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Theodor Icklers Sprachtagebuch

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14.11.2008
 

Neues aus dem Rat
Der Rechtschreibrat dämmert dahin, aber man muß aufpassen

Auch wenn nur noch wenig mehr als die Hälfte der Mitglieder an den Sitzungen des Rechtschreibrates teilnimmt (das war im April und zuletzt im Oktober zu beobachten) und die Tätigkeit der wenigen aktiven Mitglieder sich im kaum noch Greifbaren verliert, ist Wachsamkeit geboten. Schließlich war die ganze Reform handstreichartig ins Werk gesetzt worden, als die Öffentlichkeit überhaupt nicht mehr daran glaubte. (Das hat Zehetmair ja ausdrücklich gestanden.)

Nun denn: Auf der letzten Sitzung vom 24. Oktober 2008 war man sich einig, daß die amtliche Regelung "von der Praxis nicht angenommen wird." Eine Neuformulierung, zunächst für einige Teile, wird daher in Aussicht und Angriff genommen. Dabei sollen aber, wenn ich alles recht verstanden habe (ich saß bei Zehetmair unterm Tisch, als Maus verkleidet), durchaus auch inhaltliche Veränderungen eingeschmuggelt werden. Überhaupt sucht der Rat nach einem Verfahren, ständig kleinere Änderungen der Rechtschreibung einzuführen, wie es vor der Reform der Duden mit den jeweils neuesten Auflagen getan habe. Damit knüpft er an einen älteren Vorstoß an, aus dem Vorschlagsrecht des Rates (damals noch der zwischenstaatlichen Kommission, vgl. deren 4. Bericht) eine umfassende Ermächtigung zu normativen Eingriffen zu machen, so daß die Kultusminister nicht mehr mit den Änderungen befaßt werden müssen. Da die Kultusminister die Verantwortung für die Rechtschreibung liebend gern loswerden wollen, ist damit zu rechnen, daß dieses Vorhaben gelingt. Allerdings sind im Rechtschreibrat nur die Wörterbuchverlage dazu imstande, die sachliche Arbeit zu leisten. Das alte Dudenprivileg wird also, wie es de facto schon jetzt der Fall ist, auf die drei Wörterbuchverlage ausgedehnt, andere Verlage müssen warten, bis diese drei ihr Oligopol ausgeschöpft haben.

Laut Protokoll hatte der Präsident der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung (Reichert) am 17.3.2008 im Auftrag der Sprachkommission der DASD an den Rat geschrieben. Der Rat hat darauf nicht geantwortet, erst am 24. Oktober beauftragte er Eichinger (warum diesen?) mit einer Antwort. Das Ausbleiben einer Antwort trug mit dazu bei, daß Uwe Pörksen inzwischen seinen Austritt aus dem Rechtschreibrat erklärt hat (Schreiben vom 4.10.2008 an Zehetmair). (Eisenberg möchte Pörksen aber im Rat behalten; wer sonst von der DASD wäre auch dazu bereit, seine Zeit mit solchen Sitzungen zu verplempern?)



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Kommentare zu »Neues aus dem Rat«
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Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 17.03.2017 um 10.19 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1074#34719

Die neue Mitgliederliste zeigt wenig Veränderung. Ich hatte eigentlich erwartet, daß manche sich überlegen, ob sie weiterhin mitmachen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 21.01.2017 um 07.08 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1074#34364

Auch an dieser Stelle sei es gesagt:

http://www.rechtschreibrat.com/regeln-und-woerterverzeichnis/

Auf dieser Seite gibt es einen Button zum Anklicken, aber entgegen der Ankündigung fehlt das Wörterverzeichnis. Der Knopf wiederum, der zur Buchausgabe des amtlichen Regelwerks mit Wörterverzeichnis führen soll, verlinkt die Ausgabe von 2005 (Verlag Narr), also eine längst überholte Fassung. Die Reform von 1996, an der sich die Reformdiskussion entzündete, ist beim Rechtschreibrat überhaupt nicht mehr greifbar. Was sind das für Zustände?
 
 

Kommentar von Klaus Achenbach, verfaßt am 02.06.2016 um 18.28 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1074#32734

Sie kapieren es nie und bringen auch noch falsche Beispiele.

Im Bonner Generalanzeiger wird über den geplanten Wechsel in der Leitung des Rechtschreibrats berichtet. Dazu heißt es noch:

„Die Rechtschreibreform von 1996 hatte zu leidenschaftlichen Debatten geführt. Jahrelang tobte ein Streit um die richtige Schreibweise von Delfin oder Delphin, Fuss oder Fuß.“

Soviel Ignoranz ist ja kaum noch zu übertreffen.

Zugleich ist diese Darstellung aber auch typisch. Denn wenn Journalisten oder Politiker Beispiele zur Rechtschreibreform angeben wollen, so wählen Sie so gut wie ausnahmslos solche aus der Lautschreibung („Laut-Buchstaben-Zuordnung“). Das ist eben das, was Klein Erna sich unter Rechtschreibreform vorstellt (oder der Engländer unter „spelling reform“).

Dabei spielten Änderungen der Lautschreibung in der Rechtschreibung und der Diskussion darüber nur eine ganz marginale Rolle. Der eindeutige Schwerpunkt der Reform und der Debatte lag doch auf den Gebieten GZS und GKS.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 13.11.2015 um 07.50 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1074#30546

Vor einer Woche hat der Rechtschreibrat getagt. Sogar die Hofberichterstattung des Mannheimer Morgens schweigt inzwischen. Rafft sich jemand auf, mal nachzufragen? Ich schaffe es nicht mehr.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 18.09.2015 um 11.29 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1074#29985

Daß es nichts "Neues aus dem Rat" gibt, gehört, wenn ich es bedenke, zu den größten Unverschämtheiten der Reformer. Seit Jahren auf Tauchstation zu sein und dem orthographischen Wirrwar einfach zuzusehen – ist der Rat dafür eingesetzt worden?
 
 

Kommentar von derwesten.de, 16.12.2014, verfaßt am 17.03.2015 um 10.56 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1074#28326

Seit zehn Jahren berät der "Rat für die deutsche Rechtschreibung"

Essen. Von „leid tun“ über „Leid tun“ zu „leidtun“: Vor zehn Jahren brachte die 37-köpfige Orthografie-Instanz Frieden auf einem kriegsartig umkämpften Feld.

Auf den Tag genau zehn Jahre gibt es nun den „Rat für deutsche Rechtschreibung“ mit Geschäftsstelle in Mannheim, getagt wird zwei Mal im Jahr. Die lapidaren Fakten klammern indes die segensreiche Wirkung aus, die der Rechtschreib-Rat entfaltete: Der „Rat für deutsche Rechtschreibung“ mit 37 Experten aus Deutschland, Österreich, der Schweiz, Südtirol, Belgien und Liechtenstein befriedete einen Kriegsschauplatz, auf dem es fast ein Jahrzehnt lang immer häufiger zu immer erbitterteren Schlachten gekommen war. [...]

www.derwesten.de/kultur/der-segensreiche-rechtschreib-rat-id10152955.html
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 02.03.2015 um 15.57 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1074#28231

Schon längst wollte ich Uwe Pörksens Austrittserklärung hier einrücken und sehe jetzt, daß er sie selbst veröffentlicht hat: http://www.uwe-poerksen.de/austritt.htm

Der Einfachheit und Vollständigkeit halber setze ich sie trotzdem hierher:

Prof. Dr. Uwe Pörksen
Vizepräsident der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung

An den Vorsitzenden des Rats für deutsche Rechtschreibung
Herrn Staatsminister a. D.
Dr. h.c. mult. Hans Zehetmair
Hanns-Seidel-Stiftung e.V.
Lazarettstr. 33
D-80636 München


An die Mitglieder des Rats für deutsche Rechtschreibung
Geschäftsstelle am Institut für Deutsche Sprache (IDS)
R5, 6-13
D-68161 Mannheim


Freiburg, 4.10.2008

Sehr geehrter Herr Vorsitzender, sehr geehrte Ratsmitglieder,
verehrte Kolleginnen und Kollegen,

mit diesen Zeilen kündige ich an, daß ich zum Termin der nächsten Sitzung aus dem Rat für deutsche Rechtschreibung ausscheide.
Die Aufgabe des Rates habe ich zur Zeit meines Beitritts vor etwa drei Jahren so verstanden, daß er die Baustelle Rechtschreibung in den wichtigsten Bauabschnitten einer Revision und einem Rückbau unterzieht. Unsere zunächst sehr zurückhaltende Akademie hat sich daran beteiligt, als der Rat ihrem Vorschlag entgegenkam, Arbeitsgruppen – u.a. zum Thema Zusammen- und Getrenntschreibung – einzurichten, und diese in der Folge überzeugende Vorschläge vorlegten. Im Frühjahr 2006 kam es zum erfolgreichen Abschluß eines ersten Kapitels, zugleich wurde die Weiterarbeit in einer Sitzung, an der ich teilnahm, auf eine nicht unbedenkliche Weise unterbunden bzw. auf ein St. Irgendwann vertagt.
Inzwischen vermag ich kein klares Programm zu erkennen, weder was Inhalt und Gewichtung der noch zu erledigenden Kapitel, noch was den Zeitplan, noch was die einzusetzenden Arbeitsgruppen angeht. Statt dessen scheint mir der Rat dazu überzugehen, sich neuen, weitergehenden Aufgaben zuzuwenden.
Das widerspricht meinem Verständnis seines Auftrags und seiner Möglichkeiten. Ich habe ihn als Aushilfe in einer verfahrenen Situation begriffen. Als Dauereinrichtung halte ich ihn für eine Fehlkonstruktion. Unsere Orthographiegeschichte ist in den 90er Jahren verunglückt, weil ein Gremium, das in den 50er Jahren gegründet wurde, um die Idee einer Kleinschreibung nach englischem oder dänischem Vorbild zu prüfen, sich, als die Idee zu den Akten gelegt wurde, nicht aufgelöst hat.
Die Reaktion bzw. die fehlende Reaktion auf das letzte Schreiben unserer Sprachkommission bestärkt mich in meinem Entschluß. Die Kommission unserer Akademie ist über meine Entscheidung unterrichtet und hat für sie mehr als Verständnis. Ich bitte darum, daß die Gründe meines Austritts in der kommenden Sitzung diskutiert werden. (Sollte es bei dem ursprünglich angekündigten Termin 23. Oktober bleiben, müßte ich mich leider schon um 13h verabschieden).

Mit freundlichen Grüßen

Ihr

Uwe Pörksen
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 17.07.2014 um 05.26 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1074#26351

Der Rechtschreibrat läßt seit Jahren nichts mehr von sich hören. Für die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung sitzt jetzt Beatrice Primus drin (frischgebackenes Akademiemitglied). Sie wird wohl bald merken, wie öde das alles ist, und hätte wohl Besseres zu tun. Wie sich die Veränderungen bei Bertelsmann auf die bisher beherrschende Stellung der Wahrig-Vertreterin Krome auswirken, ist auch nicht abzusehen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 25.09.2009 um 10.49 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1074#15013

Im Rechtschreibrat vertritt seit kurzem ein Knut Stirnemann die Schweizer Lehrer (Ersatz für Looser).
Zu einem Foto scheint es nicht mehr gekommen zu sein, schon weil immer ein Drittel der Mitglieder den Sitzungen fernbleibt.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 25.04.2009 um 11.51 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1074#14349

Gestern sollte doch der Rechtschreibrat getagt haben. Man hört rein gar nichts mehr, und die Presse interessiert sich auch nicht mehr dafür. Dieses Dahindämmern eines mit so gewaltigem Trara begonnenen Unternehmens ist peinlich genug. Was ist aus Eisenbergs Posaunenstößen geworden?
 
 

Kommentar von Matthias Künzer, verfaßt am 13.03.2009 um 13.12 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1074#14056

R.M.: "Haider soll sich darüber beschwert haben, daß Gallmann streng riecht. Größer noch ist jedoch der Gestank, der von Gallmanns absonderlichen..."

– aber streng wissenschaftlichen –

"... grammatischen Vorstellungen ausgeht."
 
 

Kommentar von Karsten Bolz, verfaßt am 12.03.2009 um 19.11 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1074#14055

@ THI: "Kürzlich wurde Hans Haider aus dem Rechtschreibrat abberufen, ..."

Ich habe den Eindruck, daß man aus diesem Verein schon lange nichts mehr hört, noch nichtmal ein Rauschen. Was soll man dann aus deren Reihen an konstruktiven Verbesserndes erwarten? Meine Erwartung an den Rat: keine!
 
 

Kommentar von Y.N., verfaßt am 12.03.2009 um 15.42 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1074#14053

Seit 10 Tagen hält sich Uwe Pörksen in Tokio auf. dessen Vortrag "Die sieben Bauelemene einer vernünftigen Rede" ich heute zugehört habe. Die Handouts waren in bewährter Rechtschreibung geschrieben. Anschließend hatte ich noch beim Kaffeeklatsch die Gelegenheit, mich über den Rat zu informieren. Die mafxxxx Stimmung da scheint nach wie vor gleich zu sein. Die Nachfolgschaft von Schiewe erfolgte nicht auf seinen, sondern Eisenbergs Vorschlag.
 
 

Kommentar von R. M., verfaßt am 02.03.2009 um 18.12 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1074#13995

Haider soll sich darüber beschwert haben, daß Gallmann streng riecht. Größer noch ist jedoch der Gestank, der von Gallmanns absonderlichen grammatischen Vorstellungen ausgeht.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 21.02.2009 um 16.55 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1074#13945

Kürzlich wurde Hans Haider aus dem Rechtschreibrat abberufen, wie man hört, auf Betreiben anderer Mitglieder, die nicht mehr mit ihm zusammenarbeiten wollten. Sein Nachfolger ist Benedikt Kommenda (Die Presse). Kommenda ist fachfremd und hat sich bisher nicht zur Rechtschreibreform geäußert. Das kann ein Vorteil sein, aber insgesamt sind solche Veränderungen natürlich ohne Bedeutung.
 
 

Kommentar von Christoph Schatte, verfaßt am 17.12.2008 um 03.41 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1074#13616

Die zähflüssigen Kleinschritte des sog. Duden vor der Reform erfolgten in einer völlig anderen Situation als die durch die RSR herbeigeführte.

Der mit der sog. RSR vollzogene Kahlschlag soll nun mit Rückforstung ärmlich ausgeglichen werden? Das ist in jeder Hinsicht unausführbar.
 
 

Kommentar von Christoph Schatte, verfaßt am 17.12.2008 um 03.22 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1074#13615

Jan-Martin Wagner hat den Finger in die Wunde des Selbstverständnisses dieses Gremiums gelegt, das wie bereits die seine Existenz bereitenden Deformer sich offenbar als Demiurg versteht, also nicht dienen sondern herrschen will. Das Goethe-Institut hat zuweilen ähnliche Allüren.

An ihrer Sprache werdet ihr sie erkennen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 12.12.2008 um 16.19 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1074#13580

Zu einem Werk Schiewes habe ich übrigens mal eine Besprechung veröffentlicht (in der "Deutschen Sprachwelt"):

Jürgen Schiewe: Die Macht der Sprache. Eine Geschichte der Sprachkritik von der Antike bis zur Gegenwart. C. H. Beck München 1998. 68 DM.
Sprache wird gewöhnlich erst durch Störungen ihres allzu gewohnten Funktionierens zum Gegenstand der Aufmerksamkeit. Am Anfang der Sprachwissenschaft steht daher neben der philologischen Aufhellung fremdgewordener Ausdrucksweisen die Kritik mißlungener oder anstößiger Rede. Auch der Sprachunterricht forderte stets sein Recht. Erst in jüngster Zeit sind solche praktischen Gesichtspunkte aus einer Wissenschaft ausgeschieden worden, die sich als reine Theorie begreifen möchte. Jürgen Schiewe meint wie viele andere, diese methodische Enthaltsamkeit aufbrechen zu können. Er hat sich in seiner Dissertation (über die politische Sprachkritik Carl Gustav Jochmanns) und in zahlreichen Aufsätzen mit ausgewählten Kapiteln aus der Geschichte der Sprachkritik befaßt und stellt einiges daraus nun aufs neue zusammen. Das Buch handelt allerdings weder von der Macht der Sprache noch ist es eine Geschichte der Sprachkritik. Es ist vielmehr eine mit umfangreichen Zitaten ausgestattete Blütenlese von Ansichten deutscher Autoren über die Sprache. Eine Ausnahme von dieser Beschränkung macht nur das erste Kapitel, das die bekannte Diskussion des Platonischen „Kratylos“ über die Richtigkeit der Namen referiert und kommentiert, freilich ohne auf die abgründige Ironie gerade dieses Werkes oder gar auf den Zusammenhang mit den logisch-sprachphilosophischen Hauptwerken (vor allem dem „Sophistes“) einzugehen. Schiewe ist denn auch nicht an philologischer Interpretation interessiert, sondern zieht den Dialog nur zur Einführung in zeichentheoretische Modellvorstellungen heran und verläßt die wahrlich reiche sprachkritische Literatur der Antike sogleich wieder, um zu einer flüchtigen Skizze des mittelalterlichen Nominalismus-Streits überzugehen. Von da an werden nur noch deutsche Autoren vorgestellt - eine Ausblendung des europäischen Kontextes, die sich aus sachlichen Gründen nicht rechtfertigen läßt und viel provinzieller wirkt als die Köpfe, um die es geht: Leibniz, Herder, Campe, Jochmann und all die anderen.
Nach Schiewe kann Sprachkritik sinnvollerweise nur als Kritik des Sprachgebrauchs, nicht aber des Sprachsystems geübt werden, und eben dies soll der Gang durch ihre Geschichte zeigen. Doch schon der breit dargestellte Übergang von der lateinischen zur deutschen Wissenschaftssprache, dem Schiewe bereits eine frühere Arbeit gewidmet hatte, beruht nicht auf einer Kritik des Sprachgebrauchs, sondern allenfalls auf Gedanken über den Status der Sprachen sowie über die Eignung unterschiedlicher Systeme zur Erfüllung besonderer Aufgaben. Ferner wäre hier die empfindlichste Lücke in Schiewes Darstellung zu nennen: die systemvergleichende Kritik der Sprachen im Anschluß an die bahnbrechende Typologie Humboldts und Schlegels, die eine heftige Diskussion, zum Beispiel über den Rang des Chinesischen, hervorrief, bis Georg von der Gabelentz einem linguistischen Egalitarismus das Wort redete, ohne aber das Thema Sprachbewertung damit endgültig von der Tagesordnung absetzen zu können. Weder Gabelentz noch das große zusammenfasssende Kapitel „Sprachbewertung“ im fünften Band von Friedrich Kainz´ „Psychologie der Sprache“ scheinen dem Verfasser bekannt zu sein. Beides hätte ihn von der Meinung abbringen können, Sprachsysteme als ganze seien nicht kritisierbar.
Schiewe postuliert, daß eine Sprache als System nicht „krank“ sein könne, „Sprachpflege“ daher unmöglich und dieser Begriff völlig aufzugeben sei. Damit setzt er sich über die Tatsache hinweg, daß in der ganzen Welt planmäßig an der Verbesserung (Modernisierung) ganzer Sprachsysteme wie Hindi, Arabisch oder Suahili gearbeitet wird. Übrigens erkennt der Verfasser gelegentlich durchaus an, daß der Dreißigjährige Krieg die deutsche Sprache „erheblich in Mitleidenschaft gezogen“ habe, so daß die Sprachgesellschaften etwas zu tun bekamen - mit „Spracharbeit“, die zweifellos am Sprachsystem ansetzte. Hierher gehört auch ein großer Teil der ausführlich dargestellten Vorschläge von Leibniz. Sogar die gegenwärtige Manipulation am orthographischen System des Deutschen („Rechtschreibreform“) wird von ihren Urhebern mit Recht als „Sprachpflege“ ausgegeben und nicht, wie es nach Schiewe sein müßte, unter Sprachkritik subsumiert.
Die Fremdwortdiskussion ist nach Auffassung des Verfassers kein ernstzunehmendes Thema mehr. In Wirklichkeit steht sie, auch in Fachkreisen, unter dem Titel „Anglisierung des Deutschen“ nach dem Abflauen der feministischen Linguistik im Mittelpunkt der heutigen Sprachkritik. In diesem Zusammenhang folgt Schiewe dem vor über dreißig Jahren eingerissenen Brauch, auf Eduard Engel herumzutrampeln, der um die Jahrhundertwende angeblich einen chauvinistischen Purismus vertreten und die nationalsozialistische Volksverhetzung in nicht mehr überbietbarer Weise vorweggenommen habe. Dieses auf Unkenntnis beruhende Märchen hat Peter von Polenz in die Welt gesetzt, von dem Schiewe sowohl die Belege als auch die Urteile ungeprüft übernimmt. In Wirklichkeit vertrat der polyglotte Kosmopolit Engel genau dieselben aufklärerischen Ideale, die Schiewe an Campe und Jochmann rühmt, und an den Fremdwörtern tadelte er nicht ihre Herkunft, sondern ihre Unverständlichkeit, die unnötigen sozialen Barrieren, die sie errichten, und nicht zuletzt das sprachliche Imponiergehabe. Engels unübertroffene „Deutsche Stilkunst“ war es auch, aus der Ludwig Reiners alles Wesentliche für seine eigene „Stilkunst“ übernahm, die übrigens kein anderer als Schiewe neu bearbeitet hat. Seine Hauptquelle zu nennen, schien Reiners im Dritten Reich nicht opportun, und dabei blieb es.
Von den bekanntesten Autoren werden jeweils die bekanntesten Stellen ausgiebig zitiert. Es fehlen weder Chandos/Hofmannsthals „modrige Pilze“ noch jene Dirne, die Karl Kraus zur Jungfrau gemacht haben will. Als erste Einführung in bestimmte Arten von Sprachkritik ist all dies wohl brauchbar, doch wäre dem Leser besser gedient, hätte Schiewe sich entschlossen, auf dem Wege des Zitierens noch einen Schritt weiter zu gehen und lediglich eine Textsammlung zu bieten. Was Orwell oder Klemperer gesagt haben, liegt ja offen zutage und braucht nicht breit paraphrasiert und kommentiert zu werden.
Seinen eigenen Vornamen führt Schiewe übrigens auf „Gregor“ und dieses wiederum auf „agricola“ zurück; falls dies ein Scherz à la Kratylos sein soll - wo ist die Pointe?
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 12.12.2008 um 16.13 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1074#13579

Inzwischen ist der Austritt Uwe Pörksens auch auf der Internetseite des Rates bestätigt. Sein Schüler Jürgen Schiewe hat seinen Platz eingenommen (der Bearbeiter von Ludwig Reiners' Stilkunst, vgl. http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=563#6284).
 
 

Kommentar von Jan-Martin Wagner, verfaßt am 27.11.2008 um 22.25 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1074#13508

Seit wann gibt es eigentlich auf der Startseite des Rechtschreibrats in der linken Spalte die fettgedruckte Rubrik "Unsere Ziele"? Müßte es nicht vielmehr "Unser Aufgabe" heißen (vgl. Statut)? Im Unterschied zu einer Aufgabe verfolgt man ja ein Ziel aus eigenem Antrieb heraus. Auch ist es für meine Begriffe etwas anderes, wenn man ein selbstgewähltes Ziel nicht erreicht, als wenn man eine vorgegebene Aufgabe nicht erfüllt. (Eine derartige Abweichung der Selbstdarstellung vom Statut war schon früher aufgefallen, siehe www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1003.)
 
 

Kommentar von Thomas Paulwitz, verfaßt am 18.11.2008 um 09.51 Uhr   Mail an
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1074#13466

Zu #13446:

„Die Presse vernachlässigt ebenfalls ihre Pflicht, indem sie gar nicht nachfragt.“ Wie Sie wissen, lieber Herr Ickler, hat zumindest die DEUTSCHE SPRACHWELT nachgefragt. Die unergiebige Antwort hatte ich Ihnen weitergeleitet. Die Recherche läuft weiter. Handfeste, gesicherte Informationen für unsere Berichterstattung sind hochwillkommen. Ich bitte jeden, der etwas bieten kann, um Zusendung.
(thomas.paulwitz@deutsche-sprachwelt.de)
 
 

Kommentar von Urs Bärlein, verfaßt am 16.11.2008 um 17.20 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1074#13463

Wenn überhaupt Entscheidungen fallen, dann nicht im Rat für deutsche Rechtschreibung, sondern im Deutschen Sprachrat, der Dachorganisation, in der sich IDS und GfdS zusammengeschlossen haben, unter Einbeziehung der Goethe-Institute und des DAAD und „gefördert“ bzw. „unterstützt“ von Duden. (Was nicht hindert, daß der Rechtschreibrat Entscheidungen gegebenenfalls verkündet. Es liefe aber auf dasselbe hinaus, da IDS, GfdS und Duden diesen Rat beherrschen. Ob er irgendwelche Entscheidungen verkündet, hängt deshalb nicht davon ab, ob er sie trifft, sondern davon, ob das opportun wäre oder nicht. Derzeit scheint es eher obsolet zu sein.)

Der Deutsche Sprachrat ist keine unpolitische Vereinigung zum Zweck der Förderung der deutschen Sprache. Weiter ist er nicht nur dort politisch, wo er sich explizit politisch gibt, nämlich als Instrument der auswärtigen Sprachpolitik. Symptomatisch für die Konzeption des Sprachrates ist die nachträgliche Einbeziehung des Akademischen Austauschdienstes. Als Instrument zur Förderung von Deutsch in Deutschland kommt dieser nicht in Betracht. Als Instrument zur Förderung von Deutsch im Ausland kommt er aber ebensowenig in Betracht, weil dieses Segment bereits von den Goethe-Instituten besetzt ist (und gerade wegen der teilweisen organisatorischen Verzahnung mit den Goethe-Instituten hätte es einer eigenen Mitgliedschaft des DAAD im Sprachrat nicht bedurft).

Auf das Deutsch in Deutschland hat der DAAD keinen Einfluß. Auf das Deutsch im Ausland hat der DAAD ebenfalls keinen Einfluß. Wohl aber hat er einen Einfluß auf die Wahrnehmung deutscher Binnensprachpolitik im Ausland.

Bemerkenswert ist auch, daß der DAAD mit seiner Mitgliedschaft im Deutschen Sprachrat öffentlich nichts anzufangen weiß. In seinem Internetauftritt habe ich jedenfalls keinen entsprechenden Hinweis gefunden.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 15.11.2008 um 06.19 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1074#13452

"im übrigen" usw. liest man schon lange wieder in der FAZ und sogar (vielleicht überwiegend) in der Süddeutschen Zeitung, es setzt sich entweder durch Beschluß der Herausgeber oder von selbst wieder durch.

Kuriosität am Rande: Die Ostthüringer Zeitung berichtet heute, daß in der kommenden Woche die 1. Schleizer Lesetage eröffnet werden – "in Schleiz - der Stadt, in der Dr. Konrad Duden seine bis heute gültige Deutsche Rechtschreibung schuf".

Einfach ignorieren – das ist die beste Art, mit der Reform umzugehen.
 
 

Kommentar von Erich Kästner, verfaßt am 14.11.2008 um 16.33 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1074#13450

"Ich glaube an den gesunden Menschenverstand wie an ein Wunder; doch der gesunde Menschenverstand verbietet mir, an Wunder zu glauben."
 
 

Kommentar von Matthias Künzer, verfaßt am 14.11.2008 um 13.38 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1074#13449

Wie optimistisch bin ich denn, wenn ich darauf hoffe, demnächst wieder "im übrigen", "im allgemeinen", "jeder einzelne" und "der erste" in meiner Tageszeitung lesen zu können?
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 14.11.2008 um 09.59 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1074#13447

Wie notwendig eine Neufassung der Regeln ist, braucht man den Besuchern dieser Seiten wohl nicht zu erklären. Ich erinnere nur noch einmal an das Glanzstück der bisher letzten Revision, die Getrennt- und Zusammenschreibung. Die alte Dudenvorschrift, daß beim Entstehen einer neuen Gesamtbedeutung zusammengeschrieben wird, ist 1996 aufgegeben und 2006 wiedereingeführt worden. Sie ist unklarer als je, weil Eisenberg noch eine Unterscheidung zwischen Subjekts- und Objektsprädikativen hinzuzufügen versucht hat. Das steht nicht im amtlichen Text, wohl aber in dem Bericht, der den Hintergrund der Revision bildet und sozusagen eine Ausführungsbestimmung enthält. Das ist zwar im Sande verlaufen, aber was dazu im Bericht und beispielsweise in Duden Bd. 9 von 2007 steht, läßt sich nicht einfach übergehen. Dies hätte der Rat längst bereinigen sollen, statt vollkommen sinnlose "Untersuchungen" über die Befolgung der Reformregeln in diesen oder jenen Textsammlungen anzustellen.
 
 

Kommentar von Theodor Ickler, verfaßt am 14.11.2008 um 09.43 Uhr  
Adresse: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1074#13446

Eigentlich ist es ein Skandal, daß der Rechtschreibrat weder auf Pressekonferenzen noch auf seiner Internetseite irgendwelche Auskünfte über das Ergebnis seiner Sitzungen gibt. Die Presse vernachlässigt ebenfalls ihre Pflicht, indem sie gar nicht nachfragt.
 
 

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