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Theodor Icklers Sprachtagebuch

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Theodor Ickler zu »Homunkulus«
Dieser Kommentar wurde am 25.05.2018 um 05.08 Uhr verfaßt.

Viele Psychologen meinen, die grundsätzliche Ausscheidung der Selbstbeobachtung sei methodologisch und aus Gründen der Zweckmäßigkeit nicht vertretbar. Tatsächlich ist ja die „Welt für jeden Einzelnen“, d. h. die Welt, so wie der Einzelne sie erlebt (seine „Eigenwelt“) von hohem wissenschaftlichem Interesse. Sie sei aber nur über die Vermittlung von Sprache, mimischem Ausdruck usw. zugänglich: Die „Eigenwelt“ des anderen Menschen kann aus seinen Äußerungen lediglich erschlossen werden; sie hat aber insofern Konstruktcharakter. (Theo Herrmann: Lb. der emp. Persönlichkeitsforschung. Göttingen 1974:40)

Außerhalb und vor jeder wissenschaftlichen Besinnung pflegt der Mensch sich selbst und seine Mitmenschen als einzigartig und unverwechselbar zu erleben. Menschen haben ihr je eigenes, individuelles Selbstbild (self concept). (...) Da also die Einzigartigkeit als geäußertes Erlebnis beobachtbarer Menschen ein empirischer Sachverhalt ist, ist sie ein legitimer Gegenstand empirischer Persönlichkeitsforschung. (Ebd. 44)

Hier fehlt die semiotische Analyse einer Redeweise, die so verstanden wird, als wäre sie ein Bericht über Erlebnisse. Das „geäußerte Erlebnis“ ist kein empirischer Sachverhalt, sondern zunächst einmal eine Äußerung und als solche erklärungsbedürftig, wie die ganze pseudoreferentielle („transgressive“) Erlebnissprache. Das Selbstbild ist ja nicht einfach gegeben, sondern in die heutigen Menschen „hineingeredet“. Tausende Generationen hätten mit dem Begriff nichts anfangen können, und heute soll es schlicht gegeben und eine letzte Gewißheit sein?
Wenn die Eigenwelt aus den Äußerungen „erschlossen“ wäre, dann wäre sie nach Herrmanns eigenen Begriffen gerade kein Konstrukt, sondern eine hypothetische Einheit. Ein Konstrukt ist eine nützliche Fiktion und wird nicht „erschlossen“. Der Verfasser kann sich nicht entscheiden, ob er an die Existenz einer „inneren Welt“ glauben soll oder nicht. Den Standpunkt der reinen Verhaltensanalyse, der sich von der vermeintlichen „Weisheit der Sprache“ (ebd.) emanzipiert, wird er später besser herausarbeiten, ohne ihn jedoch je einzunehmen.


Theodor Ickler zu »Trüber Tag«
Dieser Kommentar wurde am 25.05.2018 um 04.37 Uhr verfaßt.

UTB bewirbt das Buch „Germanistische Sprachwissenschaft“ von Peter Ernst mit dem Hinweis, es sei auch für die Examensvorbereitung von Studenten geeignet. Zugleich wird es aber, auch in dem Auszug aus einer Besprechung, als für Schüler geeignet bezeichnet („eine wirkliche Hilfe für Schüler in der gymnasialen Oberstufe“ ... „sollte in keiner Schulbibliothek fehlen“). D. h., ein Germanist kann sein Studium mit denselben Kenntnissen abschließen, mit denen er es zehn Semester zuvor begonnen hat. In welchem anderen Fach ist das möglich?


Theodor Ickler zu »Trüber Morgen«
Dieser Kommentar wurde am 25.05.2018 um 03.58 Uhr verfaßt.


In der ZEIT (24.5.18) stellt Mariam Lau dar, wie die Flüchtlingsräte aller Bundesländer und andere Gruppen ausdrücklich gegen jede Abschiebung arbeiten und die Polizei als ihren Gegner bekämpfen. Sie gibt Dobrindt vollständig recht, er habe nur „Netzwerk“ statt „Industrie“ sagen sollen. Das Treiben von „kein mensch ist illegal“ sowie der verbundenen Anwälte, Ärzte, Kirchenleute geschieht hart am Rande der Legalität, alles infolge des Rechts auf Einzelfallprüfung. Daher die 350.000 noch anhängigen, großenteils aussichtslosen Verfahren, die aber den Klägern über lange Zeit Aufenthalt und Unterhalt garantieren. Praktisch bleibt nur der Weg einer Straffung und Beschleunigung der Verfahren, mehr Justizpersonal sowie die Erweiterung der (in Berlin abgeschafften) Abschiebehaft. - Mittelfristig sollte auch der Wähler die Konsequenz ziehen.

Die Beleidigungsklage gegen Dobrindt ist der Witz des Tages.


Theodor Ickler zu »Die Tyrannei des Vermeintlichen«
Dieser Kommentar wurde am 24.05.2018 um 15.54 Uhr verfaßt.

Seltsam, daß Dorothy Sayers noch nicht politisch korrekt bearbeitet worden ist. Aus Lord Peters Hymne auf ein Stück Schweineschinken:

Observe the hard texture, the deep brownish tint of the lean; the rich fat, yellow as a Chinaman’s cheek; the dark spot where the black treacle cure has soaked in.


Theodor Ickler zu »Lectio facilior«
Dieser Kommentar wurde am 24.05.2018 um 15.41 Uhr verfaßt.

Angela Merkels Angenda in China (BILD)


Theodor Ickler zu »Trüber Morgen«
Dieser Kommentar wurde am 24.05.2018 um 15.40 Uhr verfaßt.

Zu http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1058#38688

Der neue Datenschutz beschert den Abmahnvereinen und -anwälten goldene Zeiten; ähnliches Geschäftsmodell wie die Abschiebeverhinderung. Man nutzt halt die Lücken und Nischen, ganz legal. Beim Abmahnen verdienen Leute, die gar kein Interesse am Sachverhalt selbst haben, nur die Bereicherungsmöglichkeit wahrnehmen.


Theodor Ickler zu »Trüber Morgen«
Dieser Kommentar wurde am 24.05.2018 um 06.54 Uhr verfaßt.

Wenn die Geisteswissenschaften sich nicht mehr von selbst verstehen, wird es schwierig, sie zu begründen. Früher war die Artistenfakultät propädeutisch motiviert. Heute soll sie Sinn stiften oder den anderen zeigen, wo es langgeht usw., das ist nicht sehr überzeugend (http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1353#34547). Zwei Schweizer Philosophen versuchen es in der FAZ („Geisteswissenschaften“), obwohl sie einen anderen Ausgangspunkt haben (Bücher vs. Aufsätze in evaluationsstrategischer Hinsicht).
Die holde Nutzlosigkeit der Geisteswissenschaften hat ihren Charme. In den 70er Jahren sprachen meine Kommilitonen mit leuchtenden Augen von ihren (in Aussicht gestellten) Arbeiten, die sich den „Verwertungsinteressen des Marktes“ entziehen sollten. Das befreit aber nicht von der Frage, warum der Steuerzahler es finanzieren soll.
Als Beispiel eines Themas, dessen Nutzen nicht sofort einleuchtet, erwähnen die Verfasser die „Darstellung von Tieren bei Kafka“. Es ist abzusehen, daß eine Dissertation darüber (es gibt schon manches) kaum ein Dutzend Leser finden wird. Man kann das machen; allerdings muß dafür anderes unterbleiben – wer wägt ab und verteilt die jederzeit beschränkten Mittel?
Die Verfasser begehen dann aber gewissermaßen Verrat, indem sie die berühmte schwedische Verkehrssicherheit teilweise auf Anregungen eines Philosophen zurückführen. (Zweifel sind angebracht.)


Theodor Ickler zu »Sprachverführtheit«
Dieser Kommentar wurde am 24.05.2018 um 06.29 Uhr verfaßt.

Zur "Persönlichkeitsforschung" (traditionell auch "Charakterkunde", "Temperamentenlehre"):

Nach Cattell (Personality 1950) liegt die Weisheit der Sprache darin, daß im Laufe der Zeit „jeder mögliche Aspekt menschlichen Verhaltens mit einem Symbol belegt worden sei“ (nach Theo Herrmann: Lb. der emp. Persönlichkeitsforschung. Göttingen 1974:95). Die Charakterkunde schöpft daher aus der Alltagssprache.
Die Alltagspsychologie ist in der Tat jederzeit vollständig, aber nicht weil die Menschen im Laufe der Zeit alle Möglichkeiten ausgeschöpft hätten, sondern weil die Alltagspsychologie durch die jeweils vorhandenen sprachlichen Konstrukte definiert ist. Das ist nur ein anderer Aspekt der Inkommensurabilität verschiedener folk psychologies. Andere Persönlichkeitsmerkmale, als die fp vorsieht, gibt es nicht. Nur in einer Randzone gibt es Veränderungen und Ausbau (auch Abbau).
Ich vergleiche das Konstrukt noch einmal mit einem Märchen. „Rotkäppchen“ ist vollständig, jeder belächelt Versuche, über den Text hinauszugehen („Die Wahrheit über Rotkäppchen“).


Theodor Ickler zu »Heilige Texte«
Dieser Kommentar wurde am 24.05.2018 um 05.14 Uhr verfaßt.

Noch einmal zum Vaterunser und "epiousios".

Der Eintrag der englischen Wikipedia zu "epiousios" ist inzwischen mächtig angeschwollen, und ich will als Laie nicht in die Diskussion eingreifen. Immerhin scheint mir ein Gedanke bisher nicht erwogen worden zu sein:

Das hapax legomenon "epiousion" sieht wie eine gelehrte Neubildung aus, die die Verfasser der griechischen Evangelien Jesus kaum in den Mund gelegt haben dürften; zum schlichten Stil des Vaterunser paßt sie nicht. Daher könnte es sich um eine theologische Erläuterung (Glosse) handeln, die in den Text gerutscht ist. Die banale Übersetzung „täglich“ entspricht dem Wunsch, das Wort in den Text zu integrieren, und nimmt die offenbare Tautologie in Kauf, daß das Adverb „heute“ ebenfalls auftritt (was schon uns Konfirmanden auffiel); dafür wird dann wieder eine gelehrte Lösung gesucht.
In den Text gerutschte Glossen sind in Handschriften nichts Ungewöhnliches. Man sollte sie wieder hinauswerfen, dann stimmt alles.


Manfred Riemer zu »Jede und jeder«
Dieser Kommentar wurde am 23.05.2018 um 17.06 Uhr verfaßt.

zu #38737:
Vom gleichen Prof. Stefanowitsch gab es heute morgen ein Interview im DLF (nachzulesen auf http://www.deutschlandfunk.de/diskriminierende-sprache-es-gibt-leute-die-wollen-einfach.694.de.html?dram:article_id=418485).

Natürlich darf man niemanden beleidigen oder sprachlich diskriminieren. Dazu führt er dann Beispielwörter wie Idiot oder Schwachkopf an. Er meint aber sinngemäß, wenn A geistig Behinderte sind und jemand B einen Schwachkopf nennt, dann beleidige er nicht nur B, sondern diskriminiere auch alle A.

Das stimmt aber nicht! Schwachkopf ist immer eine Beleidigung, egal ob man einen Gesunden oder Behinderten so nennt. Es gibt keine Automatik, nach der das Wort Schwachkopf besonders geistig Behinderte diskriminiert. Es ist eine allgemeine Beleidigung und hat damit nichts mit dem Thema Diskriminierung bestimmter Gruppen zu tun.

Von solchen Selbstverständlichkeiten, daß man bestimmte Wörter gar nicht oder nur beleidigend benutzen kann, geht er dann über zu allgemeineren angeblichen sprachlichen Diskriminierungen. Diese muß er sich aber nun in Ermangelung wirklicher Diskriminierungen erst selbst ausdenken, um danach dagegen anwettern zu können. Beispielsweise behauptet er, Frauen würden sprachlich ausgeblendet. Er sagt zwar in diesem Interview nicht wie, aber natürlich meint er wieder das generische Maskulinum. Ein biologisch weibliches Wesen würde ausgeblendet, wenn auf es ein Wort mit grammatisch männlichem Genus angewandt wird. Was haben Genus und Sexus miteinander zu tun? Dies war solange überhaupt kein diskriminierendes Problem, bis Leute wie Prof. Stefanowitsch auf Dummenfang gingen.


Klaus Achenbach zu »Alles englisch«
Dieser Kommentar wurde am 23.05.2018 um 15.10 Uhr verfaßt.

Gestern bin ich zum erstenmal auf das Wort „Schmierenkampagne“, offenkundig wortwörtliche Übersetzung von „smear campaign“, gestoßen (in der FAZ). Zu dieser Fehlübersetzung mag die Existenz des Wortes „Schmierenkomödie“ beigetragen haben.

Google findet dafür erstaunlicherweise schon etwa 15.600 Fundstellen. Im Duden steht das Wort noch nicht. Das ist aber wohl nur eine Frage der Zeit.


Theodor Ickler zu »Heilige Texte«
Dieser Kommentar wurde am 23.05.2018 um 06.08 Uhr verfaßt.

Der Theologe geht an seinen Text mit dem Vorsatz heran, darin einen „überlegenen Sinn“ zu finden (um es mit Gadamer zu sagen). Der Philologe will herausfinden, was der Verfasser gemeint hat und wie er dazu gekommen ist, es zu meinen. Das bedeutet, sich aus dem Text „herauszureflektieren“, und ist sündhaft. Der Theologe fragt danach, was der Text ihm und uns allen heute zu sagen hat. Dazu muß man vorab fromm sein.
Das Lob des nicht ganz so frommen Jan Assmann für Nordhofen klingt darum etwas säuerlich und lädt nicht gerade zur Lektüre des neuen Buchs ein. (Mir ist jetzt auch nicht ganz klar, ob Jesus mit seinen schlichten Worten das „Brot für morgen“ oder hochgelehrt das „überwesentliche Brot“ erbittet.)


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