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Theodor Icklers Sprachtagebuch

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29.08.2015
 

Poohsticks
Die Engländer haben den Spleen und die schönsten Kinderbücher

Durch die FAZ vom 27.8.15 werde ich auf die edle Wissenschaft der Pooh-Stickologie aufmerksam. Bekanntlich läßt man auf der einen Seite der Brücke einen Stock oder etwas ähnliches in den Fluß fallen, rennt dann zur anderen Seite und beobachtet, welcher Stock dort zuerst hervorkommt. (Bemerkenswert: https://en.wikipedia.org/wiki/Poohsticks)
Das ist kein reiner Zufall, sondern etwas rauhe und schwere Stöcke gewinnen, weil knapp unter der Wasseroberfläche die Strömungsgeschwindigkeit am höchsten ist. (www.independent.co.uk)
Mir war als Kind auch schon aufgefallen, daß zum Beispiel trockene Blätter am langsamsten sind.
Soweit ist dies also endlich geklärt.
Die FAZ (Felicitas von Lovenberg) gibt ihrem Bericht dankenswerterweise die Abbildung aus Milnes Buch bei. Das Original ist voriges Jahr bei Sotheby's für fast eine halbe Million Euro versteigert worden, was den BLICK dazu veranlaßte, die Meldung unter „Neues aus Absurdistan“ zu stellen. Bedenkt man, was für nichtssagende Kunstwerke schon weit höhere Preise gebracht haben, kann man nur den Kopf schütteln. Shepards Zeichnung ist ihr Geld wert, ich hätte sie auch gern, konnte mich schon früher kaum von dieser „teuersten Buchillustration“ aller Zeiten losreißen. (Es gibt im Internet auch eine erst kürzlich wiederentdeckte Skizze dazu.)
Nie ist ein Fünfjähriger liebevoller dargestellt worden als in dieser Rückenansicht. Shepard war ja nicht der Vater, richtet aber dessen Blick auf die kleine Szene: die Selbstvergessenheit des kindlichen Spiels an einem Sommertag, zugleich das Wissen des Erwachsenen und daher die Melancholie, die das ganze heitere Buch durchzieht. „Bloß nicht stören!“ denkt man beim Anschauen. Der Betrachter (und Leser) identifiziert sich mit dem kleinen Jungen, zugleich weiß er wie der Vater, daß alles aus und vorbei und unwiederbringlich verloren ist. Was für eine Kunst!
Zur Erheiterung des Lesers trägt natürlich auch bei, daß hier umständlich die Erfindung eines Spiels beschrieben wird, das jeder nur zu gut kennt und ganz bestimmt selbst gespielt hat.
(Der BLICK bringt es fertig, die untere Hälfte des Bildes samt Ferkel abzuschneiden.)



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Kommentare zu »Poohsticks«
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Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 24.05.2016 um 18.02 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1643#32672

Jetzt wird es wieder Zeit, auf Brücken zu stehen und in den Fluß hinunterzusehen, wo allerlei vorbeigetrieben kommt. Man muß auch nicht mehr wie im Winter aufpassen, daß einem die Zunge am Eisengeländer festklebt.
Stöckchen werfen wir nicht mehr hinein, und manchmal sieht man im dunklen Wasser zwischen Fischen und Algen die Umrisse von unangenehm profanen Gegenstünden, z. B. Einkaufswagen von Aldi oder Radkappen.
Peinlicherwiese kommen mir dann Stefan Georges "Stimmen im Strom" in den Kopf, und meine Töchter haben das bei dieser Gelegenheit auch schon auswendig gelernt und finden es schön.
Eigentlich wollte ich eine Lesefrucht zum besten geben: Schiller war nie am Meer und hat auch den Rheinfall bei Schaffhausen nicht gesehen, der Goethe durchaus an den "Taucher" seines Freundes erinnerte. Schiller hat sich bei einer Mühle mit der Urgewalt des Wasser vertraut gemacht! Le pauvre Schiller...
 
 

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