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Theodor Icklers Sprachtagebuch

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16.03.2009
 

Participium praesentis
Kurzer Überblick

Das Partizip I hat den Rechtschreibreformern viel Mühe gemacht und uns reichlich Stoff zur Kritik gegeben. Am Ende mußten sie diesbezügliche Regeln durchgreifend revidieren, aber befriedigend ist der gegenwärtige Zustand immer noch nicht. Ich habe mal ein paar Tatsachen zusammengestellt:

In neueren Grammatiken wird versucht, das Partizip I als reines Adjektiv darzustellen und ihm den verbalen Charakter gänzlich abzusprechen. Zugunsten dieser Auffassung könnte man anführen, daß das verbal fungierende Partizip I der gesprochenen Sprache und den Mundarten fremd ist:
„Die Anwendung des Partizips Präsens kommt in der natürlichen nhd. Umgangssprache wohl gar nicht vor.“ (Rudolf Blümel: Einführung in die Syntax. Heidelberg 1914:83)
Das adjektivische Partizip ist dagegen in allen Registern unauffällig: bedeutend, reizend usw.
Diese Begründung wird in den betreffenden neueren Arbeiten jedoch nicht angeführt, sondern folgende:
„Das Part1 kommt nicht in periphrastischen Verbformen vor und hat schon insofern einen ganz anderen Status als das Part2: Es liegt deshalb nahe, das Part1 aus dem verbalen Paradigma herauszunehmen und es als deverbales Adjektiv anzusehen.“ (Eisenberg I:193)
„(Partizipien 1) sind, wie gezeigt wurde, nicht im verbalen Paradigma und a fortiori nicht im verbalen Flexionsparadigma verankert. Sie sind Adjektive, die zumindest mit allen Flexionsformen des Positivs sowie mit der Kurzform vorkommen. Möglicherweise müssen wir sie als defektive Adjektive ansehen, weil sie in Hinsicht auf Komparation stark beschränkt sind. Zu Verbformen werden sie dadurch aber nicht.“ (ebd. :204)
„Das Partizip Präsens wird nicht innerhalb irgendwelcher Verbformen verwendet und gilt uns als Adjektiv.“ (ebd. II:101)
Auch die IDS-Grammatik rechnet das Partizip I nicht zu den Verbformen, und zwar ebenfalls mit der Begründung, es diene nicht zur Bildung anderer Verbformen.
Es leuchtet aber nicht ohne weiteres ein, daß Formen nur dann verbal sein können, wenn sie zur Bildung anderer Verbformen dienen. (Paradoxerweise sind ja Infinitiv und Part. II, die der Bildung anderer Verbformen dienen, gerade nominalen Ursprungs!) Auch läufst zum Beispiel dient nicht zur Bildung anderer Verbalformen und ist doch unzweifelhaft selbst eine Form des Verbs.
Mit einer Tautologie gibt sich Donalies zufrieden:
„Der lateinischen Grammatik analog werden im Deutschen Partizip-I-Formen des Typs lesend, schreibend meist den Verbformen zugerechnet; jedoch finden sich keine solchen Formen im Verbparadigma (vgl. u. a. dazu Eisenberg 1998, S. 204).“ (Elke Donalies: Die Wortbildung des Deutschen. Tübingen 2002, S. 132)
Auch Donalies muß anerkennen, daß das Partizip I in einer bestimmten Verwendung nicht komparierbar ist (vgl. auch das Zitat aus Eisenberg). Der Hinweis auf diese Beschränkung hat die Rechtschreibreformer dazu gebracht, zunächst vorgesehene Schreibweisen wie noch Aufsehen erregender, am Schwindel erregendsten wieder aufzugeben.
Immerhin gibt die IDS-Grammatik zu, daß das Partizip I die Rektion des Verbs zeigt, ein „verbales Erbe“, das dem Partizip eine gewisse Sonderrolle zuweist. Sonst ist die Akkusativrektion bei echten Adjektiven kaum bekannt; bei müde, satt und wert ist sie durch Umdeutung des älteren Genitivs entstanden.
In Wirklichkeit zerfallen die Partizipien I bzw. ihre Verwendungsweisen in zwei Gruppen: rein adjektivische und noch verbale. Während die adjektivischen Partizipien in allen syntaktischen Rollen vorkommen, die dem gewöhnlichen Adjektiv zugewiesen sind, wird das verbale Partizip I nur unter Sonderbedingungen prädikativ gebraucht. Diese Beschränkung ist seit je bemerkt worden:
„Im allgemeinen fällt prädikativer Gebrauch mit Verlust des verbalen Charakters zusammen.“ (Hermann Paul: Dt. Grammatik Bd. IV, S. 74)
„Die prädikative Verwendung des Part. Präs. ist im Nhd. so gut wie ganz aufgegeben.“ (Ingerid Dal: Kurze deutsche Syntax 115; Dal selbst schreibt allerdings: In dieser Stellung ist die verbale Natur des Partizips stark hervortretend. Ebd. 116)
Duden Bd. 9 („Richtiges und gutes Deutsch“ S. 236) stellt fest: „Im allgemeinen wird das erste Partizip nicht prädikativ gebraucht (also nicht: Sie ist diskutierend).“
Manchmal wird diese Einschränkung mit unzutreffender Ausschließlichkeit formuliert:
„Als Prädikatsnomina können Partizipien des Präsens in der Sprache der Gegenwart nur stehen, wenn sie völlig in die Wortart des Adjektivs übergewechselt sind: Das Buch ist spannend.“ (Wilhelm Schmidt: Grundfragen der deutschen Grammatik. Berlin 1967:235; ähnlich schon Blatz II:27 )
Auch Altmann/Kemmerling behaupten, das Partizip I werde nicht verbal verwendet (Wortbildung fürs Examen: 37, 151).
Sogar der Rechtschreibreformer Gallmann erkennt an: „Das Partizip I kann nicht als Prädikativ bei einem Kopulaverb (sein, werden, bleiben) oder einem Kausativverb (machen, lassen) stehen.“ (Dudengrammatik 2005:363) (Die Rechtschreibreform selbst setzt sich bekanntlich über diese Einsicht hinweg, s. u.)
Das Partizip I wird aber in seltenen Fällen durchaus als Prädikativum verwendet, vor allem in Koordination mit weniger problematischen Prädikativen:
Man sollte aber nicht meinen, eine phonologische Beschreibung sei notwendigerweise weniger vollständig oder weniger ins einzelne gehend als eine herkömmliche phonetische Beschreibung. (André Martinet: Synchronische Sprachwissenschaft. München 1968:45)
Aufschlußreich und die Textkorpusauswahl unserer Untersuchung bestätigend ist aber beispielsweise die Feststellung ... (Rolf Bergmann/Dieter Nerius: Die Entwicklung der Großschreibung im Deutschen von 1500 bis 1700. Heidelberg 1997:9)
Sie (die Seele) ist Gott suchend, liebend und schauend und zu den höchsten menschlichen Strebungen fähig. (Gerd Jüttemann et al. [Hg.]: Die Seele. Weinheim 1991:6)
Erna Hanfstaengl war damals in den hohen Dreißigern, sehr gut aussehend, weltgewandt, reich an Lebenserfahrung. (Rudolf Nissen: Helle Blätter, dunkle Blätter. Stuttgart 1969:83)
Unglaublich und wirklich die Sinne verwirrend war der Drang der Menge, die in diesem Augenblick durch das Brückentor herein dem Wagen nachstürzte. (Goethe: DuW I,1)
Zu krude, auf den puren Überraschungseffekt hinauslaufend ist der Plot (...) (Welt 26.10.99)
So wichtig der vorletzte Satz gewesen sein mag, so fragwürdig, weil anmaßend und die Verfassung missachtend war der letzte Satz. (FAS 19.10.08)

Die verbale Rektion hat beim Partizip I in historischer Zeit sogar zugenommen, vermutlich unter lateinischem und später französischem Einfluß:
„Das Part Präs. von transitiven Verben hat im frühesten Germ., wie das Altnord. und das Altengl. zeigen, sein Objekt nicht im Akk., sondern im Gen. wie die gewöhnlichen Nomina agentis.“ (Dal 113f.)

Außerhalb solcher Sonderbedingungen wirkt die prädikative Verwendung hart oder geradezu falsch; dies war auch ein Argument gegen die Rechtschreibreform, die solche Konstruktionen zuließ oder sogar vorschrieb:

Für mich persönlich ist sein spontanes Lachen immer ganz besonders Vertrauen erweckend gewesen. (Hugo Steger in Dudenbeiträge 54, 1998, laut Impressum „nach einer internen Regelung des Dudenverlags“ in reformierter Rechtschreibung)
Ute Voigt bezeichnete die Kontroverse als nicht Erfolg versprechend. (Welt 21.10.1999)
Der Fall ist so Besorgnis erregend, dass ... (NN 14.10.99)
Der Zustand des Kanzlers sei aber nicht Besorgnis erregend. (Welt 6.10.99)
Die Idee ist nahe liegend (Welt 6.10.99)
Die barocken Spielfiguren huschten oft allzu glatt und funkelnd vorbei, blieben nichts sagend wie polierter Christbaumschmuck. (SZ 21.12.99)
... Handlungen und Gedanken, die dann sehr Zeit raubend werden (NN 15.10.99)
Absatz von Landmaschinen trotz Agrarkrise zufrieden stellend (NN 4.10.99, Untertitel)
Besonders tief greifend war der Einfluß Adelungs in Österreich. (Österreichisches Wörterbuch, 38. Aufl. Wien 1997:795)

(Diese Konstruktionen sind auch im Zuge der Revision des amtlichen Regelwerks bisher nicht zurückgenommen worden.)

Wenn das Partizip I, wie erwähnt, der Umgangssprache fremd ist, so gilt dies in eingeschränktem Maße auch von der Standardsprache; vor allem das erweiterte Partizipialattribut wirkt beschwerlich und konstruiert. Dies wurde deutlich, als die Rechtschreibreform die Zerlegung längst eingebürgerter Zusammensetzungen zu erzwingen suchte:

Auszüge aus dem Aufsehen erregenden Buch von Oskar Lafontaine (Welt 1.10.99)

Zusammensetzung und syntaktische Fügung sind auch keineswegs gleichbedeutend. In einem rechtschreibreformierten Wörterbuch hieß es zunächst: Eimer schwenkend lief sie zum Stall. Dies wurde später gestrichen. Eimer schwenkend setzt eine Vielzahl von Eimern voraus, eimerschwenkend nicht.

Für den verbalen Charakter des Partizips I spricht auch, daß es heute in dieser Bedeutung nicht mehr mit un- verneint wird; das ist zwar auch beim adjektivisch gebrauchten selten, aber der Bestand ist stabil: unbedeutend, unbefriedigend, unwissend, unzusammenhängend, unzutreffend u.a.
Verbal gebraucht wird das Partizip I als Appositiv bzw. „Satzabschnitt“ (nebensatzwertig):
Die Kinder spielten im Garten, Lieder singend und dazu tanzend.
Beuys 1999: eine fast schon archäologische Erinnerung und doch noch die befremdete Neugier der Jungen auf sich ziehend. (SZ 3.4.99)
Joschi fotografierte, bis ihn ein Polizist den schmalen Weg hochtrieb, schreiend und fluchend. (Peter Härtling: Leben lernen. Köln 2003:184)

Diese Appositive sind „orientiert“, d. h. sie haben ein Bezugselement im Obersatz (die Kinder, ein Polizist). Diese Orientiertheit kann wie bei anderen Appositiven verlorengehen:

Diesen Abschnitt zusammenfassend, soll also die These vertreten werden, daß ... (Joachim Grabowski u. a. (Hg.): Bedeutung - Konzepte - Bedeutungskonzepte. Opladen 1997:92)
Computer-Inder werden händeringend umworben. (FAZ 27.1.02)
Rückblickend mutet es geradezu grotesk an, daß der Bundeskanzler die Bereitstellung der Bundeswehr mit der Vertrauensfrage verband. (FAZ 14.1.02)

Anmerkung zum Gerundivum:

Sowohl in der Dudengrammatik als auch in der IDS-Grammatik beginnt die Darstellung des Partizips I mit dem Gerundivum (der zu sparende Betrag usw.), das historisch und funktional nichts mit dem Partizip zu tun hat. Es ist aus dem prädikativen Infinitiv (bzw. dem formal davon ursprünglich verschiedenen Gerundium) mit zu abgeleitet; das d ist sekundär.



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Kommentare zu »Participium praesentis«
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Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 19.03.2017 um 05.00 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1121#34724

die Fixierung der Klammer schließenden Position (Christa Dürscheid/Jan Georg Schneider (Hg.): Handbuch Satz, Äußerung, Schema. Berlin, Boston 2015:121)

So schreiben heute die Germanisten nach jahrelanger Beschäftigung mit deutscher Grammatik.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 08.02.2017 um 15.36 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1121#34479

„Formen mit verbum substantivum und Part. Präs. sind bekanntermaßen im Englischen lebendig. Im Hochdeutschen sind sie bis ins 15./16. Jh. hinein gebräuchlich, erlöschen jedoch im Verlauf der Sprachgeschichte (vgl. Dal 1966:121).“ (Aletta Leipold: „Das prädikative Partizip Präsens im Mittelhochdeutschen“. In: Irmtraud Behr/Zofia Berdychowska, Hg.: Prädikative Strukturen in Theorie und Text(en). Frankfurt 2013:183-195, S. 184)

Das ist, wie gezeigt, nicht richtig.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 19.08.2016 um 05.27 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1121#33135

Wie im Haupteintrag gezeigt, kann die Orientiertheit prädikativer Attribute aufgegeben werden; dazu noch dieses Beispiel:
Azubis händeringend gesucht (FAZ 17.8.16)
Das bedeutet dann etwa "unter Händeringen", wobei offen bleibt, wer die Hände ringt. Man kann das Adjektiv oder Partizip also adverbial deuten.
Wenn das Adjektiv einen Kasus regiert, kann sich über das Adverb eine neue Präposition entwickeln:

Das gilt umso mehr eingedenk der Unsicherheit darüber, welche Folgen die Änderung in den Zuständigkeiten für die Hallen haben wird.

Die Trennung zwischen Polizei und Geheimdienst, die einst eingedenk der Erfahrungen mit Hitlers Gestapo ins Grundgesetz geschrieben wurde, wird damit aufgehoben.


Ebenso getreu, gemäß u. a. (s. unter "Wortarten")
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 11.08.2016 um 06.15 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1121#33068

Beim generischen Katzenhalter wäre der Fall klar. Dabei haben die Katzen es gut, weil in diesem Fall die Kater sich beklagen könnten, nur "mitgemeint" zu sein.
 
 

Kommentar von Klaus Achenbach, verfaßt am 10.08.2016 um 22.50 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1121#33067

Verstehe ich das richtig, daß die Katze ihre "Haltungsperson" nicht mehr verfolgen will?
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 10.08.2016 um 04.52 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1121#33056

Frei lebende Katze ist eine solche Katze, die die Gewohnheit abgelegt hat, zu ihrer Haltungsperson zurückzukehren und die diese auch nicht mehr als ihre Katze verfolgen will. (Katzen-Musterverordnung NRW)

(Zum metaphysischen Hintergrund: Unkontrollierter freier Auslauf ist die Bewegung der Hauskatze außerhalb geschlossener Wohnräume, die ausschließlich von ihrem eigenen Willen gesteuert wird.)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 09.05.2016 um 12.55 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1121#32539

Wikipedia bezeichnet emeritierte Professoren als "ehemalige Hochschullehrer", als müßte einer ununterbrochen lehren, um Lehrer zu sein. Wie die Studierenden, die immerzu studieren.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 13.04.2016 um 23.39 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1121#32266

Das Kräuterbad "mit Lavendelölen" ist oder wirkt laut Etikett
"entspannend und beruhigend".

Das Kräuterbad "mit Fichtennadel-Öl" der gleichen Marke ist oder wirkt
"entspannend & wohlfühlend".

Es entspannt mich also nicht nur, sondern das Kräuterbad fühlt mich auch wohl.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 25.08.2015 um 06.04 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1121#29774

sky-high - Schwindel erregend hoch (PONS)
 
 

Kommentar von Bernhard Strowitzki, verfaßt am 07.07.2015 um 19.12 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1121#29367

Wir haben auch die Sonderfälle seiend und tuend. Als Stamm + -end ganz einfach erklärbar, als Ableitung vom Infinitiv etwas schwieriger. Andererseits müssen wir bei stolpernd, lächelnd usw. eine modifizierte Bildung ansetzen (Stamm + -nd), während die Infinitiv-Ableitung wie immer funktioniert.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 05.07.2015 um 05.55 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1121#29337

Das ist richtig, allerdings tritt hier auch die Gemeinschaft der Wissenschaftler in ihr Recht und macht sich auf die Suche - das ist schließlich ihre angestammte Rolle. Wenn jeder sich zurückhalten wollte, bis er alle Möglichkeiten durchgecheckt hat, käme es nie zu einer Veröffentlichung, und das brächte uns dann auch nicht weiter. Insofern nehme ich es keinem übel, wenn er in der Entdeckerfreude etwas übersieht. Bewußt unterdrücken darf er die Gegenbeispiele natürlich nicht, und eine gewisse Offenheit für die Tatsachen ist auch am Anfang schon wünschenswert. Daran lassen es vor allem diejenigen fehlen, die sich in schlechter generativistischer Tradition ihr Material selbst fabrizieren.
Wir können heute große Textmassen automatisch durchsuchen, und doch erstaunt es mich immer wieder, daß manche Linguisten nicht das gefunden haben, was meine Belegsammlungen enthalten. Als ein Beispiel erwähne ich noch einmal die prädikative Verwendung des Partizips I. Ich selbst habe gegen die Rechtschreibreform zuerst geltend gemacht, daß "Die Nachricht ist Aufsehen erregend" eigentlich nicht geht, und so stand und stehe es ja auch in den Grammatiken. Aber dagegen habe ich zugleich eingewandt, daß es kein absolutes Verbot ist, sondern daß in Reihung und in der harten Sprache der Philosophie (wie ich es gleich im ersten Kommentar genannt habe; Beispiel "die Seele ist Gott suchend") das scheinbar Unmögliche doch vorkommt. Aber nur in verschwindend wenigen Abhandlungen sind diese alltäglichen Tatsachen erwähnt. Wie ist das möglich? Anscheinend kann man nicht automatisch nach so etwas suchen, vielleicht weil die meisten Korpora nicht syntaktisch annotiert sind.
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 04.07.2015 um 19.00 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1121#29335

Ich halte es für unwissenschaftlich, nicht selber nach Gegenbeispielen zur eigenen Theorie zu suchen, sondern das seinen Kritikern zu überlassen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 04.07.2015 um 15.15 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1121#29334

„Das Partizip Präsens ist deswegen problematisch, weil es zwar die regulär gebildete Form eines Verbs ist, jedoch nicht verbal, sondern ausschließlich als Adjektiv Gebrauch findet.
Es tritt nicht als Verbform in Erscheinung (*er ist verschmähend, faszinierend in der Bedeutung ‘dabei sein zu verschmähen, faszinieren’). Für diese Formen gibt es im heutigen Deutsch keinen Platz im Verbalparadigma im Gegensatz zum Partizip Perfekt bin gegangen, habe gesehen. Der Status des Morphems {-(e)nd} ist nicht eindeutig als Flexionsform des Verbs zu sehen und damit auch nicht irrelevant für die Wortbildung. Es tritt jedoch wie alle Flexive an alle Verben und führt eine regelmäßige Bedeutungsabwandlung herbei ‘dabei sein, etwas zu tun’. Daher ist die Einordnung als Flexiv vertretbar. Einige der Formen sind im Gebrauch eingeschränkt (*ein schreienderes Kind, *das Kind ist schreiend), während andere eine idiomatisierte Bedeutung entwickelt haben wie faszinierend ‘bezaubernd’, sie können als eigenständige Adjektive aufgefasst werden. Dann sind Steigerung (das spannendere Buch von beiden) und prädikative Verwendung (Das Buch ist spannend) möglich.“ (Hilke Elsen: Grundzüge der Morphologie des Deutschen. 2. Aufl. Berlin 2014:139, fast wortgleich 105f.)

Also was denn nun? Ist es eine Verbform oder nicht? Und wenn nicht – was ist das dann für ein seltsames "Flexiv"?

(Elsens Text steht hier [PDF-Datei]. Die zweite Auflage ist insofern identisch.)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 04.07.2015 um 14.37 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1121#29333

Peter Eisenberg schreibt im zweiten Band seiner Grammatik:

„Das Part1 ist regelmäßig vom Inf abgeleitet und kommt vor allem adjektivisch flektiert als Attribut vor.“

Hundert Seiten später hat er das vergessen und schreibt:

„Von jedem neuen Verb kann über kurz oder lang die Form aus Verbstamm+end abgeleitet werden (jobbend, outend, betüpfelnd). Wir sagen dann auch, das Suffix end selbst sei produktiv.“

Die Ableitung vom Infinitiv stammt aus der IDS-Grammatik bzw. von R. Wiese:

„Partizipien I sind durch Wortbildung aus Verben abgeleitete Adjektive. Das Partizip-I-Affix /d/ wird an den Infinitiv des Verbs angefügt:

bohr + en + d“ (IDS 2205: Partizip I)"

Diese zweistufige Herleitung wird mit Wiese 1986 damit begründet, daß eine einstufige Herleitung mit –nd wegen der Schwa-Regeln zu –ned führen müßte. Dem steht aber entgegen, daß die historische Herleitung tatsächlich so verlaufen ist. Die "Regeln" werden für die heutige Sprache postuliert, sie liegen nicht in den Tatsachen selbst. Man tut wieder mal so, als müsse man historische Tatsachen aus heutigem Material nach heutigen Regeln erzeugen bzw. die Entstehung simulieren.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 30.06.2015 um 03.48 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1121#29306

Propolis wirkt stark Keim hemmend.
(Dutzende von Beispielen im Internet)
 
 

Kommentar von Klaus Achenbach, verfaßt am 28.04.2015 um 18.24 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1121#28722

Der Autor des von Prof. Ickler zitierten Beitrags in der NJW (s. #28713) ist vielleicht nicht ganz konsequent mit der Zusammenschreibung gewesen. Warum hat er nicht gleich nichtmehrrückgängiggemachtwerdende Eingriffe in das Eigentum geschrieben?

Die Zusammenschreibung ist natürlich etwas ungewöhnlich, zumal rückgängig machen nach alter wie neuer Rechtschreibung getrennt geschrieben wird.

Jedoch könnte der Autor auf die Regel hinweisen, daß kategorisierend gebrauchte erweiterte Partizipialattribute zusammengeschrieben werden. Siehe das Beispiel von Prof. Ickler: die Reis essend vor dem Fernseher sitzende Familie vs. die reisessenden Völker. Schließlich meint der Autor ja wohl nicht die gerade in diesem Augenblick nicht mehr rückgängig gemacht werdenden Eingriffe, sondern diejenigen Eingriffe, die jetzt und in Zukunft grundsätzlich nicht [mehr] rückgängig gemacht werden. Das Wörtchen mehr ist in diesem Zusammenhang allerdings sehr fraglich, denn die vom Autor gemeinten Eingriffe sind in der Vergangenheit ja wohl erst recht nicht rückgängig gemacht worden (etwa die Eingriffe der sowjetischen Besatzungsmacht).

Andererseits gab es auch die Regel des alten Duden, daß bei Erweiterung der Erweiterung des Partizips wieder getrennt geschrieben wird: die wildlebenden Tiere, aber die in Afrika wild lebenden Tiere. Danach hätte der Autor aber alles getrennt schreiben müssen, wie es Herr Riemer empfiehlt. Dadurch wäre jedoch die kategoriale Bedeutung nicht mehr zum Ausdruck gekommen.

Insofern ist die Schreibweise des Autors zwar regelwidrig aber vielleicht vertretbar.

Noch besser wäre es aber gewesen, dem Rat der Stilisten zu folgen, partizipiale Konstruktionen überhaupt zu vermeiden, und lieber einen Nebensatz zu verwenden.
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 27.04.2015 um 23.44 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1121#28716

Ich fände es interessant, ob es solche Kombinationen gibt, die durchaus sinnvoll, weil nicht weiter vereinfachbar sind (wenn auch umschreibbar). Bei diesem Beispiel ist das natürlich nicht der Fall, denn gemeint werden wohl nicht mehr rückgängig zu machende Eingriffe sein.

zu machende ist einfacher als gemacht werdende oder gemacht werden könnende.
Vielleicht noch einfacher: nicht mehr rückgängig machbare Eingriffe

Fraglich finde ich trotzdem die GZS. Angenommen, jemand hätte das so gesagt und ich sollte es in wörtlicher Rede aufschreiben, dann würde ich das wohl eher getrennt schreiben:
nicht mehr rückgängig gemacht werdende Eingriffe.

nicht mehr rückgängig gemacht werdende ist nach meinem Gefühl nicht ganz genau das gleiche wie nicht mehr rückgängig zu machende / machbare, aber ich habe den Eindruck, daß dieser feine Unterschied im Originaltext auch gar nicht gemeint ist. Deshalb ist der umständliche Ausdruck beinah doppelt fehl am Platz.
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 27.04.2015 um 19.09 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1121#28715

Modalverben lassen sich bündeln: rückwärtsgängiggemachtwerdenkönnende...
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 27.04.2015 um 15.19 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1121#28713

ein Hinweis auf nicht mehr rückgängiggemachtwerdende Eingriffe in das Eigentum (NJW 44, 1991)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 22.04.2015 um 04.17 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1121#28678

Wie grundstürzend, aber auch neue Horizonte eröffnend die Überlegungen des Brüsseler Kreises sind, geben die 13 Beiträge zu erkennen. (FAZ 22.4.15)

Hier sieht man besonders schön, wie die Reihung das grammatisch Anstößige entschärft. Der Verfasser hätte bestimmt nicht geschrieben: Wie neue Horizonte eröffnend die Überlegungen des Brüsseler Kreises sind...
 
 

Kommentar von Klaus Achenbach, verfaßt am 19.04.2015 um 15.54 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1121#28659

"Jannik Schümann ist jung, begabt und gut aussehend."

Sieht Jannik Schümann also jung, begabt und gut aus?

Wie man sieht, führt die Reihung zusammen mit der Getrenntschreibung zur Zweideutigkeit.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 19.04.2015 um 06.41 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1121#28654

Jannik Schümann ist jung, begabt und gut aussehend. (FAS 19.4.15)

Ein weiteres Beispiel dafür, daß das erweiterte Partizip I in der Reihung mit einfachen Adjektiven weniger anstößig wirkt. Wahrscheinlich hätte man nicht ohne weiteres Jannik ist gut aussehend geschrieben (obwohl auch das seit der Reform nicht selten vorkommt).
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 25.11.2014 um 09.51 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1121#27432

Das Schwierigere Problem ist epistemologisch tief greifender als das Schwierige Problem. (Anatomie der Subjektivität. Frankfurt, Suhrkamp 2005:37)
Wer so etwas druckt, entscheidet sich sehenden Auges für eine grammatisch falsche Schreibweise, das muß man sich immer wieder klarmachen. (Die 500 Seiten kann man sich übrigens sparen.)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 25.04.2014 um 06.49 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1121#25672

Garantiert Witz tötend ist auch das folgende Rezept. (Ulrich Janßen/Ulli Steuernagel: Die Kinder-Uni. Stuttgart 2003:114)

 
 

Kommentar von Bernhard Strowitzki, verfaßt am 08.05.2012 um 18.12 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1121#20666

Das erinnert mich an eine schon klassische Überschrift im Bonner General-Anzeiger, ich weiß nicht, ob sie hier schon angeführt wurde: Warum Insekten fressende Fledermäuse nachts jagen. Die armen Fledermäuse!
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 08.05.2012 um 09.24 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1121#20664

Die Überschrift Türe schlagend könnte über einer Satire auf die Rechtschreibreform stehen, sie ist aber ganz ernst gemeint. Die SZ gibt dann auch im Text nur wieder, daß Hochhuth die Akademie der Künste nach eigener Mitteilung Türe schlagend verlassen habe. (7.5.12)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 14.01.2011 um 16.13 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1121#17800

Schon liest man, daß die Zahl der Geburten 2010 womöglich doch nicht höher lag als der Rekordtiefstand von 2009. Die Politiker haben aber schon mal die Ernte eingefahren: steigende Geburtenzahl als Bestätigung ihrer Politik.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 29.12.2010 um 16.44 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1121#17646

Der Besorgnis erregend niedrige Durchschnittswert der Geburten pro Frau ... (Stern online 29.12.10)

Was für ein Deutsch!

Übrigens: Die frohe Botschaft von der steigenden Geburtenrate muß ja wohl demnächst wieder zurückgenommen werden. Mal sehen, wie unsere wendigen Zeitungen das schaffen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 29.11.2010 um 17.52 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1121#17366

Wie schon oft dargestellt, auch in den großen Grammatiken, wird das Partizip I, wenn es nicht Adjektiv geworden ist, nicht prädikativ gebraucht. Daher falsch (aber im Sinne der damaligen Reformschreibung richtig):

Die Freudenklinge, die Parzival für seine Mutter Herzeloyde bedeutet (Wolfram von Eschenbach), ist viel sagend und begrifflich nicht auflösbar. (Uwe Pörksen in Gegenworte 9, 2002)

Die Härte wird aber gemildert, wenn andere Prädikative vorhergehen; dazu ein weiteres aktuelles Beispiel:

Irgendwas ist schief in der Konstruktion, ‚ungerecht‘, ungeraten, meine Bedürfnisse nicht bedienend. (Volker Braun in SZ 29.11.10)

(Der Text von Volker Braun, eine "Zukunftsrede", ist für mich ein kaum erträgliches Literatengewäsch, während in derselben Ausgabe ein glänzender Text des Münchner Soziologen Armin Nassehi über das "Leitkultur"-Gerede steht.)

Warum übrigens Pörksens Freudenklinge (im Original etwas anders ir fröuden clinge) nicht begrifflich auflösbar sein soll, verstehe ich nicht.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 10.07.2010 um 11.04 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1121#16490

Bekanntlich haben uns die Reformer mit der undefinierten, aber folgenreichen Bestimmung "adjektivisch gebraucht" allein gelassen.
Der jüngste Duden-Newsletter bestätigt das noch einmal:

„Getrennt schreibt man die Adverbien im Allgemeinen in Verbindung mit Verben, also z. B. rechts stehen, links abbiegen.
Eine Ausnahme stellen adjektivisch gebrauchte Partizipien dar, die sowohl getrennt als auch zusammengeschrieben werden können: Der rechts abbiegende / rechtsabbiegende Lastwagen hat die Vorfahrt missachtet. Eine Gruppe links stehender / linksstehender Abgeordneter hat die Petition unterschrieben.“

Aber wenn die Partizipien durch Adverbien näher bestimmt werden, sind sie gerade nicht „adjektivisch gebraucht“, sondern verbal. Wir haben vermutet, daß "attributiv gebraucht" gemeint sein könnte, aber das verträgt sich nicht mit anderen Textstellen. Außerdem müßte ja bei prädikativem Gebrauch erst recht zusammengeschrieben werden: die Partei ist linksstehend. Der Rechtschreibrat hat es in sechs Jahren nicht für nötig gehalten, dieses Rätsel aufzuklären. (Ich hatte im Rat um eine Erklärung gebeten, aber die Mitglieder drucksten nur herum, und Schrodt gab eine ausweichende Antwort. Es war klar, daß keiner der Anwesenden sich mit dem Problem beschäftigt hatte, auch nicht die mutmaßlichen Erfinder der Formel, also Gallmann und seine Landsleute.)
 
 

Kommentar von Oliver Höher, verfaßt am 20.03.2009 um 16.20 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1121#14094

Bei den vielen und auch noch so peinlichen Druckfehlern, muß man sich natürlich fragen, ob Bußmanns "Lexikon der Sprachwissenschaft" überhaupt lektoriert wurde.

Inzwischen gibt es anscheinend eine neue Auflage mit 816 Seiten. Haben Sie da auch schon hineingesehen, Herr Ickler? Und ist denn inzwischen die Revision der Rechtschreibreform von 2006 im Buch umgesetzt worden?

In jedem Fall bestärkt mich die detaillierte Auflistung von Herrn Ickler in meiner Entscheidung bei der 2. Auflage dieses Lexikons zu bleiben. Vielen Dank für diese Informationen, denn ich habe mir schon die Anschaffung einer neuen Auflage überlegt. Zugleich ist das noch einmal ein guter Rückbezug zu Ihrem Eintrag der schlechten Amazon-Rezensionen. Ich war noch unsicher, aber die Rohfassung einer kenntnisreichen Rezension hat mir bei meiner Entscheidung geholfen. (Das ist eigentlich auch die Aufgabe einer guten Rezension.)
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 20.03.2009 um 08.45 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1121#14093

An der dritten Auflage des "Lexikons der Sprachwissenschaft" habe ich selbst - vor allem aus Zeitmangel - nicht mehr mitgewirkt. Nachträglich bin ganz froh darüber, denn so blieb mir das orthographische Chaos erspart. Das Lexikon ist teilweise ganz brauchbar, hat aber auch kaum behebbare Mängel. Ich habe damals einiges notiert, was ich mal hierhersetze (ohne es noch einmal zu aktualisieren)

Hadumod Bußmann: Lexikon der Sprachwissenschaft. 3., aktualisierte und erweiterte Auflage. Stuttgart: Alfred Kröner Verlag. 2002. - 783 S.
„Gegen meine fachliche Überzeugung, wiewohl mit meiner pragmatisch motivierten Zustimmung, wurde die deutsche Rechtschreibung ebenso maßvoll wie systematisch den wichtigsten Neuregelungen vom 1. 8. 1998 angepasst.“ (S. 22)
Welche pragmatischen Motive könnte es da geben? Darf ein Sprachwissenschaftler sich über seine fachlichen Überzeugungen hinwegsetzen? Geht es um Leib und Leben?
Besonders in den Artikeln über einzelne Sprachen verwendet die Verfasserin das große Binnen-I: SprecherInnen. Dazu bemerkt sie im Vorwort:
„Um Zweifeln an dem angeblich geschlechtsunspezifischen Verständnis maskuliner Personenbezeichnung in linguistischen Beschreibungen vorzubeugen, wurde das – für schriftliche Texte äußerst handliche - „große I“ verwendet. Zu erwartende Kritik an diesem Verfahren vermag die Notwendigkeit solcher Bemühungen um political correctness nur zu unterstreichen.“ (S. 8)
Bereits im Vorwort finden sich auch Verstöße gegen die selbstgewählte Orthographie: klein schreiben, groß schreiben, auf deutsch und auf englisch. Bußmann schreibt auch: Historische Beispiele sind ... wieder gegeben. Diese Getrenntschreibung beruht auf einer Fehldeutung von § 34 des amtlichen Regelwerks.
Die Verfasserin erliegt auch dem verbreiteten Irrtum, die Neuregelung ersetze (oder erlaube zu ersetzen) selbständig durch selbstständig. Zwischen beiden Wörtern wird manchmal innerhalb weniger Zeilen mehrmals gewechselt (z. B. S. 53).
Sachlich problematisch: Die chinesische Schrift, von der an verschiedenen Stellen die Rede ist, ist eine Morphemschrift. Für chinesische Alltagskommunikation soll man 6000 bis 8000 Zeichen benötigen, für Wissenschaft das Zehnfache (S. 71)! Das ist um eine Zehnerpotenz zu hoch gegriffen; unter „Chinesisch“ stehen bessere Zahlen.
Unter „Deutsch“ wird behauptet, nach der „SprecherInnenzahl“ nehme Deutsch den sechsten Platz ein, nach Chinesisch, English (sic), Hindi/Urdu, Spanisch und Russisch. Unter den betreffenden Stichwörtern erfährt man jedoch, daß Arabisch, Bengali („die SprecherInnenreichste indo-arische Sprache“), Japanisch und Portugiesisch mehr Sprecher haben; daraus ergibt sich Rang 10 fürs Deutsche.
Der Behaviorismus wird wieder mal völlig falsch dagestellt: „Assoziation“ als Erklärungsprinzip bei Skinner usw. (Der Begriff kommt bei ihm gar nicht vor.)
Die Literatur zur Rechtschreibreform ist ganz orthodox ausgewählt: nur Augst und seine Freunde. Und unter „Duden“ wird im Indikativ Präsens referiert, daß der Rechtschreibduden verbindlich sei. Unter „Rechtschreibung“ heißt es zwar: „Zur Neuregelung der R. seit 1996 vgl. > Rechtschreibreform.“ Aber unter diesem Stichwort wird die jüngste RSR mit keiner Silbe erwähnt, und auch die Literatur stammt ausnahmslos aus vorreformatorischer Zeit.
Die Ankündigung, alle Bestandteile eines mehrteiligen Stichwortes groß zu schreiben, wird oft nicht eingelöst: „Captatio benevolentiae“ usw.
Die Aussage über das Ziel der antiken Etymologie S. 205 trifft in dieser Allgemeinheit nicht zu; allenfalls einer der Standpunkte, die im „Kratylos“ vorgetragen werden.
Das Handbuch Fremdsprachenunterricht ist längst neu bearbeitet erschienen! (226)
Das generische Maskulinum beruht nicht auf „konservativ-präskriptiven Vorschriften“ (245), sondern hat sich so entwickelt.
Bei den lateinischen Etymologien müßten durchweg die Quantitätsbezeichnungen überprüft werden.
Unter „Nomen Acti“ die üblichen Irrtümer: als ob ein Jauchzer das „Ergebnis“ des Jauchzens wäre usw.
Das "Lexikon der Sprachwissenschaft" bringt fast ausschließlich Literaturangaben in englischer Sprache, selten Deutsch und so gut wie nie andere Sprachen. Zu vielen Themen wie "Sprachverstehen" oder "Zweitspracherwerb" scheint es nur Arbeiten auf englisch zu geben; oder alles andere ist eben nicht erwähnenswert. Andererseits wird in verschiedenen Beiträgen der "Sprachentod" beklagt und das Recht auf die Muttersprache auch für Minderheiten eingefordert. Wie verträgt sich das? Das Werk arbeitet mehr als jedes andere mir bekannte auf die Alleinherrschaft des Englischen hin. Auch im Hinblick auf meine Studenten finde ich die implizite Anweisung, ausschließlich englische Fachliteratur für lesenswert zu halten, sehr bedenklich. Zumal vieles vom Zitierten gar keine weiteren Vorzüge hat, außer eben, daß es englisch geschrieben ist.
Was mir persönlich etwas gegen den Strich geht, ist das Übergewicht der Chomskyschen Linguistik, die sozusagen die selbstverständliche Grundlage bildet, so daß bei Begriffserklärungen gar nicht mehr darauf hingewiesen wird, im Gegensatz zu anderen Schulen der Linguistik.
Das Lexikon ist insgesamt gekennzeichnet durch den Glauben an die unbedingte Überlegenheit der angloamerikanischen Sprachwissenschaft, so daß auch noch der winzigste Einfall irgendeines Amerikaners einen Eintrag erhält ("Relativierte Minimalität" usw.).
Ferner durch den Glauben an die unbedingte Überlegenheit der Gegenwart über die Vergangenheit. Was zum Beispiel Hermann Paul vor hundert Jahren als "Gliederungsverschiebung" abhandelte, ist offenbar nicht der Erwähnung wert, aber unter "Reanalyse" tritt es mit großem Pomp wieder auf.
Druckfehler und Einzelheiten:
44-lu (links unten): Asuprägung
53-lu: u.ä.
70-ru: English
84-lo: West Grönländisch
84-l: Ackusativ
90-lo: eg-ressiv
110-ro: sorgen. (sogen.)
130-lu: Ergbnis
135-lo: Wes-entliche
154-ro: TESNÌERE
158-ru: English
161-l: Teildesziplin, Framdsprache, neugebildete
168-lu: Mitte-lengl.
168-r: La marcage
170-lo: minde-stens
183-ru: Innenstadtviertels (-vierteln)
184-lo: echos (echo)
186-r: von Innen nach Außen
187-l: e-lleipsis
197-ru: Dativus commodi
210-ru: Nasa-lassimilation
212-l: (Zeitschriftentitel:) Fachsprachen (Fachsprache)
216-r: Autimaten sind. F. A. (Punkt tilgen!)
216-ru: angekomen
219-ro: Ideolekt (Idiolekt)
220-ru: dem klar geregelten Verhältnis (das klar geregelte)
224-lo: auf den sie hin (auf den hin sie)
234-lo: Develping grammars
235-l: monosyll-abisch
236-lo: Inputund
237-r: ein vollständiges des (da fehlt was!)
238-ru: sogenannten (Der ganze Eintrag ist überholt.)
242-ru: Müller (Müllner)
244-ro: der humboldt'sche Begriff
244-ru: (Der Titel Levelt „Production“ ist falsch angegeben!)
246-lo: spezifizieren (Komma fehlt)
247-lo: Antilla (Anttila?)
247-ru: obligatoritaroische
248-ru: Die Stichwörter Genus-Zuweisung und Genus-Klasse fehlen.
249-ru: (Titel von Höhle ist hier und passim falsch zitiert: Infinitkonstruktionen!)
253-lo: unerstanding
267-l: Herder-Institut (überholt)
272-ro: haek
273-r: Sturcture
275-ro: á détachment
276-ru: Ausprache
277-r: Puhvel (Vorname sonst abgekürzt)
282-r: Twadell (Twaddell)
283-lu: Pronominaladv (Punkt!)
284-lu: honorifics
284-ru: Tuscon
286-lo: bei. einem
289-ru: ideoma
290-lu: die weiterführend Literatur
291 („Idiotismus“: Die bair. Dualform eß/ös ist immer wieder mal anders angegeben.)
295-ru: impliziert – implikiert (wie denn nun?)
297-ru: a Jacques
300-ro: Urs-prache
304-lo: librum scribendum (liber scribendus)
309-lu: (Mit der Getrenntschreibung Rad fahren wirkt die Inkorporation noch unglaubwürdiger!)
312-lu: ents-prechend
315-ro: Interliguistik
316-lu: den Vertretern (die Vertreter)
332-l: Ackusativ
340-r: Opertionen
344-lo: Zeitschrift für Sprachwissenschaften (Sprachwissenschaft)
346-l (Artikel hat am Ende zwei Punkte.)
352-ru: dìálektos
355-ro: Maltzke (Maletzke?)
356-ru: Grundriss (Grundriß)
360-r: unverals
361-lu: Welt (kursiv!)
363-lu: solange (so lange) (Diese Erklärung des Zeigens ist bei Skinner übrigens nicht zu finden!)
365-l: explikation
365-ru: zuhause
366-lo: wieder finden (wiederfinden)
378-lo: programm
383-lo: Viele (viele)
383-l: ad case (ist die Bibliographie eigentlich in Ordnung?)
383-ro: Hintkka
385-ru: zerschreiben kommt sehr oft vor, auch an prominenter Stelle (Ingeborg Bachmann)
388-ro: Bil-abial
389-r: (Titel von Dresselhaus überprüfen!)
391-lo: pronounciation
391-ru: Ents-prechend
392-lo: Curtiss (Versalien)
398-r: ésprit
399-lo: lektos (gibt es in dieser Weise nicht)
403-lo: sowie den (sowie die)
403-ru: Mentali (Mentalis)
409-lo: Haufig
410-ro: Ausgang-spunkte
412-ru: Kannas (Kaunas)
416-r: Malagassisch (Madegassisch)
417-ro: Rheder (Rehder)
423-ro: Volowhinow (?)
424-ru: Daneben (daneben)
435-r: gleich bedeutende (gleichbedeutende)
437-ru: Scozecin (Szczecin)
439-r: zufrieden stellend (! entspricht Neuregelung)
441-r: PÍNBORG
442-l: res-triktiv (blöde Trennung!)
449-r: DISCIULLO (passim)
453-ro: ersterer – letzterer (nach der Reform unzulässig)
454-l: Plosive (Plosives)
459-ru: Dinnsen (Dinneen)
461-ru: replazive (warum nicht gleich „replatzive“, wenn nach Ansicht der Verfasserin „platzieren“ zu schreiben ist, obwohl es ebenfalls nicht von „Platz“ abgleitet ist?)
468-lu: letzteres
476-lo: Breito (Beito)
484-r: Onomatopoeticon (-kon oder -cum)
486-lo: zugrundegelegten, minde-stens
493-lo: Dorn (Dornseiff, F.)
495-r: Face-to-Face Interaction
497-r: leichtentflammter (neu: leicht entflammter!)
499-ru: Ikonen
502-ru: Golfs-prachen
506-lu: er-ste
506-ru: Struktrelle
507-lu: nichttransformationell, sondern
509-ru: investigation (investigations) (Wittgenstein darf übrigens auf dt. zitiert werden.)
511-r: linguistic (linguistics)
512-ro: phonemetrisch
539-lo: Heiler (gibt es doch!)
539-lu: am lesen (am Lesen), Englische (englische)
542-ro: Russel
543-l: (was ist da eigentlich „antithetisch“? Und „Prothese“ kommt nicht von prosthesis!)
549-l: Bündernerromanisch (Und ist die Zahl der Sprecher ohne das Friaulische zu verstehen? Davon gibt es ja allein schon 500.000.)
551-lu: Histriographie
552-ro: stiel! (stiehl!) (Und Bibliographie überprüfen!)
553-ru: Walpiri
554-ru: Luinguistica
555-l: Donellan (Donnellan)
556-lu: syntac (syntax)
558lo: Dimensinos
565-ru: (Das Beispiel mit dem Apfel ist ungeschickt. Etwas essen und an etwas essen – nicht vergleichbar.)
570-ro: Existenz (Existenz-)
574-lu: Altkirchen-Slawisch (Altkirchenslawisch)
580: „Satzanfrage“ (?)
587-ru: subsummiert
588-lo: durcheinandermischen (nicht mehr zulässig)
589-ro: wichtige (wichtigen)
590-ru: zugrundeliegenden, Semantem (Semanteme)
596-ro: Parmenides (fehlt Punkt?)
597-lu: Semitivc
599-l: Die Vertretung idg. (von!)
601-lu: widergibt
604-ro: Patridge (Partridge) (Stichwort „Serbisch“ fehlt! Verweis unter „Sl. Sprachen“ blind)
607-ru: Frühestes (frühestes)
608-lu: weitverzweigt (nach Reform nicht mehr zulässig)
614-r: für für
619-lo: Bußmann & Hellinger (oder umgekehrt? vgl. Bibl.)
619-ro: Haarman (Haarmann)
624-l: Gesellschaft für Deutsche Sprache (deutsche) (Übrigens stimmt die Angabe „Fürsten, Adlige und Dichter“ nicht so ganz. Auch Bürgerliche waren Mitglieder, vgl. die einebnenden Übernamen.)
624-lu: Fom (Form)
(Stichwort „Sprachlicher Determinismus“ verdoppelt weitgehend „Sapir-Whorf-Hypothese“)
629-lo: Haarman
634-r: Aktivund – Walbiri
636-lo: Déscy (Décsy)
636-r: Sprachen und Verstehen (Sprechen?)
641-lu: Bibliographie Linguistic (-que)
646-ro: letztere
649-r: ohne Weiteres
655-lo: Bleckween (Bleckwenn)
657-l und r: stratifical, stratifictional, stratificial, a definition as (and) an example
658-l: mecanisme
664-ro: Grundriss (Grundriß)
(665: „Die Nervensäge hat schon wieder Langeweile“ – nicht „wissensbasiert“, denn der Hörer muß und kann nicht wissen, daß der Nachbar eine Nervensäge ist, sondern dies wird ihm gerade erst mitgeteilt.)
666-lo: wichtigeste
668-ro: Kiparski (-y)
672-ru: synergetikos (kein langes e)
673-ro: kategorema (langes e)
Unter „Synonymwörterbuch“ hätte wenigstens der Unterschied von distinktiver und kumulativer S. hervorgehoben werden sollen.)
675-r: ohne Weiteres
677-r Tachysphemie (Tachyphemie)
679-lu: As'oka (Ashoka, Aschoka, Ašoka)
690 (Bibl.) Jacobs (Jakobs)
691-ro: Kalverkämpfer (-kämper). kommentiere (kommentierte)
699-r: Objektsr-eferent
705-ro: Molnàr (Molnár)
708-l: ohne Weiteres
711-lo: GOTTFRIED WILHELM (Leibniz fehlt)
712-ru: Warum wird Translatio von transitivus hergeleitet?
713-ru: (Warum wird Ricoeurs Buch in engl. Übersetzung angegeben? “La métaphore vive“ gibt es sogar auf dt.)
728-ro: Eichinger, L., M.
Kontra-Valenz (Kontra Valenz)
(Die Trennung Diph-thong ist töricht)
730-lo: Priciples
730-ro: Develping
733-lo: Rad fahren (? - durch die reformierte Schreibung ändert sich die Geschäftsgrundlage ...)
(„Verkehrssprache“ – Die Angabe unter 1 ist rätselhaft – nannte man das im Mittelalter so? Doch wohl nicht.)
741-ru: Adresen (Andresen)
742-l: Reinhardt oder Reinhart?
744-l: er-sten
745-ro: Zuvor (zuvor), Kyrillische (kyrillische)
750-l: Wortfor (Wortfor-)
752-ro: als erster (Erster)
753-lo: Parsen (Parsing)
(Zu „Wortfamilie“ wäre trotz Bedenken Augsts Wortfamilienwörterbuch zu erwähnen.)
755-r: Grun-delemente
760-r: bei letzterem
762-lo: weit gehend (so öfter, aber lächerlich; die neuesten Wörterbücher schreiben bei adverbialem Gebrauch schon wieder Zusammenschreibung vor.)
764-ro: Tiers-prache
Zugrundeliegende Struktur
766-lo: Hoheslied (durch Reform beseitigt)
769-lu: weit gehend
 
 

Kommentar von Manfred Riemer, verfaßt am 19.03.2009 um 22.11 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1121#14092

Wegen des u.g. Aufsatzes "Zum Partizip I als unflektierter
adjektivischer Prädikativergänzung" habe ich das Wort "Valenz" im "Lexikon der Sprachwissenschaft" von Hadumod Bußmann, Alfred Kröner Verlag, Stuttgart 2002 nachgeschlagen. Dort findet sich der Satz (Hervorhebung von mir):

"Eine zufrieden stellende Klärung dieser Heterogenität der V. steht jedoch noch aus."

Da kann man schon den Mut verlieren, überhaupt noch etwas nachzuschlagen. Man weiß ja doch nicht, ob's stimmt.
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 18.03.2009 um 19.30 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1121#14075

In alten Zeiten, als das Prädikativum noch Prädikatsnomen hieß, weil damals die Adjektive wie noch heute im Lateinischen zu den Nomina gehörten, war die Sache völlig eindeutig: Ein Nomen ist kein Verb, und folglich ist ein als Prädikatsnomen gebrauchtes Partizip keine Verbform, sondern ein gewöhnliches Adjektiv mit allen grammatischen und syntaktischen Einschränkungen eines solchen. Ich halte den Begriff Prädikativum für einen Gummibegriff, der nichts Genaues aussagt.
 
 

Kommentar von Oliver Höher, verfaßt am 18.03.2009 um 14.57 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1121#14073

Bevor ich meinen Einspruch zu den drei Zeitformen des Partizips von unserem Germanisten formulierte, habe ich – um nicht alten Kakao aufzuwärmen – noch einmal den Strang "Menschen verachtend" vom 10.6.2007 nachgelesen, was ich hiermit allen Diskutanten empfehlen möchte.

Besonders hervorheben möchte ich den Eintrag von Germanist am 13.6.2007 (851#9069) sowie den Eintrag von Herrn Schatte 851#9800 und ergänzend 851#9802.

Vielleicht könnte die Redaktion aktive Verweise setzen und diese Bitte danach wieder löschen. Danke!
 
 

Kommentar von Klaus Achenbach, verfaßt am 18.03.2009 um 06.41 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1121#14067

Vielleicht sollte man einen Vergleich anstellen mit anderen adjektivischen Ableitungen von Verben, etwa die auf -lich und -bar. Vor allem die Ableitungen mit -bar werden anscheinend synonym mit dem Gerundivum verwandt, was so gut wie jede verbale Konstruktion ermöglicht (wohl ausschließlich des Akkusativobjekts, wegen der passivischen Bedeutung).
Sagte nicht irgendeine Kultusministerin "Das ist den Schülern nicht zumutbar"?
 
 

Kommentar von Oliver Höher, verfaßt am 17.03.2009 um 15.57 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1121#14066

Lieber Germanist,

Ihren Hinweis auf die drei Zeitformen des Partizips halte ich für mißverständlich. Partizipien können doch nicht drei Zeitformen ausbilden so wie etwa Verben (Das Kind weint; Das Kind weinte; Das Kind hat geweint, bzw. Das Kind wird weinen, um Ihr Futur noch aufzugreifen).

Wenn ich bei meinem albernen Satz bleiben darf, dann ist doch Die Mutter trägt ein geweintes Kind nicht etwa die Vergangenheitsform von Die Mutter trägt ein weinendes Kind. Hier kann doch nur das Verb tragen ins Präteritum gesetzt werden: Die Mutter trug ein weinendes Kind. Nun weinte das Kind als es von der Mutter getragen wurde. Die Gleichzeitigkeit des Partizips I bleibt erhalten, hier eben in der Vergangenheit.

Nur die Relativsatzprobe hilft m. E. bei den temporalen Problemen mit Partizipien (und zugleich der Frage nach dem angesprochenen Grad der Sättigung, was aber nicht hierher gehört) weiter.

Die Mutter trägt ein weinendes Kind –> Die Mutter trägt ein Kind, das weint

Die Mutter füttert das Kind mit gekochtem Brei –> Die Mutter füttert das Kind mit Brei, der gekocht wurde/ gekocht worden ist Hier kann man sich gerne über Passivität streiten, in jedem Fall muß der Brei vor dem Füttern gekocht sein.

Zum Gerundivum fällt mir nun nichts mit Mutter und Kind ein, daher nehme ich einen anderen Satz:

Die zu klärenden Grammatikprobleme sind bekanntlich [i]Die Grammatikprobleme, die geklärt werden müssen[i]

Wir sind uns bei den drei Zeiten prinzipiell einig, aber es sind nicht drei Zeitformen eines Phänomens, die mal so durchgespielt werden können wie in einem Passivsatz: (1) Das Auto wird repariert (2) Das Auto wurde repariert (3) Das Auto wird repariert werden.

Aber womöglich schieße ich nun über das Ziel hinaus und habe Sie nur mißverstanden.
 
 

Kommentar von Germanist, verfaßt am 17.03.2009 um 15.21 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1121#14065

Ich vermisse die adverbiale Verwendung des Partizip Präsens vom Typ: Laut um Hilfe schreiend liefen sie davon.
Auch in adjektivischer Verwendung behält das Partizip gegenüber dem gewöhnlichen Adjektiv wesentliche verbale Eigenschaften:
Es hat drei Zeitformen: die Gegenwart als Partizip Präsens, die Vergangenheit als Partizip Perfekt und die Zukunft als Gerundivum: die noch zu erledigenden Arbeiten.
Im Gegensatz zum gewöhnlichen Adjektiv kann es ein Akkusativ-Objekt (die Witze erzählenden Gäste) und präpositionale Ergänzungen haben (um Hilfe schreiend).
Es kann durch ein adverbial gebrauchtes Adjektiv erweitert werden (laut schreiend).
Es kann im Partizip Perfekt aktivisch oder passivisch sein: Der gelernte Maurer wohnt in einem von ihm selbst gebauten Haus.
Prof. Ickler hat unterschieden zwischen dem gelegentlich Fleisch fressenden Hund und der fleischfressenden Pflanze als Artbezeichnung.
Die Partizipien sind also wesentlich vielseitiger als gewöhnliche Adjektive.
 
 

Kommentar von Oliver Höher, verfaßt am 17.03.2009 um 12.33 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1121#14063

Lesenswert ist der Aufsatz tatsächlich. Wenngleich die Autorin selbst im eigenen Gebrauch keine eindeutige Position bezieht.

Die in Fußnote 16 (Seite 22) angesprochene "definitorische Frage", ob Bildungen wie alleinerziehend "den Partizipien oder eher den Adjektiven zuzuordnen sind" hat Kirsi Pakkanen-Kilpiä nach dem Lotterieprinzip entschieden. Auf Seite 6 findet sich "dass es schwer fällt", woraus man dann analog zu den Ausführungen auf Seite 21 wohl 'schwer fallend' machen müßte. Andererseits findet sich auf Seite 17 die – zugegeben aus einem Partizip II gebildete – Schreibweise "obengenannten", obwohl mir – wiederum in Analogie zu Seite 21 – der Infinitiv "obennennen" nicht ganz geläufig ist.

Überhaupt wird die auf Seite 21 und 22 erwähnte Problematik, die aus der Rechtschreibreform resultiert, eher zusammengefaßt und dann zu der erwähnten definitorischen Frage erklärt. Sehr diplomatisch, denn die Rechtschreibung des Textes läßt keinen Zweifel an Pakkanen-Kilpiäs Einstellung zur Reform: "Ers-tens" (S. 1), "entzü-ckend" (S. 4), "selbstständigen" (S. 7) sowie "im Folgenden" (S. 3, 5 und 19). Wobei doch gerade 'im folgenden' gut in den Kontext der Fragestellung paßt.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 17.03.2009 um 09.10 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1121#14061

Bin gerade auf einen lesenswerten Aufsatz gestoßen:

http://www.opus-bayern.de/uni-wuerzburg/volltexte/2008/2574/pdf/FinDe4.pdf

Der Text nimmt auch auf die Rechtschreibreform Bezug.
 
 

Kommentar von Oliver Höher, verfaßt am 16.03.2009 um 19.25 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1121#14060

Gerade die angesprochene Tatsache, daß das Partizip I der Umgangssprache fremd ist, unterstreicht m. E. noch einmal seinen verbalen Charakter. Adjektive zu gebrauchen, haben wir hingegen weniger Probleme. An der berühmten Linksstellung (gerade Deutsch als Fremdsprache neigt – je nach Grammatik – dazu, die sogenannten "Linksattribute" arg zu strapazieren) kann das nicht liegen, da ja auch Adjektive in der Regel links von dem Substantiv stehen, auf das sie sich beziehen.

Womöglich ist es die Fähigkeit der Partizipien, sich durch Adverbien usw. "erweitern" zu lassen. Peter Meier fährt seit einer Woche ein auffallend benzinsparendes, leise- und schnellfahrendes Auto ist gesprochen nicht so schnell klar wie Peter Meier fährt seit einer Woche ein auffallend sparsames, leises und schnelles Auto. Die Adjektivendungen, die ein nachfolgendes Neutrum ankündigen, werden ihren Teil zur leichteren und schnelleren Verständlichkeit des zweiten Satzes beitragen.

Mir gefällt eigentlich Hermann Pauls Hinweis auf den "Grad der Sättigung" der Partizipia Präsentis sehr gut (Bd. IV, § 321):

"Das Partizipium Präsentis mancher Verba, die zur Ergänzung einen abhängigen Kasus verlangen, kann seiner Bedeutung nach einen Grad der Sättigung annehmen, der den Formen des Verbum finitum sonst fehlt. Z. B. verlangt ich verletzte notwendigerweise Ergänzung durch abhängigen Kasus, während verletztend dadurch in seiner Bedeutung saturiert ist, daß es sich verallgemeinernd auf alle denkbaren Objekte bezieht, der abhängige Kasus daher wegfallen kann. Solche saturierten Partizipia können den Charakter von reinen Adjektiven annehmen."

Damit könnte man auch sehr gut den Eiertanz der Zuschreibung zu den Verben oder Adjektiven vermeiden. Für die Wortbildung wird man auf die Verbform eh nicht verzichten können.


Zum Gerundivum:

Außer den Hinweisen auf die Geschichte und Funktion spricht auch die passivische Komponente dagegen, ein Kapitel über Partizipien mit dem Gerundivum beginnen zu lassen. Bekanntlich ist das Partizip I grundsätzlich aktivisch, das Gerundivum jedoch passivisch mit zusätzlich modalem Charakter (müssen oder sollen). Wie kann ich Lesern erklären, daß das Gerundivum grundsätzlich passivisch ist, das Partizip I, aus dem es abgeleitet sein soll, aber nie? Andersherum halte ich es für sinnvoller. Zuerst sollte das Partizip I behandelt werden, dann das Partizip II (womit wir auch schon die Überleitung zum Passiv haben) und dann erst das Gerundivum. (So klappt das bei mir übrigens auch seit Jahren gut.)

Übrigens halte ich auch den – ebenfalls bei Paul (Bd. IV, § 318) erwähnten Hinweis der Gleichzeitigkeit beim Partizip I noch für wichtig. In Die Mutter trägt ein weinendes Kind auf dem Arm passieren das Tragen des Kindes (übrigens zugleich ein Beispiel für das Gerundium im Deutschen) und das Weinen desselben zur gleichen Zeit.
 
 

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