zurück zur Startseite Schrift & Rede, Forschungsgruppe dt. Sprache    FDS - In eigener Sache
Diskussionsforum Archiv Bücher & Aufsätze Verschiedenes Impressum      

Theodor Icklers Sprachtagebuch

Die neuesten Kommentare


Sie sehen die neuesten 12 Kommentare

Nach unten

Durch Anklicken des Themas gelangen Sie zu den jeweiligen Kommentaren.


Theodor Ickler zu »Trüber Morgen«
Dieser Kommentar wurde am 18.01.2021 um 05.15 Uhr verfaßt.

Josef Kraus wird immer apokalyptischer (falls man das steigern kann):

https://www.tichyseinblick.de/feuilleton/buecher/eine-vision-die-immer-realer-wird-1984-von-george-orwell/
Inspiriert war Orwell bei „1984“ wohl auch von Hayeks Klassiker „The Road to Serfdom“ (deutsch: „Der Weg zur Knechtschaft“, 1944). Womöglich war Orwells „1984“ auch eine ironische Replik auf den Zukunftsroman des führenden US-Behavioristen B. F. Skinner, der mit „Walden Two“ (deutsch: „Futurum Zwei“) eine ideale, angeblich aggressionsfreie Gesellschaft skizziert hatte – eine Gesellschaft, die sich rühmt, die Geschichte abgeschafft zu haben.

Das halte ich für bloßes name-dropping. Inspiriert war Orwell dagegen von Ogdens „Basic English“ und der sprachkritischen „Allgemeinen Semantik“. Ich könnte wetten, daß Kraus keine Zeile von Skinner gelesen hat. Entdifferenzierung bei wütenden alten Männern, denen das Ganze nicht paßt.


Theodor Ickler zu »Unsichere Flexion«
Dieser Kommentar wurde am 18.01.2021 um 04.45 Uhr verfaßt.

In der anglophonen Welt wird diskutiert, ob crisises ein korrekter Plural ist. Ich habe ihn mehrmals gehört, thesises noch nicht. Die (annähernd) korrekte griechische Pluralform ist allerdings eine Zumutung für heutige Sprecher und wird sich wohl nicht halten.


Theodor Ickler zu »Verständlichkeit«
Dieser Kommentar wurde am 18.01.2021 um 04.41 Uhr verfaßt.

Klaproth hatte tatsächlich ein neues Element identifiziert, aber was er gewonnen hatte, war nicht das Element Uran selbst, sondern ein Oxid. Erst fünfzig Jahre später im Jahre 1841 gelang es dem Franzosen Eugène Peligot, reines Uranmetall zu gewinnen. (Wikipedia)

Uranium metal has a very high density of 19.1 g/cm (...) in air, uranium metal becomes coated with a dark layer of uranium oxide. (...) Uranium metal is used for X-ray targets in the making of high-energy X-rays. (...) The United States and the Soviet Union produced tens of thousands of nuclear weapons that used uranium metal and uranium-derived plutonium-239. (Wikipedia)

Bei Temperaturen über 3400 °C kann in speziellen Elektroöfen mit reduzierender Wasserstoffatmosphäre ein kompaktes Wolframmetall erschmolzen werden (Zonenschmelzverfahren). (Wikipedia)

Das ist wohl nicht zu beanstanden. An Ihrer Beobachtung ist aber etwas dran. Die metallische Form wird anscheinend dann besonders hervorgehoben, wenn sie nicht die im Alltag bekannteste ist. Bei Kupfer oder Gold denkt man sowieso zuerst an die metallische Reinform, wie man sie als Schmuck oder Werkstoff kennt.




Manfred Riemer zu »Verständlichkeit«
Dieser Kommentar wurde am 18.01.2021 um 01.36 Uhr verfaßt.

Ich bin immer irritiert, wenn ich so etwas lese
(MM, 17.1.21, Hervorhebungen von mir):

Die Außenministerien von Deutschland, Frankreich und Großbritanniens teilten am Samstag mit, dass der Iran angekündigt habe, die Herstellung von Uranmetall vorzubereiten - und dass man darüber "tief besorgt" sei. Der Iran habe "keine glaubwürdige zivile Verwendung für Uranmetall". Die Produktion von Uranmetall könne schwerwiegende militärische Implikationen haben.
Iran habe sich mit dem Wiener Atomabkommen (JCPoA) für 15 Jahre dazu verpflichtet, weder Uranmetall herzustellen, noch Forschung und Entwicklung im Bereich der Uranmetallurgie zu betreiben, [...].

Der iranische Vertreter bei der Internationalen Atomenergiebehörde IAEA, Kasem Gharibabadi, hatte bereits am Mittwoch via Twitter erklärt, dass der Iran die Herstellung von Metalluran plane.

Ob nun Metalluran oder Uranmetall, was soll das? Uran ist ein Metall, es muß nicht erst zu Metall gemacht werden! Uranmetall ist einfach Uran. Wenn man aber ständig die in Bergwerken geförderten Uranverbindungen (Uranerz) fälschlich schon als Uran bezeichnet, dann braucht man nachher für das eigentliche Uran ein neues Wort, man kann ja schlecht sagen, man macht Uran aus Uran, da wird dann eben mit Uranmetall doppelt gemoppelt.

Es ähnelt ein wenig der Verwirrung, die mit dem Wort Urananreicherung entsteht.



Theodor Ickler zu »Intentionalität und Sprache«
Dieser Kommentar wurde am 17.01.2021 um 19.23 Uhr verfaßt.

Das ist mir schon klar, aber habe ich irgendwo "nur" gesagt? Das sollte mir leidtun, denn es steckt doch etwas mehr dahinter.

Bewußtsein, Subjektivität, Erlebnis usw. sind ganz junge Begriffe, und bisher hat niemand erklären können,warum das, was angeblich jedermann unmittelbar gegeben ist, die vermeintliche private Welt in uns selbst, so spät „entdeckt“ worden ist. Die Auskunft, so sei das eben mit Dingen, die uns allzu vertraut sind, überzeugt mich nicht.


Manfred Riemer zu »Intentionalität und Sprache«
Dieser Kommentar wurde am 17.01.2021 um 18.24 Uhr verfaßt.

Haben Sie nicht auch Ihre feste Voraussetzung? Sie sehen das Bewußtsein von vornherein nur als sprachliches Konstrukt. Ich denke, genau das ist es aber nicht.


Manfred Riemer zu »Jede und jeder«
Dieser Kommentar wurde am 17.01.2021 um 10.36 Uhr verfaßt.

Informationstafel der Stadt Mannheim:

Liebe Besucherinnen und Besucher!

Hier leben Feldhamsterinnen und Feldhamster!
[...]

Die Stadt Mannheim und das Land Baden Württemberg haben Verträge mit Landwirtinnen und Landwirten geschlossen. Sie bewirtschaften Flächen feldhamsterfreundlich, indem sie z. B. Luzerne anbauen, die den Feldhamsterinnen und Feldhamstern Nahrung und Sichtschutz vor Fressfeindinnen und Fressfeinden bietet. [...]

Die Hilfe der Landwirtinnen und Landwirte ist sehr wichtig für den Schutz der Feldhamsterin und des Feldhamsters, denn nur in einer geeigneten Umgebung können die Tiere selbstständig überleben.

Na gut, ich gebe zu, ich habe leicht gemogelt, im Original sind nur Besucherinnen und Landwirtinnen enthalten, Feldhamsterin[nen] und Fressfeindinnen habe ich ergänzt.

Mit dem Tierschutz und der geschlechtergerechten Tierbenennung hapert es noch ein wenig. Aber das wird in absehbarer Zeit auch noch werden.


Theodor Ickler zu »Stilistische Pracht«
Dieser Kommentar wurde am 17.01.2021 um 06.04 Uhr verfaßt.

Aus Bildern wurden Schriftzeichen.

Die Kalligraphie macht aus Schriftzeichen Bilder, wenn auch nur selten gegenständliche. Man kann sie an die Wand hängen.

Die Muslime haben es u. a. wegen des Bilderverbots sehr weit getrieben, die Chinesen gehen eher in die andere Richtung (Abstraktion, Weglassen). In beiden Fällen könnte man das Handicap-Prinzip unterstellen: Man muß es sich leisten können. Kalligraphie vermindert immer die Leserlichkeit, arbeitet also dem ersten Zweck der Schrift entgegen.
Der Text einer Sure ist ja auch keine Mitteilung mehr, weil jeder ihn ohnehin auswendig weiß. Das Ornamentale, die "Pracht", schmückt und ehrt, diese Funktion ist dominant geworden. Ein Beispiel für die unaufhörliche Umfunktionierung, das kulturelle Analogon zur biologischen Exaptation.


Theodor Ickler zu »Niedriger hängen!«
Dieser Kommentar wurde am 17.01.2021 um 05.50 Uhr verfaßt.

Ornamente zeigen oft eine zu große Regelmäßigkeit, um als Zeichenkandidaten in Erwägung gezogen zu werden. Ein Mäanderband wird daher nicht als Schrift mißdeutet werden. Daß wir solche Muster als Schmuck verwenden und oft auch herstellen, weil wir sie als „schön“ erleben, wird auf verschiedene Weise erklärt. Dabei spielt gerade die redundanzerzeugende Regelmäßigkeit eine Rolle.
Man hat vermutet, daß die Entdeckung einer Ordnung Wohlgefallen hervorruft, weil sie auch sonst die Grundlage unserer Orientierung ist. Die Welt (den „Kosmos“) als geordnet zu erkennen ist ein Elementarbedürfnis. Befreit von vitalen Funktionen, wird die Ordnung spielerisch genutzt und erzeugt.

Zur Gestaltwahrnehmung: Es ist fast unmöglich, die drei Gürtelsterne des Orion nicht als zusammengehörig wahrzunehmen, obwohl die Konstellation (stella = „Stern“) astronomisch gesehen zufällig ist; der mittlere Stern ist weiter entfent als die beiden äußeren, die zu einem offenen Haufen gehören, und mit den anderen hellen Sternen des Orion haben sie physikalisch gar nichts zu tun. Das Muster ist zwar objektiv vorhanden, aber nur aus einer bestimmten Perspektive. Die Deutung als Abbild (Gürtelsterne in der abendländischen Tradition) ist eine Überdeutung der ohnehin schon künstlich erzeugten Gestalt der Dreierreihe.
Andere Kulturen haben die Zufallsverteilung der Sterne am Nachthimmel anders gegliedert und gedeutet. Mangels zugehöriger Karten können wir nur selten nachvollziehen, worauf sich die überlieferten Namen von Sternen und Sternbildern beziehen. Die heute von der Astronomie festgelegte Kartierung des Himmels nach 88 Sternbildern ist vollkommen willkürlich, aber eindeutig und dient rein praktischen Zwecken.


Theodor Ickler zu »Rhetorik«
Dieser Kommentar wurde am 17.01.2021 um 05.32 Uhr verfaßt.

Friedrich Merz (CDU) hat sich bereit erklärt, den Posten des Bundeswirtschaftsministers zu übernehmen. „Dem neuen Parteivorsitzenden habe ich angeboten, in die jetzige Bundesregierung einzutreten und das Bundeswirtschaftsministerium zu übernehmen“, sagte er Reuters und twitterte das später auch noch. (welt.de 16.1.21)

Man könnte hier von einem mehrfach mißglückten Sprechakt im Sinne Austins sprechen: unbefugter Sprecher, ungeeigneter Adressat. Nicht nur Laschet, sondern die Bundeskanzlerin, die es angeht und die Merz durch Übergehen brüskieren wollte, hat darauf sofort geantwortet.

Den politischen Kommentar überlasse ich anderen. Merz bleibt sich treu: entweder ganz oben oder gar nicht! Ins Präsidium wollte er nicht, obwohl diese Wahl ihm sicher war (um "Frauen den Vortritt zu lassen" - ausgerechnet Merz!). Das kritisieren sogar seine Fans. Nun ist er wieder draußen. (Während einige auf der äußersten Rechten behaupten, Merkel habe Merz "zur Strecke gebracht", zeigt "Cicero" sehr treffend, daß Merz das schon selbst besorgt hat. Lesenswert.)


Theodor Ickler zu »Intentionalität und Sprache«
Dieser Kommentar wurde am 17.01.2021 um 05.24 Uhr verfaßt.

Wenn man das Bewußtsein immer schon voraussetzt und nur noch fragt, warum die Natur es geschaffen hat, ist alles schon entschieden. Man steht dann in der Tradition der naiven Psychologie, wie ich es (rein deskriptiv) nenne.

s. auch hier http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#43105

und unsere frühere Diskussion ebd.

Dazu meinen Haupteintrag oben; ich kann es nicht jedesmal wiederholen.

Es handelt sich nicht um eine Tatsachenfrage, sondern um Begriffskritik, Sprachkritik...

Aber ich weiß, wie schwer es ist, sich von der scheinbar "letzten Gewißheit" (das ist mein Titel dafür) zu lösen: Das Bewußtsein gibt es doch, verdammt noch mal! Das eigene Erleben ist doch "schlicht gegeben" (so die Formel der Phänomenologen)! Ich halte dagegen: Die Allgemeinsprache gibt es zweifellos mit ihren psychologischen Konstrukten (Fiktionen), ihrer "Geschäftsordnung". Aber sie funktioniert nicht so, wie die naive Psychologie und Philosophie es will.

Sehr gut wie immer Peter Hacker (The sad and sorry history of consciousness...)



Ivan Panchenko zu »Intentionalität und Sprache«
Dieser Kommentar wurde am 16.01.2021 um 23.40 Uhr verfaßt.

Ich kann mir etwas unter einem unfreien Willen vorstellen: Man hat die Absicht, etwas zu tun, aber diese Absicht ist einem Zwang geschuldet, zum Beispiel einer Strafandrohung. Nun ist Freiheit ein relativer Begriff, bei dem der Bezugspunkt (frei WOVON?) oft nicht extra genannt wird, wobei unterschiedliche Sprecher unterschiedliche Bezugspunkte nehmen können (vgl. unsere Diskussion über Modallogik); ich schreibe diesen Beitrag hier „frei“willig, könnte man sagen, tatsächlich schreibe ich ihn aber nur aufgrund der Diskussion hier. Die Frage, ob der Mensch vielleicht eine Marionette seines eigenen Körpers ist, erscheint mir recht konfus, denn natürlich tut ein Mensch genau das, was er tut; von Willens„freiheit“ kann die Rede sein, weil es um die Freiheit von etwas Bestimmtem (implizit) geht. Damit ist die Sache für mich auch schon abgefrühstückt, ganz ohne Hirnforschung. Jetzt könnte man sich noch fragen, was mit Wille gemeint ist. Vielleicht helfen diese sprachanalytischen Betrachtungen weiter:

https://reducing-suffering.org/why-free-will-is-not-an-illusion/

https://reducing-suffering.org/dissolving-confusion-about-consciousness/

(Zugegebenermaßen verwirrt mich das Thema Qualia immer noch.)


Die neuesten Kommentare

Zurück zur Übersicht | nach oben


© 2004–2018: Forschungsgruppe Deutsche Sprache e.V.

Vorstand: Reinhard Markner, Walter Lachenmann, Jan-Martin Wagner
Mitglieder des Beirats: Herbert E. Brekle, Dieter Borchmeyer, Friedrich Forssman, Theodor Ickler, Michael Klett, Werner von Koppenfels, Hans Krieger, Burkhart Kroeber, Reiner Kunze, Horst H. Munske, Adolf Muschg, Sten Nadolny, Bernd Rüthers, Albert von Schirnding, Christian Stetter.

Webhosting: ALL-INKL.COM