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Theodor Icklers Sprachtagebuch

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11.01.2013
 

Sehen und Sprechen
Bemerkung über Aufmerksamkeit und Sprache

Die bekannte Zeichnung von Ernst Mach ist irreführend, weil sie alle Teile des Gesichtsfeldes gleich scharf darstellt.
Sie entspricht der gewöhnlichen perspektivischen Malerei, nicht der wirklichen Wahrnehmung. Das dürfte den Psychologen bekannt sein. (Mach selbst behandelt die Unzulänglichkeit einer zweidimensionalen Wiedergabe statt der stereoskopischen.)
Was wir peripher sehen, ist auf eine ganz andere Art undeutlich als eine Abbildung, über die man etwa eine Folie oder Milchglasscheibe gelegt hat. Wir können das, was wir auch nur wenige Grad von der Mitte (der Entsprechung des gelben Flecks) sehen, nicht einmal beschreiben. Denn sobald wir das versuchen, greifen wir auf unser Wissen zurück. Ich sehe z. B. gerade am Rande meines Gesichtsfeldes eine weiße Untertasse, eine Spindel mit DVD-Rohlingen, den Drucker usw., aber nur, weil ich weiß, daß es sich um diese Dinge handelt. Dann ist da noch ein undefinierbares dunkles Gebilde, nicht weiter entfernt als die Spindel. Ich kann es nicht erkennen, blicke foveal hin und erkenne das Headset meiner Frau. Ein paar schwarze Punkte auf weißem Papier ein paar Grad außerhalb des Zentrums können wir nicht zählen; die Anordnung als Gestalt etwa wie die Augen eines Würfels erleichtert die Erkennung, aber nur ein bißchen.

Diese unauflösliche Verbindung von Sprechen und fovealer Wahrnehmung ist sehr interessant. Sie wirft ein Licht auf die Funktion der Sprache.



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Kommentare zu »Sehen und Sprechen«
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Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 14.09.2018 um 04.29 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1541#39542

„When somebody asks me ´What is the form of the table in your living room?´, I can retrieve a spatial image and extract the propositional information that the table is round.“ (Levelt, Willem J. M.: Speaking - From intention to articulation. Cambridge (Mass.)/London 1989:72)

Warum wählt Levelt ein solches Beispiel, bei dem man nichts falsch machen kann? Das Problem mit dem inneren „Vorsichsehen“ ist ja gerade, daß man Einzelheiten nicht nennen kann, obwohl man den Eindruck der Genauigkeit hat. Daß mein Wohnzimmertisch rund ist, weiß ich einfach, da brauche ich mir kein Bild zu machen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 08.04.2018 um 07.50 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1541#38448

Warum sollte man nicht sagen können, wie es ist, eine Rotempfindung zu haben? Man kann doch sonst alles sagen. Aber die Nichtsagbarkeit ist keine Tatsache, sondern aus den sprachlichen Bedingungen abgeleitet. Es gehört zur Beherrschung der Sprache, daß man die Empfindungen für radikal privat und zugleich täuschungssicher hält (sie können täuschen, aber man kann sich nicht darin täuschen, daß man sie hat). Das ist in das sprachliche Konstrukt der Empfindung hineingebaut. Ebenso in das „Denken“: Wenn das Kind diesen Begriff lernt, dann lernt es zugleich, daß Denken eben nicht Sprechen ist und im Gegensatz zum Sprechen nicht gehört werden kann. („Lautes Denken“ ist kein Denken, sondern ein teilweise unkontrolliertes Sprechen.)
Diese Überlegung hilft dabei, wirkliche Einsichten von bloßen (unerkannten) Explikationen der sprachlichen Geschäftsordnung zu unterscheiden. Die „Philosophie des Geistes“ kann wegfallen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 04.04.2018 um 11.52 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1541#38407

However, when a normal person imagines a rose, she does not literally hallucinate a rose; what she experiences is typically a faint, ghostlike impression of one. (Ramachandran)

Ist das wirklich so? Wenn ich mir eine Rose vorstelle, kann ich mir beliebige Einzelheiten vorstellen, so daß, was die Deutlichkeit betrifft, gar nichts Geisterhaftes daran ist. Andererseits ist es auch kein Eindruck (impression), sondern irgendwie ganz anders. Vor allem verbietet es die Eigenaktivität, die Vorstellung auch nur im entferntesten mit einer Wahrnehmung zu verwechseln. Halluzinationen und Träume widerfahren mir (als Person; obwohl sie natürlich ebenfalls von "mir" hervorgebracht sind), Vorstellungen widerfahren mir nicht, sondern werden von mir gemacht.

Die Sprache ist darauf nicht vorbereitet und muß es auch nicht sein, weil die normale Verwendung von "stell dir vor!" usw. ganz unphilosophisch funktioniert. "Stell dir vor, du wärst ein Hund, ein Sänger, ein Bundesminister!" – Darauf reagieren wir, als ob wir dies wären – wir verstellen uns also.
 
 

Kommentar von Erich Virch, verfaßt am 25.03.2018 um 14.34 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1541#38326

Wenn das Hirn fertige Bilder abspeichern könnte, hätte kein Maler jemals ein Modell gebraucht, sondern einfach auf seinen inneren Speicher zugreifen können. Was man sich merken kann, sind im besten Fall hervorstechende Eigenheiten der Physiognomie, Anatomie oder Kleidung. Deshalb sind Dutzendgesichter schlecht wiedererkennbar und noch schlechter beschreibbar, während ein o-beiniger Zwerg mit Glatze und zusammengewachsenen Augenbrauen im Gedächtnis haftet. Phantomzeichnungen sind deshalb nur in Fällen wie dem letzteren erfolgreich (http://www.donaukurier.de/nachrichten/bayern/nopay-Der-Mann-der-tausend-Gesichter;art155371,2316906). Karikaturen aus dem Gedächtnis sind möglich, Porträts allenfalls nach gründlichstem „Auswendigkernen“ des Objekts und anhand von Vorstudien.

Versuchen Sie einmal, ein genaues Bild Ihrer eigenen Nase, Ihres Mundes, Ihrer Unterlider in Ihr Bewußtsein zu rufen. Es wird Ihnen nicht gelingen, obwohl Sie Ihr Gesicht täglich im Spiegel sehen.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 25.03.2018 um 12.06 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1541#38324

Man muß sich gar nicht auf das Vorstellen beschränken. Zur Fahndung nach Verbrechern läßt die Polizei manchmal Phantombilder zeichnen, die schon oft zur Festnahme des Gesuchten geführt haben. Die Art und Weise, wie dabei der Zeuge nach Einzelheiten gefragt wird und wie mit Computerhilfe das ganze Bild aus einzelnen Merkmalen zusammengesetzt wird, könnte auch ein Hinweis darauf sein, wie das fertige Bild, das nun tatsächlich wieder ein optisches Bild ist, vorher in der Erinnerung abgespeichert war.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 25.03.2018 um 09.24 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1541#38321

Es könnte also sein, daß das „Bild“, das ich in der Vorstellung oder Erinnerung zu haben glaube, in keinem Sinne existiert, also auch im Gehirn keinerlei physische Entsprechung vorhanden ist, nach der man suchen könnte, weder an einzelnen Stellen noch verteilt. Dasselbe natürlich bei nichtvisuellen Eindrücken. Der Gehirnzustand besteht ausschließlich darin, das Sprachverhalten zu ermöglichen, das wir als Darstellung eines Eindrucks, einer Erinnerung deuten.

Das sind begriffskritische Überlegungen, aber die Neurologie hat kein Recht, sich darüber zu erheben. Sie wird freilich mit ihren Hirnscans immer etwas finden, wenn sie ihre Experimente schon mit der Vorausetzung beginnt, daß es im Kopf "Repräsentationen" geben müsse, die dem subjektiven Eindruck "entsprechen". Die Erinnerung an ein Musikstück ist verschieden von der Erinnerung an einen Alpengipfel. Der Hirnscan zeigt es. Nur die Interpretation ist unheilbar falsch.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 24.03.2018 um 16.43 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1541#38317

Zu http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1541#37263

Ich sehe es genau vor mir – das läßt sich leicht widerlegen. Könnte es sein, daß das ganze Vorstellen trotz Evidenzbehauptung eine Illusion ist? Schließlich sehen wir evidentermaßen auch weder den blinden Fleck noch die Trennung der beiden Gesichtsfeldhälften. Und mal ehrlich: Sehe ich etwas wirklich genau vor mir? Höre ich wirklich eine Symphonie innerlich? Es kommt mir irgendwie so vor, aber genauer kann ich es nicht sagen.

Ich sehe es genau vor mir – das sagt man gerade dann, wenn man es nicht wirklich sieht, geschweige denn genau. Wenn ich wirklich ein Buch lese, würde ich nie sagen, daß ich es genau vor mir sehe. Die Beteuerung leitet nur gewisse Anschlußbehauptungen ein und bekräftigt ihre Berechtigung.

Ich versuche mir etwas vorzustellen, was ich tatsächlich erlebt habe, z. B. daß ich vor rund 50 Jahren auf dem Schönbichler Horn in den Zillertaler Alpen gestanden habe (warum fällt mir das jetzt ein?). Ein sonniger Herbsttag, es waren noch mehr Leute oben, es ist ja auch ein ganz leichter Wanderweg auf den Dreitausender. Irgendwie kann ich mir immer noch den Gesamteindruck vergegenwärtigen, das herrliche Gipfelgefühl, die Ruhe (bis auf die Menschenstimmen, die ja auf Bergen eigentümlich resonanzlos „trocken“ klingen) usw. – aber ich kann natürlich auf Fragen nach Einzelheiten nicht antworten. Aber eine „allgemeine Vorstellung“ kann es doch nicht geben? Ich kann doch keine allgemeinen Felsen und allgemeinen Blümchen sehen. Das Panorama war wunderbar, aber ich kann es nicht beschreiben.
 
 

Kommentar von Erich Virch, verfaßt am 03.03.2018 um 22.50 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1541#38022

Nicht nur Architektur-Freihandzeichnungen müssen die Dinge „schief“ darstellen, wenn sie „richtig aussehen" sollen, auch jede Fotografie muß es. Das Betrachten bzw. Verstehen solcher Bilder erfordert gewisse Übung und geht dann zusätzlich ins Erleben ein. So können Ellipse und Kreis zur Deckung gebracht werden.
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 03.03.2018 um 19.07 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1541#38021

Und beim Architektur-Freihandzeichnen muß man die Dinge so schief darstellen, wie man sie ohne die Erfahrung über ihr wirkliches Aussehen sieht.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 03.03.2018 um 14.09 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1541#38016

Im Anschluß an Schwitzgebel (Do Things Look Flat? 2006, auch in „Perplexities“ = http://www.faculty.ucr.edu/~eschwitz/SchwitzAbs/PerplexitiesCh2.htm) kann man sagen, daß es schwer oder gar unmöglich ist zu entscheiden, ob man eine Münze, die auf einem Tisch liegt, als rund oder als elliptisch sieht. Letzteres fordert sozusagen die Philosophie, wobei sie stillschweigend voraussetzt, daß das Bild der Münze auf eine Ebene projiziert wird. Erlebt wird das jedoch nicht, weil in die visuelle Wahrnehmung die Erfahrung des Raumes eingeht. Wir sehen die Münze irgendwie elliptisch, aber irgendwie auch kreisrund.
„Man kann aus dem Bestand unserer Sehwelt (...) die Reste und Spuren früherer Eigentätigkeit überhaupt nicht fortdenken.“ (Gehlen, Mensch 1958:188) (Vgl. http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1541#37233) Die Tiefenwahrnehmung nutzt verschiedene „Schlüssel“ (Konvergenz, Akkomodation, Bewegungsparallaxe, Texturgradienten...), die wir bei uns selbst kaum beschreiben können, weil wir sie nur zum Teil durchschauen. Über Bewegungsparallaxe und Bedeckungsverhältnisse können wir berichten, über Akkomodation und Konvergenz aber nicht, weil sie unbewußt sind.

Nachtrag:
Versuch mit meiner Frau: Zunächst behauptete sie, sie sehe den Topfrand elliptisch, mußte dann aber zugeben, daß sie ihn nicht so sah, wie sie einen wirklich elliptischen Topfrand sehen würde. Eben! Sie sieht ihn elliptisch, sieht aber zugleich, daß er rund ist. Es fordert eine gewisse Anstrengung, die Ellipse zu sehen.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 06.02.2018 um 10.30 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1541#37737

Ja, einverstanden, ich wollte nur verdeutlichen, daß auf beiden Netzhäuten zwei verschiedene Bilder einfallen, und was mit dem vertikalen Spalt bzw. der vertikalen Trennlinie gemeint ist - eben der irgendwie geartete Zwischenraum bzw. die getrennte Erfassung der Abbilder. Die abnehmende Randschärfe kann man evtl. auch noch technisch simulieren und auf den Bildschirmen darstellen. Die Weiterverarbeitung durch Körper und Gehirn läßt sich natürlich so nicht veranschaulichen. Für das halluzinatorische Sehen spielen die Augen nicht unbedingt eine Rolle, das ginge unter bestimmten Umständen auch bei Blinden. Diese Bilder entstehen nicht auf der Netzhaut, sondern im Bewußtsein ohne physikalischen Seheindruck, sie werden ab einer bestimmten Stufe ähnlich verarbeitet.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 06.02.2018 um 05.00 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1541#37731

Räumliches Sehen nutzt sowohl die Parallaxe bei beidäugigem Sehen als auch die parallaktische Verschiebung bei Eigenbewegung, aber auch die Gradienten bei einäugigem und noch andere Erfahrungswerte. (Gibsons Forschungen sind sehr bekannt geworden.)

Meine Augen sind sehr ungleich (drei Dioptrien). Ohne Brille lese ich praktisch nur mit dem linken und sehe mit dem fast wieder normalen (Altersweitsichtigkeit) rechten in die Ferne. Statt dreier Brillen (Lesen/Fern als Zweistärkenglas, Notebook, "Fernsehen") empfahl mir der Augenarzt vorige Woche eine Gleitsichtbrille, aber ich weiß nicht recht; sie würde mich automatisch zu bestimmten Kopfhaltungen bringen, und da habe ich Bedenken. Er meint selbst, wenn ich mit meiner unorthodoxen Art zu lesen zufrieden bin, dann sei dagegen nichts einzuwenden. Die Hauptsache ist ja, daß kein Auge ausgeschaltet und langfristig stillgelegt wird (vgl. Hinweis von R. M.).
Ich will nicht zuviel von mir reden, aber schließlich spielt es eine Rolle für mein Interesse am Sehen. Also ich habe links noch eine schwache Metamorphopsie, was eine kleine Ausbuchtung senkrechter Linien im Zentrum bedeutet, wahrscheinlich seit einem Fahrradunfall vor fast 20 Jahren. Man kann sehen (phantastische Technik!), daß der Glaskörper punktuell mit dem Häutchen über der Fovea verklebt ist und sie etwas wölbt, was eine zusätzliche Brechung bewirkt; das könne sich, so der Arzt, eines Tages auch wieder lösen, dann würde die Krümmung verschwinden.
Was aber interessant ist: beim Lesen von Texten in Buchstabenschrift stört es mich nicht, die Krümmung wird vollständig ignoriert. Nicht so bei chinesischen Zeichen. Sie sind mir nicht vertraut genug, ich muß jeden Strich genau sehen, der Kontext hilft fast gar nicht, weil mir die Übung fehlt. Ein weiterer Beweis für die konstruktive Natur des Sehens.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 06.02.2018 um 04.38 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1541#37730

Lieber Herr Riemer, wie wir schon anläßlich von Ernst Machs berühmter Zeichnung gesehen haben, ist das in Wirklichkeit nicht möglich. Die Sammellinse allein würde wie eine Kamera arbeiten, aber das Auge funktioniert ganz anders. Die Kamera müßte eine Entsprechung der Fovea haben, was vielleicht mit einer Scharfstellung in einem ganz kleinen Meßfeld in der Mitte halbwegs simuliert werden könnte. Aber wie steht es mit der schnell abnehmenden Randschärfe und dem Nebeneinander von Stäbchen und Zäpfchen und dann - das ist das Entscheidende - mit der nachweisbaren Erfahrungsabhängigkeit der Rekonstruktion des vermeintlich nur Wahrgenommenen? Wie sind die "Handlungseinschüsse" (die Erfahrung früherer Eigenbewegung, die in das räumliche Sehen einfließt) nachzubilden?
Und schließlich mein Ausgangspunkt, das Halluzinieren? Ein kompletter Seheindruck ohne sensorischen Input. Die Hypothese ist: Das ist der Normalfall des Sehens, der Input kommt nur noch hinzu.
 
 

Kommentar von stefan strasser, verfaßt am 05.02.2018 um 20.40 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1541#37729

Das Sehen mit zwei Augen ermöglich vor allem ein räumliches Erfassen der Situation.

Es gibt Bilddarstellungen, wo zwei Bilder im Augenabstand aufgenommen und nebeneinander gedruckt sind. Mit ein wenig Übung kann man durch Betrachten einen realistischen räumlichen Eindruck mit einem verschmolzenen Bild gewinnen.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 05.02.2018 um 18.19 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1541#37728

Man kann das Gesichtsfeld des linken Auges mit einer Kamera aufnehmen, die unmittelbar neben dem Auge gehalten wird, ebenso das Gesichtsfeld des rechten Auges mit einer weiteren Kamera. Eine Kamera vielleicht etwas weniger scharf als die andere, vielleicht auch unterschiedlich große Gesichtsfelder. Beide Aufnahmen schauen wir uns später synchron auf zwei verschiedenen Bildschirmen an, dazwischen ist mehr oder weniger Zwischenraum. So etwa sieht der Input für unser Gehirn aus.
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 05.02.2018 um 10.54 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1541#37727

Wenn ein Auge besser ist als das andere, werden die Informationen des schlechteren nur für einen kleineren Teil des Gesichtsfeldes genutzt; die Grenze verläuft dann also nicht in der Mitte.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 05.02.2018 um 10.12 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1541#37726

Wie bereits bemerkt, ist es uns ganz unmöglich, uns die Trennung der beiden Gesichtsfeldhälften, also eventuell einen senkrechten Spalt bewußt zu machen, obwohl wir doch ganz genau wissen, daß es physiologisch diese Trennung gibt.
Das ist aber weniger verwunderlich, wenn man sich daran erinnert, daß das "Bild", das wir vor Augen zu haben glauben, gar nicht nach Art eines optischen Systems entstanden ist, sondern das Ergebnis einer computerähnlichen Berechnung und als reelles Bild überhaupt nirgends existiert.
Es bietet sich der Vergleich mit einer visuellen Halluzination an. Ich hatte noch keine, zumal ich keine Drogenerfahrung habe. Aber nehmen wir den alten Herrn, der mäßig unter Demenz litt und gelegentlich Halluzinationen hatte. Dann sah er Tochter und Schwiegersohn ganz leibhaftig im Zimmer sitzen und konnte nur durch einen Telefonanruf bei den wirklichen Personen einigermaßen davon überzeugt werden, daß seine Wahrnehmung irrig sein mußte. War die Tochter allein im Zimmer, konnte er untröstlich darüber sein, daß sie sich von ihrem Mann getrennt habe (wovon natürlich keine Rede sein konnte).
Dies zeigt noch deutlicher als der problematische Traum, daß Wahrnehmung ein Produkt ist. Das wirkliche Sehen ist ungefähr dasselbe wie eine Halluzination, nur mit dem zusätzlichen steuernden Reiz, den das Auge vermittelt.
Warum nun sollte das Hirn eine senkrechte Trennung der beiden Gesichtsfeldhälften errechnen, wo es doch in Wirklichkeit keine gibt? Nein, es interpoliert ganz realistisch und erzeugt den "Eindruck" einer bruchlosen Wirklichkeit, wie sie für das Hantieren usw. erforderlich ist.
Diese Darstellung ist insofern noch irreführend, als wir an das reelle Bild auf dem Monitor denken, aber das gibt es beim Sehen nirgendwo. Das praktische Handeln und auch das Sprechen über unsere Gesichtseindrücke werden vom Sehhirn gesteuert, aber nicht durch Betrachten eines weiteren Bildes!
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 30.01.2018 um 12.08 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1541#37677

Natürlich kann man das von außen beschreiben, ich habe es ja auch getan. Mir geht es um die "Erlebnissprache". Wie ich es beim peripheren Sehen mit Eindrücken zu tun habe, die sich irgendwie nicht recht ausdrücken lassen, so auch hier: Man fühlt die Rauhigkeit ja nicht buchstäblich in der Stockspitze, aber irgendwie auch nicht in der Hand, obwohl das physiologisch natürlich richtig wäre. Bei einer Ausschaltung der Empfindung durch Vereisung der Hand (der Handnerven) spürt man nichts mehr, der Stock wirkt dann "taub".
Das Aroma glauben wir vollkommen überzeugend im Mundraum zu verspüren, obwohl es erst im Nasenraum wahrgenommen wird. Auch eine Art Projektion.

(Ich mußte hier "irgendwie" schreiben, denn gerade darum geht es.)
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 30.01.2018 um 11.47 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1541#37676

Wieso versagt hier die Sprache? Man sagt doch gerade »er tastete mit seinem Stock« usw.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 30.01.2018 um 07.51 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1541#37673

Schwer zu beschreiben ist auch folgendes:

Wenn ich mit einem Stock eine Oberfläche abtaste oder etwa mit dem Kochlöffel über den Boden des Suppentopfes streiche, verlagert sich gewissermaßen das Ende der Nerven in die Spitze des Stocks oder Löffels. Ich spüre die Rauhigkeit der Oberfläche "in" der "Prothese", nicht in der Hand. "Wilfrid Trotter, the surgeon, said that when a surgeon uses an instrument like a probe he actually refers the sense of touch to its tip. The probe has become an extension of his finger." (Peter Medawar)

Mehr oder weniger täppische Vergleiche, die phänomenale Sprache versagt im Grunde.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 28.01.2018 um 07.27 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1541#37649

Bei der Gesichtsfeldmessung, die den meisten von der augenärztlichen Untersuchung her bekannt sein dürfte, sieht man periphere Lichtpunkte bis zum äußersten Rand des Gesichtsfeldes, weitab vom Fokus, und zwar durchaus scharf umgrenzt; jedenfalls scheint es so, im Gegensatz zur sonstigen Konturlosigkeit am Rande. Das ist eigentlich nicht zu erwarten. Aber gerade zur Entdeckung plötzlich an der Seite auftauchender Erscheinungen ist das Auge so ausgestattet (ohne die hier irrelevante Farbe). Vgl. http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1106#36825
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 12.12.2017 um 06.11 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1541#37263

Ich sehe es vor mir gebraucht man fast nie im wörtlichen Sinn, sondern meistens in Bezug auf Vorstellungen und Erinnerungen.

Solche Aktivitäten, über die man vermeintliche introspektive Berichte liefern kann, haben auch physiologisch eine entfernte Ähnlichkeit mit wirklichem Sehen. Auch dieses ist ja keine Projektion von Bildern, sondern ein Abtasten und Berechnen.

Es gibt nirgendwo im Gehirn etwas, was sich als "Bild" bezeichnen ließe (http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1541#37233). Vielmehr findet die "Computerarbeit" in Dutzenden von visuellen Feldern statt. Erste Annäherung liefert Schaltbilder wie diese: https://www.google.de/search?q=visual+field+van+essen&tbm=isch&source=iu&ictx=1&fir=DGxg9BeZO3dBdM%253A%252CHp5kkmLJXj1H-M%252C_&usg=__R7AQvGso8ihzyWXmXkLY3NO6Aqg%3D&sa=X&ved=0ahUKEwiNrI6ftYLYAhVCDOwKHaYqC54Q9QEIMDAA#imgrc=P-NjiCKygiz99M:
Sie sind funktional zu verstehen, die "technische" Realisierung ist weitgehend unbekannt. Jedenfalls geht es nicht darum, aus den groben Netzhaut-Daten ein Bild zu machen, sondern darum, weiteres Verhalten zu ermöglichen.

"Unsere visuelle Wahrnehmung ist viel genauer, als bei dem Auflösungsvermgen unserer Netzhaut zu erwarten wäre." (Posner/Raichle 76f.)
Darüber hat sich ja schon Helmholtz gewundert: „Würde mir jemand ein optisches Gerät mit solchen Fehlern anbieten, würde ich es in aller Deutlichkeit zurückweisen.“
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 09.12.2017 um 10.16 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1541#37234

Wenn ich einen Backstein sehe und mich anschicke, ihn hochzuheben, stellt sich meine Muskulatur auf ungefähr 3 kg ein; so hat sie es in Verbindung mit dem Auge gelernt. Ich „weiß“ nicht, „daß“ er 3 kg wiegt, sondern ein solches „Wissen“ (d. h. eine daß-Äußerung) kann ich bei Bedarf, etwa auf eine Frage hin, aus der Einstellung meiner Muskeln konstruieren. Das ist ein zweites Verhalten neben dem Heben und mit ihm auf eine gelernte Weise verbunden, die gesellschaftlich sehr nützlich ist.
(Der Backstein kann aus Styropor und entsprechend gefärbt sein, etwa als Requisit im Theater oder Film; dann schnellt der Arm unangemessen hoch wie bei jenem Gag mit dem leeren Koffer im Stummfilmkintopp.)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 09.12.2017 um 10.08 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1541#37233

Beim Sehen wird nirgendwo im Nervensystem ein „Bild“ des Gesehenen entworfen. Das Netzhautabbild ist die erste und letzte Gelegenheit, annähernd von einer Abbildung zu sprechen. Schon die erste Analyse durch Zäpfchen und Stäbchen und deren Querverschaltung bringt eine grundlegende Änderung hervor. Weiter geht es mit frequenzmodulierten Impulsen, und dann wird der Sehraum nur noch als Verhaltensspielraum weiteranalysiert – was sonst? Der Organismus ist schließlich eine Überlebensmaschine, sonst nichts.
Die Tiefenwahrnehmung beruht auf gründlich untersuchten Hinweisen („cues“) wie Parallaxe, Körnigkeitsgradienten usw., die aber nicht Selbstzweck sind, sondern Verhalten ermöglichen: Greifen, (Zeigen), Werfen, Gehen. Dazu braucht man kein Bild, sondern koordinierte Einstellungen der Muskulatur. Auch der Bericht über vermeintlich ganz private Seheindrücke ist ein solches Verhalten. Zu wenig Beachtung finden in den psychologischen und physiologischen Darstellungen meist die „Handlungseinschüsse“, also die Erfahrung mit Eigenbewegung:
„Man kann aus dem Bestand unserer Sehwelt (...) die Reste und Spuren früherer Eigentätigkeit überhaupt nicht fortdenken. ... Handlungseinschüsse im Aufbau der menschlichen Wahrnehmung.“ (Arnold Gehlen: Der Mensch ... 1958:188)

Das ist freilich in die gängigen Modelle schwer einzubauen und erscheint schon deshalb nicht bei „bildgebenden Verfahren“ (vgl. etwa Posner/Raichle: Images of Mind, dt. Bilder des Geistes), weil man gar nicht erst danach sucht. Es gibt aber auch hausgemachte begriffliche Schwierigkeiten, weil eine Verhaltensdisposition sich nicht als „Wissen, daß...“ darstellen läßt und daher die übliche kognitivistische Psychologie hier einen blinden Fleck hat.
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 21.08.2017 um 16.47 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1541#36034

Besonders die vier Aggregatzustände gasförmig, flüssig, fest, ionisiert.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 21.08.2017 um 15.03 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1541#36032

Auch Tatsachen werden manchmal als unverrückbar hingestellt. Viele Menschen sehen nicht, daß Tatsachen im Augenblick gelten und meist keine unabänderlichen Zustände sind. Darum sollte man auch Zustände immer wieder neu prüfen und beurteilen und evtl. korrigieren.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 21.08.2017 um 14.48 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1541#36031

Sehr wahr. Zur Lebensweisheit gehört auch, seine Zeit nicht mit Diskussionen zu verplempern, wenn man gemerkt hat, daß jemand um seiner festen Meinungen willen keine Tatsachen zur Kenntnis nehmen will. Gilt für "Klimaskeptiker", Homöopathiegläubige usw.

Ob man eine größere Offenheit lernen kann, steht dahin, weil es wohl etwas mit dem sog. Charakter zu tun hat.

Interessanterweise begnügt unsere Wahrnehmung sich nicht mit "festen Meinungen", so erfreut sich auch zunächst darüber sein mag. Der Neckersche Würfel und andere Kippfiguren sind zunächst sonnenklar, aber dann kippen sie um, und nichts kann diesen Vorgang aufhalten. Ob der Mensch seine Überlegenheit nicht gerade dieser Eigenschaft verdankt und sie deshalb angeboren ist? Sehr erfolgreich sind ja auch die Ratten mit ihrer bekannten Neugier (Explorationsverhalten). Neu-Gier – das ist es!
 
 

Kommentar von Germaist, verfaßt am 21.08.2017 um 14.32 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1541#36030

Für viele Menschen gilt: "Verunsichern Sie uns nicht mit Tatsachen! Wir haben schon eine feste Meinung."

Seine eigenen Überzeugungen immer wieder auf den Prüfstand zu stellen, muß man gelernt haben.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 21.08.2017 um 06.32 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1541#36028

Zu http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1541#33308

Diese und andere optische Illusionen zeigen, daß unser Gehirn (um es mal salopp auszudrücken) das Gesamtbild nicht wie ein Foto herstellt, sondern aus bestimmten Schlüsselreizen konstruiert. Im allgemeinen funktioniert das. Die Psychologen erfinden Bedingungen, unter denen es nicht funktioniert. Die Schlüsselreize werden zur Konstruktion eines Bildes genutzt, das ausnahmsweise nicht der Wirklichkeit entspricht. Beunruhigend ist das Erlebnis einer "Evidenz", die sich als trügerisch erweist. Man denkt sich: Ob das nicht außerhalb der Sinneswahrnehmung auch so ist und jenen Satz Russells rechtfertigt, daß Evidenz der Feind der Wahrheit sei? Gerade seine festesten Überzeugungen sollte man vielleicht ab und zu verflüssigen und ganz neu überdenken.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 19.04.2017 um 17.27 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1541#34922

Zum vorigen: Heute bringt die FAZ auf der Wissenschaftsseite einen guten Beitrag des Psychologen und Neurokritikers Stephan Schleim, der sich schon früher um die Entblätterung der neurosophischen Hochstapelei verdient gemacht hat. Auch Singer und Roth werden erwähnt, Spitzer leider nicht.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 17.04.2017 um 05.19 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1541#34892

Blickkontakt behindert das Nachdenken:
http://keenetrial.com/blog/category/neurolaw/

(Auf derselben Website:
http://keenetrial.com/blog/2013/12/11/brain-porn-that-is-so-2008-neuro-skepticism-is-where-its-at/

Die bunten Bildchen von Hirn-Scans verlieren allmählich ihren Zauber. "Brain porn" ist ein verbreiteter Ausdruck für das, was ich "Neurowahn und Neurobluff" nenne.)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 07.11.2016 um 12.49 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1541#33789

Säuglinge schauen zuerst auf den sich bewegenden Mund der Mutter (etc.), später auf die Augen. (Dieser Wechsel wird von der Mutter als Markstein der Beziehung und der "Menschwerdung" erlebt; Jerome Bruner hat darüber geschrieben.) Warum auf die Augen?
Die Augen zeigen an, wovon die Mutter spricht, worauf ihre Aufmerksamkeit gerichtet ist. Diese Blickdeixis geht der Zeigefingergeste weit voraus.
Später spielt der Blickkontakt eine große Rolle beim Turn-taking, der Übergabe der Sprecherrolle also. S. Hans Hörmann: Meinen und Verstehen 330, mit Verweis auf Kendon u.a.)

Interessant noch dies:

Nur Menschen haben weiße Augäpfel
Der Kontrast zwischen Iris und Augapfel ermöglicht uns besseren Blickkontakt.
Wenn man sagt, daß ein Mensch blaue Augen hat, dann meint man die Farbe der Iris (Regenbogenhaut). Der Rest des Augapfels ist bei allen Menschen weiß. Dadurch unterscheiden wir uns von allen Affen, bei denen der Augapfel etwa die gleiche Farbe wie die Iris hat. Das haben nun Studien japanischer Forscher an 81 Primaten-Arten bestätigt (Journal of Human Evolution, 40, S. 419). Diese Spezialität ermöglicht es uns, auch auf größere Entfernung zu erkennen, wo ein Mitmensch hinschaut. Das erlaubt Blickkontakt bei größerem Abstand oder in einer Menschenmenge sowie den Austausch von Signalen und Hinweise auf Objekte ohne Bewegung des Kopfes. Tatsächlich verändern Menschen ihre Blickrichtung nur durch Augenbewegungen viel öfter und stärker als andere Primaten.
Den Affen bringen ihre dunklen Augäpfel wieder anderen Nutzen. So kann es bei in Gruppen lebenden Affen im Konkurrenzkampf um Sexualpartner oder Nahrung besonders für schwächere Tiere von Vorteil sein, wenn die anderen Gruppenmitglieder nicht leicht sehen können, wo sie hinschauen. Und auch ein Raubtier kann so nicht erkennen, ob die angestrebte Beute es schon erblickt hat.

(Die Presse, Wien, 26.5.2001)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 13.09.2016 um 20.10 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1541#33308

Eine Variante der bekannten Zusammenhänge verbreitet sich zur Zeit in den Medien: https://twitter.com/wkerslake/status/775105333333204992/photo/1
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 17.05.2016 um 13.13 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1541#32602

Wobei zu unterscheiden wäre zwischen optischer Fokussierung (Scharfstellung) und Lenkung der Aufmerksamkeit.
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 17.05.2016 um 11.33 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1541#32601

Und das Sehen von etwas Nichtfokussiertem ist nicht dasselbe wie nichtfokussiertes Sehen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 17.05.2016 um 10.27 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1541#32600

Ja, man könnte sagen: Der periphere Sehen eines Gegenstandes ist nicht dasselbe wie das Sehen der Peripherie eines Gegenstandes.
 
 

Kommentar von Erich Virch, verfaßt am 17.05.2016 um 08.06 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1541#32598

Ein Gegenstand immerhin, der einen ganzen Kosmos beinhalten und sehr wohl etwa das Abschätzen von Entfernungen mittels Tiefensehens in seinem konstruierten Raum ermöglichen kann. Ob man dort metaphorisch hineinblickt oder nicht – die Wahrnehmung läßt sich darauf ein. Ihr Resultat abbilden zu wollen, ist freilich verfehlt, weil wir es mit denselben Augen betrachten müssen wie alles andere.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 17.05.2016 um 04.49 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1541#32593

Versteht sich, daß jede Darstellung auch wieder gesehen wird wie jeder andere Gegenstand. "Hindurchblicken" ist natürlich metaphorisch.
 
 

Kommentar von Erich Virch, verfaßt am 16.05.2016 um 18.55 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1541#32592

Perspektivische Darstellungen lassen einen nicht das Bild sehen, sondern durch es hindurchblicken, wobei nicht fokussierte Bereiche durchaus peripher gesehen werden können.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 16.05.2016 um 17.22 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1541#32589

Keine Malerei und keine Fotografie kann den Unterschied zwischen zentral und peripher Gesehenem wiedergeben. Der Grund liegt darin, daß das Sehen ein Verhalten ist, während das Bild, ob gemalt oder fotografiert, ein Gegenstand ist, der gesehen wird. Ich sehe die Peripherie meines Gesichtsfeldes nicht, sondern sie ist ein Sehen oder ein Teil des Sehens als Verhalten.
Auch die Erfahrung eigener Bewegung, die im Tiefensehen genutzt wird, läßt sich nicht ein Bild einbauen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 05.01.2016 um 06.27 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1541#31155

Ganz aufgeklärt ist es anscheinend nicht, aber beim "Blindsehen" scheint nur ein Teil der gewöhnlich beim Sehen aktiven Nervenbahnen tätig zu sein. Die Person reagiert auf einen visuellen Reiz, weiß aber nichts davon, d. h. (dieses d. h. ist der springende Punkt!) kann nichts darüber sagen. Das Verhalten ist also keine Handlung. Es wird nicht in den Kreis von möglicher Ankündigung und möglichem Einspruch anderer eingespannt. Im übrigen kann es aber feinmotorisch angepaßt sein wie anderes gelerntes Verhalten.
In vielen Lehrwerken wird immer noch von "Bewußtsein" gesprochen; es wäre bestimmt auch für die biologische Psychologie günstiger, die Begrifflichkeit von vornherein naturalistisch einzurichten, wie ich es in meinem Text "Naturalisierung der Intentionalität" angefangen habe.
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 26.04.2015 um 21.41 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1541#28708

Setzt nicht gerade stochern im allgemeinen schon den Gebrauch des Werkzeugs voraus? Dann wäre umgekehrt mit den Fingern stochern metaphorisch.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 26.04.2015 um 18.26 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1541#28707

"Wilfrid Trotter, the surgeon, said that when a surgeon uses an instrument like a probe he actually refers the sense of touch to its tip. The probe has become an extension of his finger."

Das ist eine ganz alltägliche Erfahrung, die auch auf ein sprachliches Problem hinweist. Wenn ich mit einem Kochlöffel in einem Topf herumstochere, ist auch "irgendwie" die Tastempfindung in die Spitze des Kochlöffels verlagert. Dort spüre ich die Unebenheiten des Topfbodens. Aber dort sitzen ja keine Nerven, es ist also eine Art Metapher – nur wofür?
Man kann seine Finger so verschränken, daß man nicht genau weiß, ob anschließend ein Finger der linken oder der rechten Hand berührt wird. Das ist auch seltsam. Es sollte doch klar sein, wie die Nervenbahnen verlaufen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 16.02.2015 um 10.12 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1541#28094

Da ich gerade die Übersetzung eines Gedichtes "Mouches volantes" überarbeite, fällt mir ein, daß diese Erscheinung, die wohl jeder kennt, auch ziemlich schwer zu beschreiben ist. Ein undeutlicher Eindruck ist auch hier etwas anderes als der Eindruck von etwas Undeutlichem. Man ist auf einen Appell an die eigene Erfahrung des Hörers angewiesen. Bei Wikipedia gibt es eine recht gute Annäherung zu betrachten, nach der "Impression" eines Betroffenen: http://de.wikipedia.org/wiki/Mouches_volantes.

Heute morgen habe ich etwas aufmerksamer zugesehen, was eigentlich geschieht, wenn ich meinen Tee aufbrühe. Ich hänge also den papierenen Teefilter in die Glaskanne und gieße kochendes Wasser drüber. Aus dem Filter lösen sich rotbraune Streifen, sinken leicht turbulent herab und verteilen sich dünner werdend durch die ganze Kanne. Konvektionsströme vermischen das Ganze weiter, bis nach wenigen Minuten die ganze Kanne von einer völlig homogen scheinenden braunen Flüssigkeit erfüllt ist (was aber bekanntlich auch ohne Strömung eintreten würde). Jene "Streifen" haben es mir angetan, weil ich nicht weiß, ob ich von Schlieren oder von Schwaden sprechen soll. Schwaden gibt es eigentlich nur in der Luft, aus Rauch, Dampf, Nebel; übertragen auch im Weltall. Schlieren sind in allen Aggregatzuständen zu finden, in Glas, Flüssigkeiten und auch in der Luft, wo sie z. B. das Hitzeflimmern verursachen. Man könnte Schlieren, die auf unterschiedlichem Brechungsindex beruhen, von solchen unterscheiden, die auf verschmierten Oberflächen entstehen (Fett auf Fensterscheiben und Autolack). Beispiele bei Wikipedia s. v. - Wohl immer streifig.

"Amorphes" (Wikipedia) ist immer schwer zu beschreiben.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 09.12.2014 um 05.12 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1541#27524

Wundt verlangte introspektiv geschulte Beobachter, ebenso Titchener. Wenn jemand eine Tischplatte als rechteckig wahrzunehmen behauptete, war er im Irrtum, er hätte die Trapezform berichten sollen, die das Abbild auf der Retina einnahm.
Aber wir nehmen die Tischplatte nicht trapezförmig wahr. Es kommt die räumliche Tiefe hinzu, sowohl durch beidäugiges Sehen als auch durch die Tiefenschärfe und andere Ungleichmäßigkeiten in jedem Auge. Es geht ja nicht nur um die Funktion der Linse. Man braucht nur ein wirkliches Trapez danebenzuhalten, um den Unterschied zu erkennen. Außerdem hätten die Psychologen, wenn sie denn schon das bewußtseinsfremde Netzhautbild zum Kriterium erheben wollten, zwei Trapeze ansetzen müssen, für jedes Auge eins - schließlich werden die beiden Bilder erst auf höherer Ebene integriert. Und wo bleibt die vertikale Trennlinie zwischen den Gesichtsfeldhälften?
Man muß die Wahrnehmung durch allerlei sinnreiche Vorrichtungen künstlich einschränken, damit die Versuchsperson annähernd den Eindruck eines Trapezes hat. Gerade wenn dies erreicht ist, täuscht sich der Beobachter also.
Es ist wie beim Rand des Gesichtsfeldes: Die Probanden können gar nicht sagen, was sie „eigentlich“ wahrnehmen – bevor ihr Wissen dazukommt und ihnen sagt, worum es sich handelt. Die introspektionistischen Psychologen haben den Leuten das scheinbar Evidente mit Engelszungen eingeredet, und es wurde geglaubt. (In diesen Zusammenhang gehört auch die törichte Frage, wie das Gehirn die Bilder aufrichtet, die doch auf der Netzhaut auf dem Kopf stehen!)

(Ich bin zu diesem Eintrag angeregt worden, nachdem sich gestern mein Optiker fast zwei Stunden Zeit genommen hat, mir eine neue Brille zu verpassen. Er stellte fest, daß in meiner alten eine zylindrische Komponente fehlte; der Augenarzt scheint das übersehen zu haben. Auch sonst war es wieder recht interessant.)
 
 

Kommentar von Glasreiniger, verfaßt am 28.07.2014 um 12.43 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1541#26417

Ohne den bekannten Trick können wir den blinden Fleck nicht wahrnehmen, auch nicht mit einem Auge allein. Über die Frage, ob unser Gehirn ihn ignoriert oder aktiv ausfüllt, ist diskutiert worden.

Es gibt noch mehr solcher Phänomene: In der zentralen Fovea sind keine Zäpfchen für blaues Licht, so daß wir nicht unterscheiden können, ob ein Zeichen in der Größe eines kleinen o mit blau oder schwarz ausgefüllt ist. Das macht das Lesen von gelber Schrift auf weißem Hintergrund oder blauer auf schwarzem nahezu unmöglich, jedenfalls mehr als aufgrund der Luminanzunterschiede erklärbar ist.

Die mMn wichtigste Leistung, die unser Gehirn erbringt, ist der Ausgleich der unterschiedlichen Auflösung zwischen zentralem und peripheren Gesichtsfeld, so daß wir aufgrund der visuellen Wahrnehmung zu physikalisch richtigen Handlungen befähigt werden, z.B. die Flugbahn eines Balles so zu bestimmen, daß wir ihn fangen oder zurückspielen können etc.
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 28.07.2014 um 12.30 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1541#26415

Die ersten Gleitsichtbrillen bildeten nur jeweils ein kleines Gesichtsfeld verzerrungsfrei ab, nämlich nur das was man direkt ansah, und verlangten deswegen dauernde Kopfbewegungen. Deshalb waren sie im Straßenverkehr gefährlich und für viele handwerkliche Arbeiten unbrauchbar.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 28.07.2014 um 05.23 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1541#26414

Ohne den bekannten Trick können wir den blinden Fleck nicht wahrnehmen, auch nicht mit einem Auge allein. Über die Frage, ob unser Gehirn ihn ignoriert oder aktiv ausfüllt, ist diskutiert worden. Alva Noë zum Beispiel hat gut darüber geschrieben.

Noch erstaunlicher könnte man finden, daß die senkrechte Naht, die unser Gesichtsfeld aus physiologischen Gründen teilen müßte, absolut nicht wahrnehmbar ist. Erst ein Schlaganfall bringt sie "phänomenal" zu Bewußtsein. Ich möchte das Problem so darstellen:

Zur Orientierung in unserer Umgebung können wir keine senkrechte Naht im Gesichtsfeld gebrauchen, also gibt es sie nicht. Meine Reaktion auf die Frage danach besteht in der Auskunft, daß ich sie nicht wahrnehme; so auch das übrige Verhalten. Die Selbstauskunft ist nichts Besonderes. Es gibt nicht neben dem Verhalten noch die reine Betrachtung der Phänomene. Nur unter bestimmten Anforderungen bringen wir eine "phänomenale" Beschreibung hervor, die aber nicht stimmig ist und an kein Ende kommt, weil die Aufmerksamkeit immer wieder auf anderes gelenkt werden kann.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 12.01.2013 um 09.48 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1541#22334

Noch deutlicher läßt sich das Problem vielleicht so darstellen: "Beschreiben Sie, was Sie gerade nicht beachten!" Das ist so paradox wie: "Achten Sie auf das Unbeachtete!"

Die Phänomenologen im Anschluß an Husserl haben sich abgemüht, das "Nichtthematische" sprachlich zu fassen – also zu thematisieren.

Das ist unmöglich, nicht aus sachlichen, sondern aus begrifflichen Gründen. Wir müssen nur begriffen haben, daß Aufmerksamkeit und Sprache immer "foveal" sind, um es mal so auszudrücken. Es gibt kein "peripheres" Sprechen.
 
 

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