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Theodor Icklers Sprachtagebuch

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06.11.2014
 

Deixis und Subjektivität
Ein Schrittchen zur Naturalisierung des Geistes

Viele Sprachen unterscheiden zwischen einer Deixis der ersten und einer Deixis der zweiten Person, also lat. zwischen hic und iste, griechisch hode und houtos usw. (Die Ferndeixis und weitere Abstufungen lasse ich hier weg.)
Es fällt nun auf, daß dieselben pronominalen Stämme auch zur Textphorik, also zum Voraus- und Zurückverweisen gebraucht werden, und zwar so, daß mit der Deixis der zweiten Person auf schon Gesagtes, mit der der ersten Person auf noch zu Sagendes verwiesen wird. Wenn man Sonderfälle wie Korrelatives ausschaltet, gilt das mit großer Regelmäßigkeit. Die Erklärung liegt nahe: Was ich schon gesagt habe, ist gewissermaßen "bei dir da"; was ich noch sagen will/werde, ist noch "bei mir hier". So weit, so gut (ich habe es anderswo schon mal ausgeführt).

Schon die bloße Redetechnik setzt also praktisch voraus, daß ich etwas "mitteilen" oder eben auch "für mich behalten" kann. Beide Techniken verweisen auf etwas nicht (nicht mehr oder noch nicht) Wahrnehmbares – aber wo ist es? Im "Geist" natürlich. Auch ohne ausdrücklich darüber nachzudenken, setzt jeder der beiden Gesprächspartner eine "Innerlichkeit" voraus, einen (metaphorischen) Raum radikaler Privatheit. Daß du nicht weißt, was ich denke – und umgekehrt –, gehört zu den Voraussetzungen des Sprechens.



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Kommentare zu »Deixis und Subjektivität«
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Kommentar von Germanist, verfaßt am 21.10.2016 um 18.21 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1627#33607

Wenn der Familienname vor dem Rufnamen steht, setzt man ein "der" vor den Familiennamen, jedenfalls im süddeutschen Hochdeutsch: "der Huber Alois".
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 21.10.2016 um 17.04 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1627#33606

Aus der Dudengrammatik:

„Wenn bei unpersönlichen Verben das Pronomen es durch das ersetzt wird, wird dem beschriebenen Ereignis eine besondere Intensität zugeschrieben:

Das blitzt und donnert ja unheimlich! Wie das wieder durch die Ritzen zieht!“ (285)

Wenn das zutrifft – wie erklärt es sich? Es liegt ja auf den ersten Blick nicht gerade nahe, daß ein Pronomen diese Wirkung haben könnne.

Meiner Ansicht nach weist das Demonstrativum aus dem Bereich des Sprechers hinaus in den des Hörers. Der "gezeigte" Gegenstand wird gewissermaßen dem Hörer zugeschoben (natürlich autoklitisch, also nicht ausdrücklich). Man könnte umschreiben: "Das ist nicht meins, ich weiß gar nicht, was ich dazu sagen soll, sag du es..." Ähnlich wirkt so: Das war so schön! (= Das war so schön, wie du dir nur denken kannst.) Deutlicher wäre so etwas wie der/das da, entsprechend lat. iste und griech. houtos. Der Exklamativsatz verstärkt die Wirkung, denn der läuft ja immer auf eine Stellungnahme des Hörers hinaus.

Gallmann geht anschließend auf die Unhöflichkeit des Pronomens der beim Bezug auf Personen ein. (Die Beispielgruppe c gehört nicht hierher, weil gerade dieser Bezug gar nicht vorhanden ist.)

Hier fehlt jedoch ein Hinweis, auf die Unverfänglichkeit und Unvermeidlichkeit des Demonstrativums bei Linksversetzung und verkappten Relativsätzen:

Mein Freund, der sagt das auch immer. (*er)
Ich habe einen Freund, der sagt das auch immer. (*er)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 14.04.2016 um 17.11 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1627#32277

Manche haben das Zeigen aus dem Werfen abgeleitet (William Calvin, evtl. Skinner), andere aus dem Greifen (Wundt, Cassirer). Géza Révész (Ursprung und Vorgeschichte der Sprache. Bern 1946:60) lehnt letzteres ab, weil Zeigen kommunikativ sei, Greifen aber nicht. Das ist nicht schlüssig, weil es ja gerade darum geht, welches Verhalten durch empfangsseitige Semantisierung kommunikativ geworden sein könnte.
Neuerdings wird weiteres zur Stützung der Greifen-Hypothese beigetragen: Lenkung der Aufmerksamkeit auf einen Gegenstand, auch wenn er gar nicht in Reichweite ist. (Tomasello)
Der Zoologe Berhard Rensch schrieb mir vor Jahrzehnten, er habe sich oft über das treffsichere Werfen bei Menschenaffen gewundert.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 04.04.2016 um 09.45 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1627#32172

Ach, das ist bloß zur Verdeutlichung, weil "Ausrichtung" alles mögliche bedeuten kann und weil "konkret" eben das Gegenteil der rein begrifflichen Beziehungen ist. Die Teile eines Bestandssystems sind eben wirklich oder "konkret" beieinander wie die Teile eines Fahrrads oder die Mitglieder einer Gruppe und werden nicht nur wie Gattung und Art "in Gedanken" zusammengebracht.
Die Götter, denen manche Menschen an Altären opfern usw., sind auch mit diesen Menschen zusammen. Fiktionalität spielt in dieser Hinsicht noch keine Rolle.
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 04.04.2016 um 09.04 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1627#32171

Was ist dann der Unterschied zwischen Ausrichtung und »konkreter Ausrichtung«?
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 04.04.2016 um 04.59 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1627#32169

Die Schwurhand "zeigt" so wenig wie der Stinkefinger.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 04.04.2016 um 04.55 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1627#32168

Den Schweif nehme ich zurück, die konkrete Ausrichtung nicht. Daß ein Gegenstand nur eingebildet ist, ändert doch nichts. Es geht um die Nichtwillkürlichkeit, Nichtkonventionalisierbarkeit (das Nichtarbiträre) der Geste oder Gebärde.
Ich unterscheide übrigens nicht zwischen konkreten Gegenständen und anderen, weil Konkretheit/Abstraktheit für mich keine Sorten von Gegenständen, sondern Bezeichnungstechniken sind. Deshalb brauche ich mir auch nicht den Kopf darüber zu zerbrechen, ob der Osten konkret ist. Sprachlich ist er es. Anderswo hatte ich gesagt, daß der Geist ein Körperteil ist, denn sprachlich wird er so behandelt (Bahuvrihi, Pertinenzdativ).
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 03.04.2016 um 21.36 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1627#32167

Und beim Meineid-Schwören zeigen hinter dem Rücken zwei Finger nach unten.
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 03.04.2016 um 20.06 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1627#32166

Die Richtung muß stimmen, aber es geht auch ohne konkrete Gegenstände, anders als es die Formulierung »eine bestimmte konkrete Ausrichtung auf den Gegenstand« suggeriert. Eine Himmelsrichtung ist ja z. B. auch keiner.

(Und Hunde haben keine Schweife, das hatten wir doch letztens erst.)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 03.04.2016 um 16.31 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1627#32164

Die Richtung muß aber stimmen, sonst könnten Sie auch auf die Kellertreppe zeigen. (Dort sitzt vielleicht der Teufel.) Folglich hat die Ritualisierung genau die Schranke, die ich gemeint habe.
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 03.04.2016 um 10.25 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1627#32162

Den Zeigefinger gen Himmel zu richten und damit auf Gott (bzw. seine Hilfe) zu deuten ist aber eine ziemlich ritualisierte Geste; schließlich kann der Atheist da oben nichts sehen (wie einst schon Gagarin feststellte).
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 03.04.2016 um 09.44 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1627#32161

Im Gegensatz zu anderen Verhaltensweisen kann das Zeigverhalten nicht beliebig ritualisiert werden, sondern es muß eine bestimmte konkrete Ausrichtung auf den Gegenstand vorhanden sein und bleiben, sonst könnte die räumliche Orientierung nicht funktionieren. Es kann also nicht so vollkommen arbiträr werden wie etwa das Schweifwedeln des Hundes oder Saussures arbre/Baum. Das hat zur Folge, daß das Zeigen wegen seiner Konkretheit die Existenz des Gezeigten präsupponiert:

"Der Zeigefinger ist der Wegweiser vom Nichts zum Sein." (Ludwig Feuerbach)

Ob die Zeiggeste nun aus dem Werfen oder aus dem Greifen entstanden ist – wie diese beiden Verhaltensweisen erzeugt es eine reale Verbindung. Auf jemanden zeigen ist wie jemanden an der Hand halten die Schaffung eines "Bestandssystems" (im Unterschied zu einem "Begriffssystem").
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 13.11.2014 um 08.58 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1627#27324

Nein, ich habe ja auch nicht gesagt, daß sich der Sprecher auf das Innere des Hörers bezieht (vom Schreiben und Lesen müssen wir absehen, das ist nicht der Ort, an dem die deiktischen und phorischen Redemittel entstanden sind). Vielmehr vermute ich, daß die Privatheit, also das metaphorisch (bzw. "transgressiv") verstandene "Innere", seinen Ursprung in dieser Verständigungssituation hat.

Zur Unterstützung nur eine Beobachtung: Wenn jemand fragt: "Meinst du die Anna?" und ich antworte: "Ja, genau die!", dann kann man sich vorstellen und auch beobachten, daß ich mit dem Zeigefinger auf den Partner zeige, als identifizierte ich die Anna "beim" Hörer.
Die räumliche Verteilung des "Wissens" liegt auch einigen Modalpartikeln zugrunde, wie ich in meinem Aufsatz über diese dargelegt habe.

Ich werde das mal genauer ausarbeiten, lieber Herr Achenbach, es beschäftigt mich seit meiner Studienzeit.
 
 

Kommentar von V.P., verfaßt am 12.11.2014 um 15.58 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1627#27322

Bei Texten scheint es doch so zu sein, daß zurückverweisende Ausdrücke sich nicht auf einen Ort im "Inneren" des Lesers beziehen, sondern auf etwas, das im vorangehenden Text steht und vom Leser bereits zur Kenntnis genommen wurde.

Von den Gedanken, die jemand ausgesprochen oder z.B. in einem Brief formuliert hat, sagt man für gewöhnlich nicht, daß sie sich "im Geist" / "im Kopf" des Lesers oder Verfassers befinden.

Die metaphorische Rede vom "Inneren" scheint für den Fall vorgesehen, daß jemand eine Rede vorformuliert oder eine Rechenaufgabe löst, ohne wahrnehmbare Zeichen zu produzieren. Wenn wir in der Verlegenheit sind, einen Ort für diese geräuschlosen Aktivitäten angeben zu müssen, sagen wir, er habe die Aufgabe im Kopf gelöst oder die Rede im Geiste geprobt.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 07.11.2014 um 18.26 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1627#27270

Mir würden ein paar Beispiele wahrscheinlich sehr helfen.
 
 

Kommentar von Klaus Achenbach, verfaßt am 07.11.2014 um 14.43 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1627#27269

Ich verstehe kein Wort.
 
 

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