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Theodor Icklers Sprachtagebuch

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09.01.2014
 

Grammatische Exerzitien 1
Vergleiche

Es ist nicht immer leicht, sprachliche Intuitionen auf Begriffe zu bringen.

Skinner bespricht in Verbal Behavior (340) auch Shakespeares that whiter skin of hers than snow (Othello V.2.3), dessen wörtliche Übersetzung ihre weißere Haut als Schnee ebenso ungrammatisch ist wie das Original. Er beschreibt sie, wie üblich, als Hyperbaton. Damit ist aber die Frage nach dem Grund der grammatischen Bedenklichkeit noch nicht beantwortet. Es gibt ja:

Saccharin ist ein süßerer Stoff als Zucker.

ein größeres Tier als ein Hund


Aber nicht:

*Das ist ein süßerer Kuchen als Zucker.

*eine größere Katze als ein Hund


Wenn ein Hund größer ist als ich, dann ist er trotzdem kein größerer Hund als ich – es sei denn, ich wäre selbst ein Hund.

Bei Saccharin ist ein süßerer Stoff als Zucker werden Stoffe nach der Süße skaliert. Zucker ist auch ein Stoff, aber nicht so süß wie Saccharin.

*Das ist ein süßerer Kuchen als Zucker. Hier würde die Süße selbst skaliert, das ist aber mit einem Vergleich aus dem Attribut heraus nicht möglich. Zucker ist kein Kuchen, und die Süße kann man nicht mit Zucker vergleichen.

ein größerer Schurke als du

und

ein geschickterer Dieb als du

sind auch nicht gleichartig. Vgl.
Der Dieb ist geschickter als du. (wo die Geschicklichkeit auf die Kunstfertigkeit im Stehlen bezogen wird, wenn auch nicht zwangsläufig)

Aber nicht:

*Der Schurke ist größer als du.

Dagegen ist korrekt: ein schlimmerer Schurke als du – Der Schurke ist schlimmer als du. (Die Schlimmheit kann man aus der Schurkenhaftigkeit eher ableiten als die „Größe“, von der man nicht weiß, was sie bei einem Schurken bedeutet.)

Wieder etwas anders ist:

stärkerer Raucher als du: *Der Raucher ist stärker als du.

Ulrich Engel behauptet:
„In keinem Fall sind Adjektive mit Ergänzungssätzen adnominal verwendbar:
*(dieses) ernstere, als wir erwartet hatten, Ereignis“ (Syntax. Berlin 1977:138)
„Satzförmige Adjektivergänzungen kommen nur bei prädikativ gebrauchten Adjektiven vor; sie stehen dann immer hinter dem Adjektiv, gelegentlich auch im Nachfeld des Satzes:
Er ist älter gewesen, als wir gedacht hatten.“ (139)

Vgl. aber: ein ernsteres Ereignis, als wir erwartet hatten usw.



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Kommentare zu »Grammatische Exerzitien 1«
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Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 18.03.2017 um 04.53 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1597#34722

Zum vorigen: Der Unterschied der beiden Konstruktionen läßt sich an folgenden Beispielen verdeutlichen.

Es ist daher schwer zu verstehen, wenn auf einer so großen Fläche wie dem ehemaligen AOK-Gelände Bürogebäude entstehen sollen.
Kann man auf einer so großen Fläche wie einem Rapsfeld überhaupt so ein Gewimmel und Gefliege wie in der Weide wahrnehmen?

(Auch mit dem Nominativ: das Abdecken einer so großen Fläche wie die eines Schlachtschiffes

Das sind alles keine echten Vergleiche, weil ja wirklich die vermeintliche Vergleichsgröße gemeint ist: das AOK-Gelände usw.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 04.03.2017 um 17.37 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1597#34640

Das Deutsche hat folgenden Ausweg gefunden:

Im saloppen Jargon der Astronomen gelten alle Elemente schwerer als Helium als „Metalle“. (Kosmos Himmelsjahr 2017:71)

Deutlicher ist vielleicht dies:

Gesucht ist eine Zahl kleiner als 4.
Gesucht ist eine kleinere Zahl als 4.


Das ist nicht dasselbe. Im ersten Satz wir eine Zahl gesucht, die kleiner ist als 4; im zweiten wird nicht die 4 gesucht, sondern eine kleinere Zahl. Die Reichweite des Komparativs ist jeweils verschieden.

Nachtrag: Rechnerisch könne man mit dicht gepackten Holmiumatomen 100 000 Gigabyte auf einer Fläche so groß wie eine Briefmarke speichern. (FAZ 15.3.17)
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 01.02.2016 um 16.29 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1597#31499

Im wirklichen Leben wird "deutlich" auch adjektivisch als Gegensatz zu "undeutlich" ohne weiteres Adjektiv bei einem Substantiv verwendet.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 01.02.2016 um 15.42 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1597#31498

Sie haben recht, auch wenn ich im vorliegenden Fall an einen anderen Hergang glaube.
 
 

Kommentar von Bernhard Strowitzki, verfaßt am 01.02.2016 um 14.47 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1597#31496

deutlich muß sich aber nicht immer auf einen Komparativ beziehen:
ein deutlich empfundener Schmerz
ein deutlich zu hörendes Scharren
ein deutlich verbessertes (Verbaladjektiv!) Ergebnis
eine deutlich mißlungene Vorstellung
ein deutlich abgegrenzter Bereich
usw.
Warum also nicht auch
deutlich [besser-als-erwartet]e Quartalszahlen,
zumal man das Adverb ja auch weglassen kann?
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 30.01.2016 um 08.50 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1597#31470

Nach deutlich besser als erwarteten Quartalszahlen hat die Aktie von Facebook am Donnerstag ein Kursfeuerwerk erlebt. (FAZ 29.1.16)

Grammatisch richtiger wäre:

Nach deutlich besseren Quartalszahlen als erwartet ...

Die Schreibung des Originals verdeckt eine Univerbierung:

Nach [deutlich-besser-als-erwartet]en Quartalszahlen...

deutlich gehört in die Univerbierung hinein, weil es nur den Komparativ betrifft, nicht die ganze Fügung, die als solche ja nichts Komparativisches mehr hat.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 13.10.2014 um 04.20 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1597#27031

Hier ist noch ein weiterer Beleg:

Bundesfinanzminister Schäuble sieht die globale Wirtschaft in besserer Verfassung als ihr Ruf. (http://www.dw.de 12.10.14)

Zugrunde liegt: Ihre Verfassung ist besser als ihr Ruf.

Man möchte das gern auch attributiv verwenden, aber es geht nicht.

 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 12.02.2014 um 21.01 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1597#25119

In Bayern kann jemand in übertragener Bedeutung "a Hund isser scho" genannt werden. Folglich kann eine andere Person ein noch größerer Hund genannt werden.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 12.01.2014 um 17.04 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1597#24832

Diese Ausführungen sind sehr lehrreich für mich. Zum Beispiel:

"Wenn ein Hund größer ist als ich, dann ist er trotzdem kein größerer Hund als ich – es sei denn, ich wäre selbst ein Hund."

Hier sehe ich einen Zusammenhang zu meinem Irrtum im Beitrag http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=966#24573:
Der Sturm war glimpflicher als befürchtet bedeutet, daß befürchtet wurde, der Sturm werde glimpflich ausgehen.

Daß das nicht so ist, habe ich inzwischen eingesehen, und ich bin dankbar für die Richtigstellung. Ich glaube, meine Gedanken gingen damals in ähnliche Richtung wie es hier am Beispiel mit dem Hund gezeigt wird. Aber die beiden Fälle liegen doch ganz unterschiedlich. Ich finde das sehr interessant.
 
 

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