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Theodor Icklers Sprachtagebuch

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24.10.2014
 

Sprache und Erinnerung
Bemerkungen zu einem alten Problem

Warum können wir uns im allgemeinen nicht an Ereignisse aus den ersten drei Lebensjahren erinnern? In einer populären Zeitschrift heißt es in Anlehnung an den Psychologen Hans Markowitsch:

So sehr Sie sich auch bemühen - an die ersten drei Jahre seines Lebens wird sich Ihr Kind später nicht erinnern können. (...)
Die Drei Faktoren für die Erinnerung

Wissenschaftler gehen heute davon aus, dass drei Faktoren zusammenkommen müssen, damit man sich später an bestimmte Ereignisse erinnern kann:

1. Die Sprache
Erst wenn wir unsere Muttersprache nahezu beherrschen, fängt das autobiographische Gedächtnis, in dem wir persönliche Erlebnisse aufbewahren, an zu funktionieren. Hans Markowitsch: "Erlebnisse, die wir als Kinder noch nicht mit Worten beschreiben konnten, sind für uns als Erwachsene nicht mehr abrufbar." Das heißt: Die zerbrochenen Christbaumkugeln sind zwar irgendwo im Hirn ihres Kindes abgespeichert, aber es wird ihm nicht gelingen die Erinnerung später hervorzukramen.

2. Die Hirnreifung
Das Gehirn eines Kleinkindes ist mit dem eines Erwachsenen nicht vergleichbar. Erst in der Pubertät hat sich das Netzwerk von Nervenzellen so weit ausgebildet, dass die Bedingungen zur Abspeicherung von Erinnerungen optimal sind. Bei Babys und Kleinkindern funktioniert das Gedächtnis noch auf sehr einfache Art, es entwickelt sich erst über die Jahre hinweg zu einem komplexen System. Ganz am Anfang erinnern sich Babys nur an Dinge, die fast reflexhaft ablaufen: zum Beispiel daran, dass sie an der Brust saugen müssen, um satt zu werden. Oder an den Geruch der Mutter. Später erinnern sie sich daran, wer Opa ist und dass die Herdplatte heiß sein kann. Erst ab einem Alter von etwa drei Jahren ist die Hirnentwicklung so weit, dass auch das autobiographische Gedächtnis, das persönliche Erlebnisse speichert, zu funktionieren beginnt.

3. Die Ich-Entwicklung
Im Alter von zwei bis drei Jahren entwickeln Kinder eine Vorstellung davon, wer sie sind, und dass sie ein eigenständiges Leben führen. In dieser Phase lernen sie, sich in den großen Zusammenhang der Welt einzuordnen und zu erkennen, was gestern, heute oder morgen ist. "Solange Kinder kein Verständnis von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft haben, können sie auch keine Erinnerungen abspeichern oder wieder hervorrufen", sagt Gedächtnisforscher Markowitsch.


Der dritte Punkt ist auffälligerweise nicht operationalisierbar. Verhaltensänderung, also Lernen findet schon im Mutterleib statt und ist von Dauer; das ist für alle Sinnesmodalitäten nachgewiesen. Nur die besondere Leistung des Berichtens aus der Kindheit – nur das nennen wir „Erinnerung“ (im Text „bewusste Erinnerung“) – reicht nicht so weit zurück.
Es käme nun darauf an, das Erlernen solcher Berichte zu studieren. (Das geschieht natürlich längst, ich weiß.) Interessant ist der Anfang, wenn man Kinder erzählen läßt, was "gestern" war, vor allem wenn man selbst dabeigewesen ist. Dann kann man beobachten, wie das Kind aus Gedächtnisspuren etwas konstruiert und stilisiert. Unter drei Jahren hat es noch nicht die "Kategorien". d. h. auch: die Interessen, die annähernd denen der Erwachsenen entsprechen, die eine verständliche Erzählung in unserer Sprache erst ermöglichen. Damit sind wir wieder bei Wittgensteins Löwen: Könnte er sprechen, wir würden ihn nicht verstehen.
Die mentalistische Darstellung unter Punkt 3 macht aber eine Forschung von vornherein unmöglich.

Es melden sich Leser, die ziemlich aufgebracht berichten, sie könnten sich an die ganze Zeit nach der Geburt genau erinnern, das Blaulicht über dem Frühgeborenen (offenbar gegen neonatalen Ikterus) usw. - das sind bestimmt Einbildungen.



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Kommentare zu »Sprache und Erinnerung«
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Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 12.06.2018 um 17.49 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1626#38954

Jan und Aleida Assmann bekommen den Friedenspreis des deutschen Buchhandels.

Jan Assmann hat sich auch oft über Mündlichkeit und Schriftlichkeit geäußert. Er hat andererseits das Begriffspaar "Gebrauchs- und Gedächtniskultur" eingeführt, was die Sache besser trifft als die bekannte Unterscheidung von Koch/Oesterreicher. Die indische Kultur bleibt aber auch hier der blinde Fleck.

Anregend seine Überlegungen zum Monotheismus.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 16.03.2018 um 08.00 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1626#38193

Wenn uns ein Wort nicht einfällt, haben wir oft ein Gefühl dafür, wie weit wir noch davon entfernt sind. Wenn es uns "auf der Zunge liegt", hat es Sinn, ein wenig weiterzusuchen.
Gestern fiel mir der Name eines früheren bayerischen Ministerpräsidenten nicht ein, und ich wußte zugleich, daß ich nicht den kleinsten Pfad betreten hatte, der mich zu ihm führen könnte, gab es also auf. Heute morgen verstand ich nicht mehr, wie ich "Streibl" je vergessen konnte.

Was mag da vorgehen? Das Zungenspitzenphänomen besteht wohl darin, daß auf dem inkrementellen Weg eine oder mehrere Vorgestalten des Endverhaltens bereits ausgebildet, aber nicht so ausgedehnt sind, daß sie die Artikulationsmotorik in Gang setzen könnten. Dieser Zustand wird aber nicht "wahrgenommen" oder "beobachtet" (es gibt weder einen Beobachter noch Wahrnehmungsorgane), sondern allenfalls "bekundet" wie die Endhandlung selbst.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 10.01.2017 um 05.46 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1626#34269

Beim Anblick eines Pressefotos:

Daß ich von Hannelore auf Kraft komme, ist gewissermaßen noch verständlich, als "fliegender Start", den man als Ungeübter auch beim Klavierspiel usw. braucht. Aber warum komme ich auch von Kraft auf Hannelore? (Und warum wissen wir das immer noch nicht?)

Und – schon erwähnt – warum wird das Suchen nach einem Wort mit wachsendem Wortschatz nicht immer schwerer, sondern leichter?
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 16.05.2016 um 14.43 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1626#32586

Zu http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1626#27536

Wobei mir wiederum aus meiner Kindheit einfällt, daß unser Französischbuch ein Kapitel enthielt: Les trains qui roulent sur l'air. Auch daran habe ich seither bestimmt nicht gedacht. (Luft ist es übrigens nicht.)

Die Erinnerung an etwas weit Zurückliegendes, etwa an einen Namen, an den ich 60 Jahre nicht gedacht habe (z. B. G. S., ein Mitschüler in der Grundschule, ein Gastwirtssohn, zu dem ich keine näheren Beziehungen hatte), ist wahrscheinlich unvorstellbar kompliziert im Gehirn begründet. Vielleicht viele weit verteilte Veränderungen an Synapsen, die außerdem stabil sein müssen, auch wenn die Substanz seither mehrmals ausgetauscht worden ist. Auszuschließen sind einzelne Synapsen oder Zellen als Träger der Erinnerung, denn dann wären sie zu anfällig für Störungen (Verletzungen, Erschütterungen). Andererseits müssen die verteilten Veränderungen spezifisch genug sein, um in mir die Motorik zu steuern, die als Aussprechen des Namens verstanden wird.

Wenn ich den Namen tatsächlich vollständig reproduzieren kann, ist ausgeschlossen, daß ich mir die Genauigkeit der Erinnerung nur einbilde, wie vielleicht bei einem visuellen oder olfaktorischen Eindruck.)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 21.12.2015 um 06.11 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1626#30961

Wie Freud und Skinner gezeigt haben, sind unsere Gedankengänge und Redeflüsse gerade dann am übersichtlichsten motiviert, wenn sie ganz frei dahinzuströmen scheinen ("freie Assoziation"). Innersprachliche Reaktionen sind einfacher, unkontrollierter als sachlich oder logisch motivierte. Man denke an den "fliegenden Start" beim Aufsagen oder Musizieren.

Manchmal fällt mir (ich habe das schon erwähnt) eine Ziffernfolge nicht ein, obwohl ich sie dringend brauche, z. B. als Kontonummer bei der Universitätsbibliothek oder auch bei der Bank. Sie ist aber nicht verschwunden, sondern am nächstentag wieder da, ganz unbegreiflich anstrengungslos. Hilfsweise überlasse ich die Eingabe meinem Fingergedächtnis, wie ein Pianist.

Manche Eigennamen kann ich mir einfach nicht merken. Das kann peinlich sein, wenn ich jemamdem begegne, den ich schlecht fragen kann, wie er eigentlich heißt. Nicht daß ich etwas gegen ihn hätte, es ist nur einfach das Lautgebilde.

Heute morgen brauchte ich fast zehn Minuten, bis ich das einfache Zitat "Est modus in rebus" beisammen hatte.

Oft muß ich nachschlagen, wie ein englisches Wort ausgesprochen wird, und eine Woche später schon wieder dasselbe Wort. Ich will mir merken, daß es nicht so ausgesprochen wird, wie ich es mir - mit Zweifeln, sonst hätte ich ja nicht nachgeschlagen - vorgestellt hatte, aber nach einer gewissen Zeit weiß ich nicht, ob es so gesprochen wird oder doch eher genau anders herum.

Bei manchen englischen Wörtern muß ich seit einem halben Jahrhundert immer wieder die genaue Bedeutung nachschlagen, z. B. heute morgen bei denizen. Es kommt in den Texten gerade so selten vor, daß ich es zwischendurch vergessen kann (jetzt nach diesem Geständnis aber bestimmt nicht mehr).

Ziemlich peinlich, aber ich liege ja hier sowieso auf der Couch, und alles muß raus.

Was heißt noch mal denizen? Langenscheidt, hilf!
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 14.06.2015 um 05.45 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1626#29147

Man muß kein Gedächtniskünstler sein, um sich die folgende Ziffernfolge auf Anhieb zu merken: 08008080789. Das muß man nämlich, wenn man einer Hörfunkdiskussion folgt und sich selbst beteiligen will. Auf dem Weg zum Telefon wiederholt man sich innerlich die Verbalisierung, die der Sprecher vorgenommen hat: Nullachthundert achtzig achtzig siebenachtneun. Das klappt ohne weiteres.

Wer Kinder hat, weiß, daß sie alles mögliche schnell auswendig lernen. Ein paar Verse, ein- oder zweimal vorgesagt, schon sitzen sie, vielleicht für immer. Wir können das nicht mehr. Das ist eine Tatsache, und es wäre leichtfertig, sie nicht auszunutzen.

Wenn man älter wird, weiß man, wie kostbar die Zeit ist und daß man sie nicht vergeuden sollte. Aber die Kinderzeit ist noch kostbarer, und die Kinder wissen nichts davon. Es ist traurig, die Kinder vor der Glotze zu sehen, Tag für Tag. Lesen ist was ganz anderes. Da hört man das liebe Kind in seinem Zimmer schluchzen, erkundigt sich vorsichtig nach der Ursache und findet, daß sie ein Buch gelesen hat, das traurig endet. Sie weiß nicht, daß sie dieses Erlebnis zur guten Hälfte selbst erzeugt hat, freilich nach einer Vorlage, und ihr Vergnügen an tragischen Gegenständen wird sie dazu bringen, sich gleich den nächsten Band zu besorgen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 13.12.2014 um 06.03 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1626#27545

Zu #27537:

Dieses Buch hat im Deutschen zwar einen apokalyptischen Titel und Untertitel, hält aber meiner Ansicht nach nicht, was es verspricht. Ganz gelesen habe ich es freilich nicht, der mäandernde Stil wurde mir bald zuviel. Sanders gibt zahlreiche literaturgeschichtliche Exkurse, z. B. zu Huckleberry Finn, die wenig zum Thema beitragen. Seine Ansichten über die Bedeutung der Schriftlichkeit und Mündlichkeit (sinnloserweise als Oralität und Literalität "übersetzt") bezieht er aus Ong, Havelock usw., sie sind daher auch in derselben Weise falsch, aber noch krasser: Die Greuel unserer Zeit führt er darauf zurück, daß die Menschen wegen des Verfalls der Lesekultur kein "Selbst" mehr entwickeln, denn das sei an die Schriftlichkeit gebunden.
Mündliche Kulturen stellt er sich so vor, als palaverten und erzählten die Oralprimaten den ganzen Tag und sonst nichts. Aber keine Kultur hat sich so früh und so eingehend mit dem "Selbst" (atman) beschäftigt wie die weitestgehend mündliche der alten Inder. So kommt gleich am Anfang ein falscher Ton in die Spekulation, und er bleibt bis zuletzt. Das Bild, das sich die ausgewerteten Forscher von mündlichen Kulturen machen, ist nach wie vor weitgehend von Afrika geprägt. Wenn man vormodernes Material sucht, sollte man Indien und China vergleichen, zwei Hochkulturen, von denen die eine stark mündlich, die andere stark schriftlich geprägt ist. Für Verallgemeinerungen zu wenig, aber besser als gar nichts oder als die üblichen Vergleiche.
Das Buch ist für ein paar Cent zu beziehen, und das kann man immerhin ausgeben, aber man wird sehen, daß das Thema verschenkt ist, und sollte sich vor den Fehlinformationen hüten.
 
 

Kommentar von Walter Lachenmann, verfaßt am 13.12.2014 um 00.34 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1626#27544

Ich kann mich noch sehr gut daran erinnern, als es um 1948/49, also nach der Währungsreform, wieder alles mögliche gab, von dem wir Kinder schon gar nicht mehr wußten, daß es das überhaupt mal gegeben hat, und ich sozusagen zum ersten Mal einen Zitronensaft zu trinken bekam, also eine ausgepreßte Zitrone mit Wasser in einem Glas angefüllt, mir dieser Geschmack durchaus vertraut war. Ich war 11 Jahre alt, vermutlich gab es damals seit meinem 3. Lebensjahr – zumindest in unserer Familie – keine Zitronen mehr. Mit Bananen ging es mir ähnlich. Die berühmte Madeleine bei Proust handelt ja von demselben Phänomen.
 
 

Kommentar von Pt, verfaßt am 12.12.2014 um 12.57 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1626#27543

Zu #27540:

Der Geruchssinn ist der älteste Sinn. Wir nehmen nur das wahr, wofür wir Rezeptoren haben. Vielleicht richen Gurken für andere Tiere deshalb anders? An Gerüche kann man sich adaptieren, so daß zwar die Geruchsmoleküle noch vorhanden sind, sie aber nicht mehr wahrgenommen werden.

Warum nicht auch Gerüche? Durch die Geruchsrezeptoren werden sie in ein neuronales Erregungsmuster umgesetzt, das ebenso abgespeichert und erinnert werden kann wie die Erregungsmuster, die von den Augen bzw. Ohren kommen. Was der ''Geist'' ist, darüber kann man sich streiten.
 
 

Kommentar von Pt, verfaßt am 12.12.2014 um 12.42 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1626#27542

Zu #27538:

Die Gerüche haben sich sehr verändert, die Luft in den Bussen ist sehr viel besser geworden, da das Ausleben bestimmter Süchte in Bussen heute nicht mehr erlaubt ist. Außerdem gibt es heute andere Sitzbezüge, oft Klimaanlage und das Fahrwerk ist besser. Auch das Geschaukel hatte sicher einen Einfluß, insbesondere wenn es zusammen mit schlechten Gerüchen auftrat. Für ein Kind ist beides belastender als für Erwachsene, da die von den Süchtigen produzierten Stoffe stärker auf Kinder wirken, wenn sie gezwungen werden, diese einzuatmen. Die Erwachsenen waren auch schon an diesen Gestank adaptiert und nahmen ihn deshalb kaum mehr wahr. Süchtige sind rücksichtslos, insbesondere gegenüber Kindern.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 12.12.2014 um 06.05 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1626#27540

Wie bei allen sogenannten "Vorstellungen" (ein folkpsychologisches Konstrukt) muß man es hier beim Appell bewenden lassen. Also ich möchte behaupten, daß ich mir einen Geruch genau vorstellen kann. (Vielleicht läßt sich sogar eine physische Reaktion messen, wie ja auch manche Leute schon bei der Vorstellung von Erdbeeren einen Ausschlag bekommen – gar nicht zu reden von Männern, die bei der Vorstellung reizvoller Szenen etwas anderes bekommen...)
Mein Standardbeispiel sind frisch aufgeschnittene Gurken, weil sie so wunderbar duften und auch deshalb, weil ich mich immer wieder wundere, daß so ein wäßriges Gebilde es schafft, aus Wasser und Luft derart intensive Duftstoffe herzustellen – und wozu? Bloß damit das ganze Haus danach riecht.

Auch beim Riechen scheint Vorwissen eine Rolle zu spielen. Es gibt sicher, wie auch Tiere beweisen, eine angeborene Ab- und Zuneigung, aber wenn wir z. B. seit je mit dem Geruch von Gurken höchste Lebensgefahr verbänden, käme er uns vielleicht abscheulich vor.

Wörter und Bilder sollen im Geist gespeichert sein (Paivio u. a.), na ja, das liegt dem naiven Menschen vielleicht nahe, aber Gerüche? Die hat bisher nur die Stasi speichern können.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 11.12.2014 um 15.26 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1626#27538

Ich kann mich noch gut erinnern, wie in meiner Kindheit Busse und Züge gerochen haben. Ich glaube, die Gerüche haben sich gar nicht so sehr verändert, aber ich habe sie damals viel intensiver wahrgenommen, weil ich als Kind das Busfahren nicht vertragen habe. Deshalb wollte ich möglichst immer mit der Bahn fahren. Schon vom Geruch eines Busses wurde mir fast so schlecht wie vom Fahren. Obwohl sich das später völlig gegeben hat, kann ich mir die für mich sehr intensiven Gerüche von damals noch gut vorstellen.
Eigentlich war es das Geschaukel, das ich nicht vertragen habe, aber die Gerüche wurden mir zu einer Art Pawlowschem Reiz.
 
 

Kommentar von dickbrettbohrer, verfaßt am 11.12.2014 um 11.48 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1626#27537

Literaturtip:

Barry Sanders: Der Verlust der Sprachkultur

(antiquarisch)
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 11.12.2014 um 11.39 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1626#27536

Wiedererkennen ja, aber kann man sich einen Geruch vorstellen?

Nur am Rande: Der besondere Geruch der Métro hängt damit zusammen, daß es sich nicht um eine Eisenbahn, sondern um einen Spurbus handelt, jedenfalls auf einigen Linien. Dort hängt dann Gummiabrieb in der Luft.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 11.12.2014 um 04.48 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1626#27534

Wie schon mehrmals besprochen: Der Eindruck, man könne sich etwas genau vorstellen, sehe es geradezu vor sich, ist meist nicht durch die Tatsachen gerechtfertigt. Dieser Eindruck, ein Vertrautheitsgefühl, wird offenbar separat erzeugt. So auch bei Erinnerungen. Ich kann mir, so meine ich, den Geruch der Klassenzimmer in meiner Grundschule vor über sechzig Jahren genau vorstellen: eine Mischung aus Bohnerwachs, feuchtem Tafelschwamm (mit Kreide) und Schweiß. Aber es ist nicht anzunehmen, daß diese Einzelheiten eine Entsprechung im Gehirn haben. (Anderswo habe ich den Geruch der alten Pariser Métro erwähnt, den ich ebenfalls während meiner Schulzeit kennengelernt hatte: Schmieröl plus Reinigungsmittel meiner Ansicht nach. Ich könnte ihn jederzeit vom Klassenzimmergeruch unterscheiden. Der Nervus olfactorius ist, wie man heute weiß, kein Hirnnerv, wird aber praktischerweise immer noch in den bekannten Sprüchlein als deren erster angeführt. Die Physiologie ist hier nicht ganz unwichtig, weil mit der Archaik des Geruchssinnes möglicherweise die sprachliche Abdeckung dieses Bereichs zusammenhängt.)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 26.11.2014 um 08.43 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1626#27441

Kleine Kinder können schon ziemlich gut sprechen und auch erzählen, was sie erlebt haben. Aber wenn man ihnen zuhört und sie beobachtet, merkt man, daß sie das "Realitätsprinzip" der Erwachsenen, also eine bestimmte Art der Disziplinierung, noch nicht völlig verinnerlicht haben. Tagträumereien und Wunschdenken werden als Wirklichkeit genommen; sie berichten auch als Selbsterlebtes, was sie in Wirklichkeit von anderen gehört haben usw. Das alles muß "vergessen" werden. Das habe ich gemeint mit der Bemerkung über unterschiedliche "Kategorien", in denen die Welt von Kindern und von Erwachsenen wahrgenommen und verarbeitetet wird.
Davon muß man ganz abtrennen, daß die Konditionierung und insofern auch das "Gedächtnis" natürlich schon im Mutterleib beginnen.
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 26.10.2014 um 02.03 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1626#27153

Es läßt sich wohl sagen, daß die Fähigkeit zum Erinnern bei Kleinkindern derjenigen zum Wiedererkennen untergeordnet (oder jedenfalls, wenn man es nicht in dieser Weise kategorisieren möchte, schwächer entwickelt) ist. Letztere Fähigkeit wird durch die Namengebung unterstützt, also z. B. »Oma« für eine Person, die das Kind nicht täglich sieht. (Der Name kann von den Erwachsenen vorgegeben oder auch selbst gewählt sein.) Aber ein Kind, das mit zwei Jahren ohne weiteres diese Person als »Oma« (wieder)erkennen und benennen kann, wird sich trotzdem später nicht an sie erinnern können, falls sie stirbt, bevor das Kind vier ist.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 25.10.2014 um 07.39 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1626#27142

Das ist richtig, nach meinen Protokollen treten erste Erzählversuche etwa mit 18 Monaten auf. Die Anordnung auf einem "Zeitstrahl" macht noch einige Zeit Schwierigkeiten. (Manche Völker scheinen nur zwischen heute und nichtheute zu unterscheiden.)
Trotzdem ist es möglich, daß sich die "Kategorien", wie ich es vorläufig genannt habe, so entwickeln, daß die "Erwachsenentechnik" des Erzählens keinen unmittelbaren Zugriff mehr auf die frühen Erinnerungen hat. Sie werden, anders gesagt, durch das Tradieren selbst ständig umgestaltet, im Wechselspiel mit der Stilisierung durch die Erwachsenen. (Analogie zur geschichtlichen Überleiferung liegt nahe.) Aber das sind nur Vermutungen, ich habe die Sache nicht erforscht.
Man muß auch bedenken, daß das Kind entgegen landläufiger Auffassung keine eigene Sprache hat, die "sich entwickelt" sondern von Anfang an mit Bruchstücken der Erwachsenensprache wirtschaftet, in der die Teile aber ganz anders geordnet sind. Überspitzt gesagt: Das frühe kindliche Erzählen ist nur scheinbar in der gleichen Sprache abgefaßt wie das spätere.
Mentalistisch gefaßt: Das Kind "erlebt" die Welt in einer Weise, die es später nicht mehr nachvollziehen und auf Begriffe bringen kann und die daher immer nebulöser wird und schließlich weitgehend versinkt (oder durch eingebildete, aus Erwachsenenerzählungen stammende "Erinnerungen" ersetzt wird).
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 25.10.2014 um 01.45 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1626#27141

Kleinkinder können sich durchaus an zurückliegende Ereignisse erinnern und darüber sprechen. Folglich kann das Vergessen nicht ursächlich an der mangelnden Fähigkeit zur Versprachlichung liegen.
 
 

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