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Theodor Icklers Sprachtagebuch

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13.08.2015
 

„Sprachproduktion“
Irreführende Metapher, falsches Modell

Manches Verhalten dient dem Herstellen von etwas, während anderes Verhalten seine Funktion durch den bloßen Ablauf erfüllt. Der Tischler stellt einen Tisch her, aber der Sportler, Schauspieler, Tänzer oder Sänger stellt nichts her, sondern vollzieht seine Darbietung, man sieht oder hört etwas, am Ende ist es vorbei, und es bleibt allenfalls noch eine Erinnerung. Aristoteles dürfte etwas ähnliches mit der Unterscheidung von Poiesis und Praxis gemeint haben.
Nun ist die Frage, zu welchem Verhaltenstyp die Sprache gehört. Die Antwort scheint auf der Hand zu liegen: zu den vollziehenden und nicht zu den herstellenden. In der Fachliteratur ist jedoch überwiegend von „Sprachproduktion“ (speech production) bzw. deren „Ergebnis“ die Rede. Möglicherweise verleitet die Schriftlichkeit dazu, auch beim Reden etwas entstehen zu sehen, den sogenannten Text, worunter die Sprachwissenschaft heute aber ausdrücklich auch die mündliche Rede versteht.
Wie verbreitet das Produktionsmodell bzw. die – meist undurchschaute – Produktmetapher ist, soll eine kleine Zitatsammlung belegen:

„Texte sind sprachliche Gebilde, Hervorbringungen der menschlichen Sprachfähigkeit, und wie alle Produkte einer menschlichen Tätigkeit lassen sie sich von zwei Blickrichtungen her untersuchen. Man kann die Struktur des Produktes analysieren oder aber die Prozesse der Textproduktion und des Textverstehens.“ (Wolfgang Klein in: Zeitschrift für Literaturwissenschaft und Linguistik 86/1992:7)
„Texte sind zunächst einmal Produkte bestimmter Handlungen, genauer gesagt, Produkte des Formulierens, Produkte von Formulierungshandlungen, Resultate der Herstellungshandlung ‚Formulieren‘.“ (Eckard Rolf: Die Funktionen der Gebrauchstextsorten. Berlin, New York 1993:37)
„Immer tun wir etwas, wenn wir sprechen (artikulieren, schreiben etc.); wir beschäftigen dabei bestimmte Körperteile oder -organe (Hand, Stimmbänder), und dabei stellen wir etwas her: Symbole bzw. Reihungen interdependenter Symbole, die wir ‚Sprache‘ nennen.“ (Götz Beck: Sprechakte und Sprachfunktionen. Tübingen 1980:4)
Angelika Ballweg-Schramm definiert sich äußern als „Produzieren semiotischer Einheiten“ (Helmut Henne, Hg.: Praxis der Lexikographie. Tübingen 1979:99). Das ist übergegangen in das umfangreiche Werk „Verben in Feldern“ des Instituts für deutsche Sprache (IDS), wo dem „Produzieren sprachlicher semiotischer Einheiten“ sogar das „Produzieren nichtsprachlicher semiotischer Einheiten“ (nämlich Gesten und Gebärden) gegenübergestellt wird (Helmut Schumacher, Hg.: Verben in Feldern. Berlin, New York 1986:666). Ähnlich rechnen Thomas T. Ballmer und Waltraud Brennenstuhl die Verben der lautlichen Äußerung ohne weiteres unter das „Produktionsmodell“ (Deutsche Verben. Tübingen 1985). Auch die IDS-Grammatik folgt diesem Modell: „Was wir als Sprachlaut betrachten, ist nur ein Ausschnitt dessen, was als Produkt entsteht.“ (Gisela Zifonun et al.: Grammatik der deutschen Sprache. Berlin, New York 1997:163) – Die Ellipse gilt als „Äußerungsprodukt“ der „elliptischen Prozedur“ (ebd. 413) usw.
„‚Äußerung‘ ist Akt-Objekt-ambig, d. h. es kann sowohl die Handlung des Äußerns als auch die hervorgebrachte Zeichenfolge meinen.“ (Dietrich Busse in Friedrich Müller, Hg.: Untersuchungen zur Rechtslinguistik. Berlin 1989:103)
„Das in einer bestimmten Redekonstellation erzeugte Produkt wird Textexemplar genannt.“ (Rainer Rath: Kommunikationspraxis. Göttingen 1979:23)
John Lyons meint, der Begriff Äußerung sei zweideutig, „insoweit man damit sowohl auf einen einzelnen Verhaltensakt referieren kann als auch auf das stimmliche Signal, welches ein Produkt dieses Verhaltensaktes ist“ (John Lyons: Semantik I. München 1980:39f.). Die Alltagsrede kommt dieser Auffassung entgegen, wenn man etwa sagt, daß der Stimmapparat Töne „hervorbringt“, wo in Wirklichkeit nur dessen Bewegungen akustisch wahrgenommen werden, entsprechend der visuellen Wahrnehmung von Gebärden.
Statt vom Produkt spricht man auch vom „Ergebnis“ oder „Resultat“ der Sprechtätigkeit:
„Daß Sätze als Sprachwerke das Ergebnis von Äußerungsakten sind, ist trivial.“ (Clemens Knobloch in HSK 7.1, Berlin 1992:419)
„(Das Sprechen) ist Resultat der Sprachverwendung, Resultat des einzelnen Sprechaktes.“ (Jurij Apresjan: Ideen und Methoden der modernen strukturellen Linguistik. Berlin 1971:36)
„Von der sprachlichen Äußerung als Handlung unterscheiden wir das Ergebnis dieser Handlung, vom Sprechen das Gesprochene.“ (Franz v. Kutschera: Sprachphilosophie. München 1971:17)
„Texte sind allgemein betrachtet das Ergebnis der sprachlich-kommunikativen Tätigkeit des Menschen.“ (Kleine Enzyklopädie Deutsche Sprache. Leipzig 1983:215)
„Sprachliche Äußerungen sind die Ergebnisse spezifischer Handlungen von Akteuren.“ (Theo Herrmann: Sprechen und Situation. Berlin 1982:24)
„Tesnière ist unversehens vom Sprechakt zum Resultat des Sprechaktes, der sprachlichen Äußerung, übergegangen.“ (Richard Baum: Dependenzgrammatik. Tübingen 1976:49)
„Wir gehen davon aus, daß Texte als komplexe sprachliche Zeichen das Instrument und das Resultat des Handlungsvollzugs bilden.“ (Fachsprache - Fremdsprache - Muttersprache. Heft 15/16, 1989:110)
„Daß ‚Sprache‘ uns immer nur in aktualisierter Form als Ergebnis eines Rede- oder Schreibaktes gegeben und beobachtbar ist, stellt die einhellige Auffassung der modernen Linguistik mindestens seit F. de Saussure dar.“ (Maximilian Scherner: Sprache als Text. Tübingen 1984:3)
Für Dieter Wunderlich ist das „Sprechaktprodukt“ das „Resultat“ des Vollzugs eines Sprechaktes (Studien zu Sprechakttheorie. Frankfurt 1976:52)
„Beobachtbar sind für uns vor allem die Resultate unserer sprachlichen Tätigkeit, die Äußerungen bzw. Texte.“ (Wolfgang Heinemann/Dieter Viehweger: Einführung in die Textlinguistik. Tübingen 1991:86) „Ein Gespräch ist das Resultat der sprachlichen Tätigkeit von mindestens zwei Handlungsbeteiligten.“ (ebd. 178)
Brinker und Sager unterscheiden das Gespräch als „Resultat eines interaktiven Prozesses“ und diesen Prozeß selbst, daher Zweiteilung der Gesprächsanalyse in „Ergebnis- und Verfahrensanalyse“ (Klaus Brinker/Sven Sager: Linguistische Gesprächsanalyse: eine Einführung. 2. Aufl. Berlin, S. 19) „Eine umfassende Gesprächsanalyse hat (...) beide Aspekte des sozialen Ereignisses ´Gespräch´ zu berücksichtigen und zu beschreiben: das Handlungsresultat wie den Handlungsvollzug.“ (ebd. 20) Es folgt ein Zitat von Alfred Schütz: „Wir müssen (...) terminologisch scharf zwischen Handeln in seinem Vollziehen als Erzeugen von Handlungen (actio) und der bereits fertig konstituierten Handlung als durch Handeln Erzeugtem (actum) unterscheiden. (Nach Schütz: Der sinnhafte Aufbau der sozialen Welt. Frankfurt 1974:50)



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Kommentare zu »„Sprachproduktion“«
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Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 19.08.2015 um 04.56 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1642#29740

Ist das wahr? Ich meine: Abhängigkeit von der Einzelsprache könnte man doch gerade bei solchen Konventionen wie dem metrischen System bestreiten. Dafür spricht beispielsweise auch die historische Ausbreitung des Dezimalsystems. Das scheint doch eher von der Art Rechtverkehr vs. Linksverkehr zu sein.
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 18.08.2015 um 13.20 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1642#29739

Auf manchen Gebieten wird aus einer Idee zuerst eine Zeichnung, dann ein Modell, dann ein Gerät und zuletzt eine Bedienungs- und Reparaturanleitung.
Technische Zeichnungen sind sprachabhängig; z.B. müssen US-amerikanische technische Zeichnungen erst vom Zoll- auf unser metrisches System umgerechnet werden, damit man hier danach etwas bauen kann.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 14.08.2015 um 08.16 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1642#29715

„Moderne Theorien der Sprachproduktion gehen (...) davon aus, dass die Produktion einer sprachlichen Äußerung in mehreren Prozessstufen verläuft: In einer ersten Prozessstufe erstellt der Sprecher eine nicht-sprachliche kognitive Struktur, die die intendierte Botschaft repräsentiert. Diese Struktur wird auch als präverbale Botschaft oder semantischer Input bezeichnet.“ (Herbert Schriefers: „Methodologische Probleme“ in: Theo Herrmann/Joachim Grabowski, Hg.: Sprachproduktion. Göttingen 2003:3-26, S. 5)

Hier ist vieles unklar: Was ist eine kognitive Struktur, wieso ist sie nicht-sprachlich, was ist die Botschaft, die sie „repräsentiert“ (bezieht sie sich darauf? ist sie mit ihr identisch?), warum wird der Sprecher als Täter genannt usw. – pseudowissenschaftliche Umschreibung des naiven „Ich weiß, was ich sagen will“. Was soll daran „modern“ sein?
„Kognitive Struktur“ enthält nur ein Adjektiv, kein Genitivattribut, in dem gesagt werden müßte, wovon es die Struktur sein soll. Das ist das Problem der dimensionslosen und daher unbenannten Größen. (Kritik daran von Wolfgang Prinz in HistWbPhil zu „Kognition“.) Typisch strukturalistisch: die Substanz verschwindet.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 14.08.2015 um 03.26 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1642#29712

Die Sprache verführt uns, so zu denken, in diesem Fall das Substantiv Information. Information ist nichts Hergestelltes, sondern eine Eigenschaft oder noch besser eine Funktion von etwas. Und warum sollte ein Tanz oder ein Musikstück keine Information enthalten? Ich sehe keinen Unterschied zu Sprachverhalten, was diese Frage betrifft.
Mir kommt es mit Skinner gerade darauf an, den "Inhalt" oder die "Bedeutung" als Begriff zu eliminieren. Sprachverhalten hat eine Vorgeschichte (eine längere, den Spracherwerb, und eine kürzere, den Situationszusammenhang) und eine Nachwirkung (die Funktion in der Gesellschaft), und das ist alles. Zusammengefaßt im ersten Kapitel von Skinners "Verbal Behavior". Weiter bei mir unter "bilateraler Zeichenbegriff".
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 14.08.2015 um 01.37 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1642#29710

Dient die Sprache dem Sprecher nicht immer zur Herstellung einer Information?
Ich kann Sprechen nicht auf die gleiche Stufe wie die Darbietung eines Tanzes oder einer sportlichen Betätigung stellen. Das Gesprochene existiert als Information weiter, zwar nicht materiell, aber ich würde auch Information als ein Produkt bezeichnen. Information hat sogar einen Wert.
 
 

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