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Theodor Icklers Sprachtagebuch

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10.01.2015
 

Sprechstörungen
Eine ernste Sache

Die FAZ wies gestern auf das Stottern hin, brachte naturgemäß ein Szenenfoto aus "The King's Speech" mit dem vorzüglichen Colin Firth, aber der Artikel stellte hauptsächlich die "Kasseler Stottertherapie" vor. Die kann ich natürlich nicht beurteilen, glaube aber gern, daß sie der Beachtung wert ist.

Es gibt u. a. ein Video, auf dem der Begründer und Leiter, Alexander Wolff von Gudenberg, sein Unternehmen vorstellt. Er stottert immer noch, aber es geht. Ich weiß nicht warum, aber dieses kurze Video hat mich richtig erschüttert. Vielleicht weil ich mich besonders gut einfühlen kann, oder weil der Mann so tapfer wirkt. (vimeo.com/99611841)

Ich selbst habe als Kind zwar nicht gestottert, aber "gepoltert", wie man das seltsamerweise nennt. Vergessen hatt' ich's und vergaß es gern. Sprechstörungen sind eine üble Sache, der Leidensdruck ist enorm, wie mir gerade meine jüngste Tochter aus ihrer fortschreitenden Logopädie-Ausbildung bestätigt. Der genannte Film zeigt das sehr schön. Es sind viel mehr Jungen betroffen. Man bringt es mit der Lateralisierung in Verbindung, aber so richtig scheint es keiner zu wissen.

Vielleicht habe ich anderswo schon mal erwähnt, daß überdurchschnittlich viele Sprachwissenschaftler Stotterer sind. Aber Sprechstörungen verschiedener Art sind überhaupt häufiger, als man denkt; viele bleiben auch wegen der Ausweich- und Vermeidungsstrategien unauffällig oder ganz verborgen.

Bei mir hat sich das im Laufe der Pubertät ganz verloren, ich spreche zwar immer noch ziemlich schnell, aber wer mich kennt, weiß, daß ich viele Stunden am Stück reden kann, ohne heiser zu werden oder je hängenzubleiben, und das ist ja auch schon fast wieder behandlungsbedürftig, Berufskrankheit von Professoren eben.

Es gibt Millionen Menschen, denen man buchstäblich eine Stimme geben könnte und sollte, deshalb hat mir der Artikel gut gefallen.



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Kommentare zu »Sprechstörungen«
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Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 20.02.2016 um 07.49 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1628#31720

Wir hören in Wirklichkeit nur einen Bruchteil dessen, was wir zu hören glauben, nutzen die Redundanzen der gut beherrschten Sprache, um einen vollständigen Eindruck des Gehörten aufzubauen.
Das wird nirgendwo so klar wie beim Cochlea-Implantat. Zunächst werden aus den wenigen Kontakten zwischen Elektroden und Hörnerv äußerst defizitäre Frequenzen, die dann durch ein langes Lernen wieder zu vollständiger Rede usw. ergänzt werden müssen. Das kann man sich auch in zahlreichen Dokumentationen ansehen, z. B. in dieser recht glücklichen:
https://www.youtube.com/watch?v=VB99Et9f2ow
Es gibt auch Patienten, die das Ganze bedrückender erleben.
Die technischen Wunderwerke werden aber jedes Jahr weiterentwickelt, und man hat allen Grund, sehr gute Ergebnisse zu erwarten.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 02.06.2015 um 20.18 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1628#29042

Meine logopädische Tochter weist mich auf dieses lehrreiche endoskopische Meisterwerk hin: www.youtube.com/watch?v=-XGds2GAvGQ .
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 10.03.2015 um 05.24 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1628#28281

Gerade lese ich, daß der Philosoph Wolfgang Wieland gestorben ist. Vorgestern habe ich meiner logopädischen Tochter noch von ihm erzählt. Ich hatte ihn vor 50 Jahren als jungen Philosophieprofessor in Marburg gehört und habe die Wirkung seines Seminars über die Vorrede zu Hegels Phänomenologie schon geschildert (http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1540#24412). Wieland hatte offenbar einen Sprachfehler überwunden und artikulierte mit einer gewissen Bewußtheit, die ihm dabei half, ohne Stottern, aber irgendwie zögerlich vorzutragen. Er verließ Marburg bald wieder, und wir hörten, daß er ein Medizinstudium begonnen habe. Tatsächlich wurde er dann Arzt und dann wieder Professor mit dem Gebiet Medizinethik. Die FAZ widmet ihm einen schönen Nachruf.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 14.01.2015 um 06.25 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1628#27788

Ein bekannter Literaturkritiker und Journalist hat seinen Interviewpartnern besonders ergiebige Auskünfte entlockt, weil sie ihm über sein Stottern hinweghelfen wollten und daher mehr von sich preisgaben, als sie es einem eloquenteren Interviewer gegenüber getan hätten.
 
 

Kommentar von Simplex, verfaßt am 13.01.2015 um 19.33 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1628#27786

Als Stotterer mit einem halben Jahrhundert Erfahrung möchte ich die Gelegenheit nutzen, meine Hochachtung und Bewunderung für Herrn Thilo Sarrazin kundzutun. Mir geht es dabei nicht um seine politischen Aussagen, sondern nur um seine Meisterschaft im Navigieren auf hoher See zwischen Blocks und Riffs, und das vor laufenden Kameras.

Wenn sich auch im Studio nicht alles so abspielt, wie es in den Wohnzimmern ankommt, so glaube ich schon, daß die ausgesprochen feindselige Haltung ihm gegenüber seine Bemühungen um gut verständliche Sprache und Argumentation zusätzlich erschwert. Er schlägt sich wirklich wacker!

Nicht unerwähnt lassen möchte ich Herrn Oliver Welke. Dieser Anti-Satiriker – er macht sich nicht über die Obrigkeit lustig, sondern über die, die an der Weisheit der Obrigkeit zweifeln – war sich nicht zu blöde, über Sarrazins Sprachfehler herzufallen. Ich kenne das aus der frühen Schulzeit, ab Sexta gab es das nicht mehr.

Meine Beschwerde an das ZDF blieb unbeantwortet.
 
 

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