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Theodor Icklers Sprachtagebuch

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03.01.2013
 

Delirium
Wie Fachsprache den Sinn austreibt

Sprachliche Kenntnisse vermitteln die systematische Möglichkeit, konzeptuell strukturierte gedankliche Strukturen auf extern manifestierbare Signale abzubilden, ihnen also eine äußere, sinnlich wahrnehmbare Manifestation zu geben. Verkürzt ausgedrückt: Die Sprache ist eine systematische Möglichkeit, Gedanken auszudrücken.
(Manfred Bierwisch in: Wolfgang Motsch/Dieter Viehweger, Hg.: Richtungen der modernen Semantikforschung. Berlin 1983:24)



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Kommentare zu »Delirium«
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Kommentar von R. M., verfaßt am 16.10.2017 um 16.56 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1540#36623

Zeitgleich mit Horkheimer bemühte sich in Deutschland der SD um die Förderung eines neuen Wissenschaftlertypus.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 16.10.2017 um 16.19 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1540#36619

Während der Fachgelehrte "als" Wissenschaftler die gesellschaftliche Realität mitsamt ihren Produkten für äußerlich ansieht und "als" Staatsbürger sein Interesse an ihr durch politische Artikel, Mitgliedschaft bei Parteien oder Wohltätigkeitsorganisationen und Beteiligung an den Wahlen wahrnimmt, ohne diese beiden und einige weitere Verhaltensweisen seiner Person anders als höchstens durch psychologische Interpretation zusammenzubringen, ist das kritische Denken heute durch den Versuch motiviert, über die Spannung real hinauszugelangen, den Gegensatz zwischen der im Individuum angelegten Zielbewußtheit, Spontaneität, Vernünftigkeit und den für eine Gesellschaft grundlegenden Beziehungen des Arbeitsprozesses aufzuheben. (Max Horkheimer)

Man ahnt, worum es geht (außer der gewohnten Selbstbeweihräucherung der Frankfurter Schule), aber man darf die Unterstellungen nicht zu genau unter die Lupe nehmen. Stimmt es denn, daß "der" Fachgelehrte "die" gesellschaftliche Realität als äußerlich ansieht? Hat Horkheimer das untersucht, und was bedeutet es eigentlich? Was sind denn genau die "für eine Gesellschaft grundlegenden Beziehungen des Arbeitsprozesses"? Usw. – Der hohe Ton läßt solche Fragen kaum aufkommen, und das ist auch der Zweck der Übung.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 12.10.2017 um 17.51 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1540#36552

Auch zum Vorbeiflug eines Asteroiden heute vormittag (oder "heute Vormittag", wie sogar die FAZ schreibt) gibt es natürlich viele Leserbriefe, die an sich nicht der Beachtung wert sind. Zweierlei ist aber ganz interessant:

Erstens stellen einige fest, daß das Gerede von dem "längst überfälligen" Einschlag statistisch falsch ist, weil das Eintreten eines Ereignisses nicht davon abhängt, wieviel Zeit seit dem letzten vergangen ist.
Zweitens nehmen manche Anstoß an der Angabe, der Himmelskörper sei etwa so groß wie ein Haus. Es gebe doch Einfamilienhäuser, Wolkenkratzer, Fabrikanlagen usw. – Dazu schon http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1540#32623

Manche Brocken sollen ja auch kühlschrankgroß, so groß wie ein Bus usw. sein. Wenn man nichts Genaueres sagen kann, sind solche Vergleiche durchaus hilfreich. Bei "Haus" denkt man hier etwa an ein Einfamilienhaus. Man fordere ein Kind auf, ein Haus zu zeichnen, dann sieht man es: das ist der Prototyp.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 12.10.2017 um 05.39 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1540#36536

Diskurs - semiotisch: Aspekte multiformaler Diskurskodierung (de Gruyter 2017), 109,95 €.

(Der Preis muß scharf kalkuliert sein, sonst wären es glatt prohibitive 110 € geworden.)

Übrigens sind Bücher mit "Aspekte" im Titel immer Buchbindersynthesen, also Sammlungen, die man nicht unter einen Hut bringen konnte, manchmal auch unzureichend durchdachte Monographien.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 29.09.2017 um 05.42 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1540#36371

Kopfnoten: Holunderblüte, Aprikose, schwarze Orchidee und pinke Moleküle.
Basisnoten: Mahagoni, schwarzes Holz und Sahne.


(aus der Beschreibung eines der neuen „Molekül-Parfums“, die den „Körpergeruch unterstreichen“ sollen)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 25.09.2017 um 05.48 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1540#36317

Der Tod ist der privilegierte Partner der Kontingenz. (Zeit 29.3.01)

Aha! Davor braucht sich wirklich niemand zu fürchten.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 29.08.2017 um 18.48 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1540#36089

Laut Jürgen Habermas gehört Benjamin „zu jenen unübersichtlichen Autoren, deren Werk auf eine disparate Wirkungsgeschichte angelegt ist“ und an das man nicht „unbillige Konsistenzanforderungen“ stellen sollte. (Jürgen Habermas: Bewußtmachende oder rettende Kritik – Die Aktualität Walter Benjamins 1972. In: ders.: Kultur und Kritik. Verstreute Aufsätze. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1973, S. 304.)

Das ist bei mir genauso: Ich schreibe mal dies, mal das, und mein Geschwätz von gestern kümmert mich nicht.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 11.08.2017 um 09.13 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1540#35957

Normalerweise verstehen wir um so mehr, je älter und wissender wir werden. Daß es aber ein Ziel sein könnte, immer weniger zu verstehen, ist ein neuartiger Gedanke. Wirklich? Eigentlich war schon Sokrates auf dieser Spur, jedenfalls in den aporetischen Dialogen Platons. Er brachte die Gesprächspartner zu der Einsicht, daß sie nicht wußten, wovon sie bisher so selbstverständlich geredet hatten.

Schon zitiert:

„Ich verstehe den Katechismus nicht, verstand ihn aber ehmals.“ (Kant)

So ist es richtig.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 11.08.2017 um 06.15 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1540#35956

Es gibt nicht nur die "zwei Kulturen" (oder drei), sondern auch noch diese:

Nur der Philosoph ist die Rede jeder Rede.

Sprache ist nicht nur ein ursprüngliches Merkmal des Menschen – er selber ist Sprache, und zwar deshalb, weil sein Schöpfer ein im umfassenden Sinn Sprechender ist.


(Das ist aus zwei verschiedenen Texten, ich könnte gleich noch hundert ähnliche zitieren.)

Außer dem mutwilligen Kategorienfehler (der Mensch kann nicht Sprache oder Rede sein), der jedes Nachfragen sinnlos macht, möchte ich noch auf die beliebte Floskel im umfassenden Sinn hinweisen, die ähnich wie im tiefsten Sinn des Wortes usw. zu verstehen gibt, daß der Sprecher noch viel tiefer denkt, als er spricht. Der Leser ist beeindruckt, auch wenn und gerade weil er mit dieser Andeutung allein gelassen wird.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 02.08.2017 um 09.12 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1540#35873

Bemerkung zu http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1540#35498

In den strengeren Wissenschaften gibt es keine Synonymenvariation, das Stilgebot der Wiederholungsvermeidung gilt nicht. Darum wecken Texte, in denen diese Härten vorkommen, umgekehrt den Eindruck strenger Fachlichkeit:

Denn würde sich der gründende Grund selber dazu machen, gründend zu sein, so wäre er als sich selbst gründender Grund eo ipso gegründet; und das aus sich ausgehende Aus wäre zugleich ausgegangenes Aus. Somit können der gegründete Grund sowie das ausgehende Aus nur dann der für sie ruinösen Konsequenz entnommen werden, im Gründen gegründet bzw. im Ausgehen ausgegangen zu sein, wenn der gründende Grund aufgrund des schon gegründet habenden Grundes und das ausgehende Aus aufgrund des schon Ausgang seienden Aus gründend bzw. ausgehend sind.

Das klingt scharfsinnig. Die Wiederholungsvermeidung ist demonstrativ außer Kraft gesetzt, so daß der Leser den Eindruck gewinnt, die Beweisführung sei wichtiger als der Wohlklang. Dazu tragen auch die harten Konstruktionen bei: der gegründet habende Grund usw. Fachtexte sind nicht gefällig, aber nicht jeder ungefällige Text ist ein Fachtext.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 21.07.2017 um 09.02 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1540#35757

Das hat sicherlich auch damit zu tun, daß neuerdings alles in den Fokus gestellt wird. Das Wort Fokus wird zur Zeit dermaßen überstrapaziert, daß es eben öfters auch mal zum Verb abgewandelt wird.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 21.07.2017 um 05.08 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1540#35755

Die "Episteme" der Phänomenologen gehört zum "pathetischen Getue", das Dornseiff verspottet hat: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1544#26320

Husserl und die Seinen gefallen sich einerseits in einem pseudo-ursprünglichen Lallen [die Wozu-Dinge usw.), andererseits verkleiden sie Alltägliches in gelehrt klingendes Griechisch.

Wenn bei dieser breit entwickelten Sondersprache noch etwas herauskäme! Aber das behaupten nur solche Leute, die ohnehin darin eingesponnen sind. (Manche sorgen sich um Lehrstühle, die bisher mit Phänomenologen besetzt waren und nun einer anderen Denomination zugeführt zu werden drohen...)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 21.07.2017 um 04.53 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1540#35754

Nachtrag: fokussiert scheint vor allem in Sportberichten gebraucht zu werden; das war mir gar nicht bewußt. Es ist ein neuerdings schick gewordenes Synonym für konzentriert und wird wie dieses teils mit auf + Akk. gebraucht, teils absolut.

Das Fremdwort s. konzentrieren ist kaum entbehrlich, weil man es versäumt hat, rechtzeitig ein deutsches dafür zu prägen. Das dürfte für viele Verben auf -ieren gelten.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 20.07.2017 um 12.09 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1540#35751

„Ich habe ihn als sehr authentisch empfunden. Außerdem war er sehr fokussiert“, sagte Lara Iglesias (26) aus Stuttgart. (Stuttgarter Nachrichten 16.7.17)

Ich kenne die Fremdwörter und weiß auch ungefähr, was sie bedeuten (oder bedeuten sollen). Aber es bleibt ein Rest von Unbestimmtheit. Im Grunde braucht sich jemand, der so etwas sagt, nie zu rechtfertigen: War Martin Schulz (um den es zufällig geht) wirklich „sehr fokussiert“? Usw.

Was denkt sich ein gewöhnlicher Nicht-Akademiker dabei?
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 14.07.2017 um 04.44 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1540#35706

„Husserl selbst hat dies in seinem Wiener Vortrag anerkannt, indem er sich auf das θαυμαζειν, das Staunen, berief, das nach Platon und Aristoteles die Urstiftung der Episteme motiviert hat.“ (Klaus Held)

Bei Platon und Aristoteles motiviert das Staunen nicht die Urstiftung der Episteme. Beide Philosophen haben schlicht festgestellt, daß das Philosophieren damit beginnt, daß man sich über etwas wundert: die Bewegung der Sterne, die Inkommensurabilität von Seite und Diagonale des Quadrats usw.

Die Phänomenologen verfremden alles durch ihre Sondersprache, bis man es nicht mehr wiedererkennt und nicht diskutieren kann. Wer sich in diese Sondersprache einspinnen will, kann jetzt das Wörterbuch der phänomenologischen Begriffe. Unter Mitarbeit von Klaus Ebner und Ulrike Kadi herausgegeben von Helmuth Vetter. Hamburg: Meiner 2004 (Philosophische Bibliothek; Band 555) benutzen.

Ich warne aber vor dem süßen Gift dieses philosophischen Autismus.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 27.06.2017 um 14.32 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1540#35498

Denn würde sich der gründende Grund selber dazu machen, gründend zu sein, so wäre er als sich selbst gründender Grund eo ipso gegründet; und das aus sich ausgehende Aus wäre zugleich ausgegangenes Aus. Somit können der gegründete Grund sowie das ausgehende Aus nur dann der für sie ruinösen Konsequenz entnommen werden, im Gründen gegründet bzw. im Ausgehen ausgegangen zu sein, wenn der gründende Grund aufgrund des schon gegründet habenden Grundes und das ausgehende Aus aufgrund des schon Ausgang seienden Aus gründend bzw. ausgehend sind.
(Falk Wagner: Christentum in der Moderne. Tübingen 2014:296)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 22.06.2017 um 05.06 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1540#35433

Nachdem Bolz zustimmend das Geplapper einer gewissen Christine Eichel über Merkels "asexuelles Auftreten" zitiert hat, kommt er gar nicht mehr von "Mutti" los, was ihn ja schon mal als ausgemachten Trottel kennzeichnet. Er bringt es fertig, so etwas zu veröffentlichen:

Sie ist fleißig und diszipliniert, kinderlos, geschieden und, seien wir ehrlich, manchmal hässlich.

Er ist also nicht einmal ein richtiger Mann.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 20.06.2017 um 19.37 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1540#35413

Im neuen Sammelband über Merkels Schreckensherrschaft beschäftigt sich der große Tabubrecher Norbert Bolz auch mit Merkels asexueller Erscheinung. Schon in sehr jungen Jahren soll sie keinen Jungen vom Hocker gerissen haben. Und dann die ewigen Blazer und dazu schwarze Hosen: "Mutti eines neuen Biedermeiers". Was es für uns alle bedeutet, habe ich noch gelesen – es ist nicht auszudenken.
Andere finden ja, sie sei eine Gesandte der Hölle, was nun wieder nicht so biedermeierlich klingt. Jedenfalls eine böse Frau. Hoffentlich geht es uns bald so schlecht, wie wir es unter Merkel verdienen.
 
 

Kommentar von Klaus Achenbach, verfaßt am 01.06.2017 um 14.47 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1540#35235

Ob verzwickt oder nicht, jedenfalls enthält der Satz einen elementaren Kommafehler.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 01.06.2017 um 04.55 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1540#35233

Gott ist die Liebe, in der er frei ist und die Freiheit, in der er liebt. (https://de.wikipedia.org/wiki/Kirchliche_Dogmatik)

Eine grammatisch und logisch verzwickte Zusammenfassung von Karl Barths "Kirchlicher Dogmatik" (9000 Seiten). Es gibt eine ausgedehnte Karl-Barth-Forschung...
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 30.05.2017 um 16.18 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1540#35228

Der Sokal-Hoax hat einen weiteren Nachfolger gefunden: über den Penis als Verursacher des Klimawandels. Nicht unbedingt nötig, auch nicht ganz unerwartet, denn einer der beiden Verfasser, Peter Boghossian, hatte sich schon mit dem Fall Sokal/Bricmont beschäftigt, zuerst im TLS vom 13.12.1996.
Aber gut ist, daß bald niemand mehr weiß, ob ein feministisch-dekonstruktivistisch-poststrukturalistischer Beitrag ernst gemeint ist oder nicht.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 18.05.2017 um 04.46 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1540#35132

Wir stehen alle auf den Schultern Hegels.

Ich nicht, hoffentlich. Und:

"Die Phänomenologie des Geistes" befreit das Bewusstsein aus seiner Befangenheit in den endlichen Gestalten des Bewusstseins und führt es aus seiner Selbstvergessenheit hinauf zu dem Punkt, an dem das Selbstbewusstsein sich und seine Einheit mit der Wahrheit denkend erfasst. Hegel nennt ihn das "absolute Wissen" und meint damit die Identität von Denken und Sein.

Man kann sich an so etwas gewöhnen – und auch wieder davon entfernen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 12.04.2017 um 06.13 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1540#34867

"Als Alan Sokal vor zwanzig Jahren den postmodernen Zauber entlarvte, bediente er Ressentiments gegen die philosophische Einbildungskraft." Usw. – Ein gewisser Magnus Klaue schreibt in der FAZ im gewohnten Ton über Sokal/Bricmont. Er gehört ersichtlich zur Fraktion der getretenen Hunde, die noch mal zurückkläffen. Man sollte Sokal wieder lesen, um sich zu vergewissern, daß er keine Ressentiments bedient, sondern sich sogar auffallend zurückhält.

Schade, daß die FAZ wieder einmal eine Chance vertan hat, indem sie das Thema in die falschen Hände legte.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 04.03.2017 um 04.29 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1540#34635

Ilias und Odyssee offenbaren uns noch immer, wie in diesem geschichtlichen Augenblick der griechische Genius seiner selbst inne wurde und zu seinem eigenen Wesen fand. (Rudolf Pfeiffer: Geschichte der klassischen Philologie. Reinbek 1982:41)

Was damals wirklich geschah, bleibt dunkel. Vielleicht ist gemeint, daß die Griechen seit Homer so sind, wie wir sie uns vorstellen. Um das zu sagen, hätte der große Gelehrte nicht den personifizierten griechischen Genius bemühen müssen, dem etwas Unbegreifliches widerfahren sein soll.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 20.02.2017 um 18.16 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1540#34566

Zu Sokal:

Im Times Literary Supplement von 1962 steht eine frühe Kritik an der Unklarheit der neueren französischen Schriftsteller und Philosophen (die damals noch nicht Poststrukturalisten genannt wurden): „The Myth of Clarity“. Auch Lacan wird schon zitiert mit einem Artikel aus „Les Temps Modernes“ von 1961, den man hier nachlesen kann: http://espace.freud.pagesperso-orange.fr/topos/psycha/psysem/merleau.htm

Der Verfasser kritisiert die Lust am eleganten Unsinn sehr ähnlich wie später Sokal und Bricmont.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 14.12.2016 um 20.27 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1540#34112

Thomas Thiel gibt in der FAZ einige recht treffende Beobachtungen zum weichgespülten Kulturchristentum und zu Theologen wie Bedford-Strohm, Käßmann wieder. Dann fährt er fort:

„Wenn Religion heißt, seinem Leben Verbindlichkeit zu geben, sind religiöse Riten insoweit weiter ernst zu nehmen, als sie den Anschluss an eine Sinnordnung ermöglichen, die menschliche Existenz für bedeutsam hält. Ein aggressiver Naturalismus, der sich nach außen hin mit der Sinnlosigkeit der Welt arrangiert und gleichzeitig positivistische Kathedralen baut, ist keine Alternative. Wer wirklich gottlos leben will, kann, wenn überhaupt, sich nur mit großem intellektuellen Aufwand behaupten. Solange wir die Grammatik gebrauchen, schreibt Nietzsche, werden wir Gott nicht los.“

Das ist doch dasselbe Gewäsch wie das kritisierte. „Seinem Leben Verbindlichkeit geben“ (das soll Religion heißen?), „Anschluß an Sinnordnung“, „menschliche Existenz bedeutsam“, und was sind die „positivistischen Kathedralen“? Aber am schönsten ist das vermeintliche, ohne Kontext unverständliche Nietzsche-Zitat, das an Spaemanns Gottesbeweis aus der Grammatik erinnert. Nietzsche schreibt in „Götzendämmerung“ (5, 5):

Und in Indien wie in Griechenland hat man den gleichen Fehlgriff gemacht: »wir müssen schon einmal in einer höheren Welt heimisch gewesen sein (– statt in einer sehr viel niederen: was die Wahrheit gewesen wäre!), wir müssen göttlich gewesen sein, denn wir haben die Vernunft!«... In der That, Nichts hat bisher eine naivere Überredungskraft gehabt als der Irrthum vom Sein, wie er zum Beispiel von den Eleaten formulirt wurde: er hat ja jedes Wort für sich, jeden Satz für sich, den wir sprechen! – Auch die Gegner der Eleaten unterlagen noch der Verführung ihres Seins-Begriffs: Demokrit unter Anderen, als er sein Atom erfand... Die »Vernunft« in der Sprache: oh was für eine alte betrügerische Weibsperson! Ich fürchte, wir werden Gott nicht los, weil wir noch an die Grammatik glauben...

Das ist denn doch etwas anderes.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 10.12.2016 um 07.00 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1540#34075

Die verstorbene Hamm-Brücher war die Grande Dame (so in allen Medien, da wird es wohl stimmen).

Wikipedia:
„Grande Dame (aus dem Französischen) bezeichnet eine Bühnengestalt, die eine wohlhabende, welterfahrene Frau verkörpert.
Im kulturellen Leben der Gesellschaft nennt man Grande Dame eine ältere Künstlerin, die wegen ihrer Lebensleistung, ihres Erfahrungsschatzes und ihrer inspirierenden Dynamik eine eigene Institution und ein unverwechselbarer Charakter geworden ist. Die Grande Dame hat es auf einem bestimmten, abgrenzbaren Gebiet zu erheblicher Prominenz gebracht und Generationen geprägt.“
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 06.12.2016 um 16.08 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1540#34031

Zu http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1540#33793

Eine weiterer Vortrag: „Über die Wirksamkeit des Pädagogischen – geisteswissenschaftliche Annäherungen an ein Phänomen der Erzeugung von Präsenz- und Sinneffekten“.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 24.11.2016 um 07.23 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1540#33922

Bier ist volkstümlich und wird rustikal beworben, Wein dagegen mit Hochglanz und edlen Worten. Dabei geht es hier wie dort darum, sich ein Räuschchen anzutrinken, und wenn der schmackhafteste Wein keinen Alkohol enthielte, würden die Feinschmecker ihn überhaupt nicht beachten. Sogar Whisky wird besprochen wie Literatur und Kunst. Fruchtsaft interessiert allenfalls Öko-Test.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 21.11.2016 um 16.35 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1540#33901

Von unserem oft zitierten Institut bekam ich heute eine Mail unter dem Betreff "Bitte nehmen Sie mich aus dem Verteiler". Sehr lustig, was dort alles passiert. (Ich habe aber mit der Bitte geantwortet, mich nun wirklich aus dem Verteiler zu nehmen.)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 11.11.2016 um 21.27 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1540#33828

Jede Religion verdankt ihr Entstehen einer Konstellation von Faktoren, die sie erst ermöglicht haben und die sie prägen. (FAZ 11.11.16)

Das ist nicht nur mit der Religion so. Alles geschieht nur, wenn es möglich ist.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 07.11.2016 um 17.02 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1540#33793

Sehr geehrte Damen und Herren,
 
im Rahmen der Ringvorlesung „Pädagogisch Sehen und Denken“  des Instituts  für Pädagogik hält am Montag, 14.11.2016 in der Zeit von 10:15 bis 11:45 Uhr Herr  Prof. Dr. Benjamin Jörissen einen Vortrag  zum Thema „Bildung als rationaler Prozess“  im Raum 00.011, Bismarckstraße 1a in Erlangen.
 
Wir freuen uns auf Ihr Kommen!


10 Minuten später:

Sehr geehrte Damen und Herren,

bei der Einladung zur Ringvorlesung am kommenden Montag ist mir beim Titel des Vortrages von Herrn Prof. Jörissen leider ein Fehler unterlaufen. Nachfolgend kommt die Mail mit dem richtigen Titel.

Im Rahmen der Ringvorlesung „Pädagogisch Sehen und Denken“ des Instituts für Pädagogik hält am Montag, 14.11.2016 in der Zeit von 10:15 bis 11:45 Uhr Herr Prof. Dr. Benjamin Jörissen einen Vortrag zum Thema „Bildung als relationaler Prozess“ im Raum 00.011, Bismarckstraße 1a in Erlangen.

Wir freuen uns auf Ihr Kommen!


Selten so jelacht. (Vielleicht muß es aber proportional oder refraktional heißen? Und Pädagogisch Sehen, an das ich mich schon gewöhnt habe, ist wohl zu verstehen wie Russisch Brot.)
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 01.11.2016 um 08.18 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1540#33733

Und vor allem: Was hat der Faschismus mit Auschwitz zu tun?
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 01.11.2016 um 07.15 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1540#33732

Der Faschismus, schrieb Walter Benjamin, breche mit den bürgerlichen wie den sozialistischen Idealen und verhelfe den Menschen zu ihrem Ausdruck statt zu ihrem Recht. Er schrieb das, bevor man von Auschwitz und Vernichtungskrieg wusste; man muss ihm also verzeihen, dass er seinen Analysegegenstand damit verharmloste. (Dietmar Dath in der FAZ vom 1.11.16 in einem langen Beitrag über den amerikanischen Wahlkampf)

Selbst wenn wir Benjamin verzeihen – was lernen wir denn daraus?

Dasselbe Zitat hat Dath übrigens schon am 22.11.2004 gebracht, außerdem in einem Buch von 2012 (Der Implex). Ein Zettelkasten mit Benjaminschen Orakelsprüchen ist wirklich sehr nützlich, denn irgendwie paßt es ja immer.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 27.10.2016 um 16.07 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1540#33676

Dieser unbezähmbare Drang der lieben Kollegen zum Aufschwemmen:

Adjektive leisten semantisch Unterschiedliches. (Dudengramatik 2005:346)

Adjektive decken eine breite Palette von Bedeutungen ab. (Dasselbe 2016:342)

= Adjektive haben verschiedene Bedeutungen (oder: bedeuten Verschiedenes).
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 26.10.2016 um 09.25 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1540#33646

Ein emeritierter Philosophieprofessor, der auch katholischer Theologe ist, versucht Interesse für die Philosophie des Mittelalters zu wecken:

Wählt man als Leitfaden die Frage nach dem der Antike folgenden Schicksal der „Philosophie“, erscheint das Mittelalter nicht länger als eine Art Gefangenschaft der Philosophie im Dienst der Theologie, aus der sie erst die Aufklärung befreit, sondern als die Epoche, die die Philosophie durch die Begegnung mit dem Anderen ihrer selbst einen neuen, zweiten Anfang nehmen lässt. (Ludger Honnefelder, FAZ 26.10.16)

Der ganze Beitrag besteht aus einem solchen Tanz der Abstrakta; es gibt keinen greifbaren Inhalt, man erfährt nicht, was diese Philosophie eigentlich will. Ob das ein FAZ-Leser bis zu Ende liest?
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 16.10.2016 um 05.24 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1540#33554

Freilich changiert Lyndal Ropers Biographie eigentümlich zwischen innovativen mikrohistorischen Perspektiven und prolongierten oder gar reaktivierten makrohistorischen Narrativen (...) (FAZ 15.10.16)

Könnte man die versehentlich hineingerutschten deutschen Wörter nicht auch noch beseitigen?

Der Inhalt, soweit greifbar, scheint recht einfach zu sein. Ich übersetze: „Einerseits stellt Lyndal Roper Luthers Leben wie gewohnt in geschichtliche Zusammenhänge, andererseits vertieft er sich – und das ist neu – in Einzelheiten.“
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 11.10.2016 um 04.49 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1540#33510

Insbesondere Doktoranden bearbeiten naturgemäß sehr eng begrenzte Gegenstände – sie müssen ja nicht gleich die Welträtsel lösen. Um ihren Elaboraten weiterreichende Bedeutung zu verleihen, schreiben sie in Titel oder Untertitel gern am Beispiel von. Schon unsere kleine Universitätsbibliothek beherbergt 3600 Arbeiten dieser Art: Textstrukturen und narrative Welten. Narratologische Untersuchungen zur Multiperspektivität am Beispiel von Bodo Kirchhoffs Infanta und Helmut Kraussers Melodien. Erst wenn sie in Amt und Würden sind, dürfen Wissenschaftler (zusammen mit 21 Koautoren) ungescheut eine Untersuchung über das elfte Segment des Gemeinen Regenwurms veröffentlichen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 25.09.2016 um 17.14 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1540#33380

http://www.textlog.de/tucholsky-hitler-goethe.html

Mit Tucholsky (dem ich auch mal einen Aufsatz gewidmet habe) könnte man den Deutschunterricht von der ersten bis zur letzten Klasse des Gymnasiums bestreiten, da hätten die Schüler was davon.
 
 

Kommentar von Gunther Chmela, verfaßt am 25.09.2016 um 16.13 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1540#33379

Der Gegenstand als solcher...

Da fällt mir Kurt Tucholsky ein. Ich habe die genaue Stelle gerade nicht parat, daher zitiere ich sinngemäß:
Er habe geträumt, er müsse seinen Abituraufsatz noch einmal schreiben. Das Thema lautete: Goethe als solcher.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 24.09.2016 um 12.44 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1540#33371

Jeder weiß, was ein Gegenstand ist – oder etwa nicht?

Der Gegenstand als solcher ist ein sprachlich verwendeter Begriff einer kognitiven Manifestation, die durch Sinnesreize und durch Denkprozesse ausgelöst wird. (Wikipedia)

Worin unterscheidet sich ein Gegenstand als solcher von einem Gegenstand? Und was bedeutet als solcher? Da nichts weiter gesagt war, kann es nur der Gegenstand als Gegenstand sein, und darum geht es ja gerade – was sonst? Was ist ein "sprachlich verwendeter Begriff"? Den restlichen Galimathias verstehe ich gar nicht mehr.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 19.08.2016 um 03.56 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1540#33134

Als Kinder verstehen wir das meiste nicht, was wir hören, auch nicht das, was zu uns gesagt wird. Aber da müssen wir durch, und wir geben dem Unverstandenen nicht nur einen Vertrauensvorschuß (der sich auf längere Sicht ja auch als begründet erweist), sondern halten es nicht zu Unrecht für das Bedeutendere. So werden wir daran gewöhnt, wohlklingende, aber unverstandene Worte hinzunehmen. Es bedarf besonderer Anstrengung, sich davon wieder zu lösen.

Unsinn ist der Erbauung am wenigsten hinderlich; wo sie
Nicht ergründet den Sinn, legt sie den tiefsten hinein.
(Friedrich Rückert)

Kein so toller Vers, aber Rückert konnte eben gar nicht mehr in Prosa reden, und recht hat er allemal.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 12.07.2016 um 09.56 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1540#32818

Zum vorigen Eintrag:

Es geht nicht um einzelne mißglückte Stellen. Wer eine Banalität so hochgestochen formuliert, daß sie wie eine bedeutende Erkenntnis erscheint, muß als Hochstapler und Betrüger bezeichnet werden, es sei denn, man erkennt darin eine Suchtkrankheit. Jedenfalls ruft er den Verdacht hervor, daß seine anderen Äußerungen auch nicht besser sind. Wikipedia schreibt ihm einen „sprachstilistisch versierten Duktus“ zu, was immer das sein mag.
Die Entblätterung hat immer etwas Peinliches, auch für den Betrachter. Es ist ein gemischtes Vergnügen, den Kaiser nackt zu sehen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 12.07.2016 um 07.45 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1540#32817

Hermann Lübbe ist ja für seine Wortbildung und seine unverständlichen Satzriesenschlangen bekannt. Soweit erkennbar, hat er dieselben Meinungen wie andere Leute, drückt sie aber besonders "anspruchsvoll" aus. Religion definiert er als Kontingenzbewältigungspraxis handlungssinntranszendenter Kontingenzen. Seine Texte fangen oft ganz einfach an und verirren sich vom zweiten Satz an:

Menschen gelten als sprach- und handlungsfähige Wesen, gewiss. Aber diese Kennzeichnung hat den Charakter einer gleichheitsverfügenden transzendentalen Zuschreibung, zu der sich die soziale Realität mit ihren höchst differenzierten faktischen Kompetenzvoraussetzungen anerkannter Gesprächsfähigkeit komplementär verhält.

(Ich übersetze: "Menschen gelten als sprach- und handlungsfähige Wesen, gewiß. Aber nicht alle können gleich gut reden.") Zum Individualstil gehört eine geradezu zwanghaft befolgte Wortbildungsmarotte; in einem einzigen Aufsatz in der FAZ vom 20.12.86 schreibt er:

erhaltungsinteressiert, umverteilungsbewußt, anschauungsgesättigt, einkommensförderlich, begründungsunbedürftig, herkunftsgeheiligt, selbstverwirklichungsdienlich, notlagenbedingt, wohlfahrtsabhängig, selbstbeobachtungsgeübt, lebensführungsbewirkt, steuerrechtsgeschichtlich, begründungspflichtig, rechtfertigungsfähig, notwendigkeitsentlastet, berufsarbeitsfrei, volksgesundheitssteigernd
 
 

Kommentar von Bernhard Strowitzki, verfaßt am 19.05.2016 um 16.08 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1540#32626

Klingt, was die Ehrung betrifft, sogar fast nach Gegenbeispiel – sofern die Belege nicht von Nazianhängern stammen. Für den zeitlichen Abstand sind Belege aus den 1950er Jahren natürlich anders zu werten als neuere.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 19.05.2016 um 14.07 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1540#32625

Google findet immerhin 677mal "the late Joseph Goebbels" und 3640mal "the late Winston Churchill".
Allerdings wurde Churchill 90, Goebbels nur 47, insofern ist Goebbels kein besonders gutes Beispiel für diese These.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 19.05.2016 um 11.53 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1540#32623

In einer dieser Diskussionen wurde geäußert, daß etwa 10 bis 15 Jahre der kritische Zeitraum sein dürften.

Im Deutschen sind kürzlich, neulich usw. vergleichbar. Hatte ich schon mal Fritz biegt Büroklammern erwähnt? (Ein Fall aus der Literatur.) Wer das hört, kann seltsamerweise ungefähr sagen, wie viele Büroklammern Fritz biegt, allerdings abhängig vom Kontext. Wenn man hört, daß Fritz ein nervöses Leiden hat, das sich im zwanghaften Biegen von Büroklammern äußert, dann biegt er wahrscheinlich hunderte. Sitzt er aber gerade an seinem Schreibtisch und überlegt, was er tun soll, biegt er vielleicht ein halbes Dutzend.

Wenn Astronomen kürzlich sagen, meinen sie manchmal ein paar Milliarden Jahre.
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 19.05.2016 um 10.54 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1540#32622

Ja, wobei er dafür aber auch einfach zu lange tot ist. Man würde ja auch nicht schreiben the late Winston Churchill.
 
 

Kommentar von Bernhard Strowitzki, verfaßt am 18.05.2016 um 17.38 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1540#32620

"In der englischen Literatur wird hervorgehoben, daß late etwas Ehrendes hat."
In der Tat, es ist wahrscheinlich schwer vorstellbar, daß jemand sagt oder schreibt the late Joseph Goebbels.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 18.05.2016 um 09.54 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1540#32615

Das stimmt und läßt sich vielfach belegen, z. B. hier:

It was while reading closely through the texts of the “late” Foucault (from the late seventies and early eighties) that it became clear to me that he himself fully took part in this operation. (https://www.jacobinmag.com/2014/12/foucault-interview/)

Die Anführungszeichen vielleicht deshalb, weil er nicht sehr alt geworden ist, wie man ja auch bei Mozarts oder Schuberts „Spätwerk“ gewisse Bedenken hat. Metonymischer Gebrauch von Eigennamen – statt deren Werk – wohl überhaupt eher ohne Vornamen; auch Er ist ein zweiter Mozart.

In unserem Orginaltext könnte der Vorname weggelassen sein, weil er gleich darauf genannt wird. Der Kontext spielt überhaupt eine Rolle, auch der Grad der Vertrautheit, den man beim Publikum voraussetzt.
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 18.05.2016 um 08.04 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1540#32613

Irritierend wird die zitierte Aussage durch die Weglassung des Vornamens. Man würde gewöhnlich den Verstorbenen selbst als the late Michel Foucault bezeichnen, die Spätphase seines Werks hingegen als the late Foucault.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 18.05.2016 um 05.05 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1540#32611

In der englischen Literatur wird hervorgehoben, daß late etwas Ehrendes hat; dasselbe gilt für verstorben, hier auch durch die Wortbildung angezeigt ("Verlust"), im Englischen eher durch den Euphemismus.
 
 

Kommentar von Bernhard Strowitzki, verfaßt am 17.05.2016 um 20.27 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1540#32610

Ich würde im Deutschen gar nichts weiter sagen. Daß Foucault schon eine Weile tot ist, weiß man – oder auch nicht; normalerweise spielt es keine Rolle. Nur wenn es eine besondere Wichtigkeit hat und nicht als bekannt vorausgesetzt werden kann, würde ich sagen der inzwischen verstorbene F.
(Das zwanghafte Epitheton der DDR ist natürlich ideologisch motiviert.)
Aber wie sage ich es auf Englisch, wenn ich vom späten Kant oder Picasso rede im Gegensatz zum frühen, mich also auf sein Spätwerk beziehe?
("the later works of..." ist wieder was anderes)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 17.05.2016 um 16.07 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1540#32605

Meiner Ansicht nach ist das englische late sogar eindeutiger als das deutsche verstorben. Man hat sich ja schon oft über die mögliche nekrophile Deutung von Er liebte die Verstorbene/Tote lustig gemacht.

Eine andere interessante Frage (die wir schon irgendwo besprochen haben) ist: Wie lange nach dem Tod einer Person kann man noch verstorben sagen? Ganz ähnlich diskutiert die englische Sprachpflege über late: the late Alan Rickman, *the late William Shakespeare.

Dazu auch unsere Diskussion über die ehemalige DDR.
 
 

Kommentar von Bernhard Strowitzki, verfaßt am 17.05.2016 um 15.19 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1540#32603

"a conversation he had with the late Foucault" – gemeint ist wahrscheinlich nicht der "späte" Foucault, also in seinen späteren Jahren, sondern der "verstorbene". Aber mit einem Toten kann man nicht reden. Das Englische hat hier keine sehr glückliche Ausdrucksweise.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 15.05.2016 um 18.22 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1540#32584

John Searle once told me about a conversation he had with the late Foucault: 'Michel, you're so clear in conversation; why is your written work so obscure?" To which Foucault replied "That's because, in order to be taken seriously by French Philosophers, twenty-five percent of what you write has to be impenetrable nonsense. (Daniel Dennett: Breaking the spell. London 2007:403)

Eine Fassung der Anekdote ist hier zu hören:
Vgl. https://www.youtube.com/watch?v=yvwhEIhv3N0
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 15.05.2016 um 07.34 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1540#32580

Über eine deutsche Variante des Sokal-Hoaxes berichtet die FAS: Jemand hat sich den Scherz erlaubt, die Human Animal Studies ad absurdum zu führen (Nazi-Schäferhunde usw.). Der Unsinn wurde auf Tagungen vorgetragen und abgedruckt. Uwe Backes hat es anstandslos geschluckt und windet sich nun wie ein, na ja, geprügelter Hund eben.
Man könnte aber auch einen großen Teil der Genderforschung hier einordnen. Er hat sicher dazu beigetragen, daß heute alles für möglich gehalten wird.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 19.04.2016 um 05.20 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1540#32335

Einige der Sonaten von Domenico Scarlatti spielt er wie Schallbilder einer bipolaren Erkrankung. Manisch-depressiv zerrissen wirkt das A-Dur-Stück K 24 bei ihm.
(FAZ 18.4.16)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 12.04.2016 um 05.37 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1540#32247

Schon fast hundert Jahre alt, aber unveraltet:

„Es ist unheimlich, erfahren zu müssen, wie weitgehend sich menschliche Angelegenheiten großer Bedeutung mit abstrakten Phrasen erledigen lassen, wie weitgehend man mit an sich inhaltslosen Phrasen 'Eindruck schinden' kann.“ (...) „Kalte psychologische Überlegung zeigt, daß das sogenannte geistreiche Denken zu einem sehr erheblichen Teile nur scheinbares Denken ist, daß hier die begrifflichen Unbestimmtheiten, Phrasen, gefühlsmäßige Stellungnahmen usw. eine ganz überwiegende Rolle spielen. Ja, ich wage ruhig zu behaupten, daß ein sehr großer Teil des sogenannten geistreichen Denkens weiter nichts ist als regulärer Quatsch!“
 
 

Kommentar von Bernhard Strowitzki, verfaßt am 17.03.2016 um 19.59 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1540#31988

Kleiner Nachtrag zu #28826ff. (in der Hoffnung, nicht gehässig zu wirken):
Habe jetzt mal die Gelegenheit genutzt, mir die Gîtâ ins Bücherregal zu gesellen. Philologisch leistet die Gesellschaft für Krsna-Bewußtsein ja exzellente Arbeit, auch wenn ich mit ihrem schwülstigen Geschwurbel sonst nichts anfangen kann. Jedenfalls steht bei Bh 18,61 im Original immerhin ein Avagraha, der in der Umschrift leider entfallen ist, mir aber vielleicht auf die Sprünge geholfen hätte.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 24.02.2016 um 12.08 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1540#31770

Zu http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1540#28766

Es gibt zahllose Belege für mein Ich, und auch so etwas wie mein eignes Ich bei Hofmannsthal. Das sind Redeweisen, wie sie sich in einer Kultursprache allmählich herausbilden und im Alltag unter Gebildeten auch einigermaßen bewähren, die man aber nicht zu scharf ansehen darf. Ein widerspruchsfreies "Menschenbild" könnte später auch der scharfsinnigste Philologe nicht herauslesen, wenn er sich über die Reste unserer Zivilisation beugt. Und nun denke man an die Philologen, die z. B. aus dem Anfang der Ilias das Menschenbild der alten Griechen herauslesen wollen: Viele tapfere Seelen schickte er zum Hades, "sie selbst" aber machte er den Hunden und Vögeln zur Beute! Die Hörer werden sich nicht viel dabei gedacht haben, weil der Sinn ja klar ist. Selbst oder nicht selbst: In der Unterwelt trifft Odysseus seine alten Kameraden, wie wesenlos auch immer, und mit ihnen unterhält er sich, nicht mit herumliegenden Leichen.
Es ist so vergeblich wie bei den zum Teil anatomisch abstrusen Vasenbildern der Frühzeit. Und sollten die Höhlenmaler vor 40.000 Jahren zwar Büffel, aber nicht Menschen realistisch haben malen können?
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 19.02.2016 um 17.12 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1540#31714

In den siebziger Jahren kam es zu einer großen Welle der "Verwissenschaftlichung", und das Delirium fing an:

Die Forderungen der neueren (kommunikativen) Sprachdidaktik zielen ja darauf ab, sprachliche Fähigkeiten, Fertigkeiten und Kenntnisse zu vermitteln, die dem Lernenden eine situationsadäquate Verwendung von Sprache ermöglichen, um so die eigenen Sprechabsichten im Kontext der jeweiligen Interaktionssituation wirkungsvoll zum Ausdruck bringen zu können bzw. auf die Sprechabsichten seiner Partner in geeigneter Weise eingehen zu können. (Karl-Heinz Jäger in: Texte gesprochener deutscher Standardsprache IV. München 1979:7)

(Dazu als Anmerkung ein Zitat eines anderen Autors:)
Ziel des modernen Fremdsprachenunterrichts ist es im allgemeinen, den Lernenden zu erfolgreichem kommunikativem Handeln in der Zielsprache zu befähigen; d. h. einmal, ihm die Mittel an die Hand zu geben, Intentionen und Inhalte mit dem Zeicheninventar der Zielsprache mündlich wie schriftlich korrekt und gebräuchlich auszudrücken, d. h. zum anderen, den Lerner in die Lage zu versetzen, Äußerungen in der Zielsprache inhaltlich richtig zu erschließen, wobei in beiden Fällen die jeweils gegebenen relevanten Faktoren der Kommunikationssituation zu berücksichtigen sind.

Preisfrage: Was ist an diesen Zielen des Sprachunterrichts eigentlich "modern"?
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 12.02.2016 um 10.01 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1540#31636

Noch etwas aus meinem Schatzkästchen:

Zu einer eigentlichen Periodisierung einer deutschen Sprachgeschichte und damit zum Bewußtsein einer stufengeschichtlichen Entwicklung der deutschen Sprache konnte es freilich erst nach den entscheidenden größeren Texteditionen, wie beispielsweise der althochdeutschen Evangelienharmonie Otfrids von Weißenburg (um 870) durch den lutherischen Theologen Matthias Flacius Illyricus (1520-1575) in Basel 1571 oder der gotischen Bibelübersetzung des Missionsbischofs Wulfila (Mitte 4. Jh.) durch Franciscus Junius (1589-1677) in Dordrecht (Holland) 1665, ferner nach den entscheidenden größeren Sammelwerken mit alt- und mittelhochdeutschen Denkmälern etwa durch Melchior Goldast (1578-1635) in dessen Rerum Suevicarum scriptores aliquot veteres, Frankfurt 1605, und Alamannicarum rerum scriptores aliquot vetusti, Frankfurt 1606, 31730, sowie durch Johannes Schilter (1632-1705) in verschiedenen Schriften (besonders Thesaurus antiquitatum Teutonicarum, postum Ulm 1726-1728) kommen. (Stefan Sonderegger: Grundriß deutscher Sprachgeschichte. Berlin 1978:2)

Schon das Ansinnen, siebzehn Jahreszahlen in ein und demselben Satz gedanklich zu verarbeiten, ist eine Zumutung; eine Tabelle wäre übersichtlicher. Man beachte außer dem ungeschickten Satzbau das zweimalige entscheidend; es ist überflüssig, denn die „entscheidende“ Bedeutung der Editionen besteht ja gerade darin, daß sie die Periodisierung der Sprachgeschichte ermöglichen, und das ist die Aussage des ganzen Satzes.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 12.02.2016 um 09.16 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1540#31634

Je weicher das Fach, desto härter der Satzbau.

Insbesondere aber im Zusammenhang mit den in Verbindung mit Gedanken von Kaznelson (1974) von mir herausgestellten Verbindungen verschiedener semantischer Kategorien mit bestimmten Wortarten und möglichen Bereichswechseln solcher Kategorien als sekundärer Besetzung in anderen grammatischen Klassen läßt sich eine Ableitungsstruktur rekonstruieren. (Ludwig M. Eichinger: Transposition. Tübingen 1979:177)

Auf dem Papier kann man so etwas zusammenbauen.

Bei manchen ist es eine Jugendsünde, später formulieren sie menschlicher (wenn der Zwang zum Imponieren weggefallen ist), andere halten es umgekehrt, z. B. jener Germanist, der aus seiner "Deutschen Wortkunde" in der zweiten Auflage eine "Germanistische Lexikologie" und das ganze Büchlein unverständlich gemacht hat.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 09.02.2016 um 07.18 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1540#31607

„Dem ‚Laien‘ erscheint es sehr sonderbar, daß man sich um so etwas wie das Dasein der Dinge unserer Umgebung den Kopf zerbrechen kann.“ (Rudolf Eisler: „Über Ursprung und Wesen des Glaubens an die Existenz der Außenwelt“. Vierteljahrsschrift für wissenschaftliche Philosophie, Bd. 22, Leipzig 1898:408)

Der „Laie“, was immer ihn vom Laien unterscheidet, hat vollkommen recht. Das Dasein der Dinge unserer Umgebung kann nicht in Frage gestellt werden, weil Dasein soviel heißt wie Ding der Umgebung zu sein. Die Dinge bilden mit uns ein Bestandssystem, und das nennen wir Dasein. Es gibt keinen Grund, sich über den Laien zu erheben. Der Phänomenologe klammert das Dasein der Umgebung und sogar sein eigenes ein, was ihn aber nicht hindert, munter weiterzureden - mit wem eigentlich und in welcher Sprache?
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 19.01.2016 um 16.01 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1540#31382

Man könnnte auch sagen: Bei den Alten fehlt es noch an philosophischen Abstraktionen, sie ringen erkennbar um den Ausdruck; Cicero quält sich geradezu, seinen Römern die weiter fortgeschrittenen griechischen Gedanken auf latein nahezubringen.
In der Neuzeit leiden wir umgekehrt an einer Überfülle blasser Abstraktion, und die Existenzphilosophen ebenso wie ihre theologischen Brüder geben sich Mühe, uns wieder so recht eigentlich an der Wurzel zu packen, daher die Stammelsprache: das "Woraufhin" usw.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 19.01.2016 um 13.17 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1540#31379

O ja, Platon mit seinem "tode ti" (Timaios) und Aristoteles und dann in gewisser Weise die Scholastiker, die sich aber meist bemüht haben, ordentliche Substantive daraus zu machen ("haecceitas" usw.). Das war aber nicht der dadaistische Tonfall unserer "Eigentlichkeits"-Philosophen.
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 19.01.2016 um 11.26 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1540#31378

Damit hat Vaihinger mit seiner Philosophie des Als Ob [sic] begonnen, oder gibt es noch frühere Beispiele?
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 19.01.2016 um 10.22 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1540#31377

Phänomenologen erreichen die "Entselbstverständlichung" (O-Ton) auf zwei entgegengesetzten Wegen: die oft bemerkte Liebe zu Fremdwörtern (Epoché, Episteme, Noema usw.), andererseits die geradezu dadaistische Verwendung von substativierten Pronomina und anderen Formwörtern:

Das Was unseres Weltverhaltens, verbunden mit dem Wozu unseres Handelns, fällt nicht zusammen mit dem Wie und dem Als-was unserer Auffassungen. usw.

So dann auch Heidegger ausgiebig, ebenso viele Theologen, wie bereits gezeigt.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 18.01.2016 um 08.19 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1540#31367

Ein namhafter Phänomenologe schreibt:

Das erste Ansich ist die Vorgegebenheit der Welt für die Urgewohnheit. Diese Urvorgegebenheit erneuert sich selbst beständig dadurch, daß dem Universalhorizont durch Habitualisierung einzelne Horizonte zuwachsen, nach deren Vorzeichnungen wir uns in unserem Verhalten richten, indem wir bestimmte Vermöglichkeiten ergreifen, welche die Horizonte bereithalten. Mit den Vorzeichnungen liefern uns die Horizonte die Regeln dafür, wie wir von aktuell ergriffenen Vermöglichkeiten unseres Verhaltens zur Aktualisierung weiterer Vermöglichkeiten übergehen können. In diesem Sinne kann man die Horizonte als Regelstrukturen bezeichnen. Durch die Befolgung der Vorzeichnungen bringen wir in der Mannigfaltigkeit unseres Verhaltens vielfältige Vorkommnisse entsprechend unterschiedlicher Art für uns zum Erscheinen.

Aus dieser sprachlichen Sonderwelt findet niemand mehr heraus. Man müßte ja zuerst die "Phänomene", die man zu beschreiben glaubt, als Illusion durchschauen, aus der Sprache herausgesponnen. Dazu ist aber die selbstgeschaffene Begriffswelt zu verzweigt und verdichtet, eines stützt das andere.

Andererseits ist klar, daß man nur intra muros damit zufrieden sein kann, sehr zufrieden sogar, aber der übrigen Menschheit hilft es nicht weiter, löst keines ihrer Probleme, gibt keine Antworten auf Fragen, die ein Mensch vernünftigerweise stellen kann.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 20.10.2015 um 04.12 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1540#30273

Gleichzeitig werden systematische Perspektiven eröffnet und Analysen gegenwärtiger Phänomene beigesteuert. (Aus der Ankündigung einer Ringvorlesung, Universität Erlangen)

Wird schon stimmen.
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 15.10.2015 um 23.12 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1540#30255

Das können die Philosophen gar nicht wissen, da sie sich mit den Naturwissenschaften nicht befassen (die meisten jedenfalls). Kann man auch verstehen, denn Physiker z. B. finden es ja eher blöd, wenn Außenstehende ankommen, die ihnen erklären wollen, was ihre neuesten Theorien eigentlich bedeuten. Also läßt man sich gegenseitig lieber in Ruhe.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 15.10.2015 um 17.24 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1540#30252

Stimmt, deshalb bin ich auch aus der Gesellschaft für Analytische Philosophie ausgetreten und verstehe schon nicht mehr, warum ich je eingetreten war, so was Langweiliges!

Was ich sagen wollte: Zwischen den Wissenschaften gibt es keinen Platz mehr für Erklärungen der "allgemeinen Struktur der Wirklichkeit". Höchstens noch für Begriffskritik, wie Peter Hacker sagen würde, aber selbst das kann man einzelwissenschaftlich bearbeiten.
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 15.10.2015 um 15.21 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1540#30251

Mit der Wucht der analytischen Philosophie ist es nach einem Jahrhundert allerdings auch nicht mehr so weit her.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 15.10.2015 um 13.19 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1540#30250

Vor einigen Wochen brachte die FAZ einen längeren Beitrag der emeritierten Philosophieprofessors Manfred Frank:

Kontinentale Philosophie – Hegel wohnt hier nicht mehr
Wer kontinentale Philosophie studieren will, sollte nach China oder Brasilien gehen. In Deutschland liegt das Erbe des deutschen Idealismus am Boden. Seine gedankliche Wucht versandet im Kleinteiligen.
(FAZ 24.09.15)

Titel und Vorspann deuten an, worum es geht. Beklagt wird das Verschwinden der klassischen deutschen Philosophie zugunsten der analytischen angelsächsischen usw. von deutschen Lehrstühlen.

Ein jüngerer Kollege, Tobias Rosefeldt, antwortete darauf; er führte vor, daß es immer noch reichlich Philosophie des deutschen Idealismus gebe usw. Als Aufgabe der systematischen Philosophie formulierte er: was die grundlegende Struktur der Wirklichkeit ausmacht, wie sich das menschliche Bewusstsein zur Natur verhält und ob es unbedingte und allgemeingültige Normen gibt usw.

Kann man mit solchen traditionellen Floskeln noch einen Hund hinter dem Ofen hervorlocken? Wie könnte denn eine mögliche Antwort auf die Frage nach der "grundlegenden Struktur der Wirklichkeit" aussehen? Wenn jemand noch so schön bewiese, daß es unbedingte und allgemeingültige Normen gibt – wer sonst würde sich auch nur die Bohne dafür interessieren?
Und andererseits: Was ist denn „Wucht“ in diesem Zusammenhang? Und „Erbe“ – was ist das bei Theorien? Was hat uns denn die Philosophie des deutschen Idealismus, außer ihrer historischen Interessantheit, heute noch zu sagen, welches Problem löst sie? „Wucht“ ist keine brauchbare Kategorie.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 11.09.2015 um 07.56 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1540#29901

„Hypoformen des Gegenwartsdeutschen manifestieren sich heterogen-attraktiv, komplementär-kooperativ, informell, wenngleich nicht konfliktfrei, bezogen auf unterschiedliche Level oder Repräsentationsniveaus sprachstil- und varietätenkonvergent in technisch mediatisierten Foren und Gesprächsöffentlichkeiten bzw. ›Tagungsräumen‹.“
(usw.)
(http://www.iablis.de/iablis_t/2013/nickl13.html)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 28.08.2015 um 06.03 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1540#29800

Hawkings Theorie besagt laut "Telegraph" außerdem, dass Strahlungen, die ein schwarzes Loch verlassen, Informationen des Ereignishorizontes aufnehmen und nach draußen transportieren. „Die Information über eintretende Partikel kommt wieder hinaus, jedoch in chaotischem und unnützem Zustand“, sagte Hawking in Stockholm. (focus.de)

Was richten solche unverständlichen Texte in den Köpfen der Leser an?
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 14.08.2015 um 05.07 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1540#29713

Ein Sammel(surium)band von Suhrkamp hat den schönen Titel:
Stimme: Annäherung an ein Phänomen
Phänomen ist ein gelehrtes Wort für "etwas" oder "Dingsbums". Kann wegfallen (und sollte es deshalb auch). Es sind halt verschiedene Aufsätze zum Thema "Stimme", der einfallslose Untertitel suggeriert einen Zusammenhang.
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 08.08.2015 um 16.50 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1540#29659

Angeblich behaupten manche Chinesen, das deutsche Wort "Tschüß" käme aus dem Chinesischen und bedeute "Geht zum Teufel!", was man den europäischen Seeleuten bei der Abfahrt nachgerufen habe. Bei Wikipedia steht etwas ganz anderes. Man darf "falsche Freunde" nicht mit Abstammung verwechseln.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 08.08.2015 um 14.28 Uhr  
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Über die "chinesischen Sprichwörter" hatte ich mich anderswo lustig gemacht. Man kann sich leicht irgendeinen Sinnspruch ausdenken und als "chinesisches Sprichwort" ausgeben, denn in den ungeheuren Weiten der chinesischen Überlieferung findet sich bestimmt für alles ein Beleg.

Was uns etwas näher angeht: Der hier (#26681) zitierte Konfuzius übt mit seiner These von der "rectification of names" (vgl. https://en.wikipedia.org/wiki/Rectification_of_names) eine unüberwindliche Anziehung auf Rechte wie Linke, Fromme wie "Humanisten" aus. Man muß ihn einfach liebhaben – oder?

Ich hatte leichtfertig eine Übersetzung aus dem Lun yü (XIII, 3f.) zitiert, die mir gerade zur Hand war (der Abschnitt ist ja wirklich allgegenwärtig), aber sie ist nicht richtig. Richard Wilhelm hat auch nicht "Justiz" übersetzt, sondern "Strafen", und so heißt es auch: fá. (Das Original liegt in der Studienausgabe von Creel vor mir.)

Wenn die Begriffe nicht richtig sind, so stimmen die Worte nicht; stimmen die Worte nicht, so kommen die Werke nicht zustande; kommen die Werke nicht zustande, so gedeiht Moral und Kunst nicht; gedeiht Moral und Kunst nicht, so treffen die Strafen nicht; treffen die Strafen nicht, so weiß das Volk nicht, wohin Hand und Fuß setzen. Darum sorge der Edle, daß er seine Begriffe unter allen Umständen zu Worte bringen kann und seine Worte unter allen Umständen zu Taten machen kann. Der Edle duldet nicht, daß in seinen Worten irgend etwas in Unordnung ist. Das ist es, worauf alles ankommt.

Jürgen Schiewe meint, die Sätze behielten auch heute ihre Gültigkeit, wenn man "Strafen" durch "gesellschaftliche Ordnung" ersetzt. Warum nicht? Nur daß es eben nicht so heißt und auch nicht so gemeint ist.

James Legge ließ sich auch nichts vormachen:

If names be not correct, language is not in accordance with the truth of things. If language be not in accordance with the truth of things, affairs cannot be carried on to success. When affairs cannot be carried on to success, proprieties and music do not flourish. When proprieties and music do not flourish, punishments will not be properly awarded. When punishments are not properly awarded, the people do not know how to move hand or foot. Therefore a superior man considers it necessary that the names he uses may be spoken appropriately, and also that what he speaks may be carried out appropriately. What the superior man requires is just that in his words there may be nothing incorrect.

Wollen wir wirklich die Staatslehre des Konfuzius übernehmen? Das sollte man sich gut überlegen, auch wenn Meister Kong nicht so pessimistisch war wie die Legalisten. Einfach mal die Chinesen beiseite lassen und sehen, ob Sprachkritik nicht auch ohne sie möglich ist.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 04.08.2015 um 12.57 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1540#29619

Habe gerade ein paar Seiten aus einem neuen Buch gelesen: Jochen A. Bär: Hermeneutische Linguistik. Berlin (de Gruyter) 2015. Die Habilitationsschrift hat aber 844 Seiten. So ist es eine Erleichterung, daß der Verfasser eine Kurzfassung ins Netz gestellt hat: www.baer-linguistik.de/hlr
Ich empfehle besonders die letzten Seiten (2.2. Semantische Relationen).
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 29.07.2015 um 06.48 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1540#29567

Henrichs Anliegen ist zunächst einmal: dass Philosophie überhaupt sei. (Lorenz Jäger in FAZ 29.7.15)

Kann man sich eine Diskussion vorstellen zum Thema "Ist Philosophie?" Natürlich nicht. Auf deutsch fragt man, ob es Philosophie geben muß oder ob man philosophieren soll. Aber das ist wegen seiner Banalität nicht besonders aufregend, und mehr als die schon in der antiken protreptischen Literatur verbreiteten Kalauer wird nicht dabei herauskommen.

Ich finde diese preziöse Sprache abstoßend und kann solche Texte einfach nicht lesen. Ob diese Ecke des Feuilletons mal trockengelegt wird? Vielleicht ein Generationenproblem.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 28.07.2015 um 18.19 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1540#29564

„Begriffe sind kognitive Konzepte von Phänomenen oder Sachverhalten, die sich durch einige wenige generalisierbare Merkmale auszeichnen.“ (Hartmut E. Lenk/Ulrike Richter-Vapaatalo (Hg.): Sie leben nicht vom Verb allein. Berlin 2015:32)

Jetzt wissen wir endlich, was Begriffe sind.

Im selben Band wähnt sich ein anderer bekannter Germanist zwischen "Scilla" und Charybdis.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 29.06.2015 um 12.01 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1540#29304

Der Vortrag greift die eher metaphorisch als analytisch konnotierten Konzepte über „das Bildungssystem“ und „das Erziehungssystem“ auf und kontrastiert diese mit dem system-theoretischen Vorschlag Luhmannscher Prägung, die Einheit von Erziehung und Bildung zu beschreiben. Beide Lösungen können aus der Sicht des Vortragenden aus organisations-pädagogischer Sicht nicht überzeugen. Mit Hilfe eines handlungstheoretischen Konzepts wird dann das pädagogisch organisierte System des lebenslangen Lernens unter Maßgabe der Arbeitsteilung, der Humanontogenese und der pädagogischen Kernaktivitäten beschrieben.

Danke für die Einladung!
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 17.06.2015 um 12.46 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1540#29170

Physik, Figur, Wissen. Das Superpositionsprinzip der Quantentheorie als Narrativ der Intersexualität in Ulrike Draesners „Mitgift“

(http://elinas.fau.de/media/pdf/publications/Aura-Heydenreich-Draesner-Physik-Figur-Wissen.pdf)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 12.06.2015 um 06.14 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1540#29130

Als Derrida starb, zitierte der Economist in kritischer Absicht Platon, der sich auch schon mit unverständlichen Postmodernen herumzuschlagen hatte. Im "Theaitetos" läßt er den Mathematiker Theodoros sagen:

Was diese Herakleitischen oder, wie du sagst, Homerischen und noch Älteren betrifft, mit denen zu Ephesos, so viel deren der Sache kundig zu sein vorgeben, sich in ein ernsthaftes Gespräch einzulassen nicht besser angeht, als wollte man es mit solchen versuchen, die, von bösartigen Tieren zerstochen, nicht einen Augenblick stillstehen können; denn ordentlich, wie es in ihren Schriften heißt, fließen sie auch, festen Fuß aber zu fassen bei einem Satz und einer Frage, und gelassen jeder nach seiner Ordnung zu fragen und zu antworten, davon ist ihnen weniger verliehen als nichts. Ja nicht einmal nichts ist schon zu viel gesagt, so wenig Ruhe ist in diesen Leuten. Sondern wenn du einen etwas fragst, so ziehn sie wie aus ihrem Köcher rätselhafte kleine Sprüchlein hervor und schießen diese ab; und willst du dann darüber wieder eine Erklärung, wie es gemeint gewesen, so wirst du von einem andern ähnlichen getroffen von ganz neuer Wortverfertigung. Zu Ende bringen wirst du aber niemals etwas mit einem von ihnen, noch auch sie selbst unter einander. Sondern sehr genau beobachten sie dieses, daß ja nichts fest bleibe weder in der Rede noch auch in ihren eigenen Seelen, indem sie, wie mich dünkt, besorgen, dies möchte etwas Beharrliches sein, wogegen sie ebenso gewaltig streiten und es überall, wo sie nur können, vertreiben.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 04.06.2015 um 10.32 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1540#29055

Im folgenden Text gibt es keine handelnden Personen mehr; nur den Abstrakta wird eine eigentümliche Aktivität zugeschrieben:

Eine wenn auch anonym gewordene Volkssouveränität zieht sich in die demokratischen Verfahren und in die rechtliche Implementierung ihrer anspruchsvollen Kommunikationsvoraussetzungen zurück, um sich als kommunikativ erzeugte Macht zur Geltung zu bringen. Genau genommen entspringt diese den Interaktionen zwischen rechtsstaatlich institutionalisierter Willensbildung und kulturell mobilisierten Öffentlichkeiten, die ihrerseits in den Assoziationen einer von Staat und Ökonomie gleich weit entfernten Zivilgesellschaft eine Basis finden. (Jürgen Habermas: Faktizität und Geltung. Frankfurt 1994:365)

Was könnte man dagegen einwenden, wie könnte man es widerlegen? Was geschieht wirklich, wenn sich zum Beispiel die anonyme Volkssouveränität in die rechtliche Implementierung ihrer Kommunikationsvoraussetzungen zurückzieht? Vieles ist möglich.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 22.05.2015 um 16.05 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1540#28952

„Rhetorik ist kommunikatives Kontingenz-Management. Im abstrakten Sinn läuft die rhetorische, d.h. persuasionsorientierte Kommunikation (einschließlich ihrer erfolgsorientierten Textgestaltungsstrategien) auf eine vom Orator durch kommunikative Akte zu erzeugende Kontingenz-Reduktion hinaus, die die Vielfalt der Verstehens- oder Reaktionsmöglichkeiten auf eine bestimmte Selektion begrenzen will, was zugleich auf die Etablierung oratorinduzierter Ordnung im Denken und Fühlen des Adressaten hinausläuft.“ (Joachim Knape: Poetik und Rhetorik in Deutschland 1300-1700. Wiesbaden 2006:12)

(Tübinger Rhetoriker)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 22.05.2015 um 12.16 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1540#28950

... sind doch die deutschen Präpositionen von ihrer Zahl her relativ begrenzt, aber von ihrer Frequentativität häufig [...]. Ohne diese relativ große Auftretenshäufigkeit [...] (Jochen Schröder: Lexikon deutscher Präpositionen. Leipzig 1986:8)

= Es gibt nur wenige Präpositionen, sie werden aber oft gebraucht.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 12.05.2015 um 17.32 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1540#28873

Mein "geht nicht mehr" bezog sich auf den Inhalt bzw. die schwärmerische Prosa, nicht auf die Grammatik. Ich staune aber ehrlich, lieber Herr Strowitzi, wie gut Sie als Mathematiker noch mit dem Sanskrit zurechtkommen, fast wie Grassmann!
Das Kompositum hrd-desha (ich vereinfache die Transkription) ist aus dem neutralen Wurzelnomen hrd, das auch in "Herz" vorliegt, und dem Substantiv desha 'Gegend' zusammengesetzt, zur Wurzel dish, die wir im deutschen "zeigen" haben. Daher auch Bangladesh usw.
Ja, natürlich, ich begnüge mich auch nicht mit Übersetzungen, obwohl ich sie als Hilfsmittel sehr gern benutze - zumal es ja Interpretationen sind, also implizite Kommentare, deren Benutzung auch der professionelle Philologie nicht verschmäht.
Ich kann übrigens die Gita nicht auswendig, der Vers aus dem letzten Teil fiel mir nur gerade ein, weil ich ihn als Lehrbuchbeispiel im Ohr hatte. Der Text strahlt eine gewisse Erhabenheit aus, aber gerade deshalb ist es meine Meinung, daß ein heutiger Universitätsprofessor, der ja keineswegs poetische Ansprüche erhebt, nicht im selben Ton daherreden darf, wenn er ernst genommen werden will. Wie soll man mit Küng diskutieren, wenn man nicht einmal weiß, wie man seine paradoxen und überschwenglichen Sätze kritisieren, gar widerlegen könnte?

Gegen die ausweichende Prosa der Theologen kämpft auch Walter Kaufmann in einem bekannten Buch. Dort finde ich auch:

„Millionen wird nicht einmal bewußt, daß sie überhaupt gegen fundamentale christliche Dogmen verstoßen. Sie haben nie herauszufinden versucht, worin diese Dogmen eigentlich bestehen.“ (Walter Kaufmann: Der Glaube eines Ketzers. München 1965:13)

Diese Erfahrung habe ich immer wieder gemacht, auch bei mir sehr lieben Menschen.

Und weil ich gerade dabei bin, noch ein trefflicher Satz:

„Bescheidenheit ist leichter als Ehrlichkeit, denn sie verträgt sich mit Trägheit.“ (Ebd. 22)
 
 

Kommentar von Bernhard Strowitzki, verfaßt am 12.05.2015 um 17.02 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1540#28872

Das Problem besteht generell darin, daß ich
a) sehr ungern auf vorgefertigte Übersetzungen zurückgreife, sondern den Anspruch habe, einen Text selber zu verstehen und, wenn möglich, zu erarbeiten. (Wofür hat man seine Lehr- und Wörterbücher, und vom Lesen irgendwelcher Übersetzungen wird man nie eine Sprache lernen, ganz abgesehen davon, daß es doch hier nicht darum geht, was der Text bedeutet, sondern warum wir ihn so nicht mehr formulieren können)
b) nicht über die tägliche Routine dessen, der jahrelang in Indien gelebt hat, verfüge. Allerdings stehe ich auch mit meinen rostigen und holprigen Kenntnissen selbst in dieser sprachforschenden Gesellschaft vermutlich noch ziemlich allein auf weiter Flur. (Wer sonst noch Ahnung von Sanskrit hat, möge bitte melden, wie er mit der Textpassage zurechtkommt.)
Konkret besteht – oder nunmehr bestand – das Problem darin, daß ich den a-Ausfall im Sandhi nicht erkannt habe (ja klar, alles trivial, ... – aber gerade einfach nicht auf dem Schirm). Das reichte schon, um das Wort nicht richtig zerlegen zu können. Man braucht eben erst den archimedischen Punkt, dann sortiert sich alles. (Daß ein auslautendes nacktes -a ohne Visarga eigentlich nur ein Vokativ sein kann, ist schon klar, aber das hat mir dann auch nicht weitergeholfen.)
Wir haben also den Vokativ von Arjuna und den Lokativ (-a + i > -e) von hṛd-deśa = Herz-Gegend.
[Fußnote: Formal ist das ein Tatpuruscha-Kompositum, also eine Gegend, die durch das Vorderglied irgendwie näher bestimmt (hier: verortet) wird. Faktisch kommt es aber nur auf dieses Vorderglied an, das ganze ist offenbar nur eine blumige Erweiterung von hṛd = Herz.]
Nachdem das geklärt ist, zurück zur Ausgangsthese: Was damals ging, geht eben heute nicht mehr. Jetzt muß ich aber fragen: What's the point? Gut, wir haben eine andere Satzstellung, keinen Lokativ und keinen Vokativ. Um das zu illustrieren, können wir auch irgendeinen lateinischen (in corde, domine, oder ganz exakt Candide = Arjuna) oder russischen (w serdce, Bo^ze) Satz anführen. Eine zeitliche Entwicklungstendenz ist nicht erkennbar: das heutige Russisch kennt noch den Lokativ, wenn auch immer mit Präposition, das Altgriechische hatte ihn schon verloren. Was war jetzt so bemerkenswert?
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 11.05.2015 um 15.58 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1540#28868

Wo ist jetzt das Problem? "Arjuna" (der Anfangslaut ist wg. Sandhi elidiert) ist die Anrede; Krshna als Wagenlenker spricht ja zu dem Helden. Also: "Der Herr (das höchste Wesen, eher unpersönlich gedacht) befindet sich im Herzen aller Wesen." Grammatisch könnte der Genitiv auch vom "Herrn" abhängen, aber der Kontext legt dieses allgemein übliche Verständnis nahe.
(Ich hatte die Fundstelle angegeben, damit man leicht auf die verschiedenen Übersetzungen und Kommentare im Internet kommen kann.)
 
 

Kommentar von Bernhard Strowitzki, verfaßt am 11.05.2015 um 14.05 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1540#28867

Zum Bhagavadgita-Vers:
Der kritische Ausdruck, um den es hier geht, ist hṛddeśerjuna, alles andere ist trivial (Man merkt, ich bin von Hause aus Mathematiker: nach stundenlangem, manchmal tagelangem Grübeln, Brüten, Forschen und Analysieren stellt man fest: Ach klar, ist ja trivial!).
Also:
īśvaraḥ = Der Herrscher
sarvabhūtānāṃ = aller Wesen
tiṣṭhati = steht, auch in allen möglichen übertragenen Bedeutungen, vgl. Er steht auf Grünkohl mit Pinkel (was man bloß nicht wörtlich nehmen sollte); sie steht nicht an, das zu tun; das steht ihm nicht zu; dafür steht sie,...
Nur bei dem letzten Ausdrucke beiße ich mir die Zähne aus (zu einem der beiden Verben hṛ oder zum Substantiv hṛd??).
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 07.05.2015 um 11.54 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1540#28826

Um es ganz konkret zu sagen: Von einem heutigen Universitätsprofessor, der sich zum Beispiel auch über Quantenmechanik und die Kopenhagener Deutung ausläßt, sollte man erwarten, daß er klarer sagt, was er mit der "wirklichsten Wirklichkeit im Herzen der Dinge" meint, obwohl es fast wörtlich dasselbe ist wie der 2000 Jahre alte Vers der Bhagavadgita: īśvaraḥ sarvabhūtānāṃ hṛddeśerjuna tiṣṭhati (18, 61). Was damals ging, geht eben heute nicht mehr.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 07.05.2015 um 10.55 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1540#28825

Meine Skepsis bezieht sich ja auch nicht auf die gottbegeisterten Schriften der Alten, sondern auf die Prosa heutiger Lehrstuhlinhaber. Wenn sie erkennbar auch nicht mehr wissen als wir gewöhnlichen Sterblichen (woher sollte es auch kommen), dann wird man wohl fragen dürfen, warum sie sich eine solche Redeweise erlauben zu können meinen. Außerdem mischen sie sich ja durchaus in die Diskussionen anderer Fakultäten ein, wie u. a. Hans Albert am Beispiel Küngs gezeigt hat. Sie wollen also akademisch ernst genommen werden, aber wie wäre das möglich, wenn die einfachsten Regeln der Argumentation mißachtet werden?
 
 

Kommentar von Horst Ludwig, verfaßt am 07.05.2015 um 10.23 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1540#28824

Zu #28822: Ähnlich frage ich mich, wie doch wohl ihre Welt ziemlich kritisch beobachtende Leute da im südöstlichen Mittelmeerraum Jahrtausende lang sich erstaunliche Geschichten erzählten und, nachdem sie schreiben gelernt hatten, sich daraus die Texte des ganzen Alten Testaments zusammenschrieben, weil sie meinten, sowas gehöre einfach in eine anständige Bibliothek. Dessen Geschichten und Gesänge sind ja auch nicht nur ein bißchen *out of this world*. Und auch was da als Geschehnis im Neuen Testament aufgezeichnet ist, ist ja ähnlichen Stils zu Papier gebracht und nicht so, wie wir in unseren Universitäten heute Geschichtsschreibung aus der Abteilung einen Stock höher erwarten. Aber erstaunlich ist für mich, wie irgendwie ergreifend alle diese Texte sind und wie sie immer wieder große Künstler zu ihnen gemäßer Interpretation inspiriert haben und immer noch inspirieren. Da ist eben was dran an dieser geistlichen Rede (deren letzter und einziger Sinn ist, meine ich, den "Glauben an den einen Gott" zu feiern und daneben eben keine fremden Götter zu haben [auch letzte germanische Erkenntnis, wurde ich gelehrt, war ja immer wieder, die Götter taugen nichts]), - da ist eben was, was sonst ganz normale Menschenkinder in ihre besondere Entwicklung mitreißt, ob jeder einzelne von uns das nun logisch und verständlich findet oder nicht. Doch auch unsere von uns wohlverstandene Wissenschaft ist ja nicht unbedingt immer so lupenrein, wie wir das anpreisen und zu Recht gerne hätten. So sagte mir jungen Idealisten mal ein alter Kollege aus der Geschichtsabteilung: Geschichte wird von den Siegern geschrieben. Naja, und da ist ja was dran, nicht wahr? Küngs "Vernünftige" ist das, was er mit seiner Vernehmensfähigkeit aufgrund seines Lesens und seines Erlebens (auch dessen, was ihm die Liturgie mitteilt [auch so ein Ausdrucksmittel, das einer sachlichen Prosa nicht gut ansteht]) vernimmt. Man kann da natürlich vieles, was das Gehabe derer in der Abteilung da ganz oben unter dem schrägen Dach der Geisteswissenschaften kennzeichnet, sicher auch "als epigonales Posieren [...] sehen"; trotzdem sind einige von deren Büchern da lesenswert. Jedenfalls sagen das einige. Und deren Verleger ja sowieso.

 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 07.05.2015 um 05.02 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1540#28822

Die Mystiker haben ihre Zustände mit einer Sprache zu erfassen versucht, die dazu offenbar nicht geeignet war, und sie deshalb durch neue Möglichkeiten bereichert. Dafür muß man ihnen dankbar sein, Allerdings griffen sie auch zu Ausdrucksmitteln, die einer sachlichen Prosa nicht gut anstehen. Wenn aber heute ein Professor sich in paradoxen Ausdrücken ergeht, fällt es mir schwer, darin etwas anderes als epigonales Posieren zu sehen. Nach Hans Küng ist Gott „die absolut-relative, diesseitig-jenseitige, transzendent-immanente, allesumgreifend-allesdurchwaltende wirklichste Wirklichkeit im Herzen der Dinge, im Menschen, in der Menschheitsgeschichte, in der Welt“. Auch bildet er ein Dutzend Wörter wie "Urgrund, Urwert, Ursinn, Urhalt, Urziel" usw., wie rasend. Das würden wir außerhalb der Theologie sowieso keinem durchgehen lassen, aber auch innerhalb ist es umstritten, zumal der Verfasser stets auf die "Vernünftigkeit" pocht.
Wieder stellt sich mir die Frage, wie der kleine Hans, der doch auch mal ein Schweizer Lausbub gewesen ist, sich entwickelt haben muß, um mit größter Selbstsicherheit Tausende von Seiten mit dieser Art von Texten zu füllen.
 
 

Kommentar von Horst Ludwig, verfaßt am 04.05.2015 um 09.33 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1540#28783

Ich bin dem Vorschlag von #28766 gefolgt (auch hier hat's geregnet) und erinnerte mich dabei, daß einer meiner Deutschlehrer in der Unterstufe der Oberschule die Wendung "ich persönlich" aufs Korn genommen hatte. Weiter über diesen Anfang hinaus bin ich mit meinem Überlegungen zu "mein Ich" aber nicht gekommen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 04.05.2015 um 06.40 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1540#28782

Es ist leicht, sich über einen „rasenden Fasler“ lustig zu machen. Aber die Frage aller Fragen ist: Wie kommt ein Mensch dazu, so zu reden? Jeder fängt doch einmal auf ungefähr dieselbe Art an zu sprechen, und noch in der Grundschule faselt niemand; „stilistische Pracht“ ist dort unbekannt. Ist es der deutsche Aufsatz, der die „differenzierte Ausdrucksweise“ belohnt, wie von Lehrplänen und Bildungsstandards gefordert? In den letzten Klassen des Gymnasiums zeichnen sich die Fasler schon ab, aber richtig schlimm wird es in den geisteswissenschaftlichen Fakultäten der Universität.

Einen Zipfel davon glaube ich schon einmal erhascht und hier beschrieben zu haben. Unsere jüngste Tochter erkundigte sich bei Tisch nach der Bedeutung eines Fremdwortes, für dessen Verwendung sie von ihrer Grundschullehrerin gelobt worden war. Sie hatte es irgendwo aufgeschnappt und auf gut Glück ins Gespräch geworfen. So beginnt die falsche Konditionierung durch die Schule. Es hätte also mit ihr ein böses Ende nehmen können, aber ich bilde mir ein, mit meinem tagtäglichen Bestehen auf sprachlicher Einfachheit das Schlimmste abgewendet zu haben. (Bei meiner Frau kommt "stilistische Pracht" sowieso nicht an.)
 
 

Kommentar von Wolfram Metz, verfaßt am 03.05.2015 um 09.53 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1540#28769

Dem ist zuzustimmen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 03.05.2015 um 08.35 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1540#28768

Dietmar Kamper vermutet: Das Bild „hat den Zweck, die Wunde zuzudecken, aus der die Menschen stammen. Doch dieser Zweck ist uneinlösbar. Jede Deck-Erinnerung erinnert auch. Deshalb ist jedes Bild im Grunde ‘sexuell’, auch wenn es der Bewegung nach tief ‘religiös’ ist. Von daher lässt sich das Bild – wie Roland Barthes es tut – als ‘Tod der Person’ titulieren. Mittels der Angst spielt das Bild die Hauptrolle bei der Ablenkung des menschlichen Begehrens. Es substituiert die erfahrene Gleichgültigkeit der Herkunft. Es steht an der Stelle des ersten Bösen. Es hält zunächst die Hoffnung aus, dass die Stimme der Mutter mitschwingt durch alle Ambivalenzen. Es dreht sich auch mit vom Sakralen zum Banalen. Denn das zweite Kapitel in der Bewältigung der Angst heißt Vervielfältigung. Das Bild soll in den Bildern verloren gehen. Es geht nicht“ (Kamper 1997, 592).

http://cimuenster.de/biblioinfothek/open_access_pdfs/Religioese_Vorstellungen_bilden.pdf
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 03.05.2015 um 06.28 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1540#28766

Sie wissen nicht, was Sie an diesem verregneten Sonntag tun sollen? Ich hätte da was für Sie. Versuchen Sie doch herauszufinden, was jemand meinen könnte, wenn er mein Ich sagt. Komme heute abend wieder vorbei.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 28.04.2015 um 20.03 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1540#28723

Als eine meiner Töchter kürzlich einen Text wiederlas, den sie während ihrer Stippvisite in deutscher Literaturwissenschaft hatte durcharbeiten müssen, stieß sie auch auf folgenden Satz:

Zwar stellt die Person des Autors den Sinn her, doch erst der Text enthält ihn.

(Ich habe schon mal daraus zitiert, aber der Verfasser tut nichts zur Sache. Es ging um Kafka, Hermeneutik und so.)

Sie kam aus dem Lachen gar nicht mehr heraus. Aber eigentlich ist es traurig, wie viele Menschen sich mit so etwas beschäftigen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 13.04.2015 um 17.33 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1540#28609

Medienkompetenz ist essentiell für den demokratischen Prozess. (FAS 12.4.15)
Es hätte auch existentiell heißen können, man würde keinen Unterschied bemerken. Und was ist „der“ demokratische Prozeß? Es gibt ja viele. Man wird an "das" Projekt der Moderne erinnert.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 28.03.2015 um 05.35 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1540#28436

Stilratgeber lassen sich selten die Anweisung entgehen, in EINEN Satz nur EINEN Gedanken zu verpacken. Leider weiß niemand, was ein Gedanke ist. Vielleicht besteht er gerade darin, mehrere Sachverhalte in einen Zusammenhang zu bringen, z. B. als Konditionalsatz. Das ist also kein brauchbares Kriterium, beruht aber auf einer richtigen Intuition.
Ich würde ganz praktisch so herangehen: Wenn man das Gefühl hat, ein Satz werde zu lang oder zu kompliziert für das unmittelbare Verstehen (beim Hören oder ersten Lesen), sollte man versuchen, ihn in mehrere Sätze zu zerlegen. Klingt banal, aber erfahrene Schreiber wissen, wie schwer es ist, sich von der einmal gefundenen Formulierung wieder zu lösen und noch einmal von vorn anzufangen.
(Dies noch im Anschluß an das zuletzt besprochene Beispiel.)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 27.03.2015 um 04.46 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1540#28421

Am Ende seines langen Satzes hat der Verfasser vergessen, daß er am Anfang statt jeder Mensch theologisch-bombastisch jedes menschliche Leben geschrieben hatte; sonst könnte er ja nicht schreiben, daß dieses menschliche Leben nach dem Sinn seines bzw. des (menschlichen) Lebens fragt.

Man kann die Gedankenlosigkeit bis zu einem gewissen Grade rein sprachlich nachweisen, etwa wie Karl Kraus es getan hat. Und bis zu einem gewissen Grade gilt auch, daß damit der betrügerische, im besten Fall selbstbetrügerische Charakter des Verfassers nachweisbar ist. Sagen wir es kurz und knackig: Böse Menschen schreiben schlecht.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 26.03.2015 um 09.16 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1540#28413

Ach so!
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 26.03.2015 um 08.39 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1540#28411

Übersetzung: »Jeder normale Mensch fragt sich irgendwann einmal, was das alles eigentlich soll.«
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 26.03.2015 um 08.17 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1540#28409

Jedes menschliche Leben, das aus der kindlich selbstverständlich gegebenen Unmittelbarkeit und damit in der Regel selbstverständlich gegebenen Akzeptanz seiner Lebensverhältnisse heraustritt und sodann nicht in einer das Bewusstsein trübenden Vermassung, in einer das Bewusstsein schwächenden Drogensucht, in einer das Bewusstsein umnachtenden geistigen Behinderung oder ähnlichem die menschlichen Bewusstseinsmöglichkeiten Einschränkendem steckenbleibt, sondern sich (zumindest ansatzweise) zu einem reflektierten Welt- und Selbstbewusstsein erhebt, wird irgendwann – oft wahrscheinlich in Verbindung mit der Erfahrung und/oder Reflexion der Gebrechlichkeit bzw. Endlichkeit bzw. Kontingenz des Lebens – mit der Frage nach dem Sinn seines bzw. des (menschlichen) Lebens überhaupt konfrontiert werden.
(http://www.theologie-beitraege.de/sinn.pdf, erster Link vom Wikipedia-Eintrag „Sinn des Lebens“)

Wie bitte?
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 23.12.2014 um 04.01 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1540#27595

"Schon geht's los!" möchte man sagen, aber ich beschränke mich lieber auf eine Nebenbemerkung. Der Untergang ist ja in der lateinischen Vorlage, Okzident, noch deutlicher enthalten, auch wenn es bloß die Sonne betrifft. In Fernost heißt "nach Westen gehen" sterben. Und "Japan" (ri ben, Nippon, "Sonnenaufgang") kann logischerweise nur von den Chinesen stammen, ist also Fremdbezeichnung.
 
 

Kommentar von Horst Ludwig, verfaßt am 22.12.2014 um 18.29 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1540#27594

"Man glaubt, weil es die Wörter gebe, müsse es auch ein damit Bezeichnetes geben. Voll kraß." Das mag man glauben, man muß es aber nicht. Das gehört etwas dahin, wo bei uns doch Recht und Gerechtigkeit herrscht und jeder seines Glückes Schmied ist. Brauchbar, doch durchaus keine Definition. Da ist für die Ostasiaten Japan das Land der aufgehenden Sonne und China das Land der Mitte, und für uns hat sich das Abendland relativ zuverlässig aus dem ergeben, was das alte Rom hinterlassen hat und zu einem nicht unwesentlichen Teil dann von kulturellem Gedankengut des *Heiligen* Römischen Reichs beeinflußt wurde und uns einigen nicht zu leugnenden kulturellen Hintergrund vermittelte und den in uns weiterentwickelte. So müssen bei uns am College Studenten zu ihrer Bildung einen Kurs in "Non-Western Studies" mitmachen, so daß sie nicht nur der abendländischen Kultur verhaftet bleiben; wir geben uns da zwar einiger Hoffnung hin, aber die Kultur der Amerikas ist also auch abendländisch, es wäre denn, man betrachtete da rein Prä-Kolumbianisches. Ich würde also angesichts doch einiger realer Drohungen jetzt, die ganz bestimmt nicht auf unserm Mist gewachsen sind, nicht so dahin sagen: "»Abendland« hat immer schon etwas von »Untergang«". Der Begriff ergibt schon einigen Sinn. Natürlich muß man ihn auch immer wieder zusammen mit anderen Umständen bedenken, denn auch das gehört ja gerade zur Kultur des Abendlandes.
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 22.12.2014 um 12.04 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1540#27593

»Abendland« hat immer schon etwas von »Untergang«, auch ohne Spengler.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 22.12.2014 um 05.00 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1540#27590

Aus gegebenem Anlaß wird wieder mal versucht, das "Abendland" zu definieren, ebenso "Europa", weil es beides angeblich zu verteidigen gelte. Man glaubt, weil es die Wörter gebe, müsse es auch ein damit Bezeichnetes geben. Voll kraß.
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 18.12.2014 um 01.15 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1540#27571

»Das Schweizerische Bundesarchiv ist das Dienstleistungs- und Kompetenzzentrum des Bundes für nachhaltiges Informationsmanagement. Es bewertet, sichert, erschliesst und vermittelt archivwürdige Unterlagen der Schweizerischen Eidgenossenschaft.«

Das heißt: »Das Schweizerische Bundesarchiv hebt manche Unterlagen der Schweizerischen Eidgenossenschaft auf und wirft andere weg.«
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 07.12.2014 um 05.03 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1540#27505

Danke für die beiden letzten Einträge! Sie haben trefflich über das niederdrückende Nullwetter der letzten Tage hinweggeholfen.
 
 

Kommentar von Bernhard Strowitzki, verfaßt am 02.12.2014 um 18.40 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1540#27476

Also ungefähr so?:
"Die Currywurst, in einem promethischen Akte vom Menschen dem Urfeuer und damit dem göttlichen Lichte entrissen, erscheint uns in ihrem schlechthinnigen Sosein als Objekt einer niederen, unheiligen Körperlichkeit, fern der göttlichen Sphäre. Doch in ihrer ganzen Geworfenheit, ja Zerissenheit bahrt sie immer noch, mit allen Sinnen spür-bar, die Spuren des immateriellen Feuerlichtes, das ihr bloß physisches Sein transzendiert. Sie tritt uns zunächst protoypisch für das Anderssein, die elementare Fremdheit der Welt, entgegen. Doch in ihrer gastrischen Transsubstantation vollzieht sich dialektisch die Wendung zur Einheit alles Seienden, die uns sagen läßt: "Das ist mein Fleisch, das ist mein Leib." Der in einem schöpferischen Tun, das erst das wahre Humanum in seiner ganzen Zwiespältigkeit ausmacht, hinzugefügte Ketchup läßt uns dann gar das "Dies ist mein Blut" hinzufügen, das erst die volle Wandlung sub utraque specie bewirkt. Das gewissermaßen trinitarische Curryelement hingegen, das als conditio sine qua non erst das Sosein des Objektes unserer Begierde oder Abscheu konstituiert, verweist uns auf das altklassische tat tvam asi. Auch und gerade der moderne Mensch fühlt so über die Brücke der Jahrtausende hinweg noch einen Hauch des heiligen Schauders, des tremendum numinosum, von dem ein Rschi im Angesichte des Opferfeuers ergriffen wird. (...)"
(Das Andere der Currywurst. Prolegomena zu einer existenzialphänomenologischen Be-Trachtung der Currywurst in Bauch und Zeit. XXXIV, 712 S., o.O.u.J.)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 30.11.2014 um 10.55 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1540#27468

Als man zum erstenmal seine Mitmenschen durch logische Tricks (die Platon mit den Kunstgriffen eines Catchers verglich) aufs Kreuz zu legen verstand, indem man ihnen z. B. unwiderlegbar bewies, daß es gar nichts gibt oder daß es keine Veränderung gibt usw., muß das einen Heidenspaß gemacht haben. Und die Leute waren hingerissen, zumal im rhetorikbesessenen Griechenland. Immerhin war der Eleatismus, der hier in erster Linie zu nennen ist, für Platon zeitlebens ein Stachel im Fleisch, und er hat sich nicht ganz vergeblich damit abgequält, die mißbrauchte Sprache wieder auf die Beine zu bringen. So sind erste Ansätze der Sprachwissenschaft entstanden, wenn auch einer mäuschenkleinen im Vergleich mit dem Zugriff der alten Inder.
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 29.11.2014 um 12.00 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1540#27462

Mani war Prophet, nicht Gott. – »Das Andere« des Soundso ist im allgemeinen seine (böse) Kehrseite, das darf man sich ruhig ganz platt dualistisch vorstellen. Deshalb geht »das Andere der Currywurst« auch nicht, denn sie ist ja selbst schon von Übel. »Das Andere der Nouvelle Cuisine« ginge hingegen.
 
 

Kommentar von Bernhard Strowitzki, verfaßt am 28.11.2014 um 16.52 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1540#27456

Der altiranische Gott der Manichäer hat hiermit wohl nichts zu tun ...
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 28.11.2014 um 11.52 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1540#27455

Mani?
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 28.11.2014 um 04.54 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1540#27454

Zu den modischen Wendungen, die mich seekrank machen, gehört auch das Andere + Genitiv, also: das Andere der Vernunft, das Andere des Rechts, das Andere des Subjekts, das Andere des Politischen. Woher stammt das eigentlich? Vielleicht von Hegel? Und über diesen aus Platons "Parmenides"?

Die heutige Geistreichelei hat Hunderte von solchen Verbindungen geschaffen. Ich habe mal probeweise das Andere der Großstadt gegoogelt und bin auch fündig geworden. Nur das Andere der Currywurst fehlt noch, aber nicht mehr lange, Jürgen Dollase arbeitet dran.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 19.11.2014 um 04.42 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1540#27385

Nach idealistischer Auffassung ist Verstehen ein Sein, in der die Welt sich selbst auslegt. (Wikipedia „Hermeneutik“)

Sollte der grammatische Fehler kein Indiz der inhaltlichen Leere sein?
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 18.11.2014 um 16.16 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1540#27379

Daß es um (frühe Lessingsche) Theologie geht, ist für mich hier nur insofern relevant, als das natürlich ein Gebiet ist, auf dem die Menschen lange festgehalten werden, bevor sie sich etwas Nahrhafterem zuwenden. Philosophen halten es aber ebenso: Sie denken sich etwas aus wie "vollkommenst", oder vielmehr sie fügen diese Wörter so zusammen; denken kann man sich ja nichts dabei, höchstens weitere Sätze formal richtig, aber immer noch sinnlos daraus erschließen. Die verkorkste Grammatik deutet auf dasselbe: "sich selbst denken". Kann man sich jemanden vorstellen, der sich selbst denkt? (Wir hatten das schon anderswo: "Humboldt denken", "Sprache denken" usw. - niemand kann sagen, wie man das macht.)

Versteht sich, daß ich den großen Lessing nicht lächerlich machen wollte.
 
 

Kommentar von Sigmar Salzburg, verfaßt am 18.11.2014 um 14.29 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1540#27377

Lessings genannte Gedanken, aus seinem Nachlaß veröffentlicht, sollen vor 1753 niedergeschrieben worden sein. Er hat aber weitergedacht. Kurz vor seinem Tode hat er sich 1779 gegenüber Jacobi vorsichtig zustimmend zu Spinoza geäußert: „Die orthodoxen Begriffe von der Gottheit sind nicht mehr für mich; ich kann sie nicht genießen.“
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 18.11.2014 um 13.43 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1540#27376

Mit der theologischen Absicherung solcher Thesen ist es gar nicht so einfach. Im Grunde ersetzt Lessing hier die Theologie durch eine Metaphysik des Göttlichen.
 
 

Kommentar von Wolfram Metz, verfaßt am 18.11.2014 um 12.40 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1540#27375

Das gedankliche Gefangensein im »Vollkommensten« ist eine Beschränkung, die mit Vollkommenheit kaum zu vereinbaren sein dürfte. Wenn Gott das Nichtvollkommene gar nicht denken kann, ist er nicht nur nicht vollkommen, er hat auch erstaunlich wenig Ahnung von seiner eigenen Schöpfung. Paßt alles irgendwie nicht zusammen, läßt sich aber bestimmt theologisch überzeugend erklären.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 18.11.2014 um 11.23 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1540#27374

"Das einzige vollkommenste Wesen hat sich von Ewigkeit her mit nichts als mit der Betrachtung des Vollkommensten beschäftigen können. Das Vollkommenste ist er selbst; und also hat Gott von Ewigkeit her nur sich selbst denken können."

Es hat mich immer gewurmt, daß irregeleitete kluge (sogar sehr kluge!) Köpfe ihre Kräfte auf solch einen Unsinn verschwendet haben. Unter einem "vollkommensten Wesen" kann sich keiner etwas vorstellen, und der pseudo-scharfsinnige Schluß ist auch zum Jammern.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 08.11.2014 um 05.41 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1540#27276

Eine philosophische Magisterarbeit, die auch im Netz steht, heißt: „Auf der Schwelle zum Fremden: Konstitution – Erfahrung – Verwandlung“ (2013).
Neugierig geworden? Ich auch nicht.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 14.10.2014 um 11.33 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1540#27047

Für die Sozialwissenschaften (im weiteren Sinn) bestreitet Michael Billig, daß sie nur unter Aufbietung pompöser Wörter zu vermitteln seien. Jedenfalls auf eine sehr lange Strecke hin gehe es auch anders, wenn man sich daran halte, daß nicht Abstraktionen, sondern Menschen handeln. Er legt das mit vielen Beispielen dar, wobei er auch auf Kurse in "Academic writing" eingeht; ich empfehle dringend die Lektüre.
Besonders interessant sind Billigs Zitate aus älteren sprachkritischen Texten, z. B. schon William James' Spott über Wundt. (Wundt soll ja der größte Vielschreiber aller Zeiten gewesen sein.)
Schwieriger geworden ist es doch nur auf Gebieten, die stark mathematisiert sind.
 
 

Kommentar von Chr. Schaefer, verfaßt am 14.10.2014 um 09.21 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1540#27046

An meiner Alma Mater hat der Fachbereich Germanistik während meiner Studienzeit eine Vorlesungsreihe zur deutschen Literaturgeschichte angeboten, und zwar chronologisch, so daß man während des gesamten (theoretisch) achtsemestrigen Studiums einen Überblick erhalten konnte. Die Abteilung Nachkriegsliteratur wurde von einem Adorno/Horkheimer-Adepten abgedeckt, und sein Jargon, inklusive der "korrekten" Plazierung der Reflexivpronomina, war so undurchdringlich, daß sich ein voller Hörsaal innerhalb kürzester Zeit geleert hat.

Von wenigen Ausnahmen abgesehen galt er damals unter Studenten als unverbesserliches Fossil der 68er-Bewegung, während die meisten seiner Kollegen darauf bestanden, daß Studenten verständliches Deutsch zu schreiben sowie viel und gründlich zu lesen hätten. Indes konnte damals niemand ahnen, wie sehr die unkritische Übernahme englischsprachiger Konzepte und Vokabeln (in den 90ern erschienen vorübergehend und mit besserem Recht die französischen als attraktiv) einmal den Wissenschaftsbetrieb und dessen verschleiernde Sprache beeinflussen würde.

Dies ist übrigens kein Ausdruck einer anti-amerikanischen oder nationalistischen Haltung, sondern der Ausdruck des Bedauerns darüber, daß erstens die Klarheit im akademischen Diskurs immer mehr an Wert verliert und es zweitens immer schwieriger und aufwendiger wird, die Ergebnisse der Forschung der Allgmeinheit zu vermitteln.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 14.10.2014 um 06.17 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1540#27044

Ich möchte auf ein ausgezeichnetes neues Buch hinweisen:

Michael Billig: Learn to write badly. How to succed in the social sciences. Cambridge 2013.

Billig analysiert den akademischen Jargon so gründlich wie kaum jemand sonst. Er ist weniger polemisch als Sokal, aber seine Analysen und „Übersetzungen“ sind ebenso tödlich. Dabei entlarvt er nicht die Scharlatane, sondern den ganz normalen akademischen Betrieb mit viel Verständnis (als Soziologe) für dessen Notwendigkeiten. Er zeigt vor allem, wie der Gebrauch wissenschaftlich klingender Nominalisierungen suggeriert, daß es die damit bezeichneten Gegenstände wirklich gibt. Billig nimmt die Haltung des Kindes ein, das auf den nackten Kaiser zeigt.
„As a doctoral student (...) I never felt that I properly belonged to the world I was entering. My big problem was that I could not master the academic language which I was expected to use.“ (2)

Ich habe schon als Student die Erfahrung gemacht, daß ich heute nicht mehr verstehe, was ich gestern zu verstehen glaubte. Das geht bis heute so weiter. Früher konnte ich anderen Leuten Kant erklären. Heute lese ich bei Eisler, was Kant z. B. über "Apperzeption" geschrieben hat, und verstehe kein einziges Wort mehr. Das ist ein kleiner Fortschritt (im Sinne des sokratischen Nichtwissens). Ein großer wird daraus, wenn wir einmal wissen werden, wie es überhaupt zu solchem Wortgestrüpp kommen konnte ("das Ich" usw.).
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 05.10.2014 um 10.51 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1540#26938

Ja, Lynne Truss ist drüben auch verrissen worden, hat ihr Buch dort aber gut verkaufen können, obwohl die Zeichensetzungsregeln im Detail stark abweichen und die Amerikaner in diesen Dingen viel pedantischer sind als die Briten.

Safire hatte eine Sprachkolumne im Wochenendmagazin der NYT.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 05.10.2014 um 06.22 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1540#26935

Truss und Crystal sind zwar hüben, aber drüben ging's ihr auch nicht besser, da haben Sie recht. Und Sie meinen William Safire, nicht wahr? (Ich komme mir pedantisch vor wie Truss oder wie deren Kritiker...) Daß das alles schon wieder zehn Jahre her ist! Vgl. übrigens
www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=383#9253
www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=383#2693
www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=282#24788
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 04.10.2014 um 15.58 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1540#26934

Lynne Truss springs to mind. Crystal muß sie ziemlich in die Pfanne gehauen haben. Pinker wiederum hat über Saphire geschimpft, aber dieser war ein ausgezeichneter Beobachter sprachlicher Entwicklungen und ganz bestimmt nicht nur ein Pedant der üblichen Art.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 04.10.2014 um 14.59 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1540#26933

Wen hebt das Publikum in die Bestsellerlisten hüben und drüben? Das ist meiner Ansicht nach die interessante Frage. (Kann man sich drüben einen erfolgreich herumtingelnden Sprachkritiker wie Sick vorstellen? Ich weiß es nicht.)
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 04.10.2014 um 14.14 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1540#26932

Nun ja, Pinker ist Professor an einer der angesehensten Universitäten der Welt, da sollte man auch ein anderes Niveau erwarten dürfen als bei einem Sick.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 04.10.2014 um 12.50 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1540#26931

Man muß es Pinker und den anderen amerikanischen Sprachkritikern hoch anrechnen, daß sie das akademische Schreiben aufs Korn nehmen und sich nicht wie unser Sick über die Sprachschnitzer einfacher Mitmenschen oder gar zugewanderter Dönerbudenbetreiber lustig machen. Bei uns kommt nach Eduard Engel, der niemals die kleinen Leute angriff, lange nichts mehr.
Pinker erwähnt ja auch, daß den Bad Writing Contest überwiegend Literaturwissenschaftler gewinnen... (Wer hätte gedacht, daß das schlechte Schreiben ausgerechnet aus Frankreich kommt? Das sagt Pinker zwar nicht, aber zusammen mit Sokal muß man es wohl so sehen. Judith Butler hat den Contest auch mal gewonnen, was ihrem Ruhm in Deutschland aber keinen Abbruch tat, im Gegenteil.)
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 04.10.2014 um 07.50 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1540#26929

Wikipedia schreibt (Fettmarkierung von mir):
Seine Schwester, Susan Pinker, ist wie er Psychologin und populärwissenschaftliche Schriftstellerin
...
Pinker nennt sich selbst einen Anhänger des Gleichheitsfeminismus

Wirklich? Im Wikipedia-Artikel über Gleichheitsfeminismus ist nur von den Vertreterinnen die Rede, und in dem hier zitierten Text referiert Pinkert selbst auch nur mit her und she auf reader und writer. Da scheint mir, Steven Pinker würde sich auf deutsch auch eher eine Anhängerin des Gleichheitsfeminismus nennen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 04.10.2014 um 06.54 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1540#26928

Jeder erfahrene Leser weiß, daß kaum etwas die Form amerikanischer und dann auch deutscher Fachaufsätze und Kapitel so durchgreifend bestimmt hat wie Ausubels Advance organizers. Deren Nutzen ist seither wohl nie mehr überprüft worden. Deshalb ist es an sich zu begrüßen, daß Pinker jetzt daran kratzt, allerdings ohne die Sache beim Namen zu nennen. Unter dem Stichwort schreibt die deutsche Wikipedia:

In einer Anleitung zur Benutzung eines Mobiltelefons könnte zu Anfang des Kapitels "Telefonieren mit dem Mobiltelefon" ein Advance Organizer in folgender Form stehen:
Im folgenden Kapitel werden Ihnen drei Möglichkeiten erklärt, wie Sie Anrufe mit Ihrem Mobiltelefon tätigen können.


Das ist also genau der öde Text, wie Pinker ihn kritisiert. Es kommt in anderen Fällen noch hinzu, daß der Vorspann oft sehr abstrakt und geradezu unverständlich ist, bevor man den Haupttext gelesen hat. Ausubel führt das auf Mißverständnisse und Ungeschick zurück (der englische Eintrag der Wikipedia über ihn ist in diesem Sinn einseitig apologetisch), aber so sieht die Praxis eben aus, und es war vorhersehbar. Ein Änderung ist nicht in Sicht, das Übel steht bereits in den Style sheets, und die sind auf Dauer angelegt.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 04.10.2014 um 05.43 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1540#26926

Pinker schreibt:

The preceding discussion introduced the problem of academese, summarized the principle theories, and suggested a new analysis based on a theory of Turner and Thomas. The rest of this article is organized as follows. The first section consists of a review of the major shortcomings of academic prose. …

Are you having fun? I didn’t think so. That tedious paragraph was filled with metadiscourse—verbiage about verbiage. Thoughtless writers think they’re doing the reader a favor by guiding her through the text with previews, summaries, and signposts. In reality, meta­discourse is there to help the writer, not the reader, since she has to put more work into understanding the signposts than she saves in seeing what they point to, like directions for a shortcut that take longer to figure out than the time the shortcut would save.
The art of classic prose is to use signposts sparingly, as we do in conversation, and with a minimum of metadiscourse.


Gut gesagt, aber die Schreiber tun das keineswegs "gedankenlos", sondern wenden eine Theorie an, die Pinkers eigene Zunft, die Psychologie, in die Welt gesetzt hat. Ich erinnere mich noch sehr gut, wie wir selbst mit D. Ausubels "Advance organizers" traktiert wurden. Jedem Text sollte ein Metatext vorangestellt werden, der den Leser darauf vorbereitet, was ihn erwartet. Damit sollte die klare Gliederung der Information hervorgehoben und ihre Einordnung in das schon vorhandene Wissen gesichert werden. Das war natürlich durch Tests belegt (primitiv und unter weltfremden Laborbedingungen). Ich habe es von Anfang an als eine ungemein frustrierende Angelegenheit empfunden und seither Tausende von solchen Vorspanntexten übersprungen, weil ich sie einfach unerträglich finde.

Pinker übergeht also die Herkunft dieser fragwürdigen Praxis. Dafür erwähnt er später die von George A. Miller entdeckten, aber nie definierten "Chunks", von denen wir angeblich höchstens sieben im Arbeitsgedächtnis halten können - diese windige These ist auf dem gleichen Holz gewachsen wie die Advance organizers. (Letztere sind übrigens vor allem bei uns sehr oft als "Advanced organizers" aufgegriffen worden.)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 03.10.2014 um 10.01 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1540#26922

Pinker kann noch so lesbar schreiben, ich werde seiner Texte nicht froh werden, weil er so viel Falsches schreibt und außerdem sein Entdeckerpathos über uralte Weisheiten legt. Ich habe schon mehrmals auf Dawkins hingewiesen (http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1447#25889), von dem ich zur Zeit auch frühere Bücher (Climbing Mount Improbable) lese und neuere bestellt habe. Ähnlich gut schrieb Karl von Frisch. Die Entwicklung der Augen, der Spinnennetze, der Schneckenhäuser - bei Dawkins ist jede Seite eine Erholung vom Gewäsch des Tages! Es ist, als ob der Verfasser dem Leser immer wieder etwas Erstaunliches mitteilt und zugleich fragt, ob er das ebenfalls erstaunlich finde (an appetite for wonder, in der Tat!). Also keinerlei Imponiergehabe, das ist bei einer solchen Einstellung überhaupt nicht vorstellbar. Und dabei trifft er genau das Fassungsvermögen eines nichtspezialisierten Durchschnittsgebildeten. Das möchte ich auch können.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 03.10.2014 um 09.31 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1540#26921

Natürlich hat er weitgehend recht, bei den Vorgängern nicht erstaunlich. Ich werde auch sein Buch zum Thema lesen. Zu den eigenen Schwächen rechne ich:

"(To avoid the awkwardness of strings of he or she, I borrow a convention from linguistics and will refer to a male generic writer and a female generic reader.)"

Das ist Einknicken vor der PC und wird niemals zu leserfreundlichen Texten führen. Man kann sich allenfalls ein generisches Femininum vorstellen, aber ein Wechsel nach den Kategorien Schreiber und Leser kann nicht funktionieren. Man wird bei jedem Wechsel mit der Nase darauf gestoßen, daß Pinker ein politisch korrekter Mensch sein will. Genauer gesagt: Man stutzt und denkt dann "Ach so!", und das auf jeder Seite dreimal.
 
 

Kommentar von Chr. Schaefer, verfaßt am 03.10.2014 um 08.03 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1540#26919

Steven Pinker, was immer auch man von ihm halten mag, hat einige der Ursachen für die Unverständlichkeit wissenschaftlicher Texte hier (http://chronicle.com/article/Why-Academics-Writing-Stinks/148989/) aufgeführt. Allerdings leidet der Text selbst teilweise noch an den genannten Symptomen. Einiges trifft aber durchaus zu, auch im Deutschen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 29.09.2014 um 18.56 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1540#26887

Im Eintrag über Horace Miner tut Wikipedia so, als sei dessen "bekanntestes Werk" ernstzunehmen. Der Nacirema-Hoax ist immer noch lesenswert, war ja auch Vorbild für viele Nachahmer (und hatte selbstverständlich Vorgänger).
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 25.09.2014 um 00.46 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1540#26857

»Und Houellebecqs vom Nikotin vergilbte Finger erinnern manchmal an die Hände von Gilles Deleuze im mehr als siebenstündigen Fernsehfilm „Das ABC des Gilles Deleuze“.

Deleuzes extrem lange Fingernägel sind darin nicht zu übersehen, haben aber ihren natürlichen Grund in einer unerträglichen Überempfindlichkeit der Fingerkuppen. Bei Houellebecq gibt es aber, und das macht den Unterschied aus, keinen solchen medizinischen Anlass für die Mängel seines Körpers. Er folgt ihm einfach, ohne jede Illusion der Verschriftlichung oder Einschreibung dieses Falles, und das ist die wirkliche Sensation.«

(Cord Riechelmann, F.A.Z.)

Der »medizinische Anlaß« für den körperlichen Verfall ist der Drogenkonsum Houellebecqs. Aber eine so triviale Feststellung kann natürlich keine »wirkliche Sensation« sein.
 
 

Kommentar von Pt, verfaßt am 22.09.2014 um 15.39 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1540#26836

Zu #26810:

Es gab die sog. Ganzwortmethode beim Lesenlernen. Die hat sich aber nicht durchgesetzt bzw. wird sogar als ursächlich dafür angesehen, daß die Kinder damals nur schlecht lesen lernten. Deswegen ist man glücklicherweise wieder davon abgekommen.

Die Tatsache, daß Lerner zuerst Schwierigkeiten mit dem Lernstoff haben, sollte nicht überhastet dazu führen, die Methoden zu ändern. Es gehört zum Lernen dazu, ''am Ball'' zu bleiben und sich durch den Stoff durchzubeißen bzw. die Fertigkeit zu erwerben.
 
 

Kommentar von Wolfgang Wrase, verfaßt am 22.09.2014 um 13.20 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1540#26834

Spiegel Online nimmt gerade in oberflächlicher, aber unterhaltsamer Art einige "Promi-Doktorarbeiten" aufs Korn, unter der Überschrift: Wer hat diesen Satz verbrochen? Bildunterschrift zum Beispiel Dr. Peter Ramsauer:

Ramsauers Dissertation – hier der Politiker im Jahr 1998 – liest sich recht sperrig. Ein Zitat: "Konkurrierende, komplementäre und indifferente Zielbeziehungen können sich – vorbehaltlich der folgenden Überprüfung – prinzipiell innerhalb der wirtschaftlich relevanten einerseits und weiteren Zielen andererseits und innerhalb der weiteren Ziele ergeben." Aha.
 
 

Kommentar von Klaus Achenbach, verfaßt am 20.09.2014 um 22.14 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1540#26811

Wenn jeder beim Lesen seinen eigenen Sinn konstruiert, dann frage ich mich, wie bei Pisa das Leseverständnis gemessen wird.

Wahrscheinlich können die Lehrer mit den „Bildungsstandards“ aber ohnehin genausowenig anfangen, wie heute mit den „Kompetenzen“ und seinerzeit den „lernzielorientierten Curricula“.
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 20.09.2014 um 22.04 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1540#26810

Das galt wohl früher, z.B. in meiner Grundschulzeit, als man nur Buchstaben lernte und manche Mitschüler große Probleme hatten, daraus Wörter zusammenzusetzen. Ich glaube, heute lernen die Grundschüler gleich Wörter zu lesen.
Einen ähnlichen Effekt stelle ich bei mir fest, wenn ich aus einem kyrillischen Buchstabensalat Wörter erkennen will. Ich muß dahin kommen, Silben zu erkennen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 20.09.2014 um 18.01 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1540#26809

„Lesen ist ein eigenaktiver Prozess der Sinnkonstruktion.“

So steht es in Bildungsstandards für die Grundschule und dann in Hunderten von pädagogischen Texten, auch auf den Websites von Schulen.

Der Satz enthält Restbestände gewisser psychologischer Lehren, aber was bedeutet er wirklich? Wie unterscheiden sich aktive oder gar eigenaktive Prozesse von nichtaktiven? (Die anderswo tatsächlich passiv genannt und dem Behaviorismus zugeordnet werden.) Was ist Sinn für ein merkwürdiger Gegenstand, daß man ihn "konstruieren" kann?

Die Pädagogen richten sich im geläufigen Unsinn ein. Hat man es hundertmal so ausgedrückt, merkt man gar nicht mehr, daß man eigentlich gar nichts gesagt, aber leider auch nicht geschwiegen hat.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 11.09.2014 um 05.03 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1540#26708

Bei Husserl haben auch andere schon festgestellt, wie sprachverhaftet sein ganzes Werk ist (ohne daß er es merkt). Nun glaubt man, durch die Herausgabe von Seminarprotokollen könne das Interesse an Nicolai Hartmann wiederbelebt werden. Ich glaube das nicht, hoffe es auch nicht. Von der Langweiligkeit Hartmannscher Bücher kann sich der Laie keine Vorstellung machen. Wer will denn heute noch etwas von einer ontologischen "Schichtenlehre" hören? Es gibt keine Wissenschaft, für die solche Lektüre nicht Zeitvergeudung wäre. Meines Wissens ist Hartmanns Sprachverführtheit noch nicht untersucht worden.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 08.09.2014 um 04.37 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1540#26681

In jenem Heft über Leichte Sprache (http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1217#26440) lese ich auch wieder einmal, was mir bei den Ausarbeitungen von Laien über Sprache solchen Überdruß bereitet: die allseits beliebten Zitate, aus dem Zusammenhang gerissen und Wissenschaft durch scheinbare Weisheit ersetzend:

Wenn die Sprache nicht stimmt, dann ist das, was gesagt wird, nicht das, was gemeint ist. Ist das, was gesagt wird, nicht das, was gemeint ist, so kommen keine guten Werke zustande. Kommen keine guten Werke zustande, so gedeihen Kunst und Moral nicht. Gedeihen Kunst und Moral nicht, so trifft die Justiz nicht. Trifft die Justiz nicht, so weiß das Volk nicht, wohin Hand und Fuß setzen. Also dulde man keine Willkürlichkeit in den Worten. Das ist es, worauf es ankommt. (Konfuzius)

Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt. (Wittgenstein)

Das erste darf man nicht genau bedenken, damit die Zumutung nicht erkennbar wird; das zweite ist ohne den Zusammenhang unverständlich oder wird zwangsläufig mißverstanden.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 13.08.2014 um 14.54 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1540#26530

„Weil die fortgeschrittenste Gestalt des Denkens in der Gegenwart die kritische Theorie der Gesellschaft ist ...“ (Horkheimer 1937) Also: „Meine Gedanken sind die fortschrittlichsten, die es gibt.“ Es muß große Freude bereiten, so etwas zu verkünden.

Im selben Text auch eine der Stellen, an denen die Dialektiker mit logischen Begriffen spielen, von denen sie nichts verstehen:

„Zwischen den Urteilsformen und den geschichtlichen Epochen bestehen Zusammenhänge, über die eine kurze Andeutung gestattet sei. Das kategorische Urteil ist typisch für die vorbürgerliche Gesellschaft: so ist es, der Mensch kann nichts daran ändern. Die hypothetische wie die disjunktive Urteilsform gehören im besonderen zur bürgerlichen Welt: unter gewissen Umständen kann dieser Effekt eintreten, entweder ist es so oder anders. Die kritische Theorie erklärt: es muss nicht so sein, die Menschen können das Sein ändern, die Umstände dafür sind jetzt vorhanden.“ (Horkheimer 1937)

Allerdings sind die Schriften der Frankfurter Schule voll kategorischer und apodiktischer Urteile, was man natürlich längst gemerkt hat. Sogar wohlwollende Beobachter wundern sich über den Ton des „So ist es und nicht anders“.
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 09.08.2014 um 18.28 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1540#26517

Siehe auch unter »Disciplina arcani«. Letztendlich hat sich das Prinzip der wissenschaftlichen Offenheit durchgesetzt, selbst in Fächern wie der Philosophie, wo es nicht darauf ankommt.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 09.08.2014 um 17.48 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1540#26516

Platons Schriftkritik ist für uns hier interessant. Es kann sein, daß er mündlich etwas anderes gelehrt hat als in den Dialogen steht, die ja auch keine Lehrschriften sind. Der Wikipedia-Artikel zu "Platons ungeschriebener Lehre" ist gewiß so gut, wie er nur sein kann, aber wenn man sich das Referat der ungeschriebenen Lehre ansieht – kann ein normaler Mensch auch nur im entferntesten verstehen, was das Ganze bedeutet? Und wenn Plotin, wie vermutet wird, Platon gar nicht sehr verfälscht hat, sondern sich mit Recht als dessen getreuen Fortsetzer betrachten konnte – versteht denn jemand, was Plotin eigentlich sagt? Ich könnte natürlich auch lang und breit über Prinzipien, das Eine und das Gute reden, aber das wäre nur Wortemacherei, ich verstünde mich selbst nicht.

Und das mag letzten Endes der Sinn von Platons Schriftkritik sein: Verständnis kann nicht übertragen werden, sondern muß in jedem einzelnen selbst entstehen. Dorthin kann der Dialog führen, aber mehr auch nicht. Damit wären wir noch ganz nahe am "Phaidros". Die rekonstruierte ungeschriebene Lehre läßt den großen Mann als Mystifax erscheinen, der sich zweifellos was wunderlich Schönes gedacht hat, aber was geht es uns an? Die Philosophen haben sich allezeit mit den größten Gegenständen befaßt und folglich Antworten gefunden, die allesamt verweht sind.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 08.08.2014 um 08.39 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1540#26503

Ich werde in dieser Anmerkung die Identität als den Satz der Identität näher betrachten, der als das erste Denkgesetz aufgeführt zu werden pflegt.
Dieser Satz in seinem positiven Ausdrucke A=A, ist zunächst nichts weiter, als der Ausdruck der leeren Tautologie. Es ist daher richtig bemerkt worden, daß dieses Denkgesetz ohne Inhalt sey und nicht weiter führe. So ist die leere Identität, an welcher diejenigen festhangen bleiben, welche sie als solche für etwas Wahres nehmen und immer vorzubringen pflegen, die Identität sey nicht die Verschiedenheit, sondern die Identität und die Verschiedenheit seyen verschieden. Sie sehen nicht, daß sie schon hierin selbst sagen, daß die Identität ein Verschiedenes ist; denn sie sagen, die Identität sey verschieden von der Verschiedenheit; indem dieß zugleich als die Natur der Identität zugegeben werden muß, so liegt darin, daß die Identität nicht äußerlich, sondern an ihr selbst, in ihrer Natur dieß sey, verschieden zu seyn.


Ist das verschieden von den Sophismen, über die sich Platon im "Euthydemos" lustig macht? Die Identität von Identität und Nichtidentität wird (in diesen Worten) weitergereicht bis zum heutigen Tage, als Kern der "Dialektik".
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 18.07.2014 um 04.12 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1540#26355

Als Beobachter der Welt können wir nach Luhmann nur das identifizieren und beschreiben, was für uns beobachtbar ist. (Wikipedia: Niklas Luhmann)



 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 16.07.2014 um 11.47 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1540#26344

Neulich wollte ich Bernhard Greiners Buch "Die Tragödie" (Stuttgart 2012) lesen, bin aber nur bis S. 17 gekommen:

Es überrascht nicht, dass Nietzsche, der gegen den Substanzverlust des Tragischen durch sinnstiftende Einbettung in Modelle menschheitsgeschichtlicher Progression anschreibt und dem entgegen den ursprünglichen Gehalt des Tragischen aus einer Ästhetik der Präsenz wiedergewinnen will (u. a. in der Zentrierung auf das Pathos, auf die sich verselbständigende, aus der Zeit sich heraussprengende Sprachwerdung des Leidens des Helden bei entsprechender Abwertung der Handlung), dass dieser Nietzsche an der Durchdringung von Präsenz und Repräsentation im theatralischen Spiel das Moment der Präsenz des Absoluten oder Heiligen stark macht, sachgeschichtlich in der entschiedenen Rückführung der Tragödie auf das kultische Spiel nicht nur im Zeichen, sondern um den Gott Dionysos – wenn er ihn als den ›einzigen Bühnenhelden‹ bestimmt, während »alle die berühmten Figuren der griechischen Bühne […] nur Masken jenes ursprünglichen Helden Dionysus« seien –, wortgeschichtlich, indem er am Drama den Aspekt des Ereignisses, also dessen, was sich – zeitlicher – Vermittlung verweigert, als das Wesentliche aufweist: (folgt Nietzsche-Zitat)

So geht es über 800 Seiten, durchweg gesundheitsschädlich. Der letzte Satz auf S. 834 ist griechisch, aber mit falschem Spiritus.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 16.06.2014 um 08.02 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1540#26061

Alle höchsten Wahrheiten jeder Art sind durchaus trivial und eben darum ist nichts notwendiger als sie immer neu, und wo möglich immer paradoxer auszudrücken, damit es nicht vergessen wird, daß sie noch da sind, und daß sie nie eigentlich ganz ausgesprochen werden können. (Friedrich Schlegel: Über die Unverständlichkeit)

Was mag das bedeuten? Der enorme Anspruch, etwas über „alle höchsten Wahrheiten jeder Art“ zu sagen, sollte stutzig machen. Sätze sind wahr oder nicht, es gibt nicht ohne weiteres eine Rangordnung zwischen höchsten, hohen und weniger hohen „Wahrheiten“. Wissenschaftler freuen sich, wenn sie einen wahren Satz aufstellen können, zum Beispiel in der von Schlegel ebendort erwähnten Chemie oder Mathematik. Man könnte aber auch die Sprachwissenschaft nennen, der Schlegel näher steht. Was bedeutet „trivial“ hier? Höchste Wahrheiten, die „nie eigentlich ganz ausgesprochen werden können“, erinnern an die Theologie, durch die sich die Menschen an eine solche schwärmerische Ausdrucksweise gewöhnt haben. Daher auch der fortwährende Gebrauch des Wortes Unendlichkeit in einem nichtmathematischen Sinn, auch bei Fichte und Novalis, die Schlegel zitiert.

Schlegel gibt den Terror des allseitig um sich greifenden Verstehens-Imperativs, jener „Wut des Verstehens“, wie Hörisch formuliert, der Lächerlichkeit preis.
(http://edoc.hu-berlin.de/hostings/athenaeum/documents/athenaeum/2010-20/renneke-petra-211/PDF/renneke.pdf)

(Mit der „Wut des Verstehens“ zitiert Jochen Hörisch Schleiermacher, der den Ausdruck in seinen Reden über die Religion verwendet.)

Ist „Terror“ nicht ein bißchen hoch gegriffen? Petra Renneke zitiert weiter:
Ich wollte zeigen, daß die Worte sich selbst oft besser verstehen, als diejenigen von denen sie gebraucht werden, [...] ich meine eine reelle Sprache, daß wir aufhören möchten mit Worten zu kramen, und schauen alles Wirkens Kraft und Samen. (KFSA 2, S. 364)

Durchaus im Vorgriff auf die moderne Sprachästhetik verweist Schlegel auf die Selbstreflexivität der Sprache, die sich auf sich selbst konzentriert und nicht so sehr auf ihre Verwendung; denn der Rezipient der Worte scheint weniger zu verstehen als die Worte selber sagen.“

„Die moderne Sprachästhetik“ - damit sind offensichtlich Derrida und seine – überwiegend französischen – Gesinnungsgenossen gemeint, anderes kommt gar nicht erst in Betracht. Wer außerhalb dieses Kreise steht, in dem man sich die Bälle zuwirft, dem kann man nicht einmal erklären, was überhaupt gemeint ist.

 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 24.05.2014 um 03.57 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1540#25886

Nachtrag zu Sokal:

Michel Foucault, Roland Barthes, Julia Kristeva and other icons of haute francophonyism. (Richard Dawkins: The God Delusion. London 2006:347)

Hübsch gesagt.

Im selben Buch stoße ich auf the Diet of Worms, was abgesehn von der Großschreibung ja auch eine lustige Sache ist.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 22.04.2014 um 04.55 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1540#25641

Aus dem „Manifest Geisteswissenschaft“ (im Singular!) von Mittelstraß u. a.:

In den USA (auch in einigen europäischen Ländern) gibt es an jeder Universität, die etwas auf sich hält, ein Institute for Advanced Study, vornehme kleine Forschungseinheiten, in denen jenes nationen-, fach- und disziplinenübergreifende Gespräch gepflegt wird, aus dem die gedankliche Innovation entstehen kann. Der französische Romancier Michel Houellebecq hat diesem Gespräch den Erfolg der berühmten Kopenhagener Schule im Umkreis von Niels Bohr und seiner Nobelpreisschmiede zugeschrieben. In seinem Landhaus Tilsvilde empfing Niels Bohr ‚Wissenschaftler aus anderen Fachrichtungen, Politiker, Künstler; die Gespräche verliefen in zwanglosen Bahnen, von der Physik zur Philosophie, von der Geschichte zur Kunst, von der Religion zu Alltäglichem. Seit den Anfängen der griechischen Philosophie hatte es nichts Vergleichbares gegeben; in diesem außergewöhnlichen Kontext wurden in den Jahren 1925 bis 1927 die grundlegenden Begriffe der 'Kopenhagener Deutung' formuliert, die die bestehenden Kategorien Raum, Kausalität und Zeit weitgehend aufhoben‘.

Hier wird mit windigen Zusammenhängen ein sekundärer Nutzen der Geisteswissenschaften unterstellt, ähnlich wie mit dem dürftigen Hinweis, Heisenberg habe das altsprachliche Gymnasium besucht usw. Das läßt man sich dann sogar von dem Romanautor Houellebecq bestätigen, der bisher nicht als Wissenschaftssoziologe hervorgetreten ist. Wie ist die Entwicklung der modernen Physik wirklich verlaufen, welchen Einfluß hatte die Kunst darauf? Ist „Vornehmheit“ überhaupt eine relevante Eigenschaft für Wissenschaftseinheiten?
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 13.03.2014 um 09.20 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1540#25368

Das Feuilleton der FAZ will eine Serie bringen, zu der Gumbrecht schon mal den einleitenden Essay beigesteuert hat, anscheinend wählt er auch die künftigen Beiträger aus, sicher in Abstimmung mit Schirrmacher (Morozov usw., alte Bekannte).

„Die Geisteswissenschaften reagieren ratlos auf die digitale Revolution. Doch die verändert die Welt und die Art, wie wir uns selbst erleben, dramatisch. Es ist überlebenswichtig, diesen Wandel mit neuen Begriffen fassen und beeinflussen zu können.“

Reagieren „die“ Geisteswissenschaften überhaupt auf diese „Revolution“ (falls es eine solche gibt)? Wer reagiert wann und wo? Deutlich wird nur der Machtanspruch: man will etwas beeinflussen. Aber warum eigentlich? Und wer ist es, der diesen Anspruch erhebt, und was berechtigt ihn dazu? Bei den Religionen wußten wir es noch, bei den Geisteswissenschaften versteht es sich keineswegs von selbst.

„Unsere in programmatischer Absicht zugleich publizistische und akdemische Initiative schließt in drei Hinsichten an eine von Martin Heidegger freigesetzte Dynamik an. Sie unterstellt, dass das Denken der Gegenwart in einer Öffnung auf die neueste Technik seine Bewährung finden muss; dass davon tatsächlich das Überleben der Menschheit abhängen könnte; und dass das Denken der Gegenwart seine entscheidenden Fragen und Perspektiven noch immer zu identifizieren hat.“

Verstehen Sie das? Welche Dynamik hat Heidegger freigesetzt? Woran merkt man, daß das Denken seine Bewährung findet? Welche Fragen des Denkens der Gegenwart sind entscheidend, und was entscheiden sie - zumal man sie erst noch zu identifizieren hat?

"Erst in dieser gesellschaftlichen und intellektuellen Konstellation zeigt sich die ganze Signifikanz eines Motivs, von dem große Denker der vorigen Generation, Jacques Derrida etwa oder Friedrich Kittler in Deutschland, besessen waren. Sie hatten immer wieder darauf hingewiesen, wie das klassische westliche Denken (und die Wissenschaft als sein Produkt) seit den griechisch-antiken Ursprüngen vom strukturellen Impuls der linearen Schrift ermöglicht und zugleich limitiert worden war. Vieles spricht dafür, dass die Entfaltung dieser Möglichkeiten um 1900 ein Ende und ein Stadium der Ermüdung erreicht hatte, so dass sich die Philosophie und die Geisteswissenschaften im zwanzigsten Jahrhundert mit der Produktion von Alternativen und Varianten am Leben gehalten hatten.
Jetzt stehen wir - als Intellektuelle und Wissenschaftler - wieder an einem Anfang, der als Herausforderung durchaus mit dem Anfang des fünften vorchristlichen Jahrhunderts zu vergleichen ist, aber aufgrund der demographischen, ökologischen und auch politischen Bedingungen, unter denen wir mit ihm konfrontiert sind, eine ganz andere Dimension der Dringlichkeit und vor allem des Risikos mit sich bringt."

Das könnte uns interessieren wegen der Erwähnung der Schrift, aber es geht alles unter im bildungsgesättigten Wortschwall.

Bei Husserl sollte das Überleben der Menschheit davon abhängen, daß die Wissenschaften Husserls Phänomenologie zu ihrer Grundlage machten. Die Phänomenologie ist verschollen, die Menschheit lebt immer noch. Nun geht es, wie Gumbrecht ständig wiederholt, schon wieder um das Überleben der Menschheit. Es ist aber doch nur Wichtigtuerei und höherer Blödsinn.

(Wieso waren Derrida und Kittler "große Denker", und was ist ein großer Denker? Haben sie was herausgefunden oder nicht? Den Vergleich mit dem Beginn des 5. vorchristlichen Jahrhunderts kann man ja schon mal hinschreiben, die Einzelheiten folgen auf Nachfrage, nehme ich an, das ist gar kein Problem. Dazu paßt, daß der Wikipedia-Eintrag über Gumbrecht vermerkt: "Seit der Jahrtausendwende besitzt Gumbrecht die amerikanische Staatsbürgerschaft." So ein Zusammentreffen muß gefeiert werden: Das Jahrtausend und die Staatsangehörigkeit Gumbrechts wechselten zum selben Zeitpunkt!)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 29.01.2014 um 16.43 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1540#24971

Kleine Denksportaufgabe:

x ist die Tat der theoretischen Intelligenz im eigentlichen Sinne, denn sie ist die äußerliche Äußerung derselben.

Welches Wort habe ich durch x ersetzt?

(Und wenn Sie es erraten haben: Welchen Gewinn ziehen Sie aus dieser Definition?)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 18.11.2013 um 09.50 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1540#24412

Hegel spricht in der Vorrede zur Phänomenologie des Geistes bekanntlich (?) von der "Anstrengung des Begriffs", und das ist ihm inzwischen 76.000 mal nachgesprochen worden. Ich weiß nicht. was es an Ort und Stelle bedeutet, ich verstehe den Abschnitt nicht und auch die ganze Einleitung so wenig wie die Phänomenologie, obwohl ich allein über die Einleitung vor 50 Jahren ein ganzes Seminar besucht habe. Allerdings weiß ich noch, daß dieses Buch mich in eine Art Rausch des Unverständlichen versetzen konnte, wie manche Unsinnspoesie oder auch Adorno/Horkheimer.
Ob die Nachplapperer wissen, was sie damit meinen? Oder sagen sie es nur, weil es ungemein putzt?
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 16.11.2013 um 13.12 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1540#24403

Nicht mal Geisteswissenschaftler, sondern eben Geistwissenschaftler (Spökenkieker und Wunderheiler).
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 16.11.2013 um 12.47 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1540#24402

Es gibt Skalarfelder (Temperatur, Druck usw.), aber keine Skalarwellen (jedenfalls nicht in der Antennentechnik) – außer, Geisteswissenschaftler haben wieder einmal physikalische Begriffe zweckentfremdet, genauer gesagt, mißbraucht.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 16.11.2013 um 05.35 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1540#24397

Das Irritierende am Sokal-Hoax ist, daß erwachsene Menschen nicht immer in der Lage sind, Unsinnstexte in ihrer Muttersprache zu erkennen. Das ist wie bei einem Vexierbild. Gebäude, die M. C. Escher gezeichnet hat, scheinen auf den ersten Blick bewohnbar zu sein, erst auf den zweiten erkennt man, daß das doch recht ungemütlich werden könnte. Okkultisten aller Art mischen die Wörter in einer scheinbar sinnvollen Weise:

Das Nervensystem und das Quantenvakuum – die virtuell-energetischen Welten – besitzen jeweils Potenziale und Ladungen, die über Skalarwellen und das universale Informationsfeld, die so genannte Holographische Fraktalmatrix gegenseitig in Kontakt stehen und wechselwirken können. (Norbert Schattmann)

Jede Buchhandlung hat heute eine Abteilung, in der solcher Unsinn verkauft wird (hier "Quantenmedizin").
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 18.09.2013 um 11.06 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1540#24047

Was Sokal seinerzeit nur andeutete, findet man zum Beispiel bei Mara Beller mit krassen Zitaten nachgewiesen: Schon die Heroen der modernen Physik (Bohr, Born, Pauli, Jordan) haben die Grenze ihres Faches in fataler Weise überschritten und sich zu Fragen der Psychologie und Philosophie in einer Weise geäußert, die mindere Geister anregen und ermuntern mußte, es ihnen gleichzutun, obwohl sie nicht einmal auf Verdienste in harten Wissenschaften verweisen konnten:
www.mathematik.uni-muenchen.de/~bohmmech/BohmHome/sokalhoax.html

Ich verstehe nicht viel von Physik und Mathematik, aber schon als Gymnasiast habe ich mich bei zufälliger Lektüre von Pascual Jordan und anderen davon überzeugt, daß diese Großen in philosophischen Dingen auch nur mit Wasser kochen und überhaupt keine Beachtung verdienen.

In der FAZ erschien gerade ein Artikel von David Gelernter, der wie so viele darauf besteht, daß es neben der physischen Welt noch eine geistige gebe, den Geist oder das Bewußtsein oder die Subjektivität. Er berief sich naturgemäß auch auf Searle, dessen "Wiederentdeckung des Geistes" wohl sein schlechtestes Werk ist. Auch Thomas Nagel wurde erwähnt, dessen Fledermaus-Aufsatz leider sehr erfolgreich war. Er hat den Mentalismus noch einmal mächtig gestützt.

Diese Denkweise ist meiner Ansicht nach die wichtigste Voraussetzung all der Verirrungen. Und sie läßt sich fast gar nicht bekämpfen, denn das Bewußtsein, verdammt noch mal, das gibt es doch einfach, oder? (Damit versuche ich Searles Tonfall zu treffen.)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 13.09.2013 um 05.52 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1540#24015

In der FAZ bespricht eine Altphilologin eine Schrift, die sich mit Deleuze' Interpretation des Lukrez beschäftigt. Über Deleuze, der einen wohlverdienten Platz auf Sokals Abschußliste hat, heißt es bei Wikipedia:

"Deleuze' Schriften entziehen sich der leichten Lesbarkeit, was einem artifiziellen, hochkomplexen und assoziativen Schreibverfahren geschuldet ist. (...) Seine Schriften befassen sich eklektisch mit so unterschiedlichen kulturellen Gebieten wie Psychoanalyse, Anthropologie, Sprachwissenschaft, politischer Ökonomie, Soziologie, Geschichte, Biologie, Musik, Kunst, Literatur, Architektur und Kino. Mit Enthusiasmus wurden sie in den Geisteswissenschaften aufgenommen, vor allem in Medientheorie, ästhetischer Theorie, Literaturwissenschaft, Cultural Studies und Gender Studies, aber auch politisch im Neoanarchismus und im Postoperaismus."

Warum sollte uns interessieren, was Deleuze zu Lukrez sagt? Irgendwie gehört er zu denen, die poststrukturalistisch etwas mit Lukrezens "Simulacrum" angestellt haben, aber ich halte mich lieber an den wundervollen Lukrez selber.

Übrigens geht es natürlich nicht um die "Interpretation" des Lukrez, das ist völlig überholt. Interpretationen können mehr oder weniger richtig sein. Heute widmet man den Autoren „Lektüren“, gern auch „Relektüren“, und es wäre lächerlich, hier die Wahrheitsfrage zu stellen. Wahrheit ist überhaupt ein überholtes Konstrukt. Lektüren sind einfach Ereignisse, die stattfinden, und alle sind gleich unmittelbar zu Gott. Deshalb kann jeder zu allem etwas beisteuern. Fachkenntnisse sind nicht nur unnötig, sie sind der Gipfel der Lächerlichkeit.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 22.06.2013 um 05.22 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1540#23467

Rudolf Steiner glaubte, das unpersönliche es der Witterungsimpersonalia sei eine Verkürzung von Zeus. Überhaupt seien viele deutsche Wörter aufs Griechische zurückzuführen.

Wer sich einmal als Prophet etabliert hat, kann jeden Einfall, sei er noch so albern, zu Papier bringen, und es werden sich Leute fiinden, die auch das noch hinnehmen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 08.05.2013 um 17.34 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1540#23162

Die Philosophische Fakultät und Fachbereich Theologie (so heißen wir hier) ist in einem "Leitbildprozess", dieser wiederum im "Entstehungsprozess", und wir sind aufgefordert, uns daran zu beteiligen. Es gibt an jeder Universität Leute, die sich gern mit so etwas beschäftigen.

Man sollte das Leitbild, wenn es fertig ist, am Ersten Mai vorstellen, dem Kampftag der internationalen Arbeiterklasse. Anschließend beginnt der Prozess des Erfüllens und Überbietens.

Vor einigen Jahren wollte die Regierung Stoiber den bayerischen Beamten schon ein Leitbild vorsetzen, das aber wegen zu großer Ähnlichkeit mit Scientology erst mal wieder in der Versenkung verschwand. Aber wer weiß, vielleicht ist es dann doch in Kraft getreten, und ich habe meinen Beruf ausgeübt, ohne davon zu wissen.

Leitbilder kosten wenigstens nichts.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 05.05.2013 um 06.29 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1540#23134

Vor einigen Jahren wurde an der Universität Köln ein üppig finanziertes "Internationales Kolleg" gegründet: Morphomata – Genese, Dynamik und Medialität kultureller Figurationen. Die FAZ (Oliver Jungen) hat sich damals schon darüber lustig gemacht, sogar der Festredner Gumbrecht (der die Gabe der Allgegenwart besitzt) scheint seine Zweifel gehabt zu haben. Das Programm liest sich so:

Abgeleitet von dem griechischen Wort mórphôma – die durch den Prozess der Gestaltgebung entstandene Form kultureller Gegenstände – bezeichnet der neu eingeführte Konzeptbegriff Morphom sinnlich wahrnehmbare Formen: Gebilde, Artefakte und Figuren, in denen sich unser Wissen manifestiert. Der Kerngedanke des Internationalen Kollegs zielt auf diese Konkretionen und verhandelt sie gleichsam als Denkbilder einer historischen wie interkulturellen Vermittlung.

Forschungsperspektive
Einen interdisziplinären wie kulturübergreifenden Ansatz verfolgend, beschäftigt sich die Morphom-Forschung mit der Entstehung, dem Wandel und der Medialität dieser Figurationen.
An die Stelle einer Einfühlung in fremde Kulturen tritt hier die Übersetzung fremder Denkbilder und Formen in das eigene Denken, um kulturellen Wandel verständlich zu machen. Goethes Verständnis von „Literatoren“ als Agenten einer Weltliteratur und -kultur steht hierfür Pate.

Digitale Agora
Eine Digitale Agora symbolisiert die Arbeit des Kollegs und fungiert nicht nur als Diskussionsforum und Begegnungsstätte, sondern dient der Bildung eines historischen und interkulturellen kommentierten Archivs von Morphomen. Geschaffen wird hiermit ein virtueller Wissensraum, der Archivstrukturen in eine interaktive Plattform einbettet, Informationstausch und Öffentlichkeitswirksamkeit verbindet.


Man tut also dasselbe wie andere, nur unter lauter neuen Bezeichnungen. Es erinnert mich an die Interkulturelle Germanistik.

Natürlich kann man sich bei Lust und Laune auch an den einzelnen"Konzeptbegriffen" ergötzen. So soll also die Form kultureller Gegenstände "durch den Prozess der Gestaltgebung entstanden" sein. Ja, wie denn sonst? Und der Prozeß der Gestaltgebung ist einfach die Gestaltgebung selbst.

Man wird sehen, daß der gänzlich überflüssige Begriff des "Morphoms" nicht mehr aus den Geisteswissenschaften verschwindet. Dutzende von Autoren werden sich bemühen, ihn zu definieren ...
 
 

Kommentar von Stephan Fleischhauer, verfaßt am 29.01.2013 um 01.18 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1540#22501

Vielleicht bräuchten die Sprachwissenschaftler mal einen Sokal.
http://en.wikipedia.org/wiki/Sokal_affair
 
 

Kommentar von Wolfgang Wrase, verfaßt am 20.01.2013 um 22.03 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1540#22415

Bei Wikipedia gibt es einen Artikel Illokutionärer Akt, in dem man erfährt:

Der illokutionäre Akt ist ein "Aspekt", eine "Teilhandlung", "Funktion", "Komponente", "Zweckbestimmung" oder "spezifische Rolle" des Sprechaktes, der "Handlungszweck einer Äußerung". In der Sprechakttheorie wird er abgegrenzt von den Aspekten der Lokution und Perlokution (lokutiver Akt, perlokutiver Akt) und bei Searle auch von der Prädikation. [...]
Zentraler Gedanke des Konzepts der Illokution ist, dass mit einem lokutiven Akt zugleich auch ein illokutiver Akt ausgeführt wird. Neben der Bedeutung, die zum lokutiven Akt gehört, ist eine spezifische illokutive Kraft (auch: illokutive Rolle; kommunikative Kraft; engl. illocutary force) auszumachen. Damit wird die "behauptende Kraft" von Gottlob Frege "verallgemeinert". [Und so weiter]

Darüber hat ein kluger Kopf den Hinweis eingebaut: Dieser Artikel oder Abschnitt ist nicht allgemeinverständlich formuliert.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 03.01.2013 um 17.59 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1540#22255

Einverstanden! Allerdings sehe ich nicht nur die Einzelblüte, sondern einen gewaltigen Zusammenhang: Die strukturalistische und dann generativistische Theorielastigkeit der Sprachwissenschaft hat auch einen Wortschwall erzeugt, der oft sinnfrei vor sich hin sprudelt. Der Physiologe Otto-Joachim Grüsser schrieb mal:

"Der Verlust des Bezuges zur Wirklichkeit ist die Gefahr, die immer droht bei differenzierterem Gebrauch der Sprache."

Das ist so, aber eigentlich ist es doch eine Ungeheuerlichkeit. Kann jemand kauen und kauen und gar nicht merken, daß er nichts im Mund hat?
 
 

Kommentar von Wolfram Metz, verfaßt am 03.01.2013 um 16.58 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1540#22254

Gehört dieser Tagebucheintrag nicht eher in die Rubrik »Blüthen der Thorheit«?
 
 

Kommentar von Hans-Jürgen Martin, verfaßt am 03.01.2013 um 16.30 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1540#22253

Loriot hätte wohl gesagt: "Ach!?"
 
 

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