurde am 25.07.2026 um 16.18 Uhr verfaßt.

Ich muß gestehen, daß ich erst kurz darüber nachdenken mußte, was an Rosmarinsträuche falsch sein soll. Bauch/Bäuche, Schlauch/Schläuche, aber Strauch/Sträucher. Vielleicht liegt es zum Teil auch an der Zusammensetzung. Der Rosmarin, obwohl nur Bestimmungswort, ist in Rosmarinsträuche der Hauptdarsteller, der alle Aufmerksamkeit auf sich zieht. Hier hätte ebensogut Rosmarinbüsche oder eine andere Zusammensetzung mit Rosmarin, oder auch nur Rosmarin, stehen können, um die gewünschte Assoziation mit dem Mittelmeerraum zu erzeugen. Über Sträuche wäre ich vermutlich gestolpert.


Theodor Ickler zu »Niedriger hängen!«
Dieser Kommentar wurde am 25.07.2026 um 16.18 Uhr verfaßt.

„Lesen ist keine bloße Kulturtechnik. Es ist Grundlage demokratischer Teilhabe“, sagt der Psycholinguist Falk Huettig. Aber immer weniger Menschen greifen zum Buch. Stirbt hier gerade etwas aus? (SZ 25.7.26)

In Interview erwähnt er auch die rechte Gehirnhälfte, rühmt die chinesische Schrift als Gedächtnisschulung usw., das Ganze etwa im Stil Manfred Spitzers. Er ist übrigens am MPI für Psycholinguistik in Nimwegen.
(Was kann ein Psycholinguist über demokratische Teilhabe sagen? Es spricht nicht für eine Wissenschaft, wenn sie zu allem und jedem etwas zu sagen hat.)


Theodor Ickler zu »Zensur II«
Dieser Kommentar wurde am 25.07.2026 um 05.51 Uhr verfaßt.

Georg Friedrich Meier, ein Sprachgenie, wollte ein Handbuch der Sprachwissenschaft veröffentlichen. In der DDR war das aber unmöglich: „Das Werk war auf sechs Bände angelegt. Die Veröffentlichung wurde jedoch nach Erscheinen des ersten Bandes auf Intervention der bulgarischen Staats- und Parteiführung aufgrund der Charakterisierung des Makedonischen als selbstständige Sprache gestoppt.“ (Wikipedia)


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