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Theodor Icklers Sprachtagebuch

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14.11.2013
 

Intentionalität und Sprache
Die Naturalisierung der Intentionalität durch Sprachkritik – eine Skizze

Der Ausdruck Intentionalität wird in der Philosophie hauptsächlich in zwei Bedeutungen verwendet:
1. als bildungssprachlicher Ausdruck (oder Anglizismus) für ‚Absichtlichkeit‘,
2. in einer Bedeutung, die man als die scholastisch-phänomenologische bezeichnen kann; sie läßt sich als ‚Gerichtetheit‘ oder ‚Bezüglichkeit‘ (engl. aboutness) umschreiben. Diese Bezüglichkeit wird einerseits sprachlichen Zeichen zugeschrieben, andererseits geistigen oder mentalen Vorgängen bzw. Akten.
In beiden Bedeutungen steht Intentionalität einer naturalistischen Auffassung entgegen, da es in einer Welt der Tatsachen weder Absichten und Ziele noch Gerichtetheit im phänomenologischen Sinne geben kann.
Gelegentlich wird behauptet, die beiden Bedeutungen hätten nichts miteinander zu tun:
„Der Begriff der Intentionalität wird in der Philosophie des Geistes in einem technischen Sinne gebraucht, der mit der gewöhnlichen Bedeutung des Wortes ‚Intention‘ nichts zu tun hat. Wenn Philosophen von der Intentionalität des menschlichen Geistes sprechen, dann beziehen sie sich nicht auf den Umstand, daß wir Wesen sind, die Absichten verfolgen, sondern auf die Tatsache, daß viele mentale Zustände auf etwas gerichtet sind.“ (Wolfgang Barz)
Auch diese Behauptung ist zu überprüfen.

Intentionalität I: Wollen, Absicht

Statt einfach etwas zu tun, kann ein Mensch sagen, was er tun wird. Man kann ihn auch danach fragen, und dann wird er gewöhnlich sagen, er werde oder wolle dies oder jenes tun. „Unser Wollen ist ein Vorausverkünden dessen, was wir unter allen Umständen tun werden. Diese Umstände aber ergreifen uns auf ihre eigene Weise.“ (Goethe: DuW III, 11)
Eine solche Ankündigung hat mehrere Vorteile. Zunächst können sich die Gruppenmitglieder frühzeitig auf das angekündigte Verhalten einstellen. Auch bei Tieren hat man ein „Intentionsverhalten“ beobachtet, z. B. ein Flügelschlagen bei gesellig lebenden Vögeln als Anzeichen eines bevorstehenden Auffliegens. Der Schwarm fliegt gemeinsam auf, wenn das vorausgehende Verhalten eine gewisse Schwelle erreicht hat. Allerdings sind solche Ankündigungen bei Tieren auf das Hier und Jetzt beschränkt, nur der Mensch kann ausdrücken, was er morgen tun wird oder nur unter gewissen Bedingungen tun würde. Diese höhere Form der Handlungskoordination ist einer der Vorteile, um derentwillen sich die menschliche Sprache entwickelt haben dürfte. Weder die bisherige Erfahrung im Umgang mit einem Menschen noch die Zuschreibung bestimmter Charakterzüge ermöglichen es uns, das Verhalten dieses Menschen so sicher vorherzuwissen wie seine ausdrückliche Ankündigung dessen, was er tun wird oder will.
Die jeweiligen Umstände „ergreifen uns auf ihre eigene Weise“: Ein angekündigtes Verhalten kann zum Beispiel von den Mitgliedern der Gruppe vorab kommentiert werden. Die anderen können also zu- oder abraten und damit ihre eigene Erfahrung oder die Erfahrung Dritter zur Geltung bringen. Diese Erfahrung kann die Form aussprechbaren „Wissens“ angenommen haben oder in unbefragten Sitten, Gebräuchen und Tabus eingeschlossen sein. Unter geeigneten Umständen kann es zu handgreiflicher Verhinderung des Verhaltens kommen. Mit solchen Interventionen erspart die Gruppe es dem einzelnen, jede Erfahrung selbst zu machen, und trägt zur Vermehrung des gemeinschaftlichen „Wissens“ bei.
Die Situation, in der ein Verhalten angekündigt und damit dem möglichen Einspruch der Gruppe ausgesetzt wird, nenne ich „Deliberationssituation“ und das Gespräch, in dem über eine bevorstehende Handlung beraten wird, „Deliberationsdialog“. Nach Abschluß des Verhaltens ergibt sich möglicherweise eine Rechtfertigungssituation mit einem entsprechenden Rechtfertigungsdialog. Er rekonstruiert typischerweise die Deliberationssituation: Welche Gründe waren entscheidend? Wäre die Tat bei passender Beratung unterblieben? Beide Arten des Dialogs sind aus der klassischen Rhetorik, besonders der forensischen Rhetorik bekannt und werden hier in Anlehnung an diese Tradition benannt (Genus deliberativum bzw. iudiciale). (Zum Rechtfertigungsdialog als Ursprung von Selbstbeobachtung und Selbstbewußtsein s. Skinner: „Wissenschaft und menschliches Verhalten“ Kap. 18. - Wilfried Stroh meint, daß die Bezeichnung deliberativ als Übersetzung von symbuleutisch „fast unbegreilich“ scheint, „da sie sich ja auf die Tätigkeit des Redeadressaten, nicht des Redners bezieht“ [Die Macht der Rede. Berlin 2009:179]. Für unsere Zwecke paßt sie aber gut, da wir es mit dem dialogischen Erwägen von Handlungsoptionen zu tun haben.)

Soweit das angekündigte Verhalten in der Willensbekundung benannt wird, wirft es die Frage auf, wie ein noch gar nicht gegebener Stimulus das Sprachverhalten steuern kann. Diese Funktion übernehmen andere Reize, die in der gegebenen Situation mit dem eigentlich relevanten Reiz regelhaft verbunden sind. Skinner diskutiert einen solchen Fall:
„Nehmen wir an, daß ein Kind daran gewöhnt ist, auf dem Frühstückstisch eine Orange zu sehen. Fehlt die Orange eines Morgens, sagt das Kind schnell Orange. (...) Wieso konnte die Reaktion erfolgen, obwohl gar keine Orange als Reiz gewirkt hat? (...) Die Reaktion wird durch den Frühstückstisch mit allen seinen vertrauten Eigenschaften und durch andere zur Tageszeit passende Reize ausgelöst. Zu diesen Reizen gehörten oftmals Orangen, und die Reaktion Orange ist in ihrer Anwesenheit verstärkt worden.“ (Verbal behavior. Englewood Cliffs 1957:101; eigene Übersetzung)
Die Ankündigung eines Verhaltens ist die vorgeschaltete sprachliche Phase eines neuen Gesamtverhaltens. Die Gruppenmitglieder reagieren gegebenenfalls auf diese Anfangsphase wie auf jedes andere Verhalten in der gelernten Weise. Auch von jenen Vögeln sagen wir, das Flügelschlagen sei nicht die Bekundung der Absicht zu fliegen, sondern die Anfangsphase des Auffliegens selbst, und auf diese erste Phase können die anderen Mitglieder des Schwarms reagieren. So wird die intentionalistische Begrifflichkeit vermieden.
Goethes Formulierung sieht davon ab, das Wollen in eine verhaltensfremde „geistige“ Sphäre zu versetzen oder die Willensbekundung als Protokollaussage über mentale Prozesse zu deuten. Er beschränkt sich ausdrücklich auf das „Vorausverkünden“, also das Ankündigungsverhalten. Es handelt sich einfach um eine Verständigungstechnik: „Weil wir 'wollen' sagen können, glauben wir zu wollen.“ (Fritz Mauthner: Beiträge zu einer Kritik der Sprache. Bd. 1. Frankfurt, Berlin 1906:67) Bemerkenswert ist auch, daß Goethe bereits die große Nähe von will tun und wird tun angedeutet hat. Oft fragen wir „Was wirst du tun?“ und meinen kaum etwas anderes als „Was willst du tun?“ Letzteres wird in herkömmlicher phänomenologischer Auffassung als Beschreibung eines mentalen Zustandes angesehen, ersteres nicht, obwohl es fast dasselbe bedeutet. Der Unterschied besteht darin, daß werden die Unabänderlichkeit hervorhebt, wollen die Offenheit für Einspruch. Es handelt sich also um einen Unterschied der Funktion im Dialog und nicht um einen psychologischen.
Im Deutschen hat sich das Hilfsverb werden als Futur-Periphrase erst spät (um 1700) vollständig aus der Konkurrenz der Modalverben sollen, wollen, müssen gelöst (Polenz II:262) – ebenfalls ein Hinweis auf die semantische Nähe. Da es keinen Infinitiv des Futurs gibt, behilft man sich oft mit wollen:
Bei ihren Beratungen hat sich die Freisinger Bischofskonferenz mit der Frage des Rechts zur Mitwirkung an der Besetzung der außerhalb der Katholisch-Theologischen Fakultäten bestehenden Konkordatslehrstühle auseinandergesetzt und beschlossen, auf die Ausübung dieses Rechts aus dem Bayerischen Konkordat verzichten zu wollen. (Erklärung der Freisinger Bischofskonferenz, Frühjahrsvollversammlung der bayerischen Bischöfe in Waldsassen am 30. und 31. Januar 2013)
Man kann eigentlich nicht beschließen, etwas tun zu wollen. Das Modalverb steht hier im Sinne von werden. (Zum Futur gibt es keinen Infinitiv.)
Das Konstrukt des Wollens ist in Wortschatz und Grammatik der Sprache fest verankert. Dazu einige Beispiele:

Die anderen Modalverben, also können, mögen, dürfen, müssen, sollen lassen sich nicht definieren, ohne daß man sich auf wollen bezieht. können, mögen werden verwendet, wenn dem eigenen Wollen kein Hindernis entgegensteht, wobei dürfen zusätzlich angibt, daß auch fremdes Wollen kein Hindernis darstellt („nihil obstat“); müssen, wenn das eigene Wollen durch fremden Zwang eingeschränkt wird; sollen, wenn dieser Zwang auf fremdem Willen beruht.
schaffen, gelingen und ähnliche Verben setzen wollen voraus.
In viele Gegenstandsbezeichnungen ist der Zweck eingebaut, z. B. lassen sich Schlüssel, Henkel, Haus, Nest, Falle, Weg usw. gar nicht ohne Funktionsbestimmung definieren.
Verben wie geben und schenken setzen ein Haben voraus, das seinerseits auf gesellschaftliche Verhältnisse verweist, unter denen es so etwas wie Besitzansprüche gibt, d. h. ein Verfügenwollen.
Faktitive und kausative Verben wie leeren, fetten, heizen, glätten, ölen, kürzen, brühen, wärmen, fällen, füttern bezeichnen ein zweckgerichtetes Verhalten, ebenso die privativen „Küchenverben“ wie schuppen, köpfen, häuten, schälen.
Finalsätze drücken einen Zweck oder ein Ziel aus, nehmen also auf Absichten Bezug.
Bezug auf ein Wollen steckt in Konstruktionen wie das ist ihm zu schwer = das ist schwerer, als er will.
Das Handlungsschema wird in Vorrichtungen hineingearbeitet, die man als teleologische Maschinen bezeichnen kann. Einfache Beispiele wären der Fliehkraftregler, der Füllmechanismus der Wasserspülung usw.
Wie gezeigt, hat das Wollen seinen Platz in bestimmten Dialogspielen. Wir neigen jedoch dazu, das Handlungsschema, also die Verbindung von Absicht und Ausführung, auch in die nichtmenschliche Natur zu projizieren, weil sich mit diesem Modell die Fälle von Anpassung bequem erklären, d. h. in ein vertrautes und bewährtes Schema einfügen lassen. Ist der Mechanismus der Evolution einmal klar, haben Biologen keine Bedenken, intentionalistische Metaphern auf die Phylogenese anzuwenden, zum Beispiel den Finalsatz:
Um eine Kolonie lose miteinander assoziierter Einzelzellen in einen integrierten Organismus zu verwandeln, bedurfte es zunächst eines neuen Selektionskriteriums(Wolfgang Wieser, Hg.: Evolution der Evolution. Heidelberg 1994:34)
Auch das konkrete Verhalten der Tiere wird, obwohl instinktgesteuert, gern so dargestellt: Moskitoweibchen trinken Blut, um Proteine zur Produktion von Eiern zur Verfügung zu haben (SZ 4.1.08). Hierher gehört auch die Personifizierung der „Natur“:
Die Natur bildet eine Ganzheit. Sie löst ihre langfristigen Probleme immer auf optimale Weise. (Lorenz und die Folgen. Zürich 1978:1089)
Auch kulturgeschichtliche Entwicklungen werden gern als zielgerichtete Handlungen dargestellt:
(Die Menschheit brauchte 3000 Jahre, um das Problem zu lösen,) die potentiell unendliche Vielfalt des menschlichen Denkens in einer potentiell ebenso großen, aber dabei immer auch geistig beherrschbaren Vielfalt von Zeichen auszudrücken (Friedhart Klix: Erwachendes Denken. Berlin 1985:187).
Ebenso:
Die Entwicklung der Schrift geschieht in einem mehrere Tausend Jahre beanspruchenden Problemlösungsprozeß. (Wolfgang Schnotz: Aufbau von Wissensstrukturen. Weinheim 1994:10)
Dieses Problem hat es nie gegeben; die Alphabetschrift erscheint nur im Rückblick als seine Lösung. Darauf paßt die Bemerkung Skinners:
„People do not observe particular practices in order that the group will be more likely to survive; they observe them because groups which induced their members to do so survived and transmitted them.“ (In Catania/Harnad [Hg.] 1988:15. Vgl. Skinner ebd. 219 zum „Problemlösen“ nach Thorndike.)
Solche „ptolemäischen Redensarten“ (wie die Allgemeine Semantik die sprachlichen Relikte überholter Weltbilder kritisch zu nennen pflegte) sind heute harmlose Spielformen. Psychologen sehen jedoch in der „Hypertrophie sozialer Wahrnehmung“ auch die Grundlage animistischer und vieler religiöser Überzeugungen.
Der Fehler, das Wollen als ein mentales Ereignis oder einen Zustand zu verstehen, führt zu unlösbaren Problemen:
„Wie geschieht es, dass unser Körper in aller Regel unserem Willen gehorcht, dass etwa, wenn ich trinken will, sich meine Hände so bewegen, dass sie tatsächlich die Tasse ergreifen und zum Munde führen?“ (Joachim Hoffmann u. a.: „Spekulationen zur Struktur ideo-motorischer Beziehungen“, Zeitschrift für Sportpsychologie 14/3, 2007, 95-103, S. 95)
Man wird schwerlich bestreiten, daß der Körper dem Willen gehorcht, und doch hat die Ausdrucksweise etwas Schiefes. Natürlicher wäre es zu sagen, daß ich meistens, aber nicht immer tun kann, was ich will. Nimmt man die philosophische Rede von „meinem“ Willen und „meinem“ Körper wörtlich, ergibt sich die weitere Frage, was denn dieses Ich ist, dem beides zugehört usw.
Das lösbare Problem besteht darin, unwillkürliche von willkürlichen, d. h. kommunikativ steuerbaren Bewegungen zu unterscheiden und die Steuerung selbst zu erklären.


Intentionalität II: Gerichtetheit, Aboutness

Gerichtetheit des Mentalen
Gerichtetheit wird sowohl bestimmten „geistigen Akten“ zugeschrieben als auch sprachlichen Handlungen, und zwischen beidem sollen Verbindungen existieren, die das ganze Problem sehr kompliziert erscheinen lassen. Die Diskussion muß sich auf einige exemplarische Fassungen beschränken. Das bekannteste Dokument der phänomenologischen Richtung ist folgende Stelle von Franz Brentano:
„Jedes psychische Phänomen ist durch das charakterisiert, was die Scholastiker des Mittelalters die intentionale (auch wohl mentale) Inexistenz des Gegenstandes genannt haben, und was wir, obwohl mit nicht ganz unzweideutigen Ausdrücken, die Beziehung auf einen Inhalt, die Richtung auf ein Objekt (worunter hier nicht eine Realität zu verstehen ist), oder die immanente Gegenständlichkeit nennen würden. Jedes enthält etwas als Objekt in sich, obwohl nicht jedes in gleicher Weise. In der Vorstellung ist etwas vorgestellt, in dem Urteil etwas erkannt oder verworfen, in der Liebe geliebt, in dem Hasse gehaßt, in dem Begehren begehrt usw.
Diese intentionale Inexistenz ist den psychischen Phänomenen ausschließlich eigentümlich. Kein physisches Phänomen zeigt etwas Ähnliches. Und somit können wir die psychischen Phänomene definieren, indem wir sagen, sie seien solche Phänomene, welche intentional einen Gegenstand in sich enthalten.“ (Franz Brentano: Psychologie vom empirischen Standpunkt. Leipzig 1924:24, zuerst 1874)
Die umfangreiche Literatur seit Brentano hat sich zunächst vor allem mit der Frage beschäftigt, ob Intentionalität ein notwendiges, hinreichendes und ausschließliches Kriterium des Psychischen oder, wie man heute meist sagt, „mentaler Phänomene“ ist. Seltener wird die Voraussetzung in Zweifel gezogen, daß es mentale Phänomene überhaupt gibt bzw., sprachanalytisch ausgedrückt, daß die Rede von mentalen Phänomenen sinnvoll ist und welchen Sinn sie allenfalls haben könnte. Wie schon das Brentano-Zitat erkennen läßt, sind die mentalen Phänomene etwas, was sich der Naturalisierung zu entziehen scheint. Ihre Analyse ist daher eine Hauptaufgabe der naturalistischen Philosophie.
Die – im weiteren Sinne – phänomenologisch orientierte Philosophie beruft sich auf die Existenz des Mentalen als letzte Gewißheit.
Ein Verhaltensforscher hat kein Bedürfnis, sich der Existenz seines Forschungsgegenstandes zu versichern. Traditionelle mentalistische Psychologen beginnen ihre Einführungswerke aber gern mit solchen Letztbegründungen. Es sind verschiedene, aber miteinander zusammenhängende „Phänomene“, deren Existenz als evidente, unbezweifelbare Grundlage des psychologischen Unterfangens dargestellt werden: die „Innenwelt“ oder der „Geist“ bzw. das „Mentale“ schlechthin, dann auch dessen Inhalte in mehr oder weniger eingehender Bestimmtheit, wie die „Gerichtetheit“ („Intentionalität“) psychischer Phänomene.
Die Gewißheit dieser Grundlagen wird auf zwei Wegen begründet: entweder durch Überlegung oder durch Appell an die Erlebnisse und Erfahrungen des Lesers. Man könnte in einem weiteren Sinne von logischer vs. phänomenologischer Argumentation sprechen.
Descartes stellte sich die heute fast unverständliche Frage, ob es einen Beweis für seine Existenz gebe, und er fand ihn im „Cogito ergo sum“: Wenn ich zweifle, ob es mich gibt oder ob ein böser Geist mich täuscht, dann muß es mich als Zweifelnden doch wenigstens geben. Diese Schlußfolgerung wird heute als logisch ungültig angesehen (was der Mathematiker Descartes gewußt haben dürfte) oder auf andere Weise sprachkritisch demontiert.
Gelegentlich findet sich auch unter Psychologen noch die räsonierende Denkfigur Descartes’:
„Modern philosophy began with what I think is the valid insight that consciousness is the most certain thing in the world. (...) You cannot coherently doubt that you are conscious, for to doubt it is to be conscious; you establish the fact of consciousness in the very act of doubting it.“ (Brand Blanshard: „The Problem of Consciousness: A Debate with B. F. Skinner. Opening Remarks“. Philosophy and Phenomenological Research 27/3, 1967:317-337, S. 317)
Ähnlich in traditionellen Psychologie-Lehrbüchern:
„Es gibt in der ganzen Natur nichts, an dessen Existenz wir weniger zweifeln könnten als an dem, was sich in uns selbst an seelisch-geistigen Vorgängen abspielt. Wer daran zweifeln wollte, ist durch seinen eigenen Zweifel widerlegt, denn auch dieser ist ein bewußtes Erleben.“ (Hubert Rohracher: Einführung in die Psychologie. 10. Aufl. 1971:3)
Eines phänomenologischen Appells hingegen bedienen sich die meisten Philosophen und auch Psychologen mit Ausnahme der Behavioristen:
„Every one agrees that we there discover states of consciousness. (...) I regard this belief as the most fundamental of all the postulates of Psychology, and shall discard all curious inquiries about its certainty as too metaphysical for the scope of this book.“ (William James: Principles of Psychology. New York 1890:185).
„The Fundamental Fact. - The first and foremost concrete fact which every one will affirm to belong to his inner experience is the fact that consciousness of some sort goes on. 'States of mind' succeed each other in him. If we could say in English 'it thinks,' as we say 'it rains' or 'it blows,' we should be stating the fact most simply and with the minimum of assumption. As we cannot, we must simply say that thought goes on.“ (Ebd. 153)
„Ausschließlich in der inneren Erfahrung, in den Tatsachen des Bewußtseins, fand ich einen festen Ankergrund für mein Denken.“ (Wilhelm Dilthey: Einleitung in die Geisteswissenschaften, Leipzig/Berlin 1923:XVII)
„Bewußtsein wird von uns als ständiger Begleitumstand von Wahrnehmen, Erkennen, Vorstellen, Erinnern und Handeln empfunden. Bei allem, was ich tue und erlebe, habe ich das Gefühl, daß ich es bin, der etwas tut oder erlebt, daß ich wach und 'bei Bewußtsein' bin.“ (Gerhard Roth in Wulf Schiefenhövel u. a.: Vom Affen zum Halbgott. Stuttgart 1994:141)
„Es besteht kein Zweifel, daß wir uns selbst einer Außenwelt gegenüberstehend erleben.“ (Johannes Engelkamp/Thomas Pechmann: „Kritische Anmerkungen zum Begriff der mentalen Repräsentation“. Sprache & Kognition 7, 1988:2-11, S. 3)
In der eigentümlichen Metaphorik der Phänomenologen heißt es:
„Jedes intellektive Erlebnis und jedes Erlebnis überhaupt, indem es vollzogen wird, kann zum Gegenstand eines reinen Schauens und Fassens gemacht werden, und in diesem Schauen ist es absolute Gegebenheit. Es ist gegeben als ein Seiendes, als ein Dies-da, dessen Sein zu bezweifeln gar keinen Sinn gibt.“ (Edmund Husserl: Die Idee der Phänomenologie. Fünf Vorlesungen. Haag 1958:31)
Dieses so sichere Bewußtsein wird erst neuerdings in einer Weise definiert, die auf Thomas Nagel zurückgeht und von beinahe jeder inhaltlichen Bestimmung wie „Bewußtseinsstrom“ usw. absieht:

„An organism has conscious mental states if and only if there is something that it is to be that organism—something it is like for the organism.“ („What is it like to be a bat?“ The Philosophical Review 83/4, 1974:435-450, S. 435).
„Eine Entität hat 'Bewußtsein', wenn es für diese Entität irgendwie ist, diese Entität in dieser oder jener Weise zu sein.“ (Martin Kurthen in Sybille Krämer, Hg.: Bewußtsein. Philosophische Beiträge. Frankfurt 1996:17)
„To say one has an experience that is conscious (in the phenomenal sense) is to say that one is in a state of its seeming to one some way. In another formulation, to say experience is conscious is to say that there is something it's like for one to have it.“ („Consciousness“ in: Stanford Encyclopedia of Philosophy)
„The idea of phenomenal consciousness is the idea of ‘something that it is like’ to which Thomas Nagel directed our attention (1979, p. 166): ‚an organism has conscious mental states if and only if there is something that it is like to be that organism – something it is like for the organism.‘ We can say that a system is phenomenally conscious just in case there is something that it is like to be that system, and that a state of a system is a phenomenally conscious state if and only if there is something that it is like, for the system, to be in that state.“ (Martin Davies: „Consciousness and the Varieties of Aboutness“. In: In Cynthia Macdonald/Graham Macdonald (Hg.): Philosophy of Psychology: Debates on Psychological Explanation. Oxford 1995: 356–392)
„Wenn jemand Schmerz empfindet, dann ist es für ihn irgendwie, Schmerzen zu haben. (...) Es wäre absurd anzunehmen, daß es für einen Hund nicht irgendwie ist, an seinem Lieblingsknochen zu nagen.“ (...) (Michael Tye in Thomas Metzinger, Hg.: Bewußtsein. Beiträge aus der Gegenwartsphilosophie. 2. Aufl. Paderborn u.a. 1996:108f.)
„Wenn sich ein Mensch durch eine verächtliche Bemerkung 'beleidigt fühlt', wenn er in Zorn gerät, wenn er nach Gerechtigkeit verlangt, wenn er sich 'für ein Ideal begeistert', wenn er nach Wissen strebt und ihm Erkenntnis wird, wenn er den 'Biß des Gewissens' oder den 'Schmerz der Reue' durchmacht, wenn er Neid und Eifersucht erlebt, wenn er nach Erfolg und Macht strebt, - in allen diesen Fällen, die mitten aus unserer Lebenserfahrung gegriffen sind und als Erlebnistatsachen so gesichert dastehen, wie nur irgendeine physikalische Tatsache gesichert sein kann, in allen diesen Fällen wäre ein Zweifel, ob es sich dabei nicht dennoch um rein körperliche und nicht um psychische Tatsachen handelt, schlechthin undurchführbar: so klar tritt hier das psychische Bewußtseinsgeschehen in seiner Eigenart gegenüber dem physikalischen Geschehen hervor.
Unbezweifelbare Tatsache ist, daß es ein psychisches Sein und Geschehen gibt und daß eine Welt des Lebens und Erlebens 'neben' der wahrgenommenen Welt 'physikalischen Geschehens' besteht.“ (Theodor Erismann: Allgemeine Psychologie I, Berlin 1965:7)
„...anyone who is honest and not anaesthesized knows perfectly well that he/she experiences and can introspect actual inner mental episodes or occurences, that are neither actually accompanied by characteristic behavior nor are merely static hypothetical facts of how he/she would behave if subjected to such-and-such a stimulation.“ (William Lycan in ders., Hg.: Mind and Cognition. Cambridge, Mass. 1990:5)
„Festzustellen ist nur, daß es eine elementare Tatsache des Seelischen ist, daß alle beseelten Lebewesen mit Hilfe bestimmter psychischer Prozesse mit ihrer Umgebung Kontakt gewinnen, daß sie in erlebende und praktische Kommunikation und in Wechselverkehr mit ihr treten, daß sie auf ein Außen sich beziehen, auf ein Anderes sich hinwenden, irgendeinem Anderen und Äußeren zugewandt und auf dieses bezogen sind, und so zu mehr oder weniger primitiven Formen des ‚Habens‘ von gegenständlichen Erlebnissen, des ‚Wissens‘ von Etwas, des Gewahrens von Etwas, der Kenntnisnahme gelangen, d.h. daß sie perzeptive Prozesse vollziehen.“ (Erich Rothacker: Die Schichten der Persönlichkeit. 5. Aufl. Bonn 1952:9)
„Ich kann klar feststellen, daß ich jetzt diese Empfindung, diese Wahrnehmung, diesen Gedanken habe. Mir sind diese Zustände so gegeben, daß es absurd erscheint, an ihrem Vorhandensein zu zweifeln. Dies heißt aber nichts anderes, als daß sie erfahren werden und daß man diese Erfahrung als Grund dafür anerkennt, sie als vorhanden anzunehmen.“ (Volker Gadenne/Margit E. Oswald: Kognition und Bewußtsein. Berlin u.a. 1991:23)
In ähnlicher Weise sagt man auch, es fühle sich jeweils anders an, Rot zu sehen, eine Symphonie zu hören oder ein Bier zu trinken. Diese besonderen Empfindungen seien auf nichts anderes reduzierbar, gleichsam Urgegebenheiten von „Qualia“, wie man auch gern sagt (traditionell "Erlebnisgehalt"). Jeder Versuch der Naturalisierung finde hier seine Grenze, niemand könne erklären, wie aus den materiellen Strukturen des Körpers solche Qualia-Erfahrungen entstehen, anders gesagt: wie aus Materie Bewußtsein entstehe (die „Erklärungslücke“).
Andreas Kemmerling läßt offen, ob er durch einen „Schluß“ oder durch die behauptete Evidenz oder durch beides zum „Geist, wie er uns vertraut ist“, kommt:

„Mentale Repräsentation findet statt, wann immer wahrgenommen oder gedacht, gewollt oder gefühlt wird. Denn all dies sind geistige Phänomene, und sie alle haben einen Inhalt; jedes von ihnen allein reicht aus, um den Schluß zu ziehen: Es gibt mentale Repräsentation. Jeder beliebige geistige Zustand, Vorgang oder Akt mit einem intentionalen Gehalt bezeugt unmittelbar das Phänomen der mentalen Repräsentation. Mentale Repräsentation, als Singulare tantum, leugnen, hieße den Geist, wie er uns vertraut ist, selbst leugnen. (...) Mentale Repräsentation gibt es, das ist unbestritten.“ (Andreas Kemmerling in Kognitionswissenschaft 1, 1992:47f. )
Der letzte Satz erinnert an den triumphierenden Ton, in dem John Searle die „Wiederkehr des Geistes“ verkündet.
„Wenn aus einer Theorie die Nichtexistenz von Bewußtsein folgt, dann ist dies meines Erachtens eine schlichte reductio ad absurdum der Theorie.“ (John Searle: Die Wiederentdeckung des Geistes. München 1993:23)
In Wirklichkeit wird mentale Repräsentation von namhaften Philosophen wie Peter Hacker und von den Behavioristen bestritten. Skinner kommentiert:
„The battle cry of the cognitive revolution is 'Mind is back!' A 'great new science of mind' is born. Behaviorism nearly destroyed our concern for it, but behaviorism has been overthrown, and we can take up again where the philosophers and early psychologists left off.” (Recent Issues in the Analysis of Behavior. Columbus 1989:22)

Begriffliche Schwierigkeiten mit „Aboutness“

Die Intentionalität im phänomenologischen Sinn wird heute oft auf eine Weise formuliert, die für Nichtmentalisten geradezu unverständlich ist:
„Some things in the world - for example, pictures, names, maps, utterances, certain mental states - represent, or stand for, or are about other things.“ (Robert C. Stalnaker: Inquiry. Cambridge, Mass./London 1984:6)
„Something has an intentional property if it has propositional content, or if it is about something.“ (Rosenthal in Ders. [hg.]:463)
„Intentionality is aboutness. Some things are about other things: a belief can be about icebergs, but an iceberg is not about anything; an idea can be about the number 7, but the number 7 is not about anything; a book or a film can be about Paris, but Paris is not about anything.“ (Daniel Dennett: Intentionality (with John Haugeland), in R. L. Gregory, ed., The Oxford Companion to the Mind. Oxford 1987)
„Intentionality is the power of minds to be about, to represent, or to stand for, things, properties and states of affairs.“ (Jacob: Intentionality. Stanford Encyclopedia of Philosophy)
Die „über“-Beziehung ist uns von Verben des Sprechens und Denkens bekannt, die mit einem Präpositionalobjekt über x verbunden werden: sprechen, nachdenken usw. über etwas (aber bemerkenswerterweise nicht denken allein). Diese Verben können auch als Abstrakta substantiviert werden und erben dann die Valenz des Verbs: eine Rede (ein Vortrag, ein Buch usw.) über etwas. Eine philosophische Abstraktion ist die „Proposition“. Darin ist substantiviert, daß jemand etwas sagt. Auch Buch und Text werden nicht als „Gegenstände“, sondern als Abstraktionen zu Verba dicendi bzw. Synonyme davon mit "über" konstruiert. Dinge und Zustände können im eigentlichen Sinn nicht „über“ etwas sein. So zerfällt auch die Welt nicht in Gegenstände, die über etwas sind, und solche, die nicht über etwas sind. Das ist keine sachliche Feststellung, sondern eine begriffliche, sprachkritische. Ich frage mich, wie ein so scharfsinniger Denker sagen kann, manche Dinge (!) seien "über" etwas. Dennett ist hier ebenso naiv wie Searle.
Manchmal werden die „Dinge“ zu „Entitäten“ verfremdet, damit die Unbegreiflichkeit der Aboutness nicht so auffällt. Das ändert natürlich nichts an der Kritikwürdigkeit. Neuerdings hat man die Intentionalität in den Jargon der Neurologie gepackt und fragt danach, wie neuronale Prozesse sich auf etwas beziehen können. Sie steuern das Verhalten, darunter das Sprachverhalten, aber als reale Vorgänge können sie sich schon begrifflich nicht auf etwas „beziehen“, und der Neurologe wird auch bei genauester Beobachtung nichts dergleichen finden.



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Kommentare zu »Intentionalität und Sprache«
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Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 16.11.2013 um 00.21 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1587#24394

Verkürzt lautet das Zitat:
Die Bischofskonferenz hat beschlossen, auf die Ausübung verzichten zu wollen.

Prof. Ickler: "Man kann eigentlich nicht beschließen, etwas tun zu wollen. Das Modalverb steht hier im Sinne von werden."

Meiner Ansicht nach ist hier wollen genauso überflüssig wie werden. Wer verzichten will/wird, wer also ankündigt zu verzichten, der hat bereits verzichtet! Für mich läuft das unter unnötigem Gebrauch von Hilfs- und Modalverben, den ich im Diskussionsforum schon oft kritisiert habe. Ist der folgende Satz bei exakt gleicher Aussage nicht viel besser?

Die Bischofskonferenz hat beschlossen, auf die Ausübung zu verzichten.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 16.11.2013 um 05.05 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1587#24396

Das wäre sicher am einfachsten. Immerhin gilt die Absicht den erst in der Zukunft zu erwartenden Fällen, insofern finde ich das Futur auch angemessen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 24.04.2014 um 11.52 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1587#25660

Besonders die generativistischen Semantiker haben lange Zeit versucht, die Kausativität so aufzulösen: to kill = to cause to die.

Das ist längst widerlegt, aber noch immer gibt es Versuche in dieser Richtung. "legen" bedeutet keineswegs "verursachen, daß etwas liegt". Denn wenn ich an ein Bücherregal stoße, so daß ein Buch herausfällt und dann auf dem Tisch liegt, kann man trotzdem nicht sagen, ich hätte es auf den Tisch gelegt. Wenn ich dagegen sage: "Paß mal auf, wie ich ein Buch auf den Tisch lege" - und dann mit genau derselben Bewegung ans Regal stoße, so daß das Buch herausfällt und dann auf dem Tisch liegt, dann habe ich es tatsächlich auf den Tisch gelegt. Zur Kausalität gehört also hier die Intentionalität, und die ist nur im Zusammenspiel mit wirklichen oder möglichen Ankündigungs-Sprechakten möglich.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 30.09.2014 um 09.02 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1587#26891

The closest thing to a synonym for ‘intentionality’ is ‘aboutness’; something exhibits intentionality (to a first approximation) if and only if it is about something. The relevant sense of ‘about’ is best elucidated by example: the name ‘Saul Kripke’ is about Saul Kripke; my belief that the weather in South Bend is dreary is about the city of South Bend, Indiana; the black lines and curving blue stripe on the map in my hand are about the streets of South Bend and the St. Joseph River; the position of the needle gas gauge in my car is about the amount of gasoline in the tank of my car. (Speaks down. - http://www3.nd.edu/~jspeaks/papers/intentionality.pdf)

Eine von unzähligen Stellen dieser Art. Bis auf eine Ausnahme werden Ausdrucksweisen vorgeführt, die es weder im Englischen noch im Deutschen gibt. Der Name Kripke ist nicht über Kripke und handelt auch nicht von ihm. Folglich ist diese Ausdrucksweise ohne Sinn, aber fast niemand bemerkt es, so sehr ist der phänomenologische Jargon eingebürgert.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 31.10.2014 um 09.12 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1587#27210

Indem die Vögel ein Nest bauen, „kündigen sie an“, daß sie dort brüten werden. Der Nestbau ist eine vorgeschaltete Phase des Brütens. Aber sie „wollen“ nicht brüten, denn es gibt keine Möglichkeit des Einspruches, der sie von ihrem „Vorhaben“ abbringen könnte. Darum ist das „Ankündigen“ in Wirklichkeit nicht kommunikativ.
Das ist der allgemeine Handlungsrahmen, und wir nennen einen Willen „frei“, wenn er in diesen Rahmen paßt. (Die verschiedenen Zwänge, die mich sagen lassen: „Ich konnte mich nicht frei entscheiden“, sind philosophisch unproblematisch.) Daran kann keine Hirnforschung etwas ändern, weil die Freiheit des Willens keine Tatsachenfrage ist, sondern eine sprachliche Konvention.
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 26.11.2014 um 13.03 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1587#27444

Nach Nikolaos Trunte, Kirchenslavisch, nimmt die Umschreibung des Futurs mit dem Hilfsverb "wollen" ihren Anfang im Mittelgriechischen des 7. Jahrhunderts. Seit dem 10. Jahrhundert ist die Ersetzung des Infintivs durch einen Finalsatz auch bei der Futurperiphrase zu finden. Vom Mittelgriechischen breitete sich das wollen-Futur ins Altbulgarische (Altkirchenslavische), Serbische, Kroatische, Albanische und Rumänische aus ("Balkanismus"). Im Neugriechischen, Neubulgarischen, Mazedonischen, Albanischen und Rumänischen ist das Hilfsverb zu einer festen Partikel vor den Präsensformen erstarrt, nur im Serbischen und Kroatischen ist noch das volle wollen-Paradigma-Futur erhalten.
Nach Trunte entstand das in den übrigen slavischen Sprachen übliche "werden-Futur" mit den perfektiven Präsensformen von "sein" erst später. (Das Präsens perfektiver Verben gilt als Futur.)
(Interessant ist vielleicht, daß das altgriechische "s-Futur" noch im Litauischen und Lettischen als den ältesten lebenden indogermanischen Sprachen die Norm ist.)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 01.02.2015 um 07.08 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1587#27949

Mit den "ältesten noch lebenden indogermanischen Sprachen" können nur die vermutlich altertümlichsten gemeint sein; denn die idg. Sprachen sind ja alle gleich alt.

Eine Kollegin von mir hat mal versucht, das deutsche werden-Futur aus tschechischem Sprachkontakt zu erklären, aber das scheint nicht mit der geographischen Verteilung vereinbar zu sein und ist auch gar nicht nötig.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 01.02.2015 um 07.11 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1587#27950

Man spricht manchmal von entleerten Bräuchen u. ä., aber nie von geleerten Bräuchen. Sonst müßte ja jemand sie geleert haben, also absichtlich.
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 01.02.2015 um 12.24 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1587#27953

Das Deutsche ist die einzige mir bekannte indoeuropäische Sprache, in der das Futur 1 mit dem Präsens und einem Zeitadverb gebildet werden kann und das Futur 2 mit dem Perfekt und einem Adverb wie "fertig" u. ä. oder einem perfektiven Verb-Präfix. Beispiele: Morgen gehe ich zur Arbeit; Wenn ich fertig gegessen habe, ... Wenn ich aufgegessen habe, ... Bis zum Abend habe ich das geschafft. Aber: Ich werde das schaffen.
 
 

Kommentar von Horst Ludwig, verfaßt am 01.02.2015 um 13.17 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1587#27955

Zu #27953 ("Das Deutsche ist die einzige mir bekannte indoeuropäische Sprache, in der das Futur 1 mit dem Präsens und einem Zeitadverb gebildet werden kann") wohl ganz natürlich: Tomorrow I can't come. Tomorrow I'm working.
 
 

Kommentar von Klaus Achenbach, verfaßt am 01.02.2015 um 14.02 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1587#27956

As soon as I've eaten (up), ...

Demain, je vais au travail.

Dès que j'ai complètement lu le livre, ...
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 02.02.2015 um 00.31 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1587#27959

Hier liegt m. E. ein Kategorienfehler vor. Präsens und Futur 1 sind verschiedene Zeitformen. Zu behaupten, die eine werde mit der anderen gebildet, ist ein innerer Widerspruch. Das gleiche gilt für Perfekt und Futur 2.

Morgen gehe ich zur Arbeit
ist formal Präsens, kein Futur 1.

Bis zum Abend habe ich das geschafft
ist formal Perfekt, kein Futur 2.

Daß mitunter das Präsens benutzt wird, um sinngemäß das gleiche wie mit dem Futur 1 auszudrücken, oder daß entsprechend mit dem Perfekt das Futur 2 umschrieben werden kann, meist unter Zuhilfenahme geeigneter Adverbiale o. a., ist etwas ganz anderes.
 
 

Kommentar von Horst Ludwig, verfaßt am 02.02.2015 um 08.43 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1587#27961

Wir dürfen uns von den Bezeichnungen, die wir bestimmten sprachlichen Formen und Strukturen gegeben haben, nicht verführen lassen anzunehmen, daß damit aller Gebrauch festgelegt ist. Das gilt fürs "Präsens" hier genauso wie für "maskulin", "feminin", "aktiv und passiv" und was weiß ich. Wenn ich sage, "Ich arbeite im Büro", dann kann es sein, daß ich dabei im Büro sitze. Aber es kann auch sein, daß ich auf die Frage antworte, was ich am nächsten Tag mache, oder aber auch ohne Zeitadverbial vor dem Fernseher zu Hause verärgert auf eine telefonische Aufforderung reagiere, irgendein Problem zu lösen, das in meine Büroarbeit fällt, und daß ich damit also deutlich sage, daß ich in der Gegenwart gerade *nicht* arbeite.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 02.02.2015 um 08.54 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1587#27962

Nach den berechtigten Korrekturen meiner Vorredner möchte ich die Tempusdiskussion dort fortsetzen, wo wir sie schon begonnen hatten:
http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1440
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 17.02.2015 um 06.32 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1587#28099

Varoufakis strotzt vor Selbstbewusstsein (Welt 17.2.15)

Ich hatte die Überschrift wieder mal mit leichtem Befremden gelesen, überzeugte mich dann aber aufs neue, daß strotzen heute fast ausschließlich mit der Präposition vor gebraucht wird. Laut Duden konkurriert sie mit von, und dies ist nach meinem Sprachgefühl die richtigere. Ich verstehe nämlich strotzen als relational, etwa wie "voll sein", wozu natürlich eine Ergänzung gehört. Die meisten Sprecher rechnen es aber anscheinend zu den selbständigen Verben, zu denen eine freie Kausalangabe paßt. Hier ist die Konkurrenz bekanntlich vor/aus, und zwar so, daß aus eine psychische Kausalität unter Beteiligung des Verstandes oder der Überlegung andeutet, also ein "Motiv":

Aus Geldgier verriet er die Bonner Ostpolitik. (SZ 21.2.95)

Aber:

Er zittert vor Gier. (Tausende von Belegen)

Man zittert auch vor Kälte, aber man tut etwas aus Berechnung.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 20.04.2015 um 06.08 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1587#28666

Wie besonders Peter Hacker klargestellt hat, sind die Objekte "intentionaler" Verben oft keine wirklichen Gegenstände, sondern es handelt sich um verkappte Nominalisierungen von Objektsätzen. Deshalb ist mit ihrer Nennung auch keine Existenzpräsupposition verbunden. Also zum Beispiel "Ich glaube an die Klimaerwärmung/den Teufel" usw. = "Ich glaube, daß es die Klimaerwärmung/den Teufel gibt."
Allerdings muß man gerade bei "glauben" hinzufügen, daß die Menschen über weite Strecken darunter nicht das Annehmen der Existenz verstanden haben, sondern ein Vertrauen zu etwas, dessen Existenz einfach vorausgesetzt wurde. An Gott glauben hieß: diesem Gott vertrauen, gehorchen usw. (und keinem anderen).
Sprachverführt ist man auch, wenn man zwei Personen, die Verschiedenes glauben, einen gemeinsamen Zustand unterstellt, eben die gemeinsame "Einstellung", nur mit verschiedenem Inhalt. Wenn einer glaubt, daß die Erde sich erwärmt, und ein anderer, daß sein Kaffee kalt geworden ist, haben sie nichts gemein, befiinden sich nicht in gleichen Zuständen.
Ein Haus, das einstürzen kann, und ein Kaffee, der kalt werden kann, haben keinen gemeinsamen Zustand des Könnens usw.

(Kurz und gut: AN ORRERY OF INTENTIONALITY von Hacker, herunterladbar; bestes Heilmittel gegen Brentano usw.)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 01.05.2015 um 18.13 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1587#28750

Zur Valenz der Substantive:

Wie gesagt, Gegenstände können nicht "gerichtet" sein, sondern sind einfach da. Allerdings können sie eine Geschichte haben.

Wie in der Biologie nichts Sinn hat außer im Lichte der Evolution (Dobzhansky), so ist bei Artefakten die funktionale Betrachtung die einzig sinnvolle, d. h. die Einbeziehung des Herstellers und des Nutzers der Gegenstände. Deren Absicht ist in der gezeigten Weise naturalisierbar. Insofern kann man abkürzend dem Gegenstand eine Intentionalität zuschreiben, die gewissermaßen in ihn eingebaut ist. Mausefallen sind für Mäuse, zielen auf Mäuse. Aber das ist nur so dahingesprochen, nicht die ganze Wahrheit, die vielmehr in der Konditionierungsgeschichte steckt.

Zug aus Frankfurt ist beschreibend: der Zug war vorher in Frankfurt, jetzt ist er hier. Zug nach Frankfurt ist intentional, geht normalerweise darüber hinaus, daß der Zug jetzt in Nürnberg ist und später in Frankfurt sein wird. Das kann nur mit der Vorgeschichte der Eisenbahnfahrt objektiviert werden.

Man kann nicht sagen: dieser Gegenstand ist nach Frankfurt, folglich kann auch der Zug nicht als Gegenstand nach Frankfurt sein. Ein Mensch kann nicht nach Mallorca sein, folglich auch kein Passagier oder Reisender. Nur abkürzend sagt man Reisende nach Mallorce bitte zu Gate 12.

Die Rakete zu den Planetenräumen. Auch bei genauester Betrachtung der Rakete wird man nicht feststellen, daß sie zu den Planetenräumen ist. Das ist keine intrinsische Eigenschaft, sondern man packt die in Aussicht genommene Reise zu den Planetenräumen verkürzend in den Gegenstand hinein.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 01.05.2015 um 21.43 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1587#28752

Wir hatten hier (http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1278#17364) eine ähnliche Diskussion. Wenn Er ist nach Frankreich ein rundum korrekter Satz ist, dann kann man doch eigentlich genauso Dieser Gegenstand ist nach Frankfurt und Der Reisende ist nach Mallorca sagen, oder warum nicht?

Ist Reisende nach Mallorca wirklich nur eine Abkürzung?
Die Reise zu den Planetenräumen soll hingegen erlaubt sein.
Inwiefern ist ein Reisender in diesem Zusammenhang etwas anderes als eine Reise? Beides sind Substantivierungen zu reisen. Daß wir Reise zu den Planetenräumen für gut befinden, liegt wohl auch nur daran, daß man zu den Planetenräumen reisen kann, was schließlich nur substantiviert wird. Jemand könnte also reisend zu den Planetenräumen sein. Wieso dann letzteres nicht einfach substantivieren?
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 02.05.2015 um 05.49 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1587#28754

Ich habe eigentlich nicht von richtig und falsch reden wollen, sondern von der Beobachtung, daß wir erstens Teilnehmende an der Versammlung nicht ganz richtig finden – im Gegensatz zu Teilnahme an der Versammlung. Wie Sie mit Recht sagen, lieber Herr Riemer, ist Reise, Teilnahme einfach eine syntaktische Transposition und enthält als Verbalabstraktum nichts anderes als das Verb. Dagegen wird bei Teilnehmender, Teilnehmer, Reisender, Passagier etwas hinzugefügt, sozusagen eine neue Substanz, an der die verbal ausgedrückten Tätigkeiten nur wie Merkmale haften.
Das zweite ist eher eine philosophische Deutung: Gegenstände als solche können keine Gerichtetheit haben. Das Flugzeug als Gerät ist nicht "nach Mallorca", dorthin geht vielmehr die Reise, für die das Gerät benutzt wird. Ich habe die geraffte Ausdrucksweise Flugzeug nach Mallorca nicht beanstanden, sondern erklären wollen, gegen die allgemeine Betrachtung, daß Gegenstände und daher auch Flugzeug zwar irgendwo, aber nicht irgendwohin sein können, "genau genommen" in dem angedeuteten Sinn.

Ausgangspunkt ist der vermutete Konsens, daß Teilnehmender an der Veranstaltung nicht ganz richtig ist, daß es vielmehr, wenn schon, an der Veranstaltung Teilnehmender heißen müßte.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 06.05.2015 um 04.06 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1587#28802

Im Haupteintrag habe ich Thomas Nagel erwähnt, im Anschluß daran die kanonischen Formeln der letzten Gewißheit, wie sie heute überall zu finden sind: "Es fühlt sich für mich irgendwie an/ist für mich irgendwie, ein Mensch (Th. Ickler) zu sein" usw. - Damit soll die Subjektivität oder das Bewußtsein ein für allemal gerettet werden.

„But when it is logically impossible to doubt – when it makes no sense to doubt, then it equally makes no sense to be certain either.“ (Peter M. S. Hacker: "The Sad and Sorry History of Consciousness: being among other things a challenge to the “consciousness studies community”" (Royal Institute of Philosophy Supplement 70, 2012:149-168)

Wenn es nicht sinnvoll ist zu sagen "Ich habe kein Bewußtsein", dann ist es auch nicht sinnvoll, geschweige denn eine unbezweifelbare Wahrheit, zu sagen: "Ich habe Bewußtsein". Genauer gesagt: Solche Sätze und Texte haben sehr wohl eine Funktion, aber eine andere, als die Philosophen meinen. Es sind gewissermaßen Blindtexte wie "Lorem ipsum": Formulare, die den eigentlichen Text vorbereiten. Man vergewissert sich, daß der Kanal frei ist, nämlich der Kanal der mentalistischen Redeweise insgesamt. Wer den Nagel-Satz akzeptiert, reiht sich ein in die mentalistische, folk-psychologische Verständigungstechnik. Es ist wie eine Mikrofonprobe. Anders gesagt: Man bestätigt die Geschäftsordnung der Sprache, indem man ihre inhaltliche leere Form unterschreibt. Aber die Geschäftsordnung ist nicht das Geschäft, nur Philosophen verwechseln das.

 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 07.05.2015 um 05.14 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1587#28823

Ich nehme also mit Goethe an, daß die Äußerung einer Absicht nichts anderes ist als die Voraussage eigenen Verhaltens; das allerdings, eben durch die Ankündigung, dem Einspruch oder Zuspruch anderer offen ist und dadurch verändert werden kann.
Woher weiß ich aber, was ich tun werde? Aus demselben Grund, wie ich das Verhalten anderer im voraus weiß. Unser Verhalten folgt Konventionen, die es stabilisieren und berechenbar machen. Die Ausführung im einzelnen wird dann durch die Natur der Dinge, vor allem aber durch das Außenskelett der zahllosen Artefakte bestimmt. Ich werde/will also beispielsweise nächsten Sonntag nach Nürnberg fahren. Die einzelnen Untertätigkeiten ergeben sich durch die Beschaffenheit des Fahrkartenautomaten usw.

Weil das so ist, kann die Sprache sich auf Andeutungen beschränken. Das bemerken wir gar nicht; erst in sehr fremden Kulturen fällt es uns auf.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 09.06.2015 um 07.22 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1587#29096

Man spricht viel von Arbeitsteilung, aber kaum von etwas, was für uns Menschen doch auch charakteristisch ist: der Arbeitseinteilung, wie man es nennen könnte. Ich arbeite bis zum Abend, am nächsten Morgen mache ich genau an derselben Stelle weiter. Ich füge ein Lesezeichen ein usw. – gleichsam die Zukunft vorwegnehmend. Das Ganze auch sprachlich. Müßte mal durchdacht werden.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 18.07.2015 um 11.18 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1587#29470

Nehmen wir zwei beliebige Verben: schütteln und helfen.

Man kann etwas auf unendlich viele Weisen schütteln, mit der rechten oder der linken Hand, dreimal oder siebenmal usw. Das Verb "abstrahiert" also in gewisser Weise, so wie man auch bei Kugel oder rauh abstrahiert oder in der Wahrnehmung durch Reizgeneralisierung.

Anders bei helfen. Das kann darin bestehen, daß man jemanden füttert, ihm eine Zange reicht, ihm einen Geldbetrag überweist oder sein Testament ändert. Zwischen diesen und tausend anderen Verhaltensweisen gibt es keine Ähnlichkeit, keinen gemeinsamen Kern. Oder? In allen Fällen will ein anderer etwas, kann es aber allein nicht (oder nicht so gut) erreichen. So zeichnet sich das allgemeine Handlungsschema ab, wie unter "Intentionalität" erläutert. Das ist ein gesellschaftliches Konstrukt. Damit muß vertraut sein, wer das Verb helfen verwendet.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 11.09.2015 um 06.46 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1587#29899

Ob die neuentdeckten Reste einer Frühmenschenart in Südafrika nun eine oder zwei Millionen Jahre alt sind – da sie Bestattungsbräuche, also Kultur hatten, müssen sie auch Sprache gehabt haben. Manche Forscher nehmen ja an, daß die Sprache vor 30.000 oder auch 100.000 Jahren entstand, wir also mit unserer Rekonstruktion doch immerhin ein Fünftel oder etwas weniger der Geschichte zurückgelangen; aber ich habe immer angenommen, daß wir uns eher im Promille-Bereich bewegen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 02.11.2015 um 12.37 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1587#30404

Zu http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1587#28802

Ich hatte schon mal zitiert:

"Eine Entität hat 'Bewußtsein', wenn es für diese Entität irgendwie ist, diese Entität in dieser oder jener Weise zu sein."

Es gibt aber zahllose Varianten desselben Gedankens (der auf Thomas Nagel zurückgeht), so daß es auf den Autor nicht ankommt.

Mir ist schlecht. Ich fühle mich wohl – das hat Sinn, aber Mir ist irgendwie. Ich fühle mich irgendwie – das hat keinen Sinn.

Es ist derselbe Unterschied wie zwischen einem ausgefüllten und einem unausgefüllten Bestellschein. Die sehen einander sehr ähnlich, aber der ausgefüllte ist eine Anweisung an die Bibliothek, der unausgefüllte nicht – ein Unterschied ums Ganze. Wie anderswo gesagt: Die Geschäftsordnung ist nicht das Geschäft, man kann das nicht einmal vergleichen. Gäbe es niemals einen ausgefüllten Bestellschein, dann wüßte man auch nicht, was ein unausgefüllter zu bedeuten hat.

Wenn man nicht wissen kann, wie es ist, eine Fledermaus zu sein, weiß man auch nicht, ob es überhaupt "irgendwie" ist, ob nun "für" die Fledermaus oder nicht – das fügt auch nichts mehr hinzu.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 03.01.2016 um 10.33 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1587#31125

„Eine Geste ist ein absichtliches, gerichtetes kommunikatives Verhalten. Woher aber will man wissen, welche Handbewegung eines Schimpansen intendiert und welche reiner Zufall ist?“ (FAS 3.1.16, über Affen)

Der Text zeigt die philosophische Unbelehrtheit, die man auch in der Fachliteratur sehr oft antrifft. Absichtlichkeit, Intentionalität und Gerichtetheit lassen sich aus begrifflichen, nicht aus empirischen Gründen nicht beobachten, es sind mentalistische Interpretationen. Auch ist Zufälligkeit nicht das Gegenteil von Intentionalität. Es fehlt ein naturalistischer Zeichenbegriff (s. meinen Haupteintrag).
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 07.03.2016 um 06.20 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1587#31885

Die Unhintergehbarkeit der Erlebnissprache ist kein Hindernis. Wir sind ja auch an die Sinnesorgane gebunden, mit denen wir aber Meßgeräte beobachten, die darüber hinausgehen. Infrarot und Ultraviolett lassen sich ebenso gut untersuchen wie die sichtbaren Farben. Wir beobachten die mikroskopische Welt mit makroskopischen Geräten. So können wir auch in der Verhaltensanalyse von der Erlebnissprache absehen, was beim Verhalten von Tieren selbstverständlich ist. Es ist kein Widerspruch, auch kein „pragmatischer“, wenn ich das menschliche Verhalten untersuchen „will“, ohne den Begriff „Wollen“ zu benutzen, d. h. ohne Absichten zu unterstellen. Ich kann auch „über“ etwas sprechen, ohne Referenz („Aboutness“) anzuerkennen usw.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 14.04.2016 um 17.40 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1587#32280

Sprechen und Denken können nicht dasselbe sein, aber das ist keine Tatsachenfrage, sondern eine philosophische, also begriffskritische. Sprechen ist ein beobachtbares Verhalten, Denken dagegen ein Konstrukt, und zwar wurde es gerade deshalb in die naive psychologische Sprache (folk psychology) eingeführt, weil man es vom Sprechen unterscheiden wollte. "Ich habe es nicht gesagt, aber gedacht" usw. sind Äußerungen, die den unverrückbaren Platz dieses Wortes in der Allgemeinsprache markieren. Natürlich kann jemand kommen und das Wort völlig anders definieren ("Denken ist Informationsverarbeitung im Gehirn" usw.), aber das wäre dann eben ein ganz anderer Begriff und hätte nichts mit der traditionellen Ausgangsfrage zu tun. Beweis: "Wenn du sagst, du hast es nicht gesagt, aber gedacht – meinst du dann die Vorgänge in deinem Gehirn?" "Nein, davon weiß ich nichts." Allgemeiner: Man braucht nicht das geringste vom Hirn zu wissen, um das Wort denken perfekt zu beherrschen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 21.04.2016 um 05.20 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1587#32356

In unzähligen neueren Abhandlungen habe ich gelesen, daß "jemandem etwas geben" zu analysieren sei als "verursachen, daß jemand etwas hat". Ein Beispiel:

Emil gibt Anna seine Brieftasche

wird aufgelöst in

„Emil macht, dass Anna die Brieftasche hat.
CAUSE (Emil, POSS (Anna, Brieftasche))“ (Klaus Welke: Einführung in die Satzanalyse. Die Bestimmung der Satzglieder im Deutschen. Berlin, New York 2007:178; fehlende Klammer ergänzt)

Die pseudo-logische Notation täuscht darüber hinweg, daß schon die Übersetzung grundfalsch ist. Man kann auf viele Arten dafür sorgen, daß Anna die Brieftasche hat, ohne sie ihr zu geben. Der springende Punkt ist die Eliminierung des Dativs. mit dem diese Logizisten nichts anfangen können. Ähnlich funktioniert die Auflösung des Pertinenzdativs: Er klopft mir auf die Schulter soll dasselbe sein wie Er klopft auf meine Schulter, was natürlich nicht stimmt.

Ich habe auch schon daran erinnert, daß "POSS" nur ein Kürzel für einen Ausschnitt der sozialen Ordnung ist, auch wenn die Logizisten irrigerweise dazu neigen, es in eine Teil-Ganzes-Relation aufzulösen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 22.05.2016 um 06.45 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1587#32648

Zu http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1587#28802

Zum Unterschied von Geschäftsordnung und Geschäft (in meinem Sinne):

1. Der Bundespräsident wird ohne Aussprache von der Bundesversammlung gewählt. (GG Art. 54,1)

2. Der Bundespräsident wird ohne Aussprache von der Bundesversammlung gewählt. (Protokoll)

Derselbe Satz in grundverschiedenen Funktionen.

Man hält den Satz Es fühlt sich für mich irgendwie an, ein Mensch zu sein/Th. I. zu sein oder den Satz Ich habe Bewußtsein für Typ 2, während sie in Wirklichkeit Typ 1 sind.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 27.07.2016 um 17.04 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1587#32920

Zu http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1587#28099

Auch vor Geldgier kommt zwar oft vor, aber die meisten Belege sind nicht einschlägig (vor Geldgier warnen usw.) oder archaisch.
etwas aus Geldgier verraten deutet auf Berechnung hin, etwas vor Geldgier verraten auf Unvorsichtigkeit.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 13.08.2016 um 04.12 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1587#33086

Zu http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1587#28099

Die Präpositionen aus und vor können die Ursache eines Verhaltens ausdrücken, aus bei einer Absicht (aus Gier), vor bei einem Zwang (vor Kälte/Hunger).

Aber gerade die Unabsichtlichkeit setzt voraus, daß das betreffende Agens einer Absicht fähig ist. Wasser kann nicht vor Kälte gefrieren. Ob eine Spinne sich vor Kälte nicht bewegen kann, ist doch recht zweifelhaft. Wenn Wollen (Absichtlichkeit) so mit Ankündigung, also Sprache, verbunden ist, wie ich es dargestellt habe, können nur sprachfähige Organismen im eigentlichen Sinn etwas wollen. Sagen wir, ein Hund verkrieche sich "vor Angst", dann personifizieren wir ihn schon.

Typisch sind Ausdrücke wie vor Hunger nicht schlafen können, was ja auch ein Wollen voraussetzt.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 07.09.2016 um 07.31 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1587#33257

„(26) Peter will/soll/darf singen.
(26) drückt nicht aus, dass Peter in der aktuellen Welt singt; vielmehr besteht das Ereignis von Peters Singen in einer Welt, in der alles wahr ist, was Peter will, soll oder darf.“
(Rapp/Wöllstein in Jörg Meibauer/Markus Steinbach/Hans Altmann (Hg.): Satztypen des Deutschen. Berlin, Boston 2013:347)

Ist diese Darstellung im Rahmen einer „Mögliche-Welten-Semantik“ wirklich besser als eine naturalistische Erklärung von Intentionalität? Kann man sich unter einer „Welt, in der alles wahr ist, was Peter will, soll oder darf“, etwas vorstellen, oder soll und darf man das gar nicht, weil es nicht so gemeint ist, sondern als rein logisches Konstrukt – aber was ist damit gewonnen? Was heißt überhaupt, alles, was Peter will, soll oder darf, sei in dieser Welt „wahr“? Ist das, was er nicht soll oder darf, vielleicht auch wahr, oder braucht man dazu wieder eine andere Welt? Und so für jeden erdenklichen Satz? Ich lasse mich ungern mit so etwas abfertigen. Ich bilde mir geradezu ein, besser erklären zu können, was der Ausgangssatz bedeutet.
 
 

Kommentar von Wolfram Metz, verfaßt am 07.09.2016 um 09.28 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1587#33259

»Peter will/soll/darf singen« drückt nicht aus, daß Peter in der aktuellen Welt singt, sondern daß er in der aktuellen Welt singen will/soll/darf. Wenn man den Unterschied zwischen Singen und Singen-Wollen/-Sollen/-Dürfen erklären will, wird man nicht umhinkönnen, die Bedeutung von Wollen, Sollen und Dürfen zu beschreiben. Die Einführung einer zweiten Welt erscheint mir nutzlos, solange damit nur gesagt werden soll, daß Tun und Wollen/Sollen/Dürfen nicht identisch sind, denn das ist ja schon gleich zu Anfang festgestellt worden (»drückt nicht aus, dass Peter in der aktuellen Welt singt«).

Außerdem: Wieso besteht das Ereignis von Peters Singen in einer Welt, in der alles wahr ist [= in der alles geschieht?], was er will? Dieses Ereignis könnte sich ebensogut in einer Welt vollziehen, in der nur ein Teil dessen wahr ist, was er will, darunter eben auch das Singen, aber zum Beispiel nicht das Tanzen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 10.10.2016 um 04.07 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1587#33502

Leider kommt es immer wieder vor, daß ein Jäger seinen Waidgenossen erschießt, obwohl er eigentlich einen Hirsch schießen wollte. In solchen Fällen löste sich nicht etwa versehentlich ein Schuß aus der unglücklich gehaltenen Waffe, sondern der Schütze zielte nur zu gut und drückte ab, mit Absicht also. Trotzdem würde man nicht sagen, er habe absichtlich seinen Jagdfreund erschossen. Das Schießen erfolgte also zugleich absichtlich und unabsichtlich.
Philosophen stellen den Fall gern so dar, als sei ein und derselbe Vorgang „unter einer Beschreibung“ absichtlich geschehen, „unter einer anderen Beschreibung“ unabsichtlich. So etwas komme nur bei Handlungen vor. „Im Bereich der sogenannten natürlichen Phänomene ist es nicht möglich, daß ein und dieselbe Sache unter verschiedenen Beschreibungen verschiedene Eigenschaften hat.“ (Edmund Runggaldier: Was sind Handlungen? Eine philosophische Auseinandersetzung mit dem Naturalismus. Stuttgart 1996:43)
Auch natürlichen Phänomenen können verschiedene und sogar widersprüchliche Eigenschaften zukommen. Zum Beispiel kann etwas zugleich hell und dunkel sein. Das hängt vom Vergleichspunkt ab, denn hell und dunkel sind relationale Begriffe. Dasselbe gilt für die „Absicht“. Wenn man nur sagt, der Schuß sei mit Absicht abgegeben worden, behandelt man den Relationsbegriff wie einen Eigenschaftsbegriff. Man läßt offen, worauf die Absicht gerichtet war, und spielt dann nur noch mit Worten. Das taten schon die Sophisten, wie man in Platons „Euthydemos“ sehen kann: Wenn mein Hund Kinder hat, ist er „Vater“, und da er auch „meiner“ ist, ist er mein Vater, und ich bin der Sohn eines Hundes usw. Das ist genau dasselbe wie das absichtliche Erschießen eines Jagdgenossen und lohnt kaum der Mühe logischer Aufklärung. Trotzdem diskutieren Philosophen endlos weiter.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 15.10.2016 um 13.14 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1587#33544

"Jene Objekte, mit denen wir keinen gesellschaftlichen Verkehr abwickeln können, sind physische Objekte." ("The objects with which we cannot carry on social intercourse are the physical objects of the world." George H. Mead: Mind, Self, and Society. 1934:184)

Anders gesagt: Wesen, mit den wir kommunizieren können, statt sie bloß herumzuschubsen, sind Personen, wenn auch nicht im juristischen Sinn.

Dieser Personbegriff zieht sich durch die ganze Sprache (soweit eben "Intentionalität" reicht).

Wenn wir mit jemandem reden, lösen wir nicht einfach eine Reaktion aus, sondern unterbreiten gewissermaßen die Rede einem Adressaten, so daß er darauf zustimmend oder ablehnend reagieren kann (s. Haupteintrag). Tieren können wir in abnehmendem Grade solche Empfänglichkeit zuschreiben. Natürlich ist mit "reden" hier jeder Austausch von Zeichen, jede Kommunikation gemeint (erweiterter Begriff von Sprachverhalten wie bei Skinner, s. Kap. 1 von "Verbal Behavior").
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 15.10.2016 um 13.52 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1587#33545

Übersetzt: Gegenstände, mit denen wir nicht in gesellschaftlichen Verkehr treten können, sind bloß Gegenstände.

Allerdings kann man heute seinem Auto Fragen stellen und auch Antworten bekommen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 15.10.2016 um 14.13 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1587#33546

"physische" fehlt. Durch den Oberbegriff wirkt es tautologisch, ist es aber nicht.
Das Auto simuliert nur Kommunikation, die Zeichen sind ja von uns eingebaut. Anders wäre es, wenn Maschinen in Interaktion miteinander und auch mit uns ein Zeichensystem entwickelten. Dazu müßten sie in einer gemeinsamen Welt leben und unter Selektionsdruck stehen (ums Überleben kämpfen).

Bisher müssen wir dem Roboter beibringen, wann er zur Steckdose laufen und den Akku aufladen soll. Das ist keine Evolution. Evolvierte Roboter würden zur Steckdose laufen, weil alle, die das nicht getan haben, ausgestorben sind.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 15.10.2016 um 17.11 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1587#33548

Wenn unsere Grammatiken von "Belebtheit" sprechen, meinen sie meistens so etwas wie Personhaftigkeit. Die Dudengrammatik unterscheidet in naiv-ontologisierender Weise Konkreta und Abstrakta, als ob das zwei Arten von Objekten wären. Die Konkreta umfassen dann Belebtes und Unbelebtes, und unter den Belebten werden Bäume und Algen genannt. Das ist also rein biologisch gedacht. Aber es ist linguistisch völlig belanglos, denn welche grammatischen Folgen soll es haben? Wenn anschließend auch Abstrakta wie Firma als u. U. belebt eingeordnet werden (Die Firma lädt ein...), ist ein ganz anderes Kriterium der Belebheit zugrunde gelegt, nämlich die sprachliche Behandlung von Substantiven als Subjekt von Handlungsverben. "Person" dagegen brauchen wir bei der Passivbildung, bei der Kasuslehre usw.

s. auch hier: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1124 http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=347#24596
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 15.10.2016 um 23.17 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1587#33551

zu "mein Vater", #33502:
Dazu paßt auch:
http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=347#24673
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 27.04.2017 um 16.29 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1587#34959

In einem sonst nicht weiter erwähnenswerten Aufsatz erklärt Hans-Werner Eroms herunterwerfen für ein „nichtintentionales Verb“:

Er hat mir die schöne Vase heruntergeworfen.

Da er kein Kriterium intentionaler Verben angibt, könnte man die Sache auf sich beruhen lassen. Ich glaube aber zu wissen, welcher Gedanke dahintersteht. Meistens fällt einem ja die Vase versehentlich herunter, also ohne Absicht. Aber gerade dies, daß man sagen kann Er hat die Vase versehentlich heruntergeworfen, beweist, daß herunterwerfen ein Handlungsverb, also intentional ist. Dagegen ist verlieren nichtintentional, und man kann nicht sagen: Er hat den Schlüssel versehentlich verloren. Das passiert einem einfach, man tut es nicht.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 02.05.2017 um 19.53 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1587#34999

Im Zusammenhang mit Kausalsätzen habe ich schon mal den berühmten Satz von Ernst Mach zitiert:

"In der Natur gibt es keine Ursache und keine Wirkung." (Ernst Mach: Die Mechanik in ihrer Entwicklung historisch-kritisch dargestellt, Darmstadt 1988:524, 1883:459)

Wir trennen Ursache und Wirkung nur aus Mangel an Übersicht. Die regelmäßige Folge der Jahreszeiten stellt uns zunächst vor ein Rätsel. Wenn wir den Zusammenhang erkannt haben, sagen wir wohl: "Die Schrägstellung der Erdachse zur Ekliptik ist die Ursache der Jahreszeiten." Das darf man aber nicht so ernst nehmen.

Angeblich ist Kausalität ein physikalischer Begriff, aber soviel ich weiß, kommt er in der Physik nicht vor und wird nicht benötigt. Freilich steht im Lexikon der Physik (Spektrum):

"Kausalität, eines der grundlegenden Konzepte der modernen Physik, welches besagt, daß in der Natur nichts ohne Grund passiert, d.h. zu jedem Ereignis (Wirkung) ein anderes (Ursache) existiert, das a) in seiner Vergangenheit liegt und b) zwingende Voraussetzung für das Eintreten der Wirkung ist. Ursache und Wirkung bilden somit eine kausale Kette, die unter gleichen Bedingungen immer gleich abläuft."

Aber das ist nicht Physik, sondern Philosophie der Physik. (Gibt es z. B. ein Symbol für "Ursache" wie für "Zeit" oder "Beschleunigung"?)

„Der Begriff der kausalen Notwendigkeit ist nichts anderes als ein letzter Rest einer animistischen Weltauffassung.“ (Wolfgang Stegmüller)
 
 

Kommentar von Gunther Chmela, verfaßt am 03.05.2017 um 11.18 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1587#35002

"Gibt es z. B. ein Symbol für "Ursache" wie für "Zeit" oder "Beschleunigung"?"

Diese Frage, als Argument betrachtet, entkräftet doch das Kausalitätsprinzip nicht.
Für "Ursache" kann es kein Symbol in der Physik geben, da hierfür ja von Fall zu Fall ganz unterschiedliche physikalische Größen in Frage kommen (Licht, Kraft, Magnetismus usw.), die dann allerdings genau definierbar und u. U. bestimmbar sind.

Es kann aber sein, daß ich die hier angesprochene Problematik nicht verstehe. Wenn Sie z. B. einen Nagel in ein Brett schlagen wollen, dann werden Sie doch ohne weiteres nach einer geeigneten Ursache suchen, die genau diese Wirkung hat, nämlich den Nagel ins Holz zu treiben. Sie werden also ohne lang nachzudenken nach einem Hammer greifen und eben diese Ursache (Kraft) wirken lassen.
Daß in der Natur jede Ursache selbst wieder die Wirkung von etwas anderem sein kann (meistens auch ist), das ändert doch am Kausalitätsprinzip nichts. Auch Kreisprozesse, bei denen sich Ursache und Wirkung regelmäßig abwechseln, stellen für mich keinen Widerspruch dar.

Was meinen Sie, wenn Sie sagen, man solle die Aussage, die Schiefstellung der Erdachse sei die Ursache für das Auftreten von Jahreszeiten, nicht allzu ernst nehmen? Man braucht sich doch nur einmal vorzustellen, was geschehen würde, wenn die Erdachse sich plötzlich senkrecht zur Ekliptik stellte. Aber wie sagt, es mag sein, daß ich die Problematik nicht verstehe.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 03.05.2017 um 14.27 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1587#35004

Ich meinte (nicht besonders originell), daß die Zerlegung von Wirklichkeitsausschnitten in zwei Teile, die wir dann Ursache und Wirkung nennen, nur einem allzu menschlichen Mangel an Übersicht entspringt. Die Dinge sind, wie sie sind; die Ereignisse laufen einfach ab. Die Schrägstellung der Erdachse und die Unterschiede in der Beleuchtung werden nur willkürlich als zweierlei ausgedrückt. Die Schwerkraft ist nicht verschieden von der Bewegung der Körper unter ihrer Wirkung (wie man sagt).
Die Physik stellt alle möglichen Zusammenhänge fest und beschreibt sie als Funktionen. Ursache und Wirkung sind überflüssig.
Gerade läuft Wasser an den Fensterscheiben herunter ("Mai kühl und naß..."); was mag die Ursache sein? Es ist aber nur ein Teil der Gesamterscheinung, daß es eben regnet.
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 03.05.2017 um 21.07 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1587#35008

Man kann fast alle physikalischen Ereignisse mit den Wechselwirkungen von Feldern, Wellen und Teilchen erklären.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 04.05.2017 um 04.34 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1587#35010

Die Etymologie verrät schon, daß es sich bei "Ursache" um einen Begriff aus dem Gerichtswesen handelt (ebenso wie beim lateinischen Vorbild und im Griechischen). "Wer ist schuld?" – Darum geht es.
Aristoteles hat die menschlich-allzumenschlichen Bedeutungsvarianten als erster herausgearbeitet.
Bei Kant bleibt ein "gesetzmäßiger" Zusammenhang der Phänomene übrig, ohne den wir eben nicht von Wirklichkeit sprechen würden. "Kausalität" ist ein philosophischer Oberbegrifft; ungefähr dasselbe wie "Determinismus" oder "Determiniertheit". Außer den philosophischen "Klassikern" hatte ich dazu in letzter Zeit gelesen:

https://www.uni-muenster.de/imperia/md/content/.../zufall_notwendigkeit.pdf (Schlichting)
https://www.uni-muenster.de/imperia/md/content/fachbereich_physik/didaktik_physik/publikationen/kausalit_t___die_verpflichtung.pdf (Schlichting)
https://www.mpiwg-berlin.mpg.de/Preprints/P331.PDF (Engler)
http://www.physik.uni-leipzig.de/~uhlmann/PDF/Uh63bb.pdf (Uhlmann)
https://edoc.bbaw.de/files/36/II_05_Reich.pdf (Reich)
www.burghardt-koeln.de/franzj/publik/kausalge.pdf (Burghardt)

Das ist durchweg verständlich und recht interessant geschrieben.
 
 

Kommentar von Klaus Achenbach, verfaßt am 04.05.2017 um 19.35 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1587#35019

Gestern bin ich gestürzt und mit dem Kopf aufgeschlagen; seitdem habe ich sehr starke Kopfschmerzen. Woran mag das wohl liegen? Vielleicht ein quantenmechanischer Zufallseffekt? Oder pures Chaos wegen nichtlinearer Gleichungen?

Ist das Semikolon im ersten Satz womöglich falsch, weil es einen Ursache-Wirkung-Zusammenhang suggerieren könnte? Auch die darauf folgende Frage ist wohl unzulässig, da sie auch einen nichtexistenten Kausalzusammenhang nahezulegen scheint.

Jedenfalls brauche ich mir über die Klimaerwärmung keine Gedanken zu machen. Da es keine Ursachen gibt, kann das Kohlendioxid nicht schuld daran sein – erst recht nicht der Mensch.

Also trete ich ich noch fester aufs Gaspedal meines Achtzylinders.
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 04.05.2017 um 19.39 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1587#35020

Statt von strengen Kausalitäten würde ich lieber von Wahrscheinlichkeiten sprechen.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 04.05.2017 um 21.58 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1587#35022

Jeder weiß, was mit Ursache und Wirkung gemeint ist, niemand bestreitet ja, daß es beides gibt und daß man Abläufe so bezeichnen kann.
Die Frage ist nur, ob es physikalische oder subjektive, philosophische Sachverhalte/Kategorien sind.

Ich meine auch, es sind keine physikalischen Sachverhalte. Die Physik beschreibt die Bewegung der Materie. Keine Bewegung ist "Ursache" einer anderen. Alle Bewegungen laufen so ab, wie sie aufgrund der physikalischen Gesetze nicht anders können, oder eben mit den Freiheiten, die sie aufgrund der Physik haben. Wir sehen von unserem subjektiven Standpunkt die Bewegung in ihrem zeitlichen Ablauf und nennen das Frühere die Ursache und das Spätere die Wirkung. Aber rein physikalisch ist das eine schon im andern enthalten.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 05.05.2017 um 04.19 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1587#35023

Vielen Dank, Herr Riemer, Sie haben genau formuliert, was ich sagen wollte, aber anscheinend nicht klar genug ausgedrückt habe. Gegen die Trivialisierung des Problems darf ich vielleicht noch einmal auf das Zitat aus dem großen Werk Ernst Machs hinweisen, der bestimmt kein Dummkopf war.

Man könnte die Zerlegung natürlicher Abläufe in Ursache und Wirkung anthropomorphistisch nennen; aus meiner Sicht eher personalistisch und damit "soziomorph", wie denn auch der gerichtliche Ursprung unserer Ursachen-Begriffe auf die Gesellschaft verweist. Wie ich schon unter "Naturalisierung der Intentionalität" gezeigt habe, ist die Ursituation der Rechtfertigungsdialog: Wer hat das getan – und warum? Dieses Schema übertragen wir dann auf die Natur. Auch in der griechischen Naturphilosophie gibt es das Erklärungsschema nach Schuld und Versöhnung, immerhin schon ohne einen Gott und damit einen Schritt weiter in Richtung Naturwissenschaft (Entmythologisierung).

Je genauer man hinschaut, je stärker die Lupe, desto schwerer fällt es, von Ursache und Wirkung zu sprechen. Die "Wahlverwandtschaften" (Affinitäten) der chemischen Elemente können einen auf poetische (alchemistische) Gedanken bringen, aber die Atomphysik treibt uns solche Flausen aus.

Machs kritischer Gedanke bestreitet natürlich weder die Alltagstauglichkeit des Ursachenbegriffs noch die Naturgesetze.

Ich muß hier immer an die zauberischen ersten Absätze von Stifters "Abdias" denken.
 
 

Kommentar von Klaus Achenbach, verfaßt am 05.05.2017 um 19.11 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1587#35031

Ernst Mach: "In der Natur gibt es keine Ursache und keine Wirkung."

Das mag – so wie Mach es gemeint hat, was ja noch näher im Zusammenhang zu untersuchen wäre – richtig sein. Aber Physik ist keine Naturerscheinung, sondern eine menschliche Geistestätigkeit. In der Natur gibt es auch keine physikalischen Gesetze, übrigens ein Begriff aus dem Rechtswesen, das aber in der Physik eine neue Bedeutung angenommen hat. Überhaupt gibt es in der Physik wie auch in der Mathematik und anderen Wissenschaften viele „anthropomorphistische“ Begriffe, so etwa „Druck“ oder „Kraft“, die deshalb nicht aufhören, physikalische Begriffe, ja physikalische Größen zu sein.

Natürlich könnte der Laplacesche Geist ein Gas mit einigen Trilliarden Bewegungsgleichungen für die Gasmoleküle vollständig beschreiben, ohne jemals vom „Druck“ des Gases zu reden. Der Physiker kann das nicht und zieht es vor, vom meßbaren „Druck“ zu reden.

Was hat diese etwas esoterische Angelegenheit denn mit Sprache und speziell mit dem „Kausalsatz“ zu tun?
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 05.05.2017 um 23.06 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1587#35032

Ich glaube, physikalische "Gesetze" wurden entwickelt, um technische Vorgänge berechenbar und vorhersagbar zu machen und um diese Berechnungen allgemein nachprüfbar zu machen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 06.05.2017 um 04.42 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1587#35033

Sehr viel. Es ist ja gerade das Interessante, daß unsere Sprache ganz von anthropomorphistischen Bildern durchdrungen ist oder, wie ich lieber sage und anderswo schon ausgeführt habe, zur Hälfte ein "intentionales Idiom" ist. Wir können nun zum Beispiel nachsehen, wie die einzelnen Sprachen im Laufe ihrer Geschichte die Vorstellung eines Verursachens ausdrücken. Wie Sie mit Recht in Erinnerung bringen, gehört auch "Gesetz" in diesen Zusammenhang, aus dem Rechtswesen und damit "soziomorph". Auch die Modalitäten "Notwendigkeit" und "Möglichkeit" sind menschlich-allzumenschlich. Ich habe schon gezeigt, wie sie auf Dialogspiele (Wollen als Ankündigen usw.) zurückgeführt werden können.
An Ihren Beispielen "Druck" und "Kraft" kann man sehen, wie die Physik die Begriffe von allzumenschlichen Komponenten zu befreien versucht. Es sind jetzt nur noch aus praktischen Gründen beibehaltene Zusammenfassungen. Der elektrische "Widerstand" ist ein weiteres Beispiel.
S.a. http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1548
(Eine reichhaltige, wenn auch im Kern naive und fehlerhafte Diskussion dieser Probleme bietet Geert Keil: Kritik des Naturalismus. Berlin, New York (1993). Keil hat auch zum Homunkulus Lesenswertes geschrieben.)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 06.05.2017 um 06.44 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1587#35036

Man könnte auch hier noch einmal anknüpfen:

http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1587#33544

Der Physiker (Naturwissenschaftler überhaupt) "schubst die Dinge herum" und faßt das, was er dabei beobachtet, in eine nicht-intentionale, wenn möglich mathematische Sprache. Aber mit seinen Kollegen unterhält er sich im intentionalen Idiom, sonst würden sie es nie schaffen, sich mittags in der Kantine zu treffen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 06.05.2017 um 07.34 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1587#35039

Unser typischer Kausalsatz mit weil geht, wie die durchsichtige Etymologie verrät, auf einen Temporalsatz zurück. Die Konjunktion da halte ich anders als alle Grammatiken überhaupt nicht für kausal, sondern für einen Evidenzmarker, der es dem Hörer überläßt, die Beziehung zwischen zwei Sachverhalten selbst herzustellen. Genau ebenso wirkt ja, die umgangssprachliche Begründung schlechthin (mit Hauptsatzstellung, s. syntaktische Ruhelage).

Die "menschliche" Komponente kommt auch in anderen Wörtern kausaler Bedeutung zum Ausdruck, etwa dank und Entsprechungen in anderen Sprachen: lat. gratia usw.
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 06.05.2017 um 22.39 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1587#35045

Wann wurde eigentlich der "Ruck" als die Beschleunigungs-Änderung in die Physik-Lehrbücher und -Formelsammlungen eingeführt? j(t) = da/dt = d²v/dt² = d³x/dt³ [m/s³]. Roman Herzog hat ihn nicht erfunden.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 07.05.2017 um 00.28 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1587#35047

Die Bedeutung von Ruck wird in etymologischen Wörterbüchern (Paul oder dtv) als plötzliche, durch einen Stoß verursachte Bewegungsänderung beschrieben.

Daher ist die fachsprachliche Verwendung in der Physik für eine allmähliche Änderung der Beschleunigung schon recht seltsam.

Wikipedia behauptet aber sogar: "Diese physikalische Bedeutung von Ruck ist weitgehend gleich der umgangssprachlichen Wortbedeutung." Mit der umgangssprachlichen ist wohl die übliche, nicht fachsprachliche Bedeutung gemeint. Ich halte das für Unsinn. Ein Ruck ist im normalen Sprachgebrauch immer etwas Plötzliches, Sprunghaftes, Stoßartiges, Unstetiges. Das hat mit der physikalischen Verwendung (Ableitung der Beschleunigung) gar nichts zu tun.
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 07.05.2017 um 12.19 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1587#35053

Eine "ruckartige" Bewegung oder Kraftänderung (Kraft = Masse mal Beschleunigung) oder Signaländerung kann mathematisch nur erfaßt (berechnet) werden, indem sie mittels Fourier-Analyse in einzelne sinusförmige Funktionen zerlegt wird. Extrembeispiel Dirac-Stoß. Das war Grundlage für die Bandbreitenberechnung in der analogen Nachrichtentechnik: je rechteckiger die Zeitfunktion, desto breiter das zugehörige Frequenzspektrum von Sinusfunktionen, genannt "Oberwellen". (Welche genau, ergibt die Fourier-Analyse.)
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 07.05.2017 um 22.33 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1587#35055

Für einen wirklichen Ruck, z. B. wenn sich die Kraft oder Beschleunigung übergangslos von null auf einen konstanten Wert größer als null ändert oder umgekehrt, braucht man keine komplizierte Rechnung, das können Schüler im 6. oder 7. Schuljahr.

Kompliziert kann es erst werden, wenn es eigentlich gar keinen idealen Ruck gibt, sondern allmähliche (mehr oder weniger schnelle) Übergänge. Die würde ich gar nicht Ruck nennen, aber ich bin für die Benennung in der Physik nicht zuständig.
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 07.05.2017 um 23.37 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1587#35056

Übergangslose Kraftänderungen finden z.B. in allen Waschmaschinen beim Ein-, Aus- und Umschalten des Motors während des Waschprogramms statt. (Bei Elektromotoren sind die Einschaltströme ein Vielfaches der Betriebsströme.) Die dabei entstehenden elektrischen Oberwellen (Störfrequenzen) müssen an der Rückwirkung ins Stromnetz und der Einwirkung auf den Stromzähler und die Strommessung mittels eines Störschutzfilters, also eines Tiefpasses aus Kondensatoren (Kapazitäten) und Spulen (Induktivitäten), gehindert werden, der gleich am Strom-Eingang jeder Waschmaschine sitzt und aussieht wie ein großer Elektrolytkondensator. Diese durch rechteckförmige Stromänderungen entstehenden Oberwellen sind also nicht nur Theorie, sondern meßtechnisch nachweisbar.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 05.06.2017 um 17.01 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1587#35276

Kennenlernen ist eine Art von lernen, aber eine Phase von kennen.

Gehen wollen ist eine Art von wollen, aber eine Phase von gehen. (s. Haupteintrag: Wollen als Ankündigung)

Wenn eine Schar Kraniche auffliegt, schaltet sie eine Phase von "Intentionsbewegungen" davor. Erst wenn sich genügend Vögel angeschlossen haben, fliegen sie alle zusammen auf. Natürlich braucht man hier nicht von Intentionen zu reden, sondern kann den Ablauf vollständig naturalisieren. Die angefangene Auffliegbewegung ist gleichsam ein Vorschlag, den ein Vogel den anderen unterbreitet, den er aber erst ausführt, wenn genügend viele "zugestimmt" haben.

Nachtrag September 2017: Eine solche Verhaltensabstimmung scheint es unter Wildhunden zu geben, die "niesen" oder besser wohl "schnauben" und erst losgehen, wenn hinreichend viele geschnaubt haben. (http://www.faz.net/aktuell/wissen/leben-gene/afrikanischer-wildhund-abstimmung-durch-niesen-15190744.html) Die Berichte sind m. E. nicht besonders zuverlässig.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 18.09.2017 um 19.03 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1587#36230

Ob Systeme (Organismen oder Maschinen) Bewußtsein haben, ist keine sachliche Frage und läßt sich nicht empirisch entscheiden. Es geht vielmehr darum, ob und ab wann wir Systemen zweckmäßigerweise eine „innere Welt“ (im metaphorischen, „transgressiven“ Sinn) zuschreiben.

Das „Zuschreiben“ wird aber oft zu theoretisch-philosophisch aufgefaßt, als bestünde es in Aussagen oder expliziten Annahmen über „andere Geister“ (other minds). Es handelt sich mehr um ein praktisches Verwenden einer nicht besonders konsistenten psychologischen Redeweise in Dialogspielen. Die bloße Beobachtung von noch so komplizierten Problemlösungen (Gesichtererkennung usw.) genügt nicht, das kann immer rein „mechanisch“ sein.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 21.09.2017 um 05.40 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1587#36253

Evolution erklärt die „anscheinende Absichtlichkeit“ (Schopenhauer) in der Natur. Damit erledigt sich der Schöpfungsglaube samt teleologischen Gottesbeweisen. „Intelligent Design“ usw. sind Versuche zu retten, was nicht zu retten ist.
Strukturell gleichartig ist die Konditionierung des Verhaltens, und die Aufgabe besteht darin, auch hier die Intentionalität zu naturalisieren und damit den Anschluß an die Naturwisenschaften zu gewinnen. Dem steht vor allem die gewohnte Sprache entgegen, die ein untilgbares intentionales (folkpsychologisches) Idiom umfaßt. Trotzdem ist es möglich, für wissenschaftliche Zwecke den eingebauten Mentalismus zu vermeiden. Nicht die „Absicht“, sondern die Konditionierungsgeschichte erklärt, warum ein Organismus sich so oder so verhält.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 29.12.2017 um 17.51 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1587#37415

Erst nach hunderttausend Jahren sollen die Menschen entdeckt haben, womit sie am vertrautesten sind – ihr „Bewußtsein“ oder „Ich“, die „Tatsachen des Bewußtseins“, ihre ganz private „innere Welt“ (vgl. die anderen Phrasen, die im Haupteintrag angeführt sind). Das leuchtet von vornherein nicht ein.
Die Spätheit erklärt sich so: Die philosophische Sondersprache mußte erst so weit ausgearbeitet werden, daß ihre Sprecher es nicht mehr bemerkten, wenn sie Leerlauf hervorbrachten (in meiner Redeweise: die Geschäftsordnung der Sprache mit einem Geschäft verwechselten). Dazu trug die Existenzform bezahlter akademischer Stellungen bei, die sich mit dem Lesen und Verfassen von Texten begnügt und daher nicht von der Folgenlosigkeit ihres Tuns widerlegt werden kann. Urbild ist Husserl, der am Schreibtisch sitzt und die ganze Welt „ausschaltet“ oder „einklammert“. Riddikulus!
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 11.01.2018 um 20.54 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1587#37548

Rot und Grün schließen einander aus, so die übliche Ansicht. Brentano bestritt das (Untersuchungen zur Sinnespsychologie). Er meinte, Olivgrün sei ein Grün mit Rotbeimischung.

Ich halte das für eine Täuschung. Hier ist zunächst das Farbmuster: https://www.ralfarbpalette.de/ral-6003-olivgrun

Das Grün ist in Richtung eines Graubraun eingetrübt, und von da aus wäre ein Übergang zu Rot vorstellbar (über braune und dann rotbraune Zwischenstufen). Aber im Maße dieser Eintrübung kann man auch schon nicht mehr von Grün sprechen, eher von Grüngrau bis Braungrau.

(Diese Probleme wurden im 19. Jahrhundert breit diskutiert und haben noch Wittgenstein beschäftigt.)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 13.01.2018 um 06.05 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1587#37557

Wolfgang Prinz ist ein typischer Vertreter der "kognitiven Psychologie". Er erkennt also die Alltagspsychologie grundsätzlich an mit ihren "Vorstellungen" und "Absichten", die an "Handlungen" mitwirken: "Dass sie daran mitwirken, daran besteht kein Zweifel.“ (Wolfgang Prinz, Hg.: Experimentelle Handlungsforschung. Stuttgart 2014:14)
Natürlich nicht, aber das ist keine Erkenntnis, sondern die Explikation unseres Sprachgebrauchs. Wer deutsch spricht, kann nicht bestreiten, daß Absichten zu Handlungen führen usw. – "Experimente", die man unter diesen Voraussetzungen anstellt, können auch nichts anderes ergeben, weil sie ja die "Folk psychology" immer schon enthalten und weitertragen.

Kognitive Psychologen fragen dann, wie Absichten usw. "repräsentiert" sind, als wären es wirkliche Objekte und nicht sprachliche Konstrukte (s. Haupteintrag).
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 13.01.2018 um 09.52 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1587#37561

Wolfgang Prinz glaubt auch, daß die Untersuchung von Handlungen stärker die Umgebung berücksichtigen muß als die Untersuchung der Wahrnehmung. Der „Wahrnehmungsinhalt“ z. B. hänge einfach von den Eigenschaften des Reizmaterials ab (13). Das wird aber der Vielfalt der Bedingungen nicht gerecht, unter denen wir etwas klassifizieren (und entsprechend benennen). Eine Tasse, ein Henkel usw. sind nicht einfach durch Merkmale gekennzeichnet (vgl. Wierzbickas Untersuchung zu Gefäßbezeichnungen). Erst recht ist die Verwendung von "Vorstellung" und anderen scheinbar rein deskriptiven Ausdrücken in einen Typ von komplizierten Geschichten (Dialogspielen) eingespannt. Kurzum: Wahrnehmung ist ebenso konstruktiv wie Handlung.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 14.01.2018 um 06.26 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1587#37571

In der FAS (14.1.18) versucht sich eine norwegische Forscherin am „harten Problem“ des Bewußtseins und kommt ungefähr zu dem Schluß, daß nicht das Bewußtsein, sondern die Materie erklärungsbedürftig sei oder so ähnlich. Sie legt es sich nach Philosophenart irgendwie zurecht, mit Galilei, Leibniz, Kant und Neueren wie Crick und Chalmers, Hardware und Software. Aber schon die Frage, wie Bewußtsein (das sie auch Tieren zuschreibt) in die Welt komme, ist falsch gestellt. Ihre tiefe Gewißheit von der Gegebenheit des Bewußtseins dürfte allerdings nicht zu erschüttern sein, sie ist weit vom sprachanalytischen Denken entfernt. Ich konnte es darum nicht gründlicher lesen, weil ich Satz für Satz nicht verstehe, worum es geht, außer um die sattsam bekannte Wortemacherei. – Gegenrede ist zu erwarten, aber ebenso uninteressant. (Bewußtsein ist keine Tatsache, sondern eine sprachliche Konvention. Innerhalb der Sprache kann man deren „Grammatik“ [Wittgenstein] bzw. „Geschäftsordnung“ [Ickler] nicht anfechten.)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 24.01.2018 um 05.39 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1587#37608

Die beste Zusammenfassung der sprachkritischen Antithese zur "Bewußtseinsforschung" findet man hier:

http://info.sjc.ox.ac.uk/scr/hacker/docs/Consciousness%20a%20Challenge.pdf

Was noch fehlt, ist die sprachwissenschaftliche Untersuchung: Wie wächst ein Kind in die zwar junge, aber heute tief verwurzelte mentalistische Redeweise hinein, oder andersherum: Wie wird sie in das Kind hineingeredet?
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 30.01.2018 um 05.08 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1587#37670

Bei Fluchtbewegungen von Fliegen soll es sich nicht um Reflexe handeln: „So konnten die Wissenschaftler beobachten, dass die Tiere einen Start vorbereiteten, diesen dann aber doch nicht ausführten, wenn die Gefahr sich als harmlos erwies. Reflexe laufen dagegen automatisch ab und wären nicht willentlich unterbrechbar.“ (SZ 30.8.08)

Sinnlose Unterscheidung. Die Fliege kann nicht sprechen, deshalb ist die Unterstellung eines „Willens“ sinnlos. Die Umstände, die zu verschiedenen Reaktionen führen, sind eben verschieden. Erst wird ein Start vorbereitet, dann wird etwas anderes vorbereitet.

Man kann richtig zusehen, wie unnütze Probleme erzeugt werden.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 31.01.2018 um 04.23 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1587#37682

Tiere können nicht sprechen, folglich ihr Verhalten auch nicht ankündigen und nicht durch den Einspruch anderer davon abgebracht werden. Kurz gesagt: Das Handlungsschema ist nicht anwendbar. Man sollte ihnen also keine Absichten zuschreiben – was zwar möglich, aber überflüssig und nicht weiterführend ist.

Damit hängt zusammen, daß Tiere keinen Selbstmord begehen können.

Daß Tiere etwas "wollen", ist gleichwohl ein ziemlich zwingender Eindruck.

Ich sitze auf einem Stuhl und bin mit den anderen am Tisch beschäftigt. Der Hund, eine Französische Bulldogge, stellt sich neben mich und drückt die Flanke fest gegen meine Wade. Ich streichele also seinen Rücken und kraule ihm den Kopf zwischen den Ohren, wobei er ganz still steht wie in Trance, mit glasigem Blick. Wenn ich aufhöre, macht er einmal kurz und leise „Wuff“, wendet den Kopf, sieht mich an und wackelt heftig mit dem Stummelschwanz (nicht kupiert, die Rasse ist so gezüchtet), bis ich weitermache. Nach ein paar Minuten höre ich wieder auf, und diesmal ist es genug, er trollt sich.

Behavioristisch zu erklären, ohne Verwendung des intentionalen Vokabulars.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 31.01.2018 um 07.15 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1587#37685

Zu http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1587#33544

Der hantierende und der kommunikative Umgang mit der Welt sind zwei Verhaltensrepertoires, zwischen denen wir wechseln, je nachdem, ob wir es mit Dingen oder mit Personen zu tun haben. Kognitivisten stellen den Sachverhalt anders dar:

„Our dualism is a natural by-product of the fact that we have two distinct cognitive systems, one for dealing with material objects, the other for social entities. These systems have incommensurable outputs. Hence dualism emerges as an evolutionary accident.“ (Paul Bloom: „Religion is natural“. Developmental Science 10/2007:147–151, S. 149)

Wenn man auch mit reiner Verhaltensbeschreibung auskommt, ist die Einführung mentalistischer Konstrukte wie „kognitiver Systeme“ überflüssig.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 07.02.2018 um 19.37 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1587#37745

„In every known culture, people explain behavior in mentalistic terms, i.e., by ascribing mental states such as beliefs and desires.“

Fraglich, ob die Deutung zutrifft, denn das Wollen kann auch ohne eine Psychologie zugeschrieben werden: als Voraussage zuzüglich der Modifizierbarkeit durch Einspruch – also rein funktional, nicht als „mentaler Zustand“, wie man in unserer neueren Tradition sagt. Solche mentalen Zustände kann man aus der Redeweise herausspinnen und als Konstrukt pflegen, aber die Redeweise selbst kann unpsychologisch funktionieren: "Er will das tun" - das wäre ungefähr = "Er wird das tun, aber man kann es ihm noch ausreden". (Zu den Einzelheiten s. Haupteintrag)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 09.02.2018 um 17.00 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1587#37772

Ich bin sogar der Meinung, daß die gesamte indische Kultur die spezifisch griechische und abendländische Kategorie des "Geistes" nicht besaß.(Max Scheler)

Natürlich nicht! Solche "Kategorien" sind Teil kulturspezifischer Sprachspiele und haben keine Entsprechung in anderen Sprachen und Kulturen. Darum sind sie unübersetzbar. Es sind Konstrukte, nützliche Fiktionen, die nicht ineinander überführbar oder aufeinander abbildbar sind. Das ist wie mit anderen Fiktionen, z. B. Göttern. Die Interpretatio romana der griechischen oder germanischen Götter war eine künstliche Nachbildung bzw. theologische Gleichsetzung und widerspricht der These nicht.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 10.02.2018 um 04.02 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1587#37775

Schon im Haupteintrag zitiert:

„Mentale Repräsentation findet statt, wann immer wahrgenommen oder gedacht, gewollt oder gefühlt wird. Denn all dies sind geistige Phänomene, und sie alle haben einen Inhalt; jedes von ihnen allein reicht aus, um den Schluß zu ziehen: Es gibt mentale Repräsentation. Jeder beliebige geistige Zustand, Vorgang oder Akt mit einem intentionalen Gehalt bezeugt unmittelbar das Phänomen der mentalen Repräsentation. Mentale Repräsentation, als Singulare tantum, leugnen, hieße den Geist, wie er uns vertraut ist, selbst leugnen. (...) Mentale Repräsentation gibt es, das ist unbestritten.“ (Andreas Kemmerling in Kognitionswissenschaft 1,2,1992:47f. )

Ich expliziere die zwei Tricks: erstens die phänomenologische Konstruktion eines „Phänomens“ aus der folkpsychologischen Redeweise, zweitens die seltsame Rede vom „Inhalt“, ebenfalls aus der Grammatik abgeleitet. Beispiel:
1. Ich bin der festen Überzeugung > Es gibt ein geistiges Phänomen „Überzeugung“.
2. Ich bin von etwas überzeugt > Meine Überzeugung hat einen Inhalt/richtet sich auf etwas. Dieses Etwas muß es in irgendeiner Weise geben, sonst könnte sich der Geist nicht darauf richten. (Die Schachtel kann nicht leer sein.)
Also: Es gibt geistige Phänomene mit einem Inhalt.

Aus diesem „mentalistischen Sumpf“ (Hans J. Heringer) findet so gut wie niemand heraus. Es liest sich gar zu überzeugend.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 10.02.2018 um 10.49 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1587#37780

Wenn jemand glaubt, es regne, so wird er sich beim Verlassen seines Hauses wahrscheinlich anders verhalten, als wenn er der Überzeugung ist, es scheine die Sonne. Wenn jemand also beim Verlassen des Hauses zum Regenschirm greift, so würde dies alltagspsychologisch dadurch erklärt, daß man ihm die Überzeugung zuschreibt, es regne. Die Erklärung erfolgt durch die Annahme mentaler Zustände mit bestimmten Gehalten, d.h. sie bedient sich intentionaler Begriffe.
Es ist eine der zentralen Behauptungen der Kognitionswissenschaft, daß dieser Typus von Erklärungen das erfolgreichste verfügbare Modell für Verhaltenserklärungen darstellt.
(Martin Carrier/Jürgen Mittelstraß: Geist, Gehirn, Verhalten. Das Leib-Seele-Problem und die Philosophie der Psychologie. Berlin, New York 1989:205)

Natürlich sind solche „Erklärungen“ bis zu einem gewissen Grade erfolgreich, denn dafür wurde ja die alltagspsychologische Verständigungstechnik entwickelt. Diese Art Psychologie zapft einfach das Plausibilitätsreservoir der Alltagssprache an. Fraglich ist seine Wissenschaftsfähigkeit. Wieso ist es überhaupt eine Erklärung, wenn man sagt: „Er greift zum Regenschirm, weil er glaubt, daß es regnet“? Die verhaltensanalytische Herleitung (frühere Erfahrung mit Regen und erfolgreicher Benutzung eines Schirms) wäre begrifflich sparsamer und anschlußfähiger an anderes gelerntes Verhalten, auch bei Tieren.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 11.02.2018 um 04.47 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1587#37785

Der Rechtfertigungsdialog zwingt uns, das eigene Verhalten auf das Format der Handlung zu bringen. (Was hast du vor? bzw. Warum hast du das getan?)
Vor Gericht wird untersucht, ob der Täter sich sein Verhalten als Handlung aneignen kann (So!) oder ob es ihm nur unterlaufen ist (Hoppla!). Vgl. http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1507#24391

Unter "Handlungsformat", um es zu wiederholen, verstehe ich das Schema von Ankündigung – (Einspruch/Zuspruch) – Durchführung.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 24.02.2018 um 07.56 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1587#37931

Daß manche Aussagen und Fragen nur scheinbar einen sachlichen Gehalt haben, in Wirklichkeit aber die "Geschäftsordnung der Sprache" betreffen, läßt sich an harmlosen Beispielen erläutern.

"Es ist möglich, jemandem etwas zu schenken."

Wer das bestreitet, kann die Bedeutung des Verbs schenken nicht verstanden haben.

Es mag Gesellschaften geben, in denen die Sitte des Schenkens nicht eingeführt ist (z. B. weil stets ein Gegenwert zu entrichten ist, also nur ein Kaufen möglich ist). Gerade daran zeigt sich aber, daß es um die "Geschäftsordnung" geht.

So dann auch bei den philosophischen Paradebeispielen:

"Der Mensch hat Bewußtsein."

So funktioniert eben die Sprache, durch das folkpsychologische Teilsystem.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 28.02.2018 um 16.10 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1587#37973

Zu http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1587#33548

Die Theorien zur Entstehung des grammatischen Genus sind stark von Meillet beeinflußt. Allerdings hatte schon Grotefend eine sehr ähnliche These: Die europäischen (idg.) Sprachen hätten zuerst belebt und unbelebt unterschieden und dann das Belebte in Maskulinum und Femininum aufgespalten.

Meillet schreibt: Ein aktives Organ ist belebt; die „Hand“, die empfängt, ist feminin, der „Fuß“ hingegen maskulin.

Das zeigt noch einmal, wie ungeeignet die Kategorie Belebtheit ist. Es geht um Agentivität, wie man sagt, Handlungsfähigkeit, damit eigentlich um Personhaftigkeit.

Das Thema wird heute noch diskutiert. Gegenüber dem 19. Jahrhundert mußte der Befund der altanatolischen Sprachen (Hethitisch vor allem) eingearbeitet werden. Auch das Neutrum war zu berücksichtigen (Schema attikon: Neutrum im Plural mit dem Verb im Singular).
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 28.02.2018 um 22.17 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1587#37975

Die Kategorie "Belebtheit" kenne ich bereits seit der Grundschule, weil sie sowohl in der russischen als auch in der englischen Grammatik eine Rolle spielt, und es ist ja auch ein sehr einfaches Prinzip und es geht um einfache Regeln.

Dabei stimmt es natürlich, daß die wörtliche Bedeutung von "belebt" das eigentlich Gemeinte nicht genau trifft. Aber trotzdem war mir aufgrund der schulischen Beispiele immer klar, was gemeint war. Ich wäre niemals überhaupt auch nur auf die Idee gekommen, unter Belebtes in diesem grammatischen Sinne auch Bakterien, Pflanzen, ganze Staaten und Kolonien von Kleintieren aller Art, ja sogar von solchen Lebewesen bewohnte Behausungen zu zählen. Geschweige denn Teile von Lebewesen wie Hände und Füße usw. Wir sagten "belebt", verstanden darunter aber selbstverständlich das, wie Prof. Ickler sagt, was im gegebenen Kontext als personhaft bzw. beseelt gilt (durchaus auch Märchenhafte Wesen).

Mir ist aber schleierhaft, wie sogar Sprachwissenschaftler wie der hier zitierte Meillet die unterschiedlichen Arten von "Belebtheit" alle in einen Topf werfen können. Ob wir es nun belebt oder beseelt oder personenhaft nennen, das sind doch nur Bezeichnungen, die letzteren mögen zwar besser geeignet sein, aber trotzdem sollte ein Sprachwissenschaftler doch wissen, was grammatisch unter "belebt" zu verstehen ist.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 01.03.2018 um 03.56 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1587#37978

Zu "Belebtheit": Sprachwissenschaftler hatten nie Bedenken, Belebtheit im metaphorischen Sinne einer naiven "Beseelung" zu verstehen, und schon stimmt es wieder.
Meine Korrektur ist ja auch für die traditionelle Auffassung nicht wesentlich, und die Russischschüler waren immer gut bedient, wie Sie ja erfahren haben. Nur für den Einbau in mein Naturalisierungsprojekt muß ich auf die begriffliche Klärung Wert legen. Das handlungsfähige Wesen muß in mein Handlungsschema passen: Ankündigung – (Zuspruch/Einspruch) – Ausführung.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 05.03.2018 um 05.53 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1587#38050

Dennett weist mit Recht auf die Wichtigkeit der Frage „Warum tust du das?“ hin und führt „approval and disapproval“ ein. Das entspricht meinem Begriffspaar „Zuspruch und Einspruch“. Aber soweit kennt Dennett nur den Rechtfertigungsdialog, der für mich post factum einsetzt. Für mich gibt es vorher schon den Deliberationsdialog, der auf eine noch grundlegendere Fähigkeit baut, nämlich die Ankündigung einer Handlung: „Was hast du vor?“
„Warum tust du das?“ scheint zwar auf die Gegenwart bezogen, aber eigentlich muß der Adressat mit dem Verhalten schon begonnen haben, wenn man ihn um eine Begründung bittet.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 10.03.2018 um 12.26 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1587#38112

Der Koalitionsvertrag, den ich anderswo wegen seiner Genderei erwähnt habe, bestätigt übrigens, daß "ich will es tun" und "ich werde es tun" ganz nahe beieinander liegen, oft gar nicht unterscheidbar.
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 10.03.2018 um 13.35 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1587#38113

Das ist typisches Politiker- und Wahlkampf-Deutsch; im wirklichen Leben muß zwischen "ich will = beabsichtige" und "ich werde = ich tue das wirklich" genau unterschieden werden. Politiker wollen nicht für ihre Versprechungen beim Wort genommen werden.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 11.03.2018 um 06.09 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1587#38116

Muß vielleicht, wird aber nicht. Gerade bei Ankündigungen in der ersten Person liegen Absicht und Vorhersage oft ununterscheidbar nebeneinander. Wir wollen/werden dieses Jahr in Deutschland Urlaub machen. Wie Goethe an der zitierten Stelle sagt: wir wollen es tun = wir werden es tun (wenn nichts dazwischen kommt [was er die "Umstände" nennt]).
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 11.03.2018 um 06.11 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1587#38117

Warum sollte man "erforschen", was Wissen, Belief usw. wirklich sind – es handelt sich doch nur um Konstrukte in einer inkonsistenten folk psychology. Es ist von vornherein verkehrt, diese Ergebnisse jahrtausendealter Kultivierung systematisieren zu wollen. Symptom ist z.B. der Strudel der Rekursivität: "Ich weiß, daß ich weiß, daß ich weiß" usw. (Man kann es an keiner Stelle bestreiten, spürt aber die Leere – ein müßiges Spiel.)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 01.04.2018 um 06.38 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1587#38379

Zu einem Punkt im Haupteintrag:


„Jedes intellektive Erlebnis und jedes Erlebnis überhaupt, indem es vollzogen wird, kann zum Gegenstand eines reinen Schauens und Fassens gemacht werden, und in diesem Schauen ist es absolute Gegebenheit. Es ist gegeben als ein Seiendes, als ein Dies-da, dessen Sein zu bezweifeln gar keinen Sinn gibt.“ (Edmund Husserl: Die Idee der Phänomenologie. Fünf Vorlesungen. Haag 1958:31)

Husserl verwendet hier deiktische Ausdrücke wie ein Dies-da. Vgl. auch:

„Ich kann klar feststellen, daß ich jetzt diese Empfindung, diese Wahrnehmung, diesen Gedanken habe. Mir sind diese Zustände so gegeben, daß es absurd erscheint, an ihrem Vorhandensein zu zweifeln. (Volker Gadenne/Margit E. Oswald: Kognition und Bewußtsein. Berlin u.a. 1991:23)

Die Verfasser verweisen auch hier deiktisch (dies) auf ein Objekt. Wem könnte man etwas im privaten Innenraum des Bewußtseins zeigen? Zeigen findet in einem Zeigraum statt, der Hörer und Sprecher gemein ist. Es ist ein kommunikatives, soziales Verhalten.

(Husserl drückt sich wie immer ganz sonderbar und verfremdend aus. Werden Erlebnisse vollzogen? Sind Erlebnisse Gegenstand eines „reinen Schauens und Fassens“ – und sind Schauen und Fassen dasselbe? Wohl eher Hilflosigkeit, dem Phantom einen Namen zu geben. „Our suspicions should be aroused by the odd phrases used to invoke something with which we are all supposed to be utterly familiar.” )
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 02.05.2018 um 08.21 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1587#38652

Die Willkürbewegung (= durch Einspruch aufhaltbares Verhalten) setzt sich aus unwillkürlichen Bewegungen zusammen. Durch Biofeedback können bisher unwillkürliche Bewegungen unter die Steuerung des „Willens“ (= Steuerung durch andere) gebracht werden. Wenn ich jemanden bitte, das Gaumensegel zu senken, weiß er nicht, was er tun soll. Er tut es, wenn ich ihn bitte, ein n oder einen französischen Nasalvokal auszusprechen, weiß aber nichts davon, während er Lippen und Zungenspitze, die er beobachten kann, durchaus unter Kontrolle hat. Aber wenn er den Vorgang im MRT (https://www.mpg.de/12013900/echtzeit-filme-aus-dem-koerper) sieht, kann er möglicherweise das Gaumensegel ohne solche Umwege senken. (Ich weiß es nicht genau; man könnte auch andere Bewegungen nehmen, sogar die Herzfrequenz.)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 03.05.2018 um 07.21 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1587#38658

Im Feuilleton der FAZ wird auch wieder Thomas Nagels Frage zitiert, wie es für eine Fledermaus ist, eine Fledermaus zu sein. Zu diesem Unfug sei nochmals auf Peter Hackers Aufsatz hingewiesen:
http://info.sjc.ox.ac.uk/scr/hacker/docs/To%20be%20a%20bat.pdf
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 05.05.2018 um 04.38 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1587#38671

„Stellen wir einem 13jährigen Schüler die Aufgabe: 5 Arbeiter benötigen 36 Arbeitsstunden, um eine Grube auszuheben. Wieviel Zeit sparen wir, wenn wir 8 Arbeiter einsetzen können? Dreisatzaufgaben werden im 7. Schuljahr lang und intensiv geübt, und unser Schüler kann die Aufgabe wahrscheinlich nicht nur lösen, sondern uns auch vor, während oder nach der Bearbeitung die Methode seines Vorgehens, eben den Dreisatz, angeben: wir haben allen Grund zu der Annahme, daß er wirklich danach verfährt. Was er aber beschreibt, ist nicht ein Inhalt, sondern ein Prozeß – eben der Prozeß der Lösung von Dreisatzaufgaben. Andererseits ist das natürlich nicht der vollständige Prozeß: was unser Schüler beschreibt, ist der Ablauf bzw. der Plan einer Handlung (vom Typ des Problemlösens) auf der strategischen Organisationsebene; auf anderen, vor allem niedrigeren Organisationsebenen mögen andere Prozesse ablaufen, die er nicht beschreiben kann, sofern sie nicht bewußt ablaufen.“ (Mario v. Cranach u. a.: Zielgerichtetes Handeln. Bern 1980:216f.)

Der Schüler gibt eine standardisierte Beschreibung auf der logischen Ebene, orthodox stilisiert. Vielleicht spielen Teile davon tatsächlich als inneres Sprechen (verdecktes Verhalten) eine gewisse Rolle: Es könnte Reize schaffen, unter deren Kontrolle das übrige Verhalten gerät. In diesem Falle wäre die Handlungsdiktion auf verdecktes Verhalten anwendbar. Wie kann man glauben, etwas erklärt zu haben, wenn man sagt: „Er hat eine Regel angewendet“? Die Psychologie der Regelanwendung, des logischen Argumentierens ist selbst das Problem. („Er“ mag danach verfahren, aber „es“ in ihm?) Die Produktion von Zwischenergebnissen und Kommentaren zu ihrer genormten Form sind von derselben Art wie die Lösung selbst und erklären sie nicht psychologisch.

Der Titel dieses Buches ist übrigens tautologisch, denn:

„Mit dem Wort ‚Handeln‘ bezeichnen wir das zielgerichtete, bewußte, geplante und beabsichtigte Verhalten eines Handelnden (Aktors).” (S. 77)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 08.07.2018 um 18.01 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1587#39019

Daß andere nicht wissen, was ich denke, gehört zu den Gebrauchsbedingungen von denken. Es ist kein Sachverhalt, der entdeckt werden könnte. (Konstrukt der radikalen Privatheit.)

Viele verstehen das einfach nicht.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 11.07.2018 um 03.02 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1587#39051

Gegen Thomas Nagels Formulierung und deren Abwandlungen, z. B. (schon zitiert):

Eine Entität hat "Bewußtsein", wenn es für diese Entität irgendwie ist, diese Entität in dieser oder jener Weise zu sein. (Martin Kurthen in Sybille Krämer, Hg.: Bewußtsein. Philosophische Beiträge. Frankfurt 1996:17)

Aber das haben wir nie an „Entitäten“ beobachtet, sondern verwenden diese Redeweise nur in bezug auf uns selbst als Dialogteilnehmer. Es ist nur eine gelehrt wirkende Umschreibung und Ableitung aus der naiven folkpsychologischen Ausdrucksweise, deren Funktion aber nicht darin besteht, über Subjektivität usw. zu räsonieren. Von einem Etwas können wir uns nicht einmal vorstellen, was heißen könnte, etwas sei „für“ dieses Etwas irgendwie. Und was bedeuten die Anführungszeichen? – Es ist eben alles nur begriffliche Taschenspielerei und keineswegs eine letzte Gewißheit.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 11.07.2018 um 18.38 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1587#39057

Zu Thomas Nagels sinnlosem Fledermaus-Aufsatz auch Alex Byrne:

Here is another way of putting the point, using the example of the bat. It is misleading to say that we don´t know what batty experiences are like (actually, we don´t know what they´re like, but, then, we also don´t know what our own experiences are like). Rather, we don´t know what the bat´s environment is like. The bat perceives qualities of insects and obstacles that we do not, and the problem that Nagel has identified but misdescribed is that we can´t form a conception of what these qualities are. This may be a genuine and serious problem, or it may not; either way, it is a problem about insects and obstacles, not a problem about consciousness.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 16.07.2018 um 10.24 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1587#39108

„Damit man sprachlich etwas meinen kann, muß man die Wörter der Äußerung in eine intentional gerichtete Struktur hineinstellen, die ihnen sozusagen Richtung und damit Wucht gibt.“ (Hans Hörmann: Einführung in die Psycholinguistik. Darmstadt 1991:55)

Das ist die naive Psychologie des Sprechens als eines Zielens und Treffens, wie man es eben zu erleben glaubt: „das treffende Wort“ usw.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 16.07.2018 um 12.11 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1587#39109

„Bei allen intentionalen Zuständen kann man also zwei Aspekte unterscheiden: die Art des Zustandes und seinen Inhalt. Mein Wunsch, ein neues Fahrrad zu erwerben, und mein Wunsch, einen alten Freund wiederzutreffen, sind intentionale Zustände derselben Art; beides sind Wünsche, allerdings Wünsche mit verschiedenen Inhalten. Meine Befürchtung, daß es heute regnen wird, und meine Überzeugung, daß es heute regnen wird, sind dagegen intentionale Zustände verschiedener Art. Aber auch sie haben etwas gemeinsam; sie haben denselben Inhalt: sie richten sich beide auf die Proposition, daß es heute regnen wird. (Ansgar Beckermann: „Ist eine Sprache des Geistes möglich?“ In: Gisela Harras, Hg.: Die Ordnung der Wörter. Berlin, New York 1995:120-137; S.121)

Die sprachliche Seltsamkeit fällt dem Verfasser nicht auf: Wie können Zustände einen Inhalt haben oder sich auf etwas richten? Aber so reden alle in der Brentano-Nachfolge: „Intentionality is that property of many mental states and events by which they are directed at or about or of objects and states of affairs in the world.“ (Searle) usw.

Unverständlich, sinnlos.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 20.07.2018 um 05.10 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1587#39153

Wenn man die Stammesgeschichte ausklammert, kommt einem die Zweckmäßigkeit der Lebewesen wie ein Wunder vor. Man sagt dann, das könne nicht einfach entstanden, sondern müsse erschaffen sein (Kreationismus).
Ebenso in ontogenetischer Dimension: Wenn man die Lerngeschichte (Konditionierung) ausklammert, erscheint schon das Verhalten eines Hundes oder Zirkustiers als Wunder, erst recht die Kunstfertigkeit des Menschen bis hin zur Sprache. Auf diesem naiven Standpunkt befindet sich Chomsky: Sprache kann nicht gelernt, sie muß angeboren sein – was man ohne weiteres als Bekenntnis zum Wunder verstehen kann, denn eine Erklärung ist es nicht, sondern der ausdrückliche Verzicht darauf.
Der ungeschichtliche Standpunkt führt zur Übernahme der bewährten, aber vorwissenschaftlichen Hilfskonstruktionen wie „Absicht, Wille“ usw. Dennett daher: „Wenn die Wesen vom fremden Stern uns nicht aus der intentionalen Perspektive betrachten, dann verpassen sie etwas...“ usw. Diese hypothetischen Besucher von fremden Sternen verkörpern den geschichtslosen phänomenologischen Betrachter.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 20.07.2018 um 10.49 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1587#39155

Ich habe viel zu wenig von Chomsky gelesen, um mir ein Urteil zu erlauben, kann mir aber nicht vorstellen, daß er meint, Deutschen sei die deutsche Sprache angeboren, Chinesen die chinesische usw. Er meint dies doch sicher in einem viel allgemeineren Sinne, nämlich daß dem Menschen gewisse körperliche und geistige Voraussetzungen zur sprachlichen Kommunikation angeboren sind? Er wird doch nicht bestreiten, daß ein Neugeborenes erst die konkrete Sprache seiner Umgebung lernen muß?
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 20.07.2018 um 11.33 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1587#39156

Chomskys Nativismus ist viel spezifischer, s. Stichwort "Universalgrammatik". (Auf die Wandlungen der Theorie gehe ich nicht ein.) Aber das war gerade einer der Streitpunkte. Chomsky hat die Unterschiede zwischen den Sprachen für rein oberflächlich erklärt und die Tatsache, daß Kinder die Sprache ihrer Umgebung lernen, für "uninteressant". Einer der Gründe, warum viele – und immer mehr – Sprachwissenschaftler die Generative Grammatik allmählich selbst uninteressant fanden.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 20.07.2018 um 15.07 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1587#39158

Was ich sagen wollte, ist mehr so:
"Sprache kann nicht gelernt [werden], sie muß angeboren sein", das klingt wirklich sehr naiv, m. E. zu naiv, als daß Chomsky es genau so gesagt haben könnte. Die Universalgrammatik ist sicher keine gute Idee, aber andererseits auch nicht so völlig naiv. Je nachdem, was man genau darunter versteht, könnte man Chomsky zugestehen: der Mensch ist vernunftbegabt, zumindest die Sprachfähigkeit und die Lernfähigkeit sind also angeboren. Wenn ihn das Sprachenlernen im engeren Sinne nicht interessiert, na ja, ich würde sagen, das ist halt sein Pech oder seine Sache.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 20.07.2018 um 16.49 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1587#39159

Die Diskussion geht seit 60 Jahren und ist zu kompliziert, um sie hier noch einmal aufzurollen.
Damit der Nativismus gehaltvoll ist, muß er mehr als die Trivialität bieten, daß der Mensch, um Sprache zu lernen, offenbar fähig sein muß, sie zu lernen. Nach der lange vertretenen These der Generativisten umfaßt die angeblich angeborene Universalgrammatik eine ganze Reihe spezifischer Regeln, geradezu eine Theorie möglicher Sprachen. Die einzelsprachliche Umgebung sorgt dann dafür, daß einzelne "Parameter" gesetzt werden, also z. B. Attribute vor oder nach dem Substantiv u. ä.

Das Ganze ist, soweit überhaupt noch verfolgt, bis heute im Fluß und hat mich auch nie besonders interessiert. Empirisch arbeitende Sprachwissenschaftler (zu denen Chomsky nicht gehörte) haben stets die Variabilität der Sprachen betont, nicht das angeblich Universale. Skinner hat dazu gesagt, daß universale Eigenschaften sich durch die gemeinsame Umgebung der Menschen und die immergleichen praktischen Aufgaben erklären lassen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 21.07.2018 um 04.22 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1587#39161

In der Psychologie sollen Gesetze gefunden werden, mit denen sich erklären läßt, warum Menschen sich unter bestimmten Umständen in bestimmter Weise verhalten. Menschliches Verhalten umfaßt Handlungen, und für deren Erklärung braucht man Begriffe wie "Überzeugung" und "Wunsch. (Andreas Kemmerling)

Was wären das für Erklärungen, die sich derselben volkstümlichen Redeweise bedienten wie das zu Erklärende? Für eine naturalistische Erklärung menschlichen Verhaltens gehören Überzeugung und Wunsch zu den Explananda.
 
 

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